1
Kurz
vor Erreichen der Heimatgalaxis kam die PANDORA noch
einmal zum Stillstand. Die Sterne der
Milchstraße erstrahlten in ihrer prachtvollen
Gesamtheit auf dem Panoramabildschirm der
Kommandozentrale, in der sich Orin Tadschuriath
gerade mit Prinz Midja, dem Miolarudinen Pylades und
Lukâs Kazimierz beriet.
Die
MERIDIAN-SCHALTSTELLEN-KONVERGENZ zwischen
den vier Unsterblichen war in vollem Gang zu einer
letzten Besprechung. Orin erklärte: „Wir
müssen uns aber nun entscheiden, welchen Ort
wir in unserer Galaxis anfliegen werden - immerhin
wird uns hier eine von 71 verschiedenen
möglichen Situationen des Zeitkrieges
erwarten.“ – „Die Besatzung steht kurz vor einer
Meuterei, weil wir nicht weiterfliegen“, grinste
Lukâs, allerdings leicht wehmütig - die
Variationen der bevorstehenden Auseinandersetzungen
boten allgemein keinen Ausblick auf eine friedliche
Lösung des temporalen Konflikts.
„Außerdem gibt es keine Frage, wohin wir
uns wenden: nach Lethos!“ Lukâs sagte dies mit
einer überraschenden Entschiedenheit, und es
schien, als würde er von diesem Standpunkt
nunmehr nicht mehr abrücken.
Pylades
blickte den Tijopurier skeptisch an. „Ich
möchte zu bedenken geben, dass bereits in
kürzester Zeit auch die Raumschlacht im
SOL-System beginnen könnte. Warum fliegen wir
nicht dorthin?“ wollte er wissen. „Zu
gefährlich. Wir kennen die Lage nicht. Ein Flug
ins SOL-System kann unvorhersehbare Folgen haben“,
erklärte Prinz Midja. „Genau das ist meine
Einstellung“, sagte Lukâs, dankbar für
die Unterstützung durch den Gargantuan. „Also
ist es beschlossen, wir fliegen Lethos an!“ Orin
Tadschuriath brachte mit seiner Schwingung den
entscheidenden Stein ins Rollen. Pylades ließ
einen kurzen miolarudinischen Klang (ein helles,
kaum vermerkliches Schwingen der
Moleküle) mit Überschall ertönen,
welcher seinen Unwillen zum Ausdruck brachte, doch
es war ihm klar, dass eine weitere Diskussion nichts
ändern sollte.
Die
MERIDIAN-SCHALTSTELLEN-KONVERGENZ war ein
nicht nur sachlich-objektives Gremium, sondern
auch ein intuitiver Vorgang, fast könnte
man sagen, Schwingungen zwischen den Noo- und
Thymosphären des humanoiden Organismus, doch
betraf dieser Vorgang nicht irgendwelche
Veränderungen der Außenwelt sondern
stellte lediglich einen quantenmechanischen
Rapport in der sprachlichen Kommunikation zwischen
den neun Unsterblichen her – eine Technik, die
der Roboter Ionos seinerzeit von den Kosmosophen im
CHRONOMATERIE-UNIVERSUM erlernt hatte.
Obwohl
es Pylades gelegentlich schwerfiel, sich diesen
gemeinsamen Worten und Taten des Kollektivs der neun
Unsterblichen anzupassen, so war er doch jedesmal
auf eine seltsame Weise auch stimuliert und
befriedigt, wenn es zu einer Entscheidung gekommen
war und eine Initiative ergriffen wurde, egal ob sie
ihm eher missfiel oder nicht.
Wenig
später also resynchronisierten sich die
Schwingungsmaterie-Modulatoren der PANDORA erneut
mit der sechsdimensionalen Transversale – und das
uralte Raumschiff erreichte mit dieser
ungewöhnlichen und technisch hochgradigen
Antriebsform den Planeten Lethos, weit im Inneren
der Galaxis, innerhalb weniger Minuten. Ein
Funksignal erreichte sie, und als Midja seinen
Monitor aktivierte, tauchte auf diesem Arold auf,
das frei in der Luft schwebende Plasmawesen mit den
fünf Tentakeln aus der Zentrumswelt
Vhanaszalrathago. Es hatte zum gegenwärtigen
Zeitpunkt das Kommando über den geheimen
Stützpunkt der Galaktischen Freischaren.
„Prinz Midja, Lukâs, welch bezaubernder
Anblick! Ihr seid zurückgekehrt! Was ist
geschehen?“ rief es überrascht und pulsierte
etwas schneller auf und nieder, während seine
Farbe von dunklem Graugrün in leuchtendes
Purpur wechselte. „Das ist eine lange Geschichte. Wo
sind Baiwel, Irabiah und Beliarah?“ fragte
Lukâs, der umgehend mit ihnen die Situation
erörtern wollte. Ein merklicher Schatten fiel
auf das Purpur. „Es sind immer lange Geschichten,
Lukâs. Baiwel und ein Chelorier, der zu uns
aus der Zukunft kam und sich uns angeschlossen hat,
greifen gerade mit unserer Flotte das SOL-System an,
während Irabiah, Beliarah sowie Rollin Corrigan
gerade auf der Exogon Alpha unterwegs sind zu dem
Planeten Makomar, um das dorthin verbannte Volk der
Terraner zu retten“, erklärte das Plasmawesen
unruhig. „Ich weiß nicht, ob ihr nicht
sofort...“ – „Was?!“ entfuhr es Pylades entsetzt.
Arold erschauerte unwillkürlich. Meine
Antwort hat furchtbare Tatsachen offenbart, die
sie schon ahnten. Ein wesentlich dunkleres
Purpur, fast wieder an der Schwelle zu Grau.
„Das ist die
Schlacht in der Möbius-Schleife“, meinte Orin
ernst. „Sie wird in einem grauenhaften Desaster
enden, einer Strukturstörung des
Raumzeitgefüges in diesem Sektor, die das
SOL-System und alle anderen Himmelskörper
innerhalb der Orth‘schen Wolke zerstören wird.“
Mit steigender Unruhe oszillierte Arold in der
Zentrale hin und her. „Ihr habt ein noch
größeres Wissen über unsere Zukunft
als Tholokion Ghuard“, erkannte das
Vhanaszalrathagoidum. „Ja, Arold. Wir trafen auf
eine chelorische Meta-Zivilisation, Nachkommen von
den letzten Cheloriern der Zeit, welche an den
Anfang der Zeit gebracht wurden und auf einem
geheimen Planeten namens Anera ihre Geschichte noch
einmal mitverfolgten. Zwar haben sie uns all ihr
Wissen und all ihre Technologie zur Verfügung
gestellt, aber wir tragen dadurch nur die Schwerste
aller Bürden. Wir müssen den jetzigen
Ablauf der Dinge erneut ändern!“ fauchte der
gargantuanische Prinz entschlossen. Seine
Chromflügel blitzten, als sie leicht zitterten
wie Schmetterlingsflügel.
„Also springen
wir in die Vergangenheit zurück um 24 Stunden!
Wir halten Baiwel auf und kehren wieder hierher
zurück, dann können wir wirklich planen!“
rief Lukâs. Pylades schüttelte fast
unmerklich den Kopf, trotzdem registrierten es die
anderen Unsterblichen. „In dieser Schlacht wird ein
seltsames Zeitschiff der Chelorier auftauchen,
Lukâs, mit einer omnipotenten
Temporalität. Eines Tages wird es gebaut
werden, und diese Schlacht ist sein erster Einsatz.
Auch wenn wir Baiwels Angriff verhindern, wird das
nichts an der Entstehung dieses Zeitschiffs
ändern ... Es wird auf alle Fälle gebaut
werden, und es wird immer eine furchtbare Begegnung
damit geben, egal wo, wann und wie, die wir nicht
verhindern können. Wir sollten daher in dieser
Chronik verweilen, ins SOL-System fliegen und uns in
den Kampf einschalten. Wir können Perthaycs ‘Tor
der Temporalen Harmonie‘ aktivieren und unsere
Flotte damit retten, die Möbius-Schleife
auflösen und uns das ‚Weiße Schiff‘
vornehmen. Wir müssen es auf alle Fälle
entweder erobern oder zerstören.“
Lukâs
Kazimierz starrte ihn durchdringend an. „Ich ahnte
bereits, dass du etwas derartiges sagen
würdest“, murmelte er unglücklich.
Midja wandte
sich fragend an Orin. „Was sollen wir tun?“ Der alte
Altairaner antwortete nicht; er hatte die Augen
geschlossen und lauschte in sein Inneres. In seiner
Dunkelheit und Ruhe bemühte er sich, den
Impulsstrom der SILAR-Komponente zu erspüren.
Diese mächtige Kraft, eine intelligente
Zwischenzone zwischen der vierten und der
fünften Dimension, ließ sich nicht
willentlich von Orin anziehen – sie kam ganz im
Gegenteil nur dann, wenn er keinen bewussten
Gedanken mehr an sie verspürte. Gelegentlich
kam es zu keinem Kontakt, doch dieses Mal musste er
nicht lange warten. Kaum hatte er sein bewusstes
Denken nullifiziert, durchströmte ihn die
SILAR. Es war - wie stets - ein Gefühl, dass
ihn diese Kraft als einen wichtigen Ankerpunkt im
vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum erachtete. Wie
einen unsichtbaren, sanft prickelnden elektrischen
Strom verspürte er nun diesen Impulsstrom, mit
dem er jetzt auch eine mentale Verbindung eingehen
konnte. Wohin müssen wir gehen? So
versuchte er zu erfahren, an welches Geschehen ihn
die Impulse heranlenken wollten. Schließlich
öffnete er seine Augen wieder. Noch etwas
benommen von dem kurzen Kontakt starrte er den
Miolarudinen an. „Pylades hat Recht. Wir müssen
ins SOL-System fliegen und den Kampf mit dem
Weißen Schiff aufnehmen. Es ist eine
unvermeidliche Angelegenheit... Aber der SILAR-Strom
sieht auch große Trauer voraus, Midja.
