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In der Real-Zeit des Jahres 7502 (nach der
Zeitrechnung von ALTAIR IV) kehrten die
Weltraumkreuzer der Lethos-Flotte zurück. Jedes
Schiff war nur noch ein einziges Mal vorhanden, aber
vielen Besatzungsmitgliedern war seltsam unwohl,
weil sie plötzlich unterschiedlichste
Erinnerungen aus allen Zeitschleifen in sich
verspürten. Die Optimierung zu einer einzigen
Person verursachte offenbar gewisse Paradoxa, doch
dies war eines der leichteren Probleme, mit denen
die Altairaner fertig werden mussten.
Das „Tor der
Temporalen Harmonie“ erlosch wieder. Orin
Tadschuriath, der alte graubärtige Kommandant
der PANDORA stellte zufrieden fest, dass es die Chronasthenie-Furche
vollkommen neutralisiert hatte. Die Gefahr für
das SOL-System war gebannt – die Gefahr für die
PANDORA jedoch keineswegs. Mit den
zurückgekehrten Schiffen und dem kleinen
Verband der gefangenen Chelorier, die sich
eigenartig gefügig verhielten, zog die PANDORA
zum Rand des SOL-Systems zurück.
Mit funkelnden Augen betrat Prinz Midja die
Kommando-Zentrale. Er schüttelte seine wilde
rote Mähne; und entblößte sein
kräftiges Gebiss mit den Fangzähnen.
"Qe-Le’Mahar und Asera Ghor...“ fauchte er Orin
Tadschuriath leise mit seiner sehr rauhen Stimme an.
„Sie sind nicht zurückgekehrt.“ Seine
glitzernden Chrom-Implantate? Gargantuanflügel
schlugen auf und ab, und sein anderthalb Meter
langer Schwanz zuckte gefährlich umher.
Außer den roten Metallshorts der Forax-Piraten
trug er nur Arm- und Fußreifen, die mit extrem
gefährlichen Spitzen versehen waren.
Orin Tadschuriath, der diesen einstigen Prinzen und
jetzigen Jung-Unsterblichen seit dessen Kindheit
kannte, sah, wie sehr er betroffen war. Die meisten
Mitglieder der Besatzung hatten Ehrfucht vor ihm und
waren eingeschüchtert wegen seiner imposanten
Erscheinung, doch Orin verspürte keine Furcht.
Im Gegenteil, er wusste, wie zartfühlend der
Foraxaner tatsächlich war.
„Ja, aber sie sind nicht tot, mein Junge,“
entgegnete er. „Wirklich?“ Midja hob den Kopf, und
Hoffnung schimmerte in seinen Augen.
„Ja“, antwortete der stolze Miolarudine Pylades
grimmig, anstelle von Orin. „Die beiden haben sich
aus dem Staub gemacht! In jeder Zeitschleife haben
sie sich abgesetzt – selbst in der letzten, als die
Chronasthenie-Furche bereits existierte...
Sein letzter Sprung war verdammt risikoreich!
Qe-Le’Mahar sah sein zukünftiges Selbst
explodieren, nachdem es aus der Zukunft in die
Raumschlacht der Gegenwart zurückgesprungen
war. Und dann ist er einfach fortgeflogen, denn
wäre er geblieben, wäre er auch wieder in
seine Vergangenheit gesprungen – und vernichtet
worden. Er floh, und eigentlich hätte es von
diesem Moment an unmöglich sein sollen, dass
sein Schiff später aus der Zukunft
zurückkehren würde, um im Kampf
zerstört zu werden – aber das ist nur das erste
der unendlich vielen Paradoxa dieser Schlacht in der
Möbius-Schleife!“
„Ist denn bekannt, was ihr Ziel war?“ Die sanfte
Stimme, die dies fragte, hörte man
äußerst selten in der Kommandozentrale.
Es war Zo-Ca‘Riel. Der Okieean lächelte, als
sich alle ihm zuwandten – es war der Klang seiner
Stimme, die Schönheit seines Aussehens, die
Art, wie die kühle, sterile Luft frischer zu
werden schien in seiner Umgebung und manche sich
einen dezenten Duft von Blumen einbilden konnten.
Jene hochentwickelte Synthese von Körper, Geist
und Seele – alles das bezauberte die Menschen und
auch die jungen Unsterblichen, die noch kein halbes
Sterblichenalter erreicht hatten; außer
Pylades und Orin Tadschuriath.
Letzterer antwortete dem Millionen von Jahren alten
Lebewesen. „Qe-Le’Mahar und Asera Ghor sind in
unsere Zeit zurückgekehrt, und zwar ins
SOL-System. Ich spüre ihre Ausstrahlung auch
aus dieser großen Entfernung.“ – „Das Signal
von Qe-Le’Mahars Nachrichtensonde hat uns die
Koordinaten übermittelt“, fügte Pylades
noch hinzu. „Sie haben sich zum Neptunmond Triton
begeben, und zwar unmittelbar nachdem Tholokion
Ghard die chelorische Wachflotte in die Zukunft
gelockt hatte.“
Midja blickte ihn verwirrt an. „Triton. Was wollen
sie denn dort?“ fauchte er Pylades an. Jener
lächelte versonnen. „Dieser Mond barg für
die Miolarudinen, die hier einst lebten, ein
Geheimnis, heißt es in einer Legende. Ein
Geheimnis, das sogar älter ist als die
Zivilisation der Terraner. Ich vermute, Qe-Le’Mahar
will dieses Geheimnis lüften.“ Zo-Ca’Riel war
plötzlich verwirrt. Er hatte ein seltsames
flaues Gefühl, dessen Ursache er aber nicht
genauer feststellen konnte – er wusste nur, dass sie
auf dem Neptunmond lag.
„Ich werde nach Triton aufbrechen!“ entschied der
Okieean, mit fester Entschlossenheit. Pylades nickte
ihm zu. „Ich begleite Sie, Zo-Ca’Riel. Mein Schiff,
die ATLOVRAT, ist startklar.“ – „Einverstanden“,
stimmte der Okieean zu.
Der alte Orin hatte ihn lange grüblerisch
betrachtet. „Sie haben sehr viel von Ry-Xar’Nihr an
sich. Sein Mut, seine Weisheit, seine Liebe ...
Hoffentlich kann er sich schon bald wieder
verstofflichen – ich trage das Psychoniumfragment
mit seiner Essenz schon viel zu viele Jahre, seitdem
er sich das letzte Mal entstofflichte.“ Zo-Ca’Riels
Blick wurde jedoch noch abwesender durch diese
Worte. „Gehen wir“, meinte Pylades. „Wir müssen
auf Triton sein, bevor dieses WEISSE SCHIFF wieder
auftaucht.“ Die beiden gingen hinaus, und Minuten
später verließ die ATLOVRAT den Hangar
der PANDORA und schwenkte herum auf Kurs zu den
Monden Neptuns.
Midja beschäftigten wieder die Gedanken an das
Schiff aus Weißem Licht, das eigentlich schon
längst hätte auftauchen müssen.
Schließlich lag das SOL-System
ungeschützt da, bis auf mehrere
Orbitalstationen der Chelorier über der Erde.
„Wir nähern uns dem Saturn“, meldete
Steueroffizierin Gatin Parker. Auf dem Bildschirm
wurde der bezaubernde, goldgelbe Planet mit dem
Ringsystem erkennbar, welcher neunmal so groß
war wie die Erde (ganze 120.670 Km
Äquatorialdurchmesser). „Wir landen auf der
Operationsbasis von Japetus und warten dort auf das
Auftauchen des Weißen Schiffes – wenn es je
auftaucht!“ befahl Orin Tadschuriath. Midja, der die
Saturnringe bewundert hatte, drehte sich zu dem
alten Freund um. „Diese Frage lautet anders - ich
weiß zwar nicht, wie, aber sie lautet alles
andere als „wenn“. Wir leben jetzt in einer Welt
ohne Wenn.“
*
Triton, der Neptunmond. Zu den Zeiten der
großen Freundschaft zwischen dem Planeten
Semeiad und der alten Erde (vor ihrem Nebelschlaf)
hatten die Miolarudinen hier bekanntlich eine
Station errichtet – in bereits bestehenden uralten
Hallen aus einer längst vergangenen Epoche,
deren Geheimnisse sie jedoch niemals hatten
ergründen können ... Der Okieean
Qe-Le’Mahar wusste, dass diese unterirdischen
Gewölbe von seinem Volk errichtet worden waren,
zu einem Zeitpunkt, als die Evolution der Menschen
der Erde gerade begonnen hatte – um sie zu
beobachten auf ihrem langen Weg in eine
vielversprechende Zukunft. Tief im Innern dieses
Mondes jedoch sollte es angeblich eine noch viel
ältere Station der Okieean und anderer Wesen
geben. Eine Station, welche lange vor Qe-Le’Mahars
oder Zo-Ca’Riels Geburt erbaut worden sein mochte.
Jetzt, da es ihm möglich war, Triton
anzufliegen, hoffte Qe-Le’Mahar, dort einige
grundlegende Kenntnisse zu gewinnen und gewisse
Rätsel zu lösen, die mit seinem Volk zu
tun hatten. Warum hatte jene finstere Entität
namens Zolthai die Chelorier dem unsterblichen Volk
der Okieean überhaupt entgegengeworfen? Die
beschädigte MORENA setzte auf der
Landeplattform der miolarudinischen Station namens
Elpheo 'jalliv auf, und die Plattform sank in die
Tiefe des Hangars herab. Die riesigen Luken
schlossen sich, allerdings wurde keine
Atmosphäre in den Raum geleitet – die
Umweltsysteme von Elpheo 'jalliv funktionierten
schon lange nicht mehr.
Asera Ghor – die drei Meter große
anthropomorphe Chelorierin mit der schwarzen
latex-artigen Haut, vier Armen und einem Rüssel
statt Nase - stieg in einem Skaphander aus,
während der Okieean Qe-Le’Mahar in der Lage
war, mit seinen Sinnen ein eigenes Kraftfeld um sich
zu generieren, das ihn mit Wärme und Luft
versorgte – er besaß sogar ein Organ, mit dem
er Gravitationsfelder erzeugen konnte, und eines, um
als Lichtquelle zu erstrahlen. Im Grunde genommen
hatte die Evolution der Okieean dazu führen
sollen, dass sie im Weltraum leben würden, doch
dann waren sie einfach verschwunden... Qe-Le’Mahar
wollte herausfinden, was geschehen war. Irgendwie
konnte er sich nicht vorstellen, dass die Chelorier
dafür verantwortlich waren.
Die beiden stiegen über eine Treppe in die
Tiefe. „Es gibt einen verborgenen Verbindungsschacht
zu der tieferliegenden okieeanischen Station“,
meinte Qe-Le’Mahar. „Was glaubst du, was für
Antworten werden wir dort finden, mein Bruder?“
fragte Asera Ghor, während sie die unterste
Ebene von Elpheo 'jalliv erreichten. Mit der
Helligkeit seiner Aura erleuchtete Qe-Le’Mahar die
dunklen Räume aus wertvollen Metallen und die
eigenartigen Maschinenanlagen der Miolarudinen.
Trotz ihres hohen Alters schienen diese Anlagen noch
funktionsfähig, doch ihr Sinn war nicht
erkennbar. „Unter Umständen gibt es
überhaupt keine Antworten, meine Schwester“,
seufzte der Okieean. „Und wo ist dieser Tunnel zu
der anderen Station?“ – „Er wird sich uns zeigen.“ –
„Was?!“ Asera Ghor sah ihn mit dem chelorischen
Äquivalent von Verwirrung an – sie rollte ihre
Augen in entgegengesetzten Drehungen und rotierte
ihren Rüssel. „Du wirst gleich Gelegenheit
bekommen, es zu sehen – hoffe ich...“
Sie kamen durch zwei weitere Maschinenräume,
als sich zu Aseras Überraschung langsam ein
schwarz-silbern glitzernder Strahl aus der Wand
schob und die Aura Qe-Le’Mahars berührte –
dieser war keineswegs verwundert und ließ den
Kontakt zu. „Ein Identitäts-Scan. Der
Mechanismus hat deine okieeanische Aura
registriert“, begriff die Chelorierin.
„Äußerst scharfsinnig, meine Schwester“,
lautete die gleichmütige Antwort Qe-Le’Mahars.
Eine freundliche, geschlechtslose Stimme
ertönte auf okieeanisch. „Willkommen in Nakal,
Qe-Le’Mahar“, und in der Wand öffnete sich ein
großes Portal. „Tretet ein, meine Freunde.“
Asera Ghor trat an den Durchgang, um zu sehen, was
dahinter lag, und japste auf, denn sie sah nichts
als Schwärze. Nicht einmal Qe-Le’Mahars Aura
erhellte sie.
„Was soll denn das werden, wenn es fertig ist?“
Qe-Le’Mahar lachte. „Vertraue den Okieean! Komm –
ich nehme dich in mein Kraftfeld auf...“ Nachdem
sich seine Aura so vergrößert hatte, dass
sie die Chelorierin aufnahm, traten sie in die
Dunkelheit, und das Portal schloss sich wieder.
Asera Ghor grollte unwohl. „Hier wird sich
jedenfalls kein Chelorier jemals herwagen – wir
fürchten nichts so sehr wie die absolute
Dunkelheit. Ich kann nicht einmal mehr spüren,
ob ich auf etwas stehe oder nicht“, stieß sie
hervor. „Das ist mein eigenes Gravitationskraftfeld,
meine Schwester. Wir schweben zur Station Nakal
herunter“, erklärte der Okieean
gleichmütig. Verwirrt sah sich Asera Ghor um.
Sie konnte keinerlei Bewegung verspüren.
„Wenigstens einer von uns hat seinen Spaß“,
brummte sie missmutig und schloss ihre Augen.
*
Inzwischen näherte sich auch die ATLOVRAT dem
Mond Triton. Pylades dachte darüber nach, wie
lange er schon nicht mehr hiergewesen war. Seine
Eltern, damals die Herrscher von Semeiad, hatten ihm
und seinem nun auch bereits seit Jahrhunderten
verschollenen Bruder Coniston einmal das SOL-System
und verschiedene historische Stätten gezeigt,
während die Erde in ihrem Nebelschlaf geruht
hatte. Darunter war natürlich auch Elpheo
'jalliv, die uralte Station der Miolarudinen
gewesen. „Seit mehr als 4.000 Jahren war ich nicht
mehr hier“, sprach er leise.
„Aber Lukâs Kazimierz und der Oberste
Zeitwächter kämpften hier gegeneinander,
vor etwa 22 Jahren ... Perthaycs Zeitwacht scheint
ja wohl mittlerweile eliminiert zu sein, vermutlich
durch den Schwarzen Nebel, sonst hätten sie
schon längst in diesem Konflikt eingegriffen.“
Behutsam lenkte er die ATLOVRAT über den
Landeschacht, der sich öffnete und eine
Plattform hochfuhr, auf der die MORENA stand. „Sie
sind tatsächlich da“, erkannte der Miolarudine
und war beruhigt, als er neben dem Okieean-Schiff
landete. Zo-Ca’Riel wandte sich ihm zu. „Ich
wäre mir da nicht so sicher“, sagte er
grüblerisch. „Aber ihr Schiff ist doch hier!“
protestierte der Miolarudine. „Das meine ich nicht.
Ich spreche von Perthaycs Zeitwacht. Finden Sie
einen Weg, um mit ihr Kontakt aufzunehmen, Pylades,
und Ihre Probleme werden gelöst sein.“
Die Landeplattform war nun wieder im Hangar,
über dem sich die Tore schlossen. „Das glaube
ich nicht“, seufzte Pylades. „Zunächst sollten
wir Qe-Le’Mahar und Asera Ghor finden, meinen Sie
nicht? Und die Okieean-Station!“ – „Ich kenne den
Weg!“ erwiderte Zo-Ca’Riel mit einer Gewissheit, an
der der Miolarudine nicht zweifeln konnte. Gemeinsam
stiegen sie aus. Auch Pylades benötigte keinen
Skaphander, er modifizierte nur etwas die Matrix
seiner Projektion, um auf Wärme und Luft
verzichten zu können (der Miolarudine, der
bekanntlich eine Kolonie aus Mikroorganismen mit
Kollektivbewusstsein war, welche eine energetische
Matrix kontrollierten, mit deren Hilfe sie Pylades‘
äußere Form projizierten, einen
bezaubernden goldbraunen Körper mit langem
schwarz-glänzenden Haar und scharfen
grünen Augen, bevorzugte es jedoch, sich durch
Atmen das Gefühl einer gewissen
körperlichen und seelischen Ausgeglichenheit zu
ermöglichen). „Dann waren Sie also auch schon
hier?“ wollte er von Zo-Ca’Riel wissen, als sie in
der Schleuse der ATLOVRAT standen. Doch er erhielt
nur eine weitere rätselhafte Antwort. „Ich
weiß es nicht.“
*
Die Dunkelheit verschwand, und Asera Ghor blickte
sich beeindruckt um. Sie standen in einer
Höhle, die mehrere Kilometer lang wie hoch war.
An den Wänden ragten Felsentürme empor,
auch auf der Weite der Ebene standen sie wie
Stalagmiten oder hingen wie Stalagtiten von der
Decke herunter, jedoch in gigantischen
Größenverhältnissen. Die Höhle
wie auch die Türme bestanden aus einem
graugrünen marmorartigen Material, das seine
eigene Leuchtkraft besaß. Durch leichte
Nebelschwaden strahlte das matte Licht.
Asera Ghor blickte auf ihren Armbandanzeiger.
„Atmosphäre positiv – und für uns
atembar,“ erklärte sie und nahm ihren Helm ab.
„In einer solchen Umgebung lebte dein Volk?“ fragte
sie verwirrt. „Nein. Dies war nur eine kleine
Außenstation zur Beobachtung der Evolution der
Terraner. Du hättest unsere strahlenden,
klingenden Planetaren Städte sehen sollen,
meine Schwester. Das Leben ohne sie ist fast so, als
müsstest du plötzlich ohne dein Gehör
leben. Nakal – so heißt dieser Ort – ist nur
ein matter Abglanz... Horch!“
Die Chelorierin lauschte und vernahm ein helles,
leichtes Klingen, welches einen geringfügig
euphorisierenden Effekt hatte. „Sehr schön.
Aber deswegen sind wir doch nicht hier, oder?“ Ihre
Augen blitzten den Okieean an. Dieser seufzte. „Ich
weiß. Wir haben nicht viel Zeit. Vor allem,
weil mir eine leichte Veränderung in der
Tonalität dieses Klangs mitteilt, dass wir
nicht mehr die einzigen auf Triton sind.“ – „Wer
wird uns hier Gesellschaft leisten wollen?“ knurrte
die Chelorierin. „Ohne mich damit abfällig
über Nakal äußern zu wollen...“ –
„Da du das aller Wahrscheinlichkeit nach in
Kürze erfahren wirst, erübrigt sich die
Frage, meine Schwester“, entgegnete Qe-Le’Mahar
kühl. Asera ließ einen
unidentifizierbaren Laut ertönen, doch der
Okieean nahm es nicht zur Kenntnis. „Nakal!“ rief er
laut auf okieeanisch. „Stadt, werde zu Wissen und
zum Wesen! Denn unser Universum ist noch nicht
vergangen, und jetzt ist es nichts als die Frage
nach dir...“
Fast klang es wie ein Gesang; Asera verstand die
Worte nicht, aber ihr Klang war erfüllt von
sehnsüchtiger Traurigkeit und brennender
Neugier. Einen Okieean in seiner Sprache reden zu
hören, konnte begreiflich machen, mit welcher
Tiefenwirksamkeit ein gesprochener Laut genau das
berühren kann, was in seinem Sinn liegt. Fast
war es eine Sprache, die auch der verstehen konnte,
der sie nicht kannte.
Zu Aseras Überraschung veränderte sich nun
die Höhle. Die Felswände, die eben noch
fest gewesen waren, wirkten nunmehr wie ein
aufwallender Ozean. Die Stalagmiten wanderten umher,
ebenso die Stalagtiten. Einer der
herabhängenden Türme kam direkt vor den
beiden zum Stillstand, und der Boden unter ihren
Füßen wuchs nach oben, erhob sich empor
zu diesem Turm. „Eine praktische Stadt,
Qe-Le’Mahar“, rief Asera anerkennend. „Man geht
nicht etwa auf die Suche nach einem Ort, nein, man
lässt ihn einfach selber zu sich kommen!“
Nachdem sich ihr Podest vor einem großen
Eingang des Turms verfestigt hatte und der Rest der
Station ebenfalls wieder starr verharrte, betraten
die beiden „Geschwister“ den Riesenstalagtit. „Hier
dürfte eine Art Archiv sein. Wir werden gleich
Klarheit über alles erhalten, meine Schwester.“
*
Schriftrollen, Bücher, Zeichnungen,
Gemälde, Statuen, elektronisch gespeichertes
Ton- und Bildmaterial, holographische Datenkristalle
– alle erdenklichen Formen von aufgezeichneter
Geschichte fanden sich in der großen
Steinhalle, die Qe-Le’Mahar und Asera Ghor
durchforschten. „Wenn wir wüssten, wonach wir
überhaupt suchen!“ rief die Chelorierin, der
das ganze Unterfangen immer sinn- und aussichtsloser
vorkam. „Was möchtest du wissen?“ Asera fuhr
herum, da sie diese Stimme nicht kannte. Das
dreidimensionale, farbige Holokonstrukt eines
Okieean leuchtete auf. „Ich bin ein Abbild
Del-Ka’Rahls, des letzten Okieean, der hier gelebt
hatte... Sein ganzes Wissen ist in mir gespeichert.“
Qe-Le’Mahar kam hinzugeeilt und lächelte.
„Del-Ka’Rahl – ein alter Freund von mir. Er musste
gewusst haben, dass ich eines Tages hierherkommen
würde.“ – „Du vielleicht schon, aber eine
Chelorierin?“ Das Holokonstrukt war gegenüber
Asera Ghor äußerst reserviert. „Wir sind
Geschwister“, erklärte Qe-Le’Mahar
äußerst knapp. „Tatsächlich?“ – „Im
wahrsten, universellen Sinn des Wortes, verstehst
du? Nicht, dass das jetzt sehr wichtig sei. Ich muss
vielmehr wissen, was damals nach dem Krieg der
Okieean gegen die Ur-Chelorier geschehen ist!“ Das
Holokonstrukt nickte langsam. „Ja...“ sagte er
bedächtig. „Du verschwandest im Jahre 907 des
Zeitalters von Um-Ni’Omnu – du kannst es nicht
wissen. Äußerst seltsame Dinge geschahen.
Du weißt, dass eine Entität namens
Zolthai den Tod aller Okieean wollte und zu diesem
Zweck das Volk der Chelorier (von dir mittlerweile
Ur-Chelorier genannt, wie mir aufgefallen ist) auf
uns hetzte. Doch seine Gründe dafür waren
uns unbegreiflich geblieben. Jedoch erschien eine
weitere mächtige Entität namens
Thângor und half uns, die Chelorier zu
besiegen. Dann überbrachte uns jemand eine
Botschaft von noch höheren Mächten,
genannt die Zeitmäander. Es waren
Informationen, die unser Volk tief bewegten, denn
sie schilderten den Vorgang der Entstehung
Thângors... Es war vor einer undenklich langen
Zeit, als es weder Okieean noch Chelorier gab, da
erschien wie aus dem Nichts ein mächtiges Volk
in der Ersten Galaxis, weit entwickelt und am Rande
des nächsten Schritts seiner Evolution stehend,
doch es führte diesen Schritt nicht durch;
statt dessen verschmolzen sie ihre Energien und ihre
Materie ineinander, um aus sich selbst heraus die
Entität Thângor zu bilden... Du kannst
dir sicher schon denken, dass die Zeitmäander
uns bewiesen, dass wir – die Okieean – jenes Volk
waren, das einen Zeitsprung in die Vergangenheit
durchgeführt hatte und durchführen
sollte... Wir brauchten lange, um uns zu
entscheiden. Der Abgesandte der Zeitmäander,
dessen Name Akzanar war, blieb bei unserem Volk und
drängte uns nicht. Nachdem wir eine lange
kollektive Meditation durchgeführt hatten,
beschlossen wir, der Aufforderung durch die
Zeitmäander nachzukommen; und im Jahre 1311 des
Zeitalters von Um-Ni’Omnu traten wir die Reise an,
in eine der fernsten Vergangenheiten, um dort
unserer Bestimmung zu folgen. Nur fünf von uns
blieben zurück: Zo-Ca’Riel, Um-Ni’Omnu,
Ry-Xar’Nihr, Al-Li’Andra – und du, Qe-Le’Mahar, du
allerdings nur deshalb, weil wir dich nirgendwo
finden konnten, du warst ja verschollen... Aber seit
diesem Zeitpunkt war klar, warum der Zolthai uns
vernichten wollte - um die Entstehung Thângors
zu verhindern.“
Das Holokonstrukt verstummte. Asera Ghor hatte sich
auf den kühlen Steinboden gesetzt und senkte
andächtig den Kopf, ohne ein Wort zu sagen.
Qe-Le’Mahar ging langsam durch den Raum und blieb
bei einem Fenster stehen. Die matte, kühle
Schönheit der Station Nakal kam ihm
plötzlich noch plastischer und lebendiger vor.
„Also entstand Thângor aus Okieean...
Unglaublich,“ murmelte er. „Es ist kaum zu fassen.
Der Zeitkrieg wurde keineswegs von den Cheloriern
begonnen, mein Bruder. Es waren die Okieean“,
begriff Asera Ghor. „Nicht, dass das etwas
ändern würde...“ fügte sie dann noch
hinzu. Qe-Le’Mahar antwortete ihr nicht. Es gab
keine Relevanz in dem, was er gerade gehört
hatte; es schien unplausibel und uncharakteristisch
für die Art und Weise, in der sich das
Universum eigentlich entwickelte.
„Sei getrost, Qe-Le’Mahar. Ich weiß genau, wie
du dich jetzt fühlst“, hörte er auf einmal
eine Stimme, die nicht hierher zu passen schien,
obwohl er sie gut kannte und ihren Klang geliebt
hatte. „Zo-Ca’Riel!“ rief er aus und sprang auf den
anderen Okieean zu, neben dem der Miolarudine
Pylades stand. Asera Ghor erhob sich und blickte
perplex zu, wie sich die beiden innigst umarmten –
spätestens jetzt begann die Situation für
sie einen ersten Höhepunkt leichter
Absurdität zu erreichen. Argwöhnisch stand
sie abseits von den drei Humanoiden und lauschte nur
halb den Erklärungen, die Pylades und
Qe-Le’Mahar von sich gaben, jedoch registrierte sie,
dass Zo-Ca’Riel sie misstrauisch musterte.
Qe-Le’Mahar sah es allerdings auch und sprach: „Sie
ist meine Schwester, Zo-Ca’Riel; und ich bin ihr
Bruder – niemand kann unser Verhältnis
zueinander erschüttern. Ich würde mir
wünschen, dass ihr Freunde werdet.“ – „Wir
haben uns wohl zu lange nicht gesehen, Qe-Le’Mahar –
aber ich vertraue dir trotzdem. Endlich sind wir
beide nicht länger allein. Für lange Zeit
dachte ich, ich sei der letzte der Okieean“, sprach
Zo-Ca’Riel. Das seltsame Gefühl, das ihn
hierhergezogen hatte, schob er jetzt ganz auf die
Tatsache, wie sehr er diese Begegnung ersehnt hatte.
Qe-Le’Mahar lachte. „Zu sagen, mir wäre es
anders ergangen, könnte keine
größere Lüge sein!“
Pylades‘ Funksensor erhielt eine automatische
Ortungsmeldung von der ATLOVRAT. „Ich unterbreche
Ihre linguistischen Höhenflüge nur
äußerst ungern, aber das WEISSE SCHIFF
der Chelorier ist aufgetaucht“, meldete der
Miolarudine dann: „Wir müssen etwas
unternehmen.“
‚Weißes Schiff?‘ dachte Asera verwirrt, aber
nun wollte sie eigentlich wirklich nichts mehr
hören. Als jedoch Qe-Le’Mahar danach fragte,
wurde auch diese Erklärung von Pylades
geliefert... „Aber die ATLOVRAT kann doch gegen
dieses Zeitschiff nichts ausrichten – und die
Chelorier werden niemals hierher kommen“, sprach
Zo-Ca’Riel. Pylades sah ihn missmutig an. „Ein
sicheres Versteck“, entgegnete er abfällig.
„Sie können gerne alle hierbleiben, aber ich
werde wieder starten!“ – „Wir müssen
vernünftig handeln!“ sagte Qe-Le’Mahar ruhig:
„Ich beschwöre Sie, zu bleiben... Der
Schlüssel zu all diesen Problemen liegt hier.“
Asera Ghor hörte ihnen nicht mehr zu. Sie
ließ ihre Gedanken unkontrolliert schweifen,
so dass sie sich auflösten und sich einer
gewissen Ruhe, einem Frieden hingaben. Sie musste
herausfinden, was tatsächlich zu tun war. Der
Frieden breitete sich in ihr aus und erfüllte
sie – plötzlich schien alles in eindeutiger
Klarheit vor ihr zu liegen, und sie sah durch das
Durcheinander der Zeiten eine Linie, die sie
verfolgen musste. Der Dunkle Herrscher von IRIA...
Kaum hatte sie jedoch diesen Gedanken gehabt,
stutzte sie. Was hatte diese Eingebung bei ihr
verursacht? Sie nahm eine eigenartige Strömung
in ihren Gedanken wahr, und sie erinnerte sich
plötzlich an die Zeit, als sie selber noch die
Menschen bekämpft hatte. Dieser feste Wille,
die Entschlossenheit, die Kaltblütigkeit, der
Scharfsinn und der Rausch der Ekstase, die Menschen
auszurotten - wie gut hatte sie diese Form des
Empfindens gekannt! Alle diese Gefühle waren
mit einem Mal wieder seltsam präsent in ihr,
obwohl es gleichzeitig die unerschütterliche
Tatsache gab, dass Qe-Le’Mahar ihr Bruder war – Kind
dieses Kosmos wie sie.
„Etwas ist hier!“ Erst, als sie diese Worte
aussprach, begriff sie sie. Die anderen blickten zu
ihr und verstummten überrascht. „Was meinst
du?“ fragte Qe-Le’Mahar, den ihr Tonfall
äußerst beunruhigte. „Etwas ist hier!“
wiederholte die Chelorierin. „In diesen
Gemäuern befindet sich noch etwas anderes
außer uns. Etwas Finsteres, Gefährliches
– und es lebt!“ Sowohl Qe-Le’Mahar als auch
Zo-Ca’Riel lauschten alarmiert dem hellen Klang, den
Nakal von sich gab, doch sie konnten keine
Veränderung feststellen. Auch Pylades konnte
mit seinen Sinnen kein fremdes Wesen verspüren.
„Gut“, flüsterte er. „Den Zolthai oder den
Schwarzen Nebel hätte ich an ihrer Ausstrahlung
erkannt...“ Asera Ghor starrte auf die zweite
Tür der Bibliothek. „Was ist hinter dieser
Tür?“ fragte sie das holographische Abbild des
Archivars und Historikers. Del-Ka’Rahl
überlegte einen Moment. „Diese Tür war bei
meiner letzten Aktivierung durch die Okieean
Um-Ni’Omnu noch nicht da. Solche Verformungen sind
in Nakal allerdings nichts Ungewöhnliches. Es
muss hier etwas in der Zwischenzeit passiert sein.“
Da er nur ein Holokonstrukt war, sprach er diese
Worte so gleichmütig wie eine Einladung zum Tee
aus. Asera Ghor ging langsam auf die Tür zu und
starrte den Tastsensor mit stechendem Blick an.
„Vielleicht ist das keine besonders gute Idee“,
sinnierte sie, aber sie berührte den Sensor,
und die Tür öffnete sich mit einer
schnellen Bewegung. Der Raum dahinter war dunkel,
aber auch verlassen. Pylades atmete auf, etwas
erleichterter – dann traten sie ein.
Ein großer Steinquader stand im Zentrum des
Raumes, ein Meter hoch, zwei Meter lang. Auf ihm lag
eine einzelne kristalline Blume. Schweigend standen
die vier vor diesem Gebilde – es war klar, was das
war.
Qe-Le’Mahar entdeckte auf der anderen Seite des
Quaders eine kleine Platte aus Titanium und ging um
ihn herum, um die Inschrift in okieeanischen
Buchstaben zu lesen. „Hier liegt... Zo-Ca’Riel.
Geboren im Jahre 91 des Zeitalters von Sa-Ra’Kim –
Gestorben im Jahre 4 des Zeitalters von Zo-Ca’Riel –
als letzter der Okieean.“ Aus der Betroffenheit war
Verblüffung geworden. Pylades schaute
Zo-Ca’Riel an, mit – er konnte sich nicht helfen –
einer gewissen Amüsiertheit. „So. Sie werden
also tatsächlich hiergewesen sein. Irgendwann
in der Zukunft werden auch Sie in die Vergangenheit
reisen, und dort werden Sie sterben. Sie können
sehen: Ihr Grab wird ergreifend schön sein.“
Qe-Le’Mahar war ungehalten über den
Miolarudinen. „Schweigen Sie!“ herrschte er ihn an.
„Nein“, brachte Zo-Ca’Riel hervor: „Alles ist ganz
anders, als Sie denken. Mir fällt nun ein, was
geschah - eine verschüttete Erinnerung!“ Eine
plötzliche Schwäche überfiel ihn mit
nie gekannter Heftigkeit; Eiseskälte erfasste
ihn, und er sank zu Boden. Pylades fing ihn
blitzschnell auf. Eigentlich war es unmöglich,
dass ein Okieean in Ohnmacht fiel –
schließlich hatten sie alle
Körperprozesse zu einem Punkt absoluter
Kontrollierbarkeit entwickelt. „Ich war wirklich
schon hier...“ flüsterte Zo-Ca’Riel. „Und ich
...“ Ehe er den Satz vollenden konnte, verlor er das
Bewusstsein. Behutsam ließ der Miolarudine den
bewusstlosen Zo-Ca’Riel zu Boden gleiten, wo er
reglos liegenblieb.
Qe-Le’Mahar war erschüttert. „Was...“ begann er
eine Frage, doch in diesem Moment verwandelte sich
Zo-Ca’Riels Körper in einen irisierenden Blitz
– ein Vorgang, den Pylades sofort erkannte. „Die
Entstofflichung einer psychonischen Manifestation!“
rief er erstaunt aus. „Genau wie bei Orin
Tadschuriath und dem Psychoniumfragment von
Ry-Xar’Nihr!“ Der flirrende Energiewirbel
vergrößerte sich langsam. „Gehört
zur Entstofflichung der Manifestation nicht auch die
Rematerialisation einer tatsächlichen Person?“
fragte Asera Ghor. „Ein Vorgang, dessen du gerade
Zeugin bist, Schwester. Ich schlage vor, dass wir
...“
Qe-Le’Mahar konnte seinen Satz erneut nicht beenden
– vor ihnen materialisierte das Wesen, welches das
Zo-Ca’Riel-Psychoniumfragment trug. Es war ein
Chelorier. Pylades erkannte ihn an der weißen,
gezackten Linie, die quer über sein dunkles
Antlitz verlief. In dem holographischen Bildmaterial
der Anera-Chronik hatte er ihn bereits einmal
gesehen.
Vor ihnen stand Koinos Khedma – der Dunkle Herrscher
von IRIA.
2
Pylades hatte nicht die geringste Ahnung, was die
erneute Veränderung der Situation zu bedeuten
hatte. Aber er schaltete trotzdem schneller als die
anderen und tat das, was ihm notwendig erschien. Mit
unglaublicher Geschwindigkeit bewegte er sich zu dem
Chelorier, der soeben seine Verstofflichung komplett
abgeschlossen hatte, nahm ihm das
Zo-Ca’Riel-Psychoniumfragment ab und übergab es
Qe-Le’Mahar. Dann justierte er seine temporale
Matrix wieder auf den normalen humanoiden
Geschwindigkeitsablauf. „Das gehört jetzt wohl
Ihnen, Qe-Le’Mahar“, erklärte er ruhig. Der
Okieean nahm es wortlos an sich und starrte immer
noch erschüttert auf den Kristall.
Koinos Khedma stand weiterhin reglos da – seine
Sinne waren noch desorientiert von der langen
Periode der Entstofflichung. Aber etwas stimmte
nicht mit ihm. Seine latex-artige Haut war nicht
schwarz wie die von Asera Ghor oder allen anderen
Cheloriern, die Pylades kannte, sondern sie war
hellgrau, und er war höchstens 1,70 Meter
groß. „Er ist noch ein Kind!“ rief Asera Ghor
verblüfft aus. Allmählich fasste sich
Koinos Khedma, er hörte zu zittern auf, und
seine Augen wurden ruhig. Pylades trat vor ihn. „Ich
weiß nicht, was hier vorgeht. Jedoch eines
soll Ihnen klar sein: Wenn Sie sich bewegen sollten,
werde ich Sie töten. Kein Slotram ist hier, der
mich mit einer ESP-Blockierung aufhalten
könnte, und wenn ich auch aussehe, als sei ich
nur ein Mensch, so habe ich Fähigkeiten, Sie zu
töten, so schnell und wirkungsvoll, dass Sie es
nicht einmal bemerken werden.“
Asera Ghor erschauerte. Noch nie hatte sie ein
humanoides Wesen so eiskalt und
angsteinflößend sprechen hören.
Obwohl ihr nicht daran lag, ihrem Erzfeind, dem
Dunklen Herrscher, zu helfen, so wusste sie dennoch,
dass sie die Rolle der Beschützerin seines
Lebens übernehmen musste, sobald es in Gefahr
sein würde. Absurderweise lag der Grund
dafür ausgerechnet in den Werten der
Humanität, die die Chelorier bekämpften.
Koinos Khedma war jedoch gefasst. Mit einer hellen,
rauhen Stimme sprach er leise: „Ich habe die
Erinnerungen an Sie, Pylades, und an alles, was
bisher geschehen ist. Alles, was Zo-Ca’Riel in
seiner ganzen Existenz erlebte, lebend, wie auch als
Psychonium bis gerade eben, habe ich in meinem
Gedächtnis. Wenn es das ist, was Sie
wünschen, so akzeptiere ich meine
Gefangenschaft.“
„Was wir vor allem wünschen“, schaltete sich
Qe-Le’Mahar ein, „sind Antworten. Erklären Sie,
wieso Sie Zo-Ca’Riels Psychonium tragen. Was waren
die Umstände seines Todes? Warum verschmolzen
Sie und er zu einer Einheit?“ Der junge Chelorier
ging zu dem Grab Zo-Ca’Riels, hob die kristalline
Blume auf und betrachtete sie mit – wie nur Asera es
wahrnehmen konnte – sehr traurigen Augen. „Ich will
Ihnen alles sagen, was ich weiß, doch es ist
sehr schwierig, einen Anfang zu finden. Meine Rolle
in diesem Verwirrspiel begann erst sehr spät –
vor etwa 50 Jahren Ihrer Real-Zeit, so glaube ich.
Sie haben Del-Ka’Rahls Schilderung der Dinge
gehört, und dass seine Chronik der Okieean im
Jahre 1315 des Zeitalters von Um-Ni’Omnu endete. Das
war vor ca. zwei Millionen Jahren Ihrer Real-Zeit.
Das Volk der Okieean war fort – aufgebrochen in eine
Vergangenheit, die zehn Milliarden Jahre Ihrer
Real-Zeit zurückliegt. Nur fünf Okieean
waren geblieben. Sie wollten feststellen, ob
Thângor entstanden war, und natürlich
fanden sie schnell heraus, dass dem tatsächlich
so war. Seitdem war ihr Leben in einem seltsamen
Dämmerzustand. Sie waren erfüllt von
Zufriedenheit, von Glück über das
Schicksal ihres Volkes, aber auch von großer
Traurigkeit – sie waren allein, und das, was sie
bisher als ihre Zukunft angesehen hatten, war nun zu
einer grandiosen Vergangenheit geworden. Zo-Ca’Riel
sah für sein Leben keine Zukunft, zumindest
nicht die Zukunft, die er sich erhofft hatte, und er
grübelte lange Zeit darüber nach, welche
neuen Herausforderungen es nun für ihn geben
sollte. Die Okieean Al-Li’Andra machte den
ursprünglich vorgesehenen Evolutionsschritt;
sie wurde zu einer neuen Lebensform, einem
humanoiden Wesen, das im Weltraum lebte, und so
verließ sie die Heimatwelt der Okieean. Sie
verschwand in den Weiten des Kosmos. Del-Ka’Rahl
folgte ihr ebenfalls.
Daraufhin tat Um-Ni’Omnu denselben Schritt. Sie rief
das Ende ihres Zeitalters aus, und dann löste
sie sich vom Boden des Planeten. Ich habe
Zo-Ca’Riels Erinnerung an diesen Augenblick, sie ist
sehr lebendig... Die Schwerkraft hielt Um-Ni’Omnu
nicht mehr, und sie schwebte immer höher, bis
sie zwischen den Wolken verschwand. Das letzte, was
er von ihr sah, war ein Strahl, der in den
Spektralfarben aufblitzte, und weit hinausschoss in
das Vakuum. „In diesem Moment beginnt das erste Jahr
der Zeitrechnung des Zo-Ca’Riel“, sprach der Okieean
zu seinem Freund Ry-Xar’Nihr, nicht ohne Grund, wie
sich schon bald herausstellen sollte. Es musste
für ihn einen großen Plan geben, einen
wichtigen Grund, um zu existieren. Er begann seine
Forschungen über die Geschichte Thângors
und des Universums. Die Okieean hatten ein
großes Wissen angesammelt, aber Zo-Ca’Riel
interessierte sich für Dinge, die bislang
niemanden interessiert hatten. Er sah Thângor
als eine weiterentwickelte Form seiner selbst an,
und es dürstete ihn nach einer Herausforderung,
nicht nur für ihn, sondern auch für das,
was einmal Teil von ihm gewesen war: sein Volk, also
mittlerweile Thângor. An Ihren Gesichtern
erkenne ich, dass Sie anfangen, einen furchtbaren
Verdacht zu hegen, aber lassen Sie mich Ihnen
versichern, Pylades: Zo-Ca’Riel kam keineswegs auf
die Idee, an die Sie vermutlich gerade denken –
durch mich einen Zeitkrieg der Chelorier gegen
Thângor auszulösen...
Dies war wirklich nicht das, was er vorhatte, und
den Zeitkrieg hat er, so paradox dies klingen mag,
nicht erlebt, weil er erst 2 Millionen Jahre
später beginnen sollte und noch nicht in
Zo-Ca’Riels Gegenwart eingebrochen war. Ich
erzähle Ihnen eine Geschichte, die es zur Zeit
noch gibt, denn der Angriff auf die Okieean wird ja
erst stattfinden. Und die Taten, die Zo-Ca’Riel
damals vollbrachte, sollten zur Folge haben, dass
sein Leben nicht durch Eingriffe im Ablauf der Zeit
verändert werden konnte. Er beschloss,
Genaueres über die höheren Mächte
herauszufinden, die für die Entstehung
Thângors verantwortlich waren, und er
verließ den Heimatplaneten der Okieean, um das
Kontinuum der Zeitmäander aufzuspüren.
Ry-Xar’Nihr begleitete ihn nicht, er wollte sich auf
die Suche nach Ihnen machen, Qe-Le’Mahar, denn Sie
waren damals ja nun bereits seit 400 Jahren
verschollen, und Sie waren sein bester Freund – er
wollte Sie endlich wiedersehen. Was danach
allerdings mit Ry-Xar’Nihr geschah, weiß
jedoch niemand – er tauchte erst wieder auf, als er
sich bereits in einem Psychoniumfragment
destrukturiert hatte... Zo-Ca’Riel flog also alleine
zum Planeten Jiloi im CHRONOMATERIE-UNIVERSUM, wo er
herausfinden wollte, auf welche Art er ins Kontinuum
der Zeitmäander gelangen konnte. Ein
ektoplasmatisches, in der Luft schwebendes
Kugelwesen namens Andrax und mehrere der damaligen Kosmosophen, Cermberc,
Mirciolm und Gormolc erwarteten ihn jedoch bereits
mit einer kleinen Überraschung.
Dieses Bild ist sehr lebendig in mir, obwohl ich
selber es nicht erlebt habe. Andrax und Cermberc
spazierten mit Zo-Ca’Riel durch einen Hain riesiger,
bezaubernder, dunkelgrüner Blumen und
Bäume und offerierten ihm ein Geschenk. „Sieh
es als Aufmerksamkeit Thângors an, als Dank
dafür, dass du hiergeblieben bist. Wir wollen
dir die Sterblichkeit anbieten“, sagte Cermberc, der
schmächtige und hagere Humanoide mit dem langen
Haar aus purem Platin, mit sanfter
Liebenswürdigkeit. In Zo-Ca’Riel stieg eisige
Furcht auf, gepaart mit Unglaube. „Das kann nicht
euer Ernst sein!“ sagte er. „Es ist grotesk, absolut
lächerlich! Ich suche eine Herausforderung, und
Ihr bietet mir – den Tod an?!“
Die schwebende Ektoplasmakugel Andrax lachte rein
telepathisch und legte dar, was das Angebot zu
bedeuten hatte. „Thângor zweifelt sehr daran,
dass kosmische Omnipotenz und Unsterblichkeit der
wahre Weg für ihn sind, oder für uns. Er
bietet dir an, die anderen Möglichkeiten zu
erforschen, die es geben könnte...“ – „Wo ist
Thângor? Ich möchte ihm gerne
persönlich meine Meinung zu diesem Angebot
sagen!“ rief Zