Teil 1:
Ich
muß dir übrigens noch
von meinem sonderbaren Traum erzählen, den ich
neulich hatte ...
In
diesem seltsamen Traum, da lebten wir alle in einer
normativen
Gesellschaft,
d.h. in einem System, welches alles einteilt in
Normen und
Abnormales.
In
diesem System verspürte jeder Mensch
einen gewissen Verlust seiner Individualität. Und
da sehr viele
diesen
Verlust nicht artikulieren konnten, wandten sie sich
einer bestimmten
Person
zu. Auch ich wandte mich dieser Gestalt zu,
die zwei
Widersprüche
in sich zu vereinen versuchte: zum einen wollte sie
das
vollständige
Fehlen von Identität erreichen, die absolute
Identitätslosigkeit.
Zum anderen strebte dieser Mensch hin zur
völligen
Verkörperung
sämtlicher kombinierbaren Identitäten. Diese
doppelte
Symbolfigur,
diese eschatologische Gestalt war Popstar Michael
Jackson ....
In
meinem Traum bin ich ihm auch begegnet, er stand
leibhaftig vor mir ...
Erst
kurze Zeit vorher - noch in demselben
Traum - hatte ich eine zweistündige
Spezialsendung über ihn
im
Radio gehört. Es ging um Aufstieg und Fall dieses
geradezu
legendären
Sängers und Tänzers aus INDIANA, demselben
US-Bundesstaat, in
dem auch mein Vater geboren wurde. Alle Prominenz
wurde in dem Beitrag
zu Wort gelassen.
Priscilla
Beaulieu Presley erinnerte sich,
wie sich 1971 einmal Elvis und der damals
dreizehnjährige Michael
bei einem Fernsehauftritt in Santa Fe begegneten,
dabei hatten sie eine
Menge Spaß miteinander, sie machten Witze und
alberten herum wie
kleine Kinder. Brooke Shields berichtete zum ersten
Mal von ihrer
gemeinsamen
ersten, zarten Liebe, die jedoch niemals über ein
gewisses
Maß
hinausging.
Michaels
Bruder Jermaine Jackson
erklärte traurig, er und seine Brüder
hätten eine
Kindheit
ohne Kindheit verlebt. Alles, was Michael
wollte, war, den
Kindern
dieser Welt die Liebe zu geben, die er selber als Kind
nie bekommen
hatte.
Er sei wie ein autistischer Engel, der niemandem etwas
Böses tun
wolle.
In späteren Jahren begriff Michael Jackson
sehr wohl
einige
seiner Verhaltensmuster und versuchte sich vehement
gegen seinen unterschwelligen
Autismus durchzusetzen und wirkliche
Beziehungen mit
real-existierenden
Personen aufzubauen, anstatt nur in seiner
Phantasiewelt, allein mit
der
Schlange, dem Affen und dem Lama. Dieser Ausbruch in
die Realität
jedoch führte zum eigentlichen, zum furchtbaren
Dilemma.
Es
geschah 1991: Die Gier eines amerikanischen
Ehepaars - Mr. und Mrs. Chandler
– erwies sich
als
Inbegriff amerikanischer Rechtschaffenheit: Zum einen
verweigerten die
ruchlosen, tyrannischen Eltern ihrem
dreizehnjährigen Sohn Jordan
das Recht auf freiwillige Sexualität mit seinem
geliebten
Spielgefährten,
dem 20 Jahre älteren King of Pop - mit allen
Mitteln
zerstörten
die Chandlers
diese Freundschaft und damit der Liebe Leben ihres
Sohnes. Zum anderen
benutzten sie die demagogischen Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs,
um den Popsänger erfolgreich um
Millionenbeträge zu
erpressen,
damit die Angelegenheit ohne eine
skandalträchtige
Gerichtsverhandlung
begraben werden konnte.
Michaels
Schwester La Toya verlor
jedoch in aller Öffentlichkeit schamlose Worte
des Hasses und der
Verachtung für ihren eigenen Bruder. Janet
Jackson erklärte
dazu
in dem Radiobeitrag, daß sie sehr traurig ist.
Sie wisse,
daß
ihr Bruder ein Herz aus Gold habe, und daß es
diesen furchtbaren
Fluch im Herzen La Toyas gäbe. La Toya Jackson
habe ein bitter
hassendes
Herz – als Kind hatte sie von ihren Eltern keine Liebe
erfahren, und
sie
war immer die Häßlichste der
Jacksonfamilie gewesen,
nur Michael hatte sie stets mehr als alle
anderen seiner
Geschwister
geliebt, und dies hatte La Toya letztendlich nie
verkraftet.
Während
der Dreharbeiten zum Video
von ”The Girl Is Mine” 1982 hatte sich Michael
bei
Ex-Beatle Paul
McCartney danach erkundigt, wie das damals mit Linda
und Yoko
abgelaufen sei. Daraufhin meinte McCartney zu
Michael:
”Ich
bin froh, daß du dich - im Gegensatz zu den
Beatles - nicht
auflösen
oder auseinanderbrechen kannst”. Jedoch letzten Endes
schaffte Michael
auch dies, er zerbrach und löste sich auf. Die
Welt der Kinder
öffnete
ihm jedoch weiterhin ihr Herz, und dies machte ihn
sehr glücklich,
auch wenn alle seine Beziehungen zu Kindern und
Jugendlichen von nun an
nur noch rein platonisch sein durften. Er hatte
entsetzliche Angst vor
dem grauenvollen Skandal und fürchtete sich vor
einem Dasein als
aus
der Gesellschaft Ausgestoßener. Es war
eindeutig, er stand unter
Schock.
MUSIK:
MICHAEL
JACKSON - „BE NOT ALWAYS“
Teil 2:
In dem
Radiospezial in meinem Traum
wurde auch Diana Ross zitiert mit den Worten:
”Die Gays
lieben
mich, aber sie verachten Michael Jackson. Ich
konnte das
niemals
verstehen."
Michaels
legendäres Interview
mit Oprah Winfrey wurde erwähnt, und Boy
George,
der
es im Fernsehen gesehen hatte, erzählte: ”Ich war
schockiert. Es
scheint,
daß Michael spürte, wie die harten
und
gefährlichen
Zeiten im Anmarsch waren. Er hatte sich einen Schritt
zu weit
hinausgewagt
und angefangen, all seine Liebe aus seiner
verschütteten Kindheit
aus sich heraus zu lassen. Ich war entsetzt, weil er
genauso aussah wie
seine Mutter, von der während der Sendung ein
Bild eingeblendet
wurde.
Ich bin sicher, Oprah wollte ihn nur
bagatellisieren und ihn
wieder
verstärkt als Sympathieträger darstellen,
und Michael
ließ sich bereitwillig darauf ein, indem er die
Geschichte mit
seiner
Hautkrankheit erzählte, wegen der er sein Gesicht
so weiß
wie
Elfenbein schminkte. Eine Geschichte, die in meinen
Augen für die
Außenwelt erfunden schien – in Wirklichkeit ging
es Michael
Jackson
darum, eine mystische Traumgestalt zu
repräsentieren, jenseits
aller
Schemata von Hautfarbe oder sexueller Identität
... ”
Mit dem
traurigen Ende seiner Ehe, dem
Beginn seiner Laufbahn als Komponist von ernster Musik
sowie seiner
schrecklichen
Krankheit endete das Radio-Spezial, welches ich da
gehört hatte in
meinem Concertboy, ja, so hieß mein
kleines Kofferradio
in
meinem Traum, das aus den Sechziger Jahren stammte.
Und nun
stand er, der geliebte und verehrte
Chaostheoretiker und Chromatisierer von Geräusch
und Klang – wie
Hades
aus dem Olymp der Rockgötter gestürzt und
verbannt in den
Nimbus
einer höchstens fernöstlichen oder
südamerikanischen
Popularität,
er stand plötzlich vor mir, hier, am
kalifornischen Meeresstrand.
Völlig
natürlich, so wie ihn
die Natur erschaffen hatte, ohne den Makel jeglicher
Kleidung von
Markenartikelherstellern,
nackt wie in einem heißen Wind, der über
die Sahara weht, so
stand der bezaubernde junge König der
populär-musikalischen
Bewegung
der ausklingenden siebten Dekade und der beginnenden
achten Dekade des
20. Jahrhunderts
vor mir, während die lauwarmen und dezenten
Wellen des Stillen
Ozeans
seine schlanken und zarten Fersen umspielten ... In
dem Traum war ich
selber
ja auch noch ein Junge, zählte 14 zarte Lenze,
war gertenschlank
und
braungebrannt, mit Sonne im Herzen. Wir waren ganz
allein. Mein
goldenes,
lächelndes Mondgesicht strahlte vor Glück,
meine Augen, braun
wie Honig, leuchteten, und meine Haare, blond und lang
und glatt,
wehten
anmutig im Wind daher. Wir stürzten uns in die
Fluten und alberten
im Wasser herum. Wir spielten am Strand und liefen zu
den heißen
Dünen. Wie die Schweißperlen auf unseren
Körpern
glänzten,
und es erhoben sich unsere Türme der Wollust
in einem
steilen
Winkel nach oben, zueinander hin, so als ob wir beide
Prinzen
wären,
in einem fernen Land voller Wüsten und Dschungel,
ich braun wie
Ebenholz
und er zartweiß wie Elfenbein ... Aber wovon
hatte ich denn noch
geträumt? Wir hatten auch eine sehr schöne
Unterhaltung.
“Du
darfst wirklich nicht denken, daß
ich dich jemals gegen deinen Willen zu etwas zwingen
könnte”
flüsterte Michael
irgendwann ängstlich. Fast wollte er sich
weigern, mir näher
zu kommen. Ich mußte ihn beruhigen.
”Soziale
Tatsachen sind nicht nur reine
Resultate von spezifischen
Interdependenz-Strukturen, sondern auch
Aggregationen
individuellen Verhaltens,” antwortete ich ihm,
während ich
freiwillig
in seiner Umarmung versank, und wir uns im Folgenden
für geraume
Zeit
einer altindischen Kunstform hingaben – dem Kamasutra.
Während
sich die allgemeinen Vorgänge
zu immer sinnlicherer Ekstase steigerten und unsere
gemeinsamen
Energien
fulminant kulminierten, verdunkelte sich
plötzlich das Bild, und
die
Musik von Claude Debussy verklang, rechts
unten wurde das Wort “Ausblendung”
eingeblendet - und ich erwachte, einige Minuten zu
früh, aus jener
bezaubernden Traumseligkeit zweier verlorener
Kindheiten ...
MUSIK:
MICHAEL
JACKSON - „I CAN’T HELP IT“