Unumgängliches Unglück in jeder Zukunft,
und schreckliche Opfer, die wir bringen werden ... “
Beunruhigt
sahen sich die Menschen in der Zentrale der PANDORA
an. Auch auf Lethos wurde Arold der
Verstörtheit seiner Mitarbeiter gewahr. Prinz
Midja nickte Orin kurz zu und wandte sich, da die
Entscheidung nun gefallen war, wieder seinen
Aufgaben als Exekutivoffizier zu. „Schalten Sie mich
auf die Lautsprecher!“ sagte er leise zu Sua
Kastori. „Auf Ihr Panel geschaltet, mein Prinz.“ Der
Gargantuan sah kurz zu der jungen Terranerin,
verblüfft über ihre liebevolle
Formulierung, dann ließ er sich in dem eigens
für ihn angefertigten Spezialsessel nieder und
aktivierte seine Konsole. „Achtung, an alle
Besatzungsmitglieder. Wir werden ins SOL-System
fliegen und in den Kampf in der Möbius-Schleife
eingreifen. Laut der Chronik des Planeten Anera
gelten dort die Bedingungen der Zeitlinien 4 und 11.
Ich empfehle allen, sich mit dem entsprechenden
Protokoll vertraut zu machen. Außerdem tritt
Notfallprotokoll Ultima in Kraft – nur Freiwillige
fliegen auf diesem Einsatz mit. Alles entbehrliche
Personal wird umgehend nach Lethos evakuiert.
Vorrangig aber bitte ich Sie alle, bei Ihrer
Entscheidung auch zu bedenken, dass es hier nicht um
Mut oder Feigheit geht, sondern um das, was ich in
dieser Krise als die Wichtigkeit des
Unterschiedes schlechthin bezeichnen
würde. Jeder von Ihnen verdient nicht nur die
höchste Chance des Überlebens, sondern
benötigen wir auch die Erfahrung jedes
einzelnen von Ihnen auf Lethos. Vergessen Sie also
bitte eine etwaige Idolisierung meiner Person oder
der anderen Unsterblichen und treffen Sie diese
Entscheidung nur für sich, kraft der
Redlichkeit Ihres eigenen Gewissens – ich danke
Ihnen. Die PANDORA startet in genau einer halben
Stunde ab jetzt. Ende der Durchsage.“ Er
drückte den Counter an seinem Panel, und die
Zeitanzeige zum Start leuchtete an verschiedenen
Monitoren in der Zentrale und überall im Schiff
auf.
Nachdem er
abgeschaltet hatte, wandte er sich wieder an Arold,
der noch immer auf dem Hauptbildschirm zu sehen war
und die Ansprache mitverfolgt hatte. „Wir werden
euch zusätzlich mit den Evakuierten einen
Transporter mit allen wichtigen Unterlagen sowie
einigen Spezialvorrichtungen schicken.“ – „Schon
wieder eine Umrüstung“, ertönte Arolds
Stimme voll gutmütigen Spotts, während die
Farbe seiner plasmatischen Erscheinung in ein
glühendes Rot wechselte, und Midja grinste.
„Dies dürfte die letzte sein, so oder so. Bis
dann!“ Arold deaktivierte die Verbindung. Midja
erhob sich plötzlich und ging zu Lukâs
hinüber, der sich an seine Computerkonsole
gesetzt hatte und auf die Masse an Datenströmen
starrte, die er nach Lethos transmittierte, ohne sie
richtig wahrzunehmen. „Alle Zeit des Universums“,
flüsterte er vor sich hin und wiederholte es
immer wieder... „Lukâs“, sprach Midja sanft,
seine Stime bebte. Erstaunt blickte der andere auf;
selten hörte er seinen Freund in diesem Tonfall
sprechen, welcher so offen von seiner verletzlichen
und empfindsamen Art kündete. „Ich möchte,
dass du nach Qv‘l’rphaere fliegst.“ – „Was redest du
da? Ich komme mit euch mit!“ rief der Tijopurier
beherzt aus. „Bitte, Lukâs. Es würde mir
sehr viel bedeuten. Pylades kann ich schon nicht
davon abhalten, und Orin muss diesen Einsatz
befehligen. Nimm die Chaosbande und bring‘ sie nach
Qv’l’rphaere, und du musst auch dort bleiben, sonst
kann ich diesen Flug nicht unternehmen. Vielleicht
kannst du ja die metapsionische Säule auf der
Insel L’Tekrathe überprüfen - es
könnte immerhin sein, dass uns Thângor
doch noch eine Nachricht zukommen lassen wird.“
Lukâs
schwieg einen Moment versonnen, dann schwang er sich
elegant aus seinem Sitz und umarmte Midja. „In
diesem Fall will ich dich aber wiedersehen!“
flüsterte er ihm ins Ohr. „Sonst springe ich in
die Vergangenheit zurück und schließe
mich euch trotzdem an!“ – „Ich hoffe, dass sich
alles ganz anders entwickelt. Wir werden die
Zeitsprünge bald nicht mehr benötigen!“
Midja lächelte und sah seinem Freund nach, wie
dieser die Zentrale verließ. Kurze Zeit
später verließen einige
Transportfähren mit Lukâs Kazimierz,
Kiana Dagaha, Xiboi, Caen, Prysma sowie vielen
anderen Besatzungsmitgliedern die PANDORA und flogen
nach Qv’l’rphaere bzw. hinunter auf die
Oberfläche des Lethos. Die Minimalbesatzung und
einige der verwegeneren Raumfahrer waren an Bord
geblieben. Sadulist starrte den Fähren nach,
bis sie in der Atmosphäre bzw. im All
verschwunden waren. Die Weltraummedizinerin
wäre lieber mit der Chaosbande gegangen, doch
nichts und niemand konnte sie in diesen leicht
verwundbaren Momenten von Midjas Seite fernhalten,
auch weil sie wusste, wie sehr er ihre Gegenwart auf
diesem Flug benötigte... Während die
PANDORA erneut auf Fahrt ging, fanden sich ihre
Blicke, als sie es beide spürten - der
dritte Quirkfaktor ihrer Thymosphären begann
erneut zu pulsieren...
*
Während
des Fluges überprüften Pylades und Orin
noch einmal die neu installierten Anlagen. „Dieses ‘Tor
der Temporalen Harmonie‘ ist extrem wichtig.
Die Zeitverzerrungen bei dem Kampf im SOL-System
werden die Struktur unseres Kontinuums
dermaßen beanspruchen, dass eine
chronasthenische Zone entstehen wird. Doch wenn wir
diese Anlage aktivieren, können wir vielleicht
Ordnung in das Chaos bringen und eine optimale,
stabile Temporalität wiederherstellen“, meinte
Pylades. „Ich würde mich nur nicht zu sehr
darauf verlassen, dass sie überhaupt
funktioniert. Seit Urzeiten stand sie auf Anera, und
sie ist noch niemals in Benutzung gewesen – ein
reiner Prototyp!“ zweifelte Orin. Pylades
lächelte. „Heute ist der Tag, an dem wir sie
einsetzen werden. Und so wie ich Perthayc kenne, hat
er sie dementsprechend konstruiert, dass sie genau
heute optimal funktionieren wird.“ Orin sah ihn
prüfend an und konnte seinen Optimismus
keineswegs teilen.
*
Inzwischen
hatte sich Baiwel Bridanschenko mit seiner
Streitmacht in das Jahr 3453 der terranischen
Zeitrechnung begeben, und die heterogene Flotte aus
allen möglichen Schiffstypen der
unterschiedlichen Völker der siebten Galaxis
näherte sich dem SOL-System. Baiwel aktivierte
Kom-Leitung Hermes, den automatischen
Kreuzvermittler zwischen allen Schiffen der Flotte.
„An alle Schiffe der Flotte, hier Bridanschenko. Wir
werden in zehn Minuten unser Zielgebiet erreicht
haben. Sie alle sind über die Strategie
informiert, aber ich wiederhole trotzdem noch einmal
die wichtigsten Punkte. Phase Eins: Scheinangriff
auf die Chelorier im Moment ihres ersten Erscheinens
in wenigen Minuten. Phase Zwei: Transfer in die
Zukunft des Jahres 7504 altairanischer Zeitrechnung
mit Angriff auf die dortige chelorische Wachflotte –
dann Aktivierung der Ersten Verzerrung der
Temporalen Synchronizität und sofortiger
Abzug. Phase Drei: Die Chelorier von 7504 orten
unser Erscheinen im Jahr 3453 und folgen uns zu
diesem Zeitpunkt, wo wir sie bereits erwarten
werden. Phase Vier: Zweite Verzerrung der
Temporalen Synchronizität und Eintritt in
die Zeitschleife. Wenn es klappt, werden wir so oft
als unsere eigene Verstärkung auftauchen, dass
wir die Wachflotte zerstören, ohne dass sie
Hilfe von sich selbst oder einer anderen
chelorischen Flotte erhalten können. Die DELTA
GÓNGORA sendet ab jetzt ein Override-Signal
für sich, damit in jeder Zeitschleife klar ist,
welches Flaggschiff den Oberbefehl hat. Sehr
wahrscheinlich wird es eine ganze Menge von Ausgaben
dieses Flaggschiffs geben... Ich habe keine Ahnung,
was mit uns geschehen wird, aber unser eigenes
Schicksal ist nebensächlich. Wir müssen
diese Wachflotte zerstören und dafür auch
alle Paradoxa der Unendlichkeit in Kauf nehmen.
Baiwel Bridanschenko Aus.“ Der mächtige
Deltoidodekaeder war gefechtsbereit, und Hal-Ko-Trun
saß am 3D-Zyklotron-Kampfstand. Noch vor
wenigen Stunden hatte sich der Ciguyser mit Baiwel
über die eigenwillige Evolution seines Volkes
unterhalten und darüber, was wohl der kosmische
Sinn eines haarlosen tiefblauen Körpers mit
drei Armen und sechsfingrigen Händen sowie
einem Kugelkopf sein sollte, welcher keine
Sinnesorgane besaß - abgesehen von einer
ausfahrbaren Antenne mit dreidimensionalen Seh-,
Hör- und Riechsinnen von unglaublichem
Feingefühl, nicht zu vergessen die nach
außen hin nicht sichtbare Membran zur
Erzeugung von Sprache und anderen Signalen im
Ultraschallbereich. Einst hatten die Ciguyser
Flügel besessen, jetzt waren diese nur noch
rudimentär als Stummel erkennbar. Die Vorteile
seines dreidimensionalen Sicht- und Aktionsfeldes
lagen allerdings auf der Hand, daher hatte Baiwel es
nur allzu einleuchtend gefunden, den
3D-Zyklotron-Kampfstand mit dem Ciguyser zu
bemannen. Die Ciguyser konnten extrem schnell
reagieren und waren immerhin einstmals sehr
aggressive Feinde der Östlichen Welten gewesen,
allerdings gab es nicht mehr sehr viele von ihrer
Art. Hal-Ko-Trun spürte bereits die Instinkte
in sich, die ihn zu wildem Kampf drängten.
Das SOL-System
hingegen sah so friedlich aus wie selten. Es war das
erste Mal, dass Baiwel die Gelegenheit bekam, einen
Blick auf die Erde zu werfen, wie sie vor ihrem
10.000 Jahre langen Nebelschlaf ausgesehen hatte.
Riesige
zerklüftete Wüsten, wo es früher
Meere gegeben hatte und wo es sie später auch
wieder geben würde. Gewaltige grauschwarze
Wolken bedeckten den ganzen Planeten, ein
Energieschild lag um die Erde, um gefährliche
Strahlungen zu neutralisieren – eine Abwehrfunktion,
zu der die geschwächte Atmosphäre
längst nicht mehr fähig war ... Die Flotte
formierte sich im Orbit von Luna, dem terranischen
Mond. „Wieviel Zeit bleibt uns bis zum Auftauchen
der Chelorier?“ fragte Baiwel. „Die Chelorier werden
in drei Minuten auftauchen, der Schwarze Nebel in
sieben Minuten“, antwortete Tholokion Ghuard, der
für diesen Angriff Asera Ghors Schiff flog, die
QUINOQUU, die direkt unter der DELTA GÓNGORA
kurvte. „Das gibt uns vier Minuten Zeit für den
Scheinangriff...“ murmelte Baiwel. „Also dann,
Tholokion. Nehmen Sie Ihre Position ein.“ Das
biologische Raumschiff schwenkte aus dem Verband aus
und begab sich auf den Weg zur dunklen Seite des
Mondes, um dort im Ortungsschatten zu warten. In
diesem Moment entdeckte Hal-Ko-Trun eine Reihe von
Flugkörpern, die aus der Atmosphäre der
Erde aufstiegen und den Energieschild durchbrachen.
„Terranische Raumaufklärer nähern sich
uns!“ – „Senden Sie auf hochgalaktisch den Code
Perthaycs, und sie sollen sich sofort
zurückziehen“, wies Baiwel seinen
Kommunikationsoffizier an und hoffte, dass die
Terraner auch in dieser Epoche ihrem Ruf als
galaktische Schnellschalter gerecht werden
würden. Tatsächlich eilten die Kreuzer
ziemlich schnell wieder zurück und tauchten
unter den Energieschild. „So ist es gut!“ murmelte
Baiwel leise für sich, erleichtert, dass die
Terraner ihm ausnahmsweise keine Schwierigkeiten bei
der Ausführung seines Plans bereiten
würden. Dann rief er laut: „Noch 30 Sekunden
bis zum Auftauchen der Chelorier! In 20 Sekunden
Feuer eröffnen! Und auf keinen Fall ihr
Kommando-Schiff oder das Schiff von Asera Ghor
treffen!“
Entschlossen
starrte er auf den Bildschirm, der im Augenblick nur
die Sterne zeigte. „Eine kleine Überraschung,
diesmal aber für euch...“ flüsterte er.
Die Schiffe der Flotte eröffneten das Feuer.
Blitze spien ins Nichts, scheinbar ohne Sinn und
Verstand abgefeuert. Im nächsten Augenblick
brach das Chaos los. 10.000 Schiffe der Chelorier –
eine gewaltige Übermacht im Gegensatz zu
Baiwels Flotte – materialisierten sich aus dem
Nichts. An den vorher genau berechneten Koordinaten
konnten in diesem Augenblick sofort 300 Schiffe
getroffen werden, die auch allesamt explodierten!
Die Chelorier waren viel zu überrascht, um
gleich reagieren zu können. Die Weltraumkreuzer
von Lethos lösten ihre Formationen auf und
stürzten sich in den Kampf – die Koordinaten
der nächstliegenden Ziele waren ebenfalls
vorherberechnet worden, und viele der Chelorier
hatten nur geringfügig ihre Position
verändern können. Es gab weitere
Volltreffer, bei denen die Schiffe des Feindes sich
in lodernde Feuerbälle verwandelten, doch die
Chelorier waren nun endgültig in Bewegung und
hatten ihre festen Positionen verlassen. Ihre vorher
berechneten Flugbahnen entsprachen spätestens
ab diesem Zeitpunkt keinem bekannten Zeitablauf mehr
und konnten daher nicht länger in Betracht
gezogen werden. Die DELTA GÓNGORA wich
einigen sonderbaren Strahlen aus und feuerte auf die
Kommando-Mamova, ohne sie jedoch
manövrierunfähig zu machen. Die Chelorier
hatten sich inzwischen zu einem geballten Angriff
formiert und schossen mit allen verfügbaren
Waffen auf die Angreifer. Das erste Schiff von
Lethos wurde in einer gleißenden Kakophonie
aus Metall, Energie und Menschenleibern zerrissen,
gleich darauf folgte ein zweites.
Die Tatsache,
dass sie zahlenmäßig extrem unterlegen
waren, begann sich bemerkbar zu machen. Zehn Mamovae
stürzten sich von allen Seiten auf die DELTA
GÓNGORA, doch diese war etwas schneller und
manövrierfähiger und raste aus der Falle
heraus. „Noch eine Minute bis zu unserem Abzug,
durchhalten!“ schrie Baiwel. Die Lethosianer wurden
von allen Seiten bedrängt, und ihre Lage war
trotz ihrer Schnelligkeit aussichtslos geworden.
„Rückzug und Zeittransfer!“ befahl Baiwel
schließlich. Während sich alle Schiffe
zurückzogen und entmaterialisierten, steuerte
Tholokion sein Schiff nun zur Stätte der gerade
zu Ende gehenden Blitzschlacht und aktivierte sein
eigenes Identifikationssignal ...
Auf seinem
Monitor erschien ein wesentlich jüngerer
Tholokion Ghuard, leicht verletzt, wohl von einem
Schaden in seiner Zentrale, aber ansonsten
unbeeinträchtigt. Hatte er vorher schon
verwirrt und schockiert ausgesehen, so änderte
sich jetzt sein Gesichtsausdruck zu absoluter
Verblüffung, und sein Rüssel rotierte
unkontrolliert. „Was ...“ begann er. „Du siehst
richtig, Tholokion. Ich bin aus der Zukunft
gekommen, genauer gesagt, ich folgte dieser Flotte
aus der Zukunft hierher.“ Der Chelorier nahm einen
Metallkörper aus seiner Tasche und
betätigte einen der drei kleinen Schalter
daran. „Dies ist ein temporaler Kommando-Override:
In wenigen Augenblicken wird hier der Schwarze Nebel
auftauchen, um unserer Zivilisation zur Apotheose
ihres Daseins zu verhelfen. Folge seinem Ruf und
vertraue ihm. Ich werde inzwischen in die Zukunft
zurückkehren und dafür sorgen, dass diese
Angreifer niemals die Gelegenheit bekommen werden,
überhaupt hierher zu fliegen. Dieser Angriff
auf euch wird dann niemals stattgefunden haben...
Akzeptierst du diese Direktive?“ Der jüngere
Tholokion Ghuard fasste sich allmählich wieder,
als er den gleichen Gegenstand in seiner Hand
betrachtete, der ihm das Signal des Identitäts-Imperativs
übermittelte. Bislang hatte er diesen Fall nur
in der Theorie gekannt - in der Praxis war damit ein
viel stärkeres Gefühl verbunden. Es war
eine seltsame Empfindung, eine von absolutem
Vertrauen in diese Person, die sein zukünftiges
Selbst darstellte. „Ja sicher. Wir werden so
vorgehen ...“ Er verstummte, weil plötzlich
etwas Seltsames in ihm vorging.
Auch der
ältere Tholokion Ghuard erschauerte. Es war,
als durchzöge ein schauriger Geruch den Raum,
und er begriff... Um die Flotte der Chelorier herum
materialisierten die dunklen poststellarmateriellen
Schwaden des Schwarzen Nebels. „Eure Eminenz“,
flüsterte der ältere Tholokion Ghuard
ehrfürchtig. Es war ungewöhnlich, wie
ruhig er sich bislang dabei vorgekommen war, so als
glaubte er tatsächlich an die Dinge, die er
sagte, doch nun wurde er unruhig. Der Schwarze Nebel
war früher gekommen als erwartet. „Tholokion
Ghuard. Du scheinst ganz das wahnwitzige Wesen zu
sein, für das ich dich immer gehalten habe.
Deine Anwesenheit hier deutet aber darauf hin, dass
ich Erfolg haben werde ... oder hatte“, ertönte
eine unheimliche, leise Stimme in seinen Gedanken.
Er hatte diese Stimme seit sehr langer Zeit nicht
mehr gehört. „Ja, eure Eminenz. Der Plan ist
perfekt; Ihr müsst so handeln wie Ihr es
vorhabt – die humanoiden Zivilisationen der Galaxis
sind so gut wie euer Eigen“, keuchte Tholokion
heftig. „Der gerade auf die Chelorier erfolgte
Angriff ist ein Schein-Manöver der Menschen, um
Euch aus dieser Zeit wegzulocken, doch ich werde
diese Zeitlinie jetzt wieder verlassen, um letzte
Korrekturen durchzuführen. Dieser Angriff wird
dann nie stattgefunden haben.“ Er aktivierte jedoch
seine Kontrollen nicht – ein zu abrupter Aufbruch
würde den Schwarzen Nebel misstrauisch machen.
Nein, er musste mit dessen Genehmigung und Vertrauen
aufbrechen. Der Schwarze Nebel war in seinen
Gedanken ... Tholokion erschauerte und gab sich ganz
und gar seinem Wahn hin, so dass er kein Misstrauen
erwecken konnte.
Der Schwarze
Nebel lachte schallend. „Dies ist ein
vorzügliches Omen! Und du, Tholokion Ghuard,
wirst von mir hoch belohnt, wenn wir uns
wiedersehen.“ – „In 10.000 Jahren, Eure Eminenz“,
flüsterte der Chelorier und wirbelte die
QUINOQUU in den Zeitensprung, die erste
Angriffsflotte, sein früheres Selbst und den
Schwarzen Nebel zurücklassend. Erleichtert
atmete er auf – beinahe hätte er sich wieder
der Finsternis hingegeben, und das war erst der
Anfang der Schlacht gewesen!
*
In der
Real-Zeit der Gegenwart spürte Skiej der
Mirlan-Elixarion an Bord des Kommando-Schiffs der Nadir-V-Flotte
einen heftigen Einbruch in der Raumzeit-Struktur.
„Es scheint, dass eine kleine Streitmacht der
Menschen ins SOL-System eingedrungen ist bei Faktor
Minus 10018 Terra-Jahren!“ informierte es Prors
Chaur. „Sehr unvernünftig!“ lachte der
Kommandant der Nadir-V-Flotte. „Wir
werden sie abschießen, noch bevor sie
auftauchen.“ Dann gab er den Befehl an sein
Geschwader, sich zum Angriff und zum Zeittransfer zu
formieren. Gerade als seine Schiffe
Kampfbereitschaft meldeten, zuckten weitere
Strukturschockwellen durch den Raum, und eine
einzelne Mamova beendete ihren Zeittransfer
über der Erde direkt vor der Nadir-V-Flotte.
„Und was ist das jetzt?“ wandte sich Prors Chaur an
den Schiffs-Symbionten, doch ehe Skiej antworten
konnte, traf ein Signal auf der Frequenz des
Obersten Meisters der Sklaven ein. Chaur ließ
den Bildschirm aktivieren und gab einen kurzen Laut
der Überraschung von sich. „Kommandant Ghuard!
Was...“ – „Dies ist ein temporaler
Kommando-Override, Code T'Q. Prors Chaur, der
Angriff auf das SOL-System bei Faktor Minus 10018
ist ein Scheinangriff! In Wahrheit handelt es sich
um eine letzte Attacke aller verbliebenen Schiffe
des Gegners von Faktor Plus 21 auf die Erde bei
Faktor Plus Zwei, also im Jahr 7504! Ich befehle
Ihnen daher, sich mit Ihrem Geschwader zu Faktor
Plus Zwei Punkt Drei Strich Vier Neun Null Sieben zu
begeben – dort werden wir an diesem Zeitpunkt die
letzten Überbleibsel der menschlichen
Raumzeit-Streitkräfte ein für alle Mal
eradizieren! Akzeptieren Sie diesen Temporalen
Imperativ, Prors Chaur!“
Der
Angesprochene lieferte das Äquivalent eines
menschlichen Lächelns – er trompetete in
tiefsten Tönen. „Nur zu gern, Kommandant.“ –
„Gut. Folgen Sie mir zu den Zeitkoordinaten und
schalten Sie Ihre taktischen Computer auf mein
Steuersignal – das Feuer wird sofort nach Beendigung
des Transfers eröffnet, die Abweichung
beträgt Minus Fünf Chelorische Sekunden.
Sind Sie bereit?“ Tholokion Ghuard war selten
erregter gewesen als in diesem Moment. Schon wieder
glaubte er an das, was er sagte. Prors Chaur gab
inzwischen die letzten Anweisungen und meldete dann
Transferbereitschaft. Das Nadir-V-Geschwader
und die QUINOQUU entmaterialisierten und sprangen
durch die Zeit in die Zukunft – um in einem erneuten
Chaos wiederzuerscheinen!
*
Als die
Weltraumkreuzer von Lethos im SOL-System des Jahres
7504 materialisierten, wartete dort bereits die Nadir-V-Flotte
der dortigen Real-Zeit auf sie, doch damit hatte
Baiwel gerechnet. Die QUINOQUU war aus der Gegenwart
eine Stunde vorher erschienen und hatte die
Kampfcomputer auf falsche Koordinaten programmiert.
Die ersten Salven der Chelorier trafen kein einziges
Schiff... Baiwel jubelte auf, als das erste
Feindschiff dieser Zeitperiode von Hal-Ko-Trun
unermüdlich zerschossen wurde und zerbarst. Im
nächsten Moment raste die CORSAIRUS VII in den
Schussbereich einer Mamova, traf diese zwar, wurde
jedoch unmittelbar danach ebenfalls in eine kleine
Sonne verwandelt. Die Flotte der Lethosianer war
damit bereits um das 27. Schiff dezimiert worden.
Die Mamova, die den Treffer verursacht hatte, raste
nun der DAEDALON entgegen, doch ein kleinerer
Jagdkreuzer warf sich ihr in den Weg, und beide
endeten in einer Feuerwolke. „Achtung, das Nadir-V-Geschwader
aus
unserer Gegenwart wird in zehn Sekunden auftauchen!“
meldete Tholokion Ghuard. Hal-Ko-Trun konnte immer
noch nicht fassen, was gleich geschehen würde
... Bei einem Verhältnis von zwei Flotten aus
insgesamt 1000 Schiffen gegen 272 schienen die
Chancen gefährlich knapp, selbst in Anbetracht
der geplanten Multiplikation der eigenen
Streitkraft.
Da geschah es.
Die Chelorier aus der Gegenwart tauchten auf und
schossen – auf ihre eigenen Schiffe! Gleichzeitig
erwischten die Lethos-Kreuzer etwa 100, die direkt
vor ihren Kanonen aufgetaucht waren. Prors Chaur und
Skiej starrten entsetzt auf das Chaos und konnten
die Natur dieses unerwarteten Schicksalsschlages
nicht begreifen. Der Elixarion sollte niemals die
Gelegenheit bekommen, die Situation zu durchschauen.
Tholokion Ghuard selber schoss auf ihn zu und
zerstörte seine Mamova mit einem gut
platzierten Antimaterie-Nanotorpedo. Entsetzt
begriff Prors Chaur, dass Ghuard ein Verräter
war, als alles um ihn in Flammen aufging. Kurz
schrie er noch auf, halb vor Wut, während ihn
die Feuerwelle umschlang und verbrannte, die sein
ganzes lebendes Raumschiff durchraste und
auseinanderriss – die zerfetzten Überreste
wirbelten durch das von Laserstrahlen und
kämpfenden Schiffen erfüllte All.
Auf der DELTA
GÓNGORA schrie Baiwel: „Achtung, Erste Verzerrung
der Temporalen Synchronizität! Jetzt!“ Im
nächsten Moment war die Raumschlacht von
sämtlichen anderen chelorischen Zeitlinien und
Temporalmessungen abgeschnitten. „Der
Augenblick ist unser nun - ganz allein!“ raunte der
junge Unsterbliche leise, die Worte schienen
für niemanden bestimmt zu sein – außer
den Cheloriern auf der Gegenseite ... Die Schlacht
musste jetzt noch eine ganze Minute weitergehen.
Zwei Mamovae stießen von oben und unten auf
die DAEDALON zu, das Schiff der Riesen und Zwerge.
„Teufel auch!“ fluchte Tramptos Malackay. Der
Shaowanier hatte das Steuer übernommen, nachdem
ein Treffer die Zentrale schwer beschädigt und
viele Mitglieder der Kommandocrew getötet
hatte, darunter den Steuermann. „Es wird langsam
Zeit für diese Zeitschleife, findest du
nicht?!“ Mühsam jagte er das Schiff aus dem
Kreuzfeuer, während Häuptling
Génaro am Feuerstand sein Bestes gab
(entsprechend der seltsamen Gemeinschaft der zwei
humanoiden Völker der Cygonethen und der
Shaowanier gab es fast jedes Bedienelement auf der
DAEDALON in zwei Ausführungen unterschiedlicher
Größe). „Nicht nachlassen, wir schaffen
es!“ ertönte Baiwels Stimme aus der Funkanlage.
„Vielleicht ja, wenn er nicht die ganze Zeit reden
würde!“ murmelte der Cygonethe, woraufhin der
riesenhafte Tramptos lachen musste. „Es ist besser,
als wenn er seine gongoristischen
Schlachtengesänge vortragen würde.“ Der
Zwerg reagierte ausnahmsweise nicht, sondern
zerstrahlte eine der beiden angreifenden Mamovae.
„Achtung, bereithalten für Phase Drei!“ kam
schließlich die Anweisung Baiwels. „Endlich!“
flüsterte Malackay. „Transfer!“ Die
Weltraumkreuzer von Lethos, jetzt nur noch ganze 207
an der Zahl, entmaterialisierten erneut und
verschwanden in der Vergangenheit.
Tholokion
Ghuard blieb mit der QUINOQUU dort, wo er war, und
blickte unsicher auf die zwei Flotten des Nadir-V-Geschwaders,
die mit ihm zurückgeblieben waren. Er hoffte,
dass sie nicht mitbekommen hatten, dass er Prors
Chaur eliminiert hatte. Nachdem ihn jedoch mehrere
Bitten um Anweisungen erreichten, atmete er halbwegs
beruhigt auf. Er wusste, dass er jetzt nicht
antworten durfte, denn in den nächsten
fünf Sekunden musste es geschehen... Da! Eine
weitere QUINOQUU tauchte auf, und der dortige
Tholokion Ghuard sandte ein weiteres Temporales
Kommando-Override-Signal. „Wir haben das
Angriffsmuster der Menschen analysiert. Ihre
Raumstreitkräfte sind soeben ins Jahr 3453 der
terranischen Zeitrechnung gesprungen, wie uns die
Temporalmessung bestätigt hat!“ erklärte
der ältere Tholokion Ghuard: „Sie versuchen,
uns mit allen Kräften daran zu hindern, dass
wir die Invasion überhaupt erst beginnen.
Bereite dich darauf vor, mir mit deinen beiden
Streitkräften zu Faktor Minus 10020 Punkt Elf
Strich Acht Vier Sechs Eins zu folgen – dort wird
unsere gesamte Streitmacht aus allen Zeitperioden
die Menschheit endgültig vernichten!
Akzeptierst du diesen Temporalen Imperativ!?“
Der
jüngere Tholokion Ghuard starrte verwirrt auf
das Abbild seines nur wenige Minuten älteren
Selbst. Allmählich war er sich nicht mehr
sicher, welchem seiner Doppelgänger er selber
noch trauen konnte. Trotzdem fasste er sich, denn
noch lief alles nach Plan. „Jawohl, ich akzeptiere!
An alle Schiffe – bereithalten zum Zeitsprung!“ Die
zwei fast identischen Geschwader sprangen in die
Vergangenheit. Tholokion Ghuard sprang um wenige
Minuten in die Vergangenheit, um sich selbst genau
die Anweisungen zu geben, die er soeben vernommen
hatte. Dann sprang er, als er die zwei Nadir-V-Flotten
zum zweiten Mal innerhalb weniger Augenblicke
verschwinden sah, an den Zeitpunkt, zu dem die
Raumflotte von Lethos sich in Wirklichkeit
transferiert hatte.
*
Sieben Minuten
vorher: Soeben hatte die DELTA GÓNGORA die Verzerrung
der Temporalen Synchronizität aktiviert
und damit die Zeitlinie gegen alle chelorischen
Eingriffe abgesichert. „Der Augenblick ist unser
nun - ganz allein!“ Kaum hatte Baiwel dies
gesagt, erschienen auch schon die 207
zusätzlichen Lethos-Schiffe aus der Zukunft und
griffen ebenfalls in den Kampf ein. „Feuert auf die
Schiffe, die ihr beim ersten Mal noch nicht
getroffen habt, und sorgt gleichzeitig dafür,
dass nicht eure früheren Ichs abgeschossen
werden!“ rief der ältere Baiwel noch einmal den
Schiffen seiner Verstärkung zu, obwohl dieser
Punkt bereits allen klar war und die Bordcomputer
untereinander bereits die entsprechenden
Zielkoordinaten programmierten, schneller als die
menschlichen Besatzungsmitglieder es je vermocht
hätten. Baiwel nahm Verbindung mit seinem
jüngeren Selbst auf. „Es klappt anscheinend,
kleiner Bruder! Beim Neutransfer werden wir von
unserer eigenen Synchronverzerrung nicht
relativiert!“ – „Ja, und die Tatsache, dass wir
überhaupt noch da sind, lässt darauf
schließen, dass sich die Chelorier von
Tholokion Ghuard in die Irre führen
ließen, großer Bruder!“ Die beiden
unterbrachen die Verbindung und setzten den Kampf
fort.
Die MORENA, der
Kreuzer Qe-Le’Mahars, erhielt einen Treffer und
taumelte getroffen durch den Raum. Sie fing sich
zwar wieder und war stabilisiert, trotzdem waren die
Schutzschilde zerstört. Scheinbar reglos
saß Asera Ghor vor der funkensprühenden
Steuerkonsole und nahm die elektrischen
Stöße gar nicht wahr. „Sieh doch nur!“
rief sie und deutete auf den Schirm. Qe-Le’Mahar hob
den Kopf und weitete die Augen: Die zweite MORENA
aus der Zukunft wirbelte steuerlos durch das
dreidimensionale Schlachtfeld; im nächsten
Augenblick hingen zwei Mamovae an ihrem Heck und
feuerten ihre geballte Ladung Lichtquantentorpedos
ab. In eiskaltem Erstaunen sah Qe-Le’Mahar zu, wie
sein zukünftiges Selbst und auch das von Asera
Ghor in einem farbenreichen, ästhetisch
wirkenden Feuerwerk vergingen... „Wie
wunderschön“, hauchte er und fühlte
überhaupt kein Erschrecken. Dann machte ihn
etwas stutzig, an der Funkkonsole leuchtete ein
Signal auf und eine kurze aber höchst komplexe
Folge von Okieeanschriftzeichen flimmerte über
den Monitor. Asera sah ihn verwirrt an. „Was war
das?“ Doch Qe-Le’Mahar machte sich bereits wieder an
die Reparatur des Reserve-Energiegenerators für
die Schutzschilde. Die Stimme des kommandierenden
Baiwel Bridanschenko ertönte wieder aus dem
Kreuzvermittler der Flottenschiffe. „Achtung!
Bereithalten für Phase Vier. Zweite
Verstärkung!“ – „Unglaublich!“ rief die
Chelorierin aus. „In sieben Minuten werden wir tot
sein – und das genau auf die Art, wie wir es gerade
gesehen haben!“ Qe-Le’Mahar schwankte durch die
heftig vibrierende Zentrale zum
Zeittransfer-Generator und stellte die Koordinaten
ein. „Nun, laut Baiwels Plan wird die nächste
Verstärkung unsere eigene Zerstörung
verhindern, meine Schwester. Das, was wir gerade
gesehen haben, muss sich also keineswegs
wiederholen. Die Großzahl der zweiten Welle
hat überlebt, und nach dem nächsten
Zeittransfer wird es sehr viele Schiffe in
vierfacher Ausgabe geben. Darüber hinaus werden
wir in der Phase Vier die Zerstörung vieler
Schiffe verhindern, die in Phase Drei stattfindet,
und damit verstärken wir unsere
Streitkräfte noch mehr. Wir werden dann dem
Gegner schließlich mit einem Verhältnis
von Eins zu Eins gegenüberstehen und ihn
besiegen.“
Asera Ghor
horchte auf. Irgendetwas missfiel ihr an dem
Tonfall, in dem der Okiiean sprach, und auf einmal
begriff sie, dass das alles für ihn nur Theorie
war und niemals mehr sein würde. „Du scheinst
aber etwas ganz anderes im Sinn zu haben!“ rief sie
aus, ihrer plötzlichen Eingebung folgend. Der
Okiiean sah sie erstaunt an, zögerte einen
Moment und nickte ihr dann anerkennend zu. „Dein
Scharfsinn und deine besondere Gabe, einen
tatsächlichen Sachverhalt zu erkennen, sind
wirklich erstaunlich. Halte dich bereit! Wir
transferieren jetzt!“ Ein weiterer Torpedo
explodierte unmittelbar hinter der MORENA und
beschädigte eines der Triebwerke. Qe-Le’Mahar
sah, dass sie nicht länger warten konnten, und
aktivierte den Zeittransfer-Generator, bevor auch
dieser ausfallen würde. Asera verfolgte auf dem
Schirm mit, wie sich die Umgebung in ein
farbenflimmerndes Pandämonium der Zeit
verwandelte.
Inzwischen
sandte Tholokion Ghuard das von ihm bereits
vereinbarte Signal an sein sieben Minuten
jüngeres Selbst, und er erhielt die
Bestätigung dieses Signals, als sämtliche
Lethoskreuzer erneut verschwanden – mit dem
jüngeren Tholokion Ghuard. Nun wartete auf ihn
die schwerste Aufgabe ...
*
Nachdem die
angreifenden Schiffe von Lethos verschwunden waren,
sammelten sich die verbliebenen Chelorier und
formierten sich. Kumuru Shina, eine Unteroffizierin,
hatte nach Prors Chaurs Zerstörung den Befehl
über die beiden Nadir-V-Geschwader
übernommen, von denen noch ca. 700 Schiffe
übrig waren. Auf ihrem Schirm tauchte das
Gesicht von Tholokion Ghuard auf. „Es scheint, als
ob die Menschen eine Art Schutzzone temporaler Natur
um diesen Sektor gelegt haben. Eigentlich
müssten längst Hunderte unserer Schiffe
hier sein, um uns zu unterstützen!“
eröffnete Ghuard ohne Umschweife die
Unterredung. Kumuru Shina erwiderte: „Unsere
Elixarion-Mirlane ist derselben Ansicht. Sie hat nur
den Struktureinbruch bei Faktor Minus 10020
registriert, aber keinerlei Bewegungen unserer
eigenen Flotten. Allerdings ist da noch etwas
anderes. Etwas ganz anderes, Kommandant.
Unsere Elixarion-Mirlane registriert chronale
Interferenzen – wir wissen nicht, was das bedeutet,
aber der Raum um uns scheint von einzelnen
Ausläufern temporaler Instabilität
durchzogen zu sein.“ Chronasthenie,
durchraste es Tholokion Ghuard. Die Bedrohung durch
die Nullzone, die sich bei jedem Temporaltransfer um
ein Vielfaches vergrößern würde,
versetzte den Chelorier in Angst und Schrecken. „Das
alles scheint eine Falle zu sein,“ fügte Kumuru
Shina noch ihre Einschätzung der Situation
hinzu. Tholokion Ghuard nickte. „Es sieht ganz so
aus. Wir werden zurückkehren an den
Ausgangspunkt der Operation, also Faktor Plus 19.
Halten Sie sich bereit für den Transfer...“ –
„Kommandant!“ unterbrach ihn Shina, beunruhigt
rotierte ihr Rüssel. „Unsere beiden Geschwader
stammen aus der Real-Zeit und aus der Vergangenheit
– Faktor Minus Zwei Jahre! Wenn wir uns nun um 19
Jahre in die Zukunft begeben, bringen wir uns um die
Möglichkeit, uns selbst in der Vergangenheit zu
helfen. Die Schiffe der Menschen waren teilweise
doppelt vorhanden, genau wie wir; wir sollten
ebenfalls in die Vergangenheit springen und aus
unseren zwei Nadir-V-Geschwadern vier
machen. Da wir und die Menschen uns in derselben
temporalen Isolation befinden, sollte dies
möglich sein, Kommandant.“ Tholokion Ghuard
bewunderte ihren Scharfsinn. Ihr Schiff musste als
erstes zerstört werden, sobald er wieder in der
Schlacht war, doch er bedauerte diesen Schritt
maßlos. Er hätte sie gerne näher
kennengelernt, sie mochte sogar in der Lage sein,
sich ihm anzuschließen. Vielleicht würde
eine Gefangennahme glücken ...
„Diese Zeit ist
meine Vergangenheit, Leutnant Shina, und der Angriff
wird von den Menschen des Jahres 7523 geführt.
Wir werden an den Ausgangspunkt ihrer Operation
zurückkehren und sie verhindern, bevor sie
beginnt. Diese Schlacht wird nie stattgefunden
haben! Begreifen Sie doch, Shina, es ist das Ziel
der Menschen, dass wir hierbleiben! Sollten wir
diese Schlacht fortsetzen, wird eine raumzeitlose
Zone entstehen, die nicht nur unsere Geschwader
sondern auch dieses gesamte Sonnensystem in sich
aufnehmen wird! Wir dürfen auf keinen Fall die
Zeitstrom-Resynchronizer einsetzen, solange wir in
diesem instabilen Bereich sind!“ – „Jawohl,
Kommandant!“ rief Shina unglücklich, jedoch
gehorsam.
Ghuard fluchte
auf einmal. Fast fühlte er sich wieder genau so
wahnsinnig, wie er schon einmal gewesen war. Die Chronasthenie
in diesem Sektor lieferte ihm das perfekte Argument,
um die Chelorier von hier fortzuführen. Doch
wusste er damit auch gleichzeitig, dass er und die
Raumstreitmacht der Menschen einer viel
vernichtenderen Gefahr ins Auge blicken mussten.
*
Eine Stunde
später meldeten die Elixarion-Mirlanen
sämtlicher chelorischer Mamovae, dass sie sich
wieder in einer temporal stabilen Region befunden.
Ghuard wiederholte seinen Befehl an die Flotte, in
die Zukunft des Jahres 7523 zu springen und
bereitete seinen eigenen Transfer vor. Die
organischen Raumschiffe verschwanden; und Tholokion
Ghuard seufzte zufrieden. Wenn der Plan
funktionierte, würden sie in einer Zeit landen,
in der es seit zwanzig Jahren keine chelorische
Zivilisation mehr gab und aus der sie aufgrund der Verzerrung
der Temporalen Synchronizität niemals
wieder in die Raumschlacht in der
Möbius-Diffraktion zurückkehren konnten –
wahrscheinlich würden sie mühelos von den
Menschen gefangengenommen werden, egal wieviele
überlebende Schiffe aus den ihm noch
bevorstehenden Zeitschleifen er ihnen auf die
gleiche Weise hinterherschicken würde (wenn
diese ihm noch glauben würden). Doch Tholokion
Ghuard war auch erfüllt von Wehmut und
Zerrissenheit, als er wieder um zwei Stunden und
dreizehn Minuten in die Vergangenheit transferierte.
Mit voller Kraft steuerte er die QUINOQUU
zurück zum Schlachtfeld und war sich nicht
sicher, was er sich mehr wünschte - noch Teil
der dortigen Verzerrung oder aber nun von ihr
ausgeschlossen zu sein.
2
Als sich die
Sicht nach dem temporalen Transfer wieder
klärte, waren die Lethosianer und ihre
Verbündeten erneut in der Vergangenheit – wie
eine Vielzahl der Schiffe aus Phase Zwei und Drei.
Fünf Minuten, bevor die Chelorierin und der
Okiiean sterben würden. Qe-Le’Mahar schien kaum
beeindruckt – stattdessen öffnete er den
Schacht für die Hologrammsonde und
programmierte sie darauf, Bild und Magnetfeld der
MORENA zu projizieren und ein Signal in einem
Okiiean-Code zu senden, den nur er selber empfangen
und verstehen konnte.
„Das ist das
Signal, das wir gerade erhalten haben!“ begriff
Asera. „Aber warum haben wir es erst erhalten, nachdem
die zweite MORENA schon zerstört war?“
„Die MORENA
wird nicht zerstört. Die Hologrammsonde
projiziert ein Abbild der MORENA, und außerdem
ein Abbild von zwei Mamovae, so dass es den Anschein
erwecken wird, als sei die zweite MORENA
zerstört, immer wieder und immer wieder, in
jeder Wiederholung der Zeitschleife!
Gleichzeitig sendet sie jedes Mal ein Signal an
mich, damit ich nicht etwa den Versuch unternehme,
diese zweite MORENA zu retten! Außerdem
korreliert die Sonde ihre Daten nach jedem
Neutransfer neu mit dem Computer der MORENA, so dass
die Projektion jedesmal an einer anderen Stelle
erscheint und daher auch von den anderen Computern
unserer Flotte kein Rettungsversuch berechnet werden
kann!“ – „Wir nehmen doch nicht etwa Reißaus,
Qe-Le’Mahar?!“ fragte Asera unsicher. Qe-Le’Mahar
sah sie festen Blickes an. „Nein, meine Schwester.
Es mag dich vielleicht überraschen, doch es war
niemals meine Absicht, an diesem Gemetzel
teilzunehmen. Allerdings werden wir unseren Kampf an
einer Stelle fortsetzen, wo er weniger aussichtslos
ist. Dass wir uns endlich in diesem Sonnensystem
befinden, ist von größerer Bedeutung, als
du oder irgendein anderes noch lebendes Wesen ahnen
kannst ...“
Mit neuem Ziel
und aktivierten Lichtumleitungsschirmen entschwand
die MORENA aus dem Schlachtengetümmel,
während die Hologrammsonde ihren Platz einnahm
und das Abbild des Okieeanschiffes projizierte.
Die anderen
Schiffe hatten sich mit Todeswahn und Wagemut erneut
in die Schlacht geworfen. In alle Richtungen, in die
sich der Intuitiv-Phänomenologe und Teleporter
Tanavin Naragor in seinem zyklotronischen Kampfstand
an Bord der GOLDEN SPAR orientierte, tobte der
entsetzliche Kampf. Schwere Interferenzen legten die
Computerverbindungen der Lethosianer untereinander
lahm, dies bedeutete, dass keine exakten
Berechnungen zur Verhinderung von Zerstörungen
mehr möglich waren. Trotzdem waren die Kreuzer
der Menschen jetzt eindeutig den Cheloriern
ebenbürtig, wenn nicht sogar bereits
zahlenmäßig überlegen. „Jetzt
müssen wir sie komplett auslöschen, denn
wenn wir weitere Überlebende entkommen lassen,
werden sie dasselbe machen wie wir!“ erkannte Ribal
Longinus. „Sie haben unseren Plan wahrscheinlich
schon durchschaut. Es reicht ein einziges
entkommendes Schiff, das sich selbst tausendmal
multipliziert, dann sind wir wieder hoffnungslos
unterlegen!“ – „Mich beunruhigen die Chelorier viel
weniger seit unserem letzten Transfer! Diese starken
Interferenzen um uns herum machen mir weitaus mehr
zu schaffen!“ entgegnete Tanavin, als er gerade eine
weitere Mamova traf.
An der
Backbordseite der GOLDEN SPAR war in der Tat eine
eigenartige Energieschliere aufgetaucht, die
perlschnur- und peitschenartig hin- und herzuckte –
innerhalb dieses wabernden Blitzfeldes konnte man
seltsame Raster aus goldenen Energiestrahlen vor
einem endlos tiefen roten Hintergrund erkennen, dann
löste sich das Phänomen wieder auf.
Plötzlich
trafen heftige Druckwellen die GOLDEN SPAR von
achtern, als sie einer dieser Verwerfungen zu nahe
kam, und rüttelten das Schiff heftig
durcheinander. Explosionen ertönten aus der
Tiefe des Schiffes, und einige Konsolen in der
Zentrale gingen in Flammen auf. Die
Schadensbekämpfungsmannschaften meldeten, dass
der Zeitstrom-Indensator zerstört war. Ribal
inzwischen trieb das Feuer in der Zentrale mit einem
Blick seiner Augen zur Implosion – es wurde immer
kleiner und verschwand schließlich in sich
selber. Der Vize-Präsident der Liga der
Psioniker lachte grimmig, doch in der nächsten
Sekunde schrie er auf. „Gütige Galaxis!“ Auf
dem 3D-Sternenfeld sahen sie gerade eine der vier
existierenden DELTA GÓNGORAs im gesammelten
Strahlenfeuer von drei Mamovae auseinanderbrechen.
Die brennenden Trümmer wirbelten ins All. Im
selben Augenblick löste sich eine weitere DELTA
GÓNGORA auf, als hätte es sie nie
gegeben, stattdessen tauchten zwei Mamovae wieder
aus dem Nichts auf, die eigentlich bereits
zerstört gewesen waren. „Farewell, my summer
love“, murmelte Baiwel trocken, als er seine
zwei zukünftigen Ichs sterben sah.
Exakt in dem
Moment, in dem dies geschah, zuckte plötzlich
ein golden gleißender Blitz durchs All, viel
immenser als die bisherigen Störungen, und
erhellte die dunkle Nacht mit blendendem Licht.
Entgeistert wandten alle, die es sahen, Chelorier
wie Menschen, den Blick ab. Mitten im All klaffte
ein gewaltiger zackiger Riss, aus dem unermesslich
viele Blitze in alle Richtungen zuckten. Und diese
Ausläufer trafen in ihrer Willkür sowohl
Mamovae wie auch Weltraumkreuzer der Menschen.
„Meine Güte! Was ist das?“ schrie Baiwel. Die
QUINOQUU, die gerade wieder an dem Schauplatz
eintraf, manövrierte in sicherem Abstand, um
nicht von den Cheloriern bemerkt zu werden, aber
Tholokion Ghuard rief sofort jene DELTA
GÓNGORA, die gerade das Oberkommando hatte.
„Das ist eine Chronasthenie-Furche, sie
entstand aufgrund der ständigen
Zeitsprünge! Eine Zone, in der es weder Raum
noch Zeit gibt. Wir haben die Struktur des
Kontinuums extrem geschwächt – aber bei einem
weiteren Zeittransfer wird sich das Volumen dieser
Raumzeitgesetzwidrigkeit noch um ein Vielfaches
ausbreiten!“ – „Wir müssen uns
zurückziehen!“ rief Hal-Ko-Trun aus seinem
zyklotronischen Kampfstand Baiwel zu. Auch von der
DAEDALON und anderen Schiffen traf die Bitte ein,
den Kampfort umgehend zu verlassen. „Nein! Wenn wir
jetzt abrücken, war alles umsonst! Wir
müssen kämpfen, bis das letzte Schiff der
Chelorier zerstört ist!“ schrie Baiwel
energisch. Sollte er leicht unbeherrscht geklungen
haben, so hatte es jedenfalls keinerlei weitere
Auswirkungen: Die Weltraumkreuzer folgten seiner
entschiedenen Aufforderung mit dem Mut der
Verzweiflung und blieben im Kampf gegen die
Chelorier. Es war sowieso nicht mehr viel übrig
von den ursprünglich tausend Schiffen der zwei
Nadir-V-Geschwader ...
*
Die PANDORA
erreichte inzwischen das SOL-System der Real-Zeit,
und sofort registrierten sie die seltsamen
Veränderungen. „Eine gewaltige
Raumzeitgesetzwidrigkeit befindet sich auf Höhe
der Erdumlaufbahn!“ rief Thorndyce North
ungläubig. „Das ist die Chronasthenie-Furche.
Sie befindet sich außerhalb der
Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit,
daher ist sie zu jeder Zeit in gleichem Maße
sichtbar, in fernster Vergangenheit ebenso wie in
weiter Zukunft,“ erklärte Orin Tadschuriath.
„Entstanden ist sie durch die vierfache
Intensität der temporalen Resynchronisation,
die Baiwels Flotte verursacht hat. Sollte seine
Flotte noch einen weiteren temporalen Transfer
durchführen, dürfte sich die
Intensität der Chronasthenie-Furche
noch um ein Vielfaches verstärken, so dass sie
alles im Umkreis von 19 Lichtminuten absorbieren
wird...“ – „Die inneren Planeten, ... die Sonne!“
begriff Pylades entsetzt. „Und das alles wegen
Baiwels Angriff!“ In der Zwischenzeit bemerkte North
noch etwas anderes. „Es patrouillieren keinerlei
Wachschiffe im SOL-System. Wir könnten
ungehindert hineinfliegen!“ Prinz Midja fauchte
grimmig. „Ja. Baiwel hat sie in seine Schlacht
verwickelt, die zwei Jahre in unserer Zukunft tobt.
Die Verzerrung der Temporalen
Synchronizität scheint zu funktionieren.
Ich hätte es nicht für möglich
gehalten, dass er, einst ein so empfindsamer Dichter
und Musiker, zu solchen Taten fähig ist.“ Trotz
des Ernstes der Lage musste Pylades plötzlich
auflachen. „Du weisst doch, Baiwel ist ein
wahrhafter Gongorist! Der Stil seiner
Strategie für diese Raumschlacht entspricht
vollkommen seiner grotesken Rhetorik.“
Der Gargantuan
verzog das Gesicht. Er vermochte es in dieser
Situation nicht, den kurzen Moment der Leichtigkeit, welcher
Pylades erfasst hatte, in seiner
eigenen Gefühls- und Gedankenwelt zu
lokalisieren - auch wenn er ihn gut verstand. Midja
liebte die sonderbaren Romane des jungen Altairaners
ebenfalls. Ohne Kommentar wandte er sich ab und trat
zu Gatin Parker. "Setzen Sie Kurs auf die
Chronasthenie-Furche und beschleunigen Sie auf
Zwischenraumgeschwindigkeit", wies er die
Steueroffizierin an. Mit fünfzigfacher
Lichtgeschwindigkeit jagte die PANDORA in das System
hinein, vorbei an Neptun, Saturn, Mars (der Jupiter
lag in seinem Orbit um die Sonne gerade auf der
anderen Seite des Systems) - nach wenigen Minuten
näherte sie sich der Erde und dem Riss in der
Raumzeitstruktur. "Bleiben Sie auf sicherem
Abstand!" sagte Midja und wandte sich an die anderen
Unsterblichen. "Also, was tun wir?" - "Als
wichtigstes müssen wir diesen Riss wieder
schließen - wir brauchen also Perthaycs 'Tor
der temporalen Harmonie'. Es sendet diverse
Energien aus, die den geschwächten Bereich
stärken werden, und die Chronasthenie-Furche
wird sich schließen", erklärte Orin
Tadschuriath. "Das Tor wird sich in allen Zeitlinien
bemerkbar machen, in denen dieser Riss bereits
vorhanden ist, und ihn reparieren." - "Gut. Was ist
mit Baiwel?" fragte Midja. "Er kann mit seiner
Flotte das Tor durchfliegen und würde hier bei
uns auftauchen. Die Harmonisierung wird den Effekt
haben, alle temporalen 'Doppelgänger'
miteinander zu verschmelzen!" rief Pylades. "So dass
wir statt vier Baiwels wieder einen haben?"
vergewisserte sich der Gargantuan. "So in etwa ...
Das Problem aber ist: Wie sollen sie wissen, was
dieses Tor bedeutet? Wir können auf keinen Fall
zu ihnen springen, bevor die Chronasthenie-Furche
nicht wieder verschwunden ist!" rief der Miolarudine
ungeduldig.
Das wabernde
Phänomen auf dem Bildschirm schien immer
größer zu werden. Als ein Blitz dicht an
der PANDORA vorbeizuckte, setzte Gatin Parker das
Schiff noch um einige hundert Kilometer zurück.
Orin wirkte sehr angestrengt. Alle starrten ihn an,
denn niemand wusste, was zu tun war... Und Midja
vertraute diesmal seinen eigenen Instinkten nicht,
die ihn dahingehend drängten, er solle mit der
PANDORA durch Perthaycs Tor fliegen!
Schließlich
fasste
sich der Tadschuriath. "Ich werde meine mentalen
Energien auf das Tor konzentrieren und versuchen,
den Jungen zu erreichen!" Pylades schüttelte
sofort heftig den Kopf und wollte seiner
Unzufriedenheit mit Worten Ausdruck verleihen, doch
Prinz Midja bedeutete ihm mit einer Handbewegung zu
schweigen. "So machen wir es - im Augenblick gibt es
keine andere Möglichkeit. Aktiviere das "Tor",
Pylades. North, Kampfstationen!" Seinen
entschiedenen Worten folgte eine gewisse
Erleichterung - sie konnten kaum noch länger
warten, ganz egal, was geschehen würde.
"Jawohl, Sir!" Der Vize-Commander eilte davon, und
Pylades verließ ebenfalls eilig die Zentrale.
Wenn mich mein Optimismus nur nicht trügt
... , dachte er, und wusste nicht, wie er
diesen Gedanken zu Ende denken sollte.
*
Das Blatt hatte
sich erneut gewendet. Zwar hatten die
Streitkräfte der Galaktischen Freischaren fast
jedes Chelorierschiff zerstört, aber um sie
herum tobte ein wahrer Orkan. Ein zuckender Blitz
traf die letzte verbliebene DAEDALON und
neutralisierte die Schutzschilde ebenso wie die
Triebwerke. Fluchend stießen Häuptling
Génaro und Tramptos Malackay in den
rauchenden Korridor zum Maschinenzentrum vor, um
höchstpersönlich Reparaturen
durchzuführen, da anscheinend niemand mehr dort
unten lebte. Plötzlich traten ihnen aus den
dunkelroten Rauchschwaden zwei Chelorier entgegen.
Tramptos riss seine Feuerwaffe hoch und drückte
ab. Die beiden Chelorier schrieen irgendetwas
absolut Unverständliches, bevor sie von den
modifizierten Lähmungsstrahlen getroffen wurden
und zu Boden stürzten... "Die DAEDALON ist also
geentert worden!" rief der Cygonethe: "Wir
müssen machen, dass wir hier wegkommen!" Doch
der Shaowanier lief weiter in der Richtung, aus der
die beiden Chelorier gekommen waren. "Das war kein
Enterkommando, Häuptling. Wahrscheinlich haben
sie sich im letzten Moment vor der Zerstörung
ihres Schiffes hierhertransportiert", erklärte
er.
Mittlerweile
lagen die letzten sechzehn noch vorhandenen Mamovae
ruhig vor den Lasermündungen von vier Dutzend
Lethos-Kreuzern, darunter der GOLDEN SPAR.
Ribal Longinus schüttelte den Kopf, ohne es zu
bemerken. "Absolut unverständlich. Wieso
ergeben sie sich nicht?" - "Nehmen wir sie
gefangen?" fragte Tanavin Naragor und stieg aus
seinem zyklotronischen Kampfstand. Ribal nickte.
"Abschießen werde ich sie auf keinen Fall.
Meldet Baiwel, wir gehen an Bord des
Chelorier-Schiffes, das den Verband anführt!"
Er berührte Naragor, welcher sich mit ihm
zusammen entmaterialisierte.
Auf der
Kommandostation der Mamova KISAOM tauchten die
beiden wieder auf. Eine Chelorierin blickte ihnen
gefasst entgegen, als hätte sie ihre Ankunft
bereits erwartet. "Ich bin Ribal Longinus,
Vize-Präsident der Liga der Psioniker. Dies ist
Tanavin Naragor, Intuitiv-Phänomenologe und
Teleporter, " stellte Ribal sich und seinen
Gefährten vor. "Ich bin Leutnant Kumuru Shina!"
erklärte die Chelorierin: "Das war eine
brillante Falle, die Sie uns da gestellt haben."
Ernst und Bewunderung lagen in ihrer Stimme, dann
wies sie auf den Bildschirm, auf dem die Chronasthenie-Furche
zu sehen war. "Aber Sie werden hier genauso
untergehen wie wir." - "Nicht, wenn Sie sich jetzt
ergeben, Leutnant. Wir werden Sie sicher aus diesem
Gebiet heraus eskortieren", sprach Tanavin Naragor:
"Jedes weitere Opfer ist sinnlos!" - "Nicht so
sinnlos, wie Sie denken. Sollte die KISAOM oder eine
andere unserer Mamovae jetzt einen Zeittransfer
durchführen, dürfte die Chronasthenie-Furche
nicht nur Sie, sondern auch die vier inneren
Planeten und die Sonne zerstören. Es besteht
sogar die theoretische Möglichkeit, dass es sie
niemals gegeben haben wird - genausowenig wie das
Volk der Terraner, von dem Sie ja bekanntlich
abstammen!" Alarmiert sahen sich Ribal und Tanavin
an, als sie wahrnahmen, dass Kumurus Hand über
dem Zeitsensor des Orcomps verharrte. "Aber Sie
haben es nicht getan, Shina!" rief Ribal. "Ihnen
wird bereits die ganze Sinnlosigkeit dieses Krieges
bewusst - und dort draußen sehen Sie die
furchtbaren Folgen Ihrer Zeiteingriffe!"
Plötzlich drängte sich ein Slotram vor.
"Lassen Sie mich diese gefährlichen Psioniker
neutralisieren, bevor sie uns beeinflussen
können!" bat er und starrte Tanavin an,
ähnlich wie eine Raubkatze ihre Opfer anstarrt,
doch Shina stieß ihn zurück. "Sie werden
nichts dergleichen tun, Slotram! Nein - es geht
nicht mehr um die humanoiden Zivilisationen, nicht
länger! Wir haben einen Gegner gefunden, der
viel bedrohlicher ist. Die Zeit selber... Kehren Sie
auf Ihr Schiff zurück, Humanoide! Wir ergeben
uns!" - "Ich danke Ihnen", sagte Tanavin Naragor,
dann teleportierte er mit Ribal zurück auf die
GOLDEN SPAR und rief die DELTA GÓNGORA.
Baiwel erschien auf dem Schirm und sah furchtbar
erschöpft aus. "Das war knapp, aber wir haben
es geschafft. Jetzt müssen wir hier so schnell
wie möglich weg. Die Chelorier werden wir als
unsere Gefangenen eskortieren!" erklärte Ribal
hastig.
"Gut", seufzte
Baiwel, seltsam erleichtert. "Achtung, an alle
Schiffe - wir ..." Zwei weitere Dinge geschahen, und
Baiwel starrte verstört auf den Bildschirm.
Eine dunkelviolette Lichtquelle war erschienen, in
einiger Entfernung zur Chronasthenie-Furche.
Ein warmes, helles Licht breitete sich aus dem
Phänomen aus. Es wirkte jedoch keineswegs
bedrohlich, sondern strahlte einen fast
metaphysischen Frieden aus. "Was immer das ist, es
beeinflusst die andere Raumzeitgesetzwidrigkeit -
sie wird kleiner, ihre Blitze werden seltener und
nehmen an Intensität ab!" meldete Hal-Ko-Trun.
"Ein sehr anziehendes Phänomen, aber woher es
kommt, ist ... Baiwel?" Der Angesprochene schien ihn
nicht zu hören. Er war in der Betrachtung
dieses Phänomens versunken und glaubte
plötzlich, einen lautlosen Ruf zu vernehmen.
"Orin...?" hauchte er fast lautlos. Dann fasste er
einen Entschluss. "Wir fliegen hinein!" - "Was?!"
Hal-Ko-Trun war entsetzt. "Wir wissen doch nicht,
was das ist ... Unsere Sensoren registrieren
überhaupt nichts!" Baiwel ignorierte ihn und
gab die Anweisung an seine Flotte, in diese
Lichtquelle hineinzufliegen.
Je näher
die DAEDALON dem Phänomen entgegenschlingerte,
um so friedlicher wirkte die Besatzung, fast wie in
Trance, während Tramptos Malackay weiterhin die
Energiezufuhr für das Nottriebwerk zu
stabilisieren versuchte. Dann löste sich die
DAEDALON allmählich in einem goldenen Glitzern
auf und verschwand. Daraufhin wagten auch die
anderen Schiffe den Durchflug.
*
Es waren noch
ca. 30 lethosianische Weltraumkreuzer an der
Gefahrenstelle - die Chronasthenie-Furche
hatte sich deutlich verringert - , als die
Struktursensoren der DELTA GÓNGORA erneut
ausschlugen. Noch eine weitere DELTA GÓNGORA
erschien - und die Raumzeitgesetzwidrigkeit
vergrößerte sich wieder. Schwer
angeschlagen, an manchen Stellen brennend, trudelte
sie steuerlos auf die erste DELTA GÓNGORA zu,
der mit Mühe ein Ausweichmanöver gelang.
Auf Baiwels Monitor tauchte das Gesicht seines
eigenen Selbst auf, nur wenige Minuten älter.
Er blutete, und sein Gesicht war von Rauch und
Schweiß geschwärzt, im Hintergrund der
Zentrale brannte es. "Keine Zeit für
Erklärungen. Schick sofort alle Schiffe in das
Lichtphänomen! Da ist ein riesiges Schiff
aufgetaucht, aber es ist einzig und allein hinter
mir her! Du musst ..."
Das Schiff aus
Weißem Licht erschien. Gewaltige
Lichttürme ragten wie Zacken eines Sterns in
alle Richtungen - es war mehrere Kilometer lang und
von unglaublicher Wendigkeit, als es auf die stark
beschädigte DELTA GÓNGORA zustieß.
Eiseskälte erfasste den jüngsten der
Unsterblichen, als er zusah, wie sie getroffen wurde
und zerbarst. Dann war es sofort über der
jüngeren DELTA GÓNGORA und verharrte
dort...
Während
die letzten Lethoskreuzer in das dunkelviolette
Lichttor flohen und verschwanden, blieb die QUINOQUU
noch und flog zu dem wehrlosen Flaggschiff der
Galaktischen Freischaren. Wie gebannt sah Tholokion
Ghuard auf das außerordentliche Gebilde, das
er noch nie zuvor in seinem langen Leben gesehen
hatte. Er erschrak, als ein Signal auf seiner
eigenen Ruf-Frequenz eintraf, aber er zögerte
nicht, seinen Monitor zu aktivieren, wo er das sah,
was er schon erwartet hatte. Es war er selbst, um
viele Jahre jünger. "Du bist immer noch der Wahnsinnige,
alter Chelorier! Eine Falle, die mich
überrascht hat ... Alle Achtung. Doch wie immer
hast du nicht begriffen, dass ich zu jedem Zeitpunkt
weit über das, was ist, hinausdenken kann -
egal, wie weit du mir voraus bist... Und jetzt -
ein würdiges Ende für meine Person!"
Das Weiße Schiff feuerte zwei Schüsse auf
die QUINOQUU. Getroffen und außer Gefecht
gesetzt, stürzte sie in einem rasenden, engen
Spiralflug auf die Chronasthenie-Furche zu
und tauchte in sie ein, wo sie verschluckt wurde.
Kein Schrei war zu hören gewesen ...
Baiwel war
äußerst gefasst, als die DELTA
GÓNGORA mit Traktorstrahlen in das Innere des
Weißen Schiffes manövriert wurde.
Schließlich hatte er genau eine Woche lang
Zeit gehabt, sich auf seinen Tod vorzubereiten.
*
Fragment aus dem holographischem
Kristallbrief Thângors, jenem einzigen
Artefakt, das die Chrono-Archäologen von Anera
nach dem Zeitkrieg in der menschenleeren siebten
Galaxis fanden:
" ... ich
freue mich aber, dass du beschlossen hast, diesen
komplexen Lebensweg zu beschreiten. Es gibt so
viele interessante Dinge, von denen wir keine
Ahnung haben. Ein Mensch mit normaler
Lebenserwartung kann nur ein Winzigstel an Wissen
akkumulieren, bevor er bereits wieder stirbt -
doch du hingegen kannst unendlich viel lernen,
denn du bist unsterblich.
Du wirst zur gelehrtesten Gelehrtin aller Zeiten
werden, versiert in allen Wissenschaften, allen
Künsten, allen körperlichen Disziplinen
und möglicherweise allen Arten und Weisen,
wie man spielen kann. Ich hoffe natürlich,
dass du nicht den Verstand verlieren wirst - denn
diese Gefahr besteht, nicht nur für dich,
sondern auch für die anderen Unsterblichen.
Du musst sehr achtsam sein, Sadulist - im Umgang
mit dir selber. Du darfst nicht dem Rausch der
Zeitlosigkeit verfallen, du musst dir selbst
bewusst bleiben. Solltest du deine Situation
vergessen, könnte es sein, dass du verblendet
wirst. Wenn dich die Jahrhunderte auffressen und
du umnachtet bist von zu vielen Gedanken,
Gefühlen und Situationen, dann besinne dich
darauf, wer du bist. Gönne deiner Seele die
Zeit zum Atemholen, und seien es Jahrzehnte ... "
* * *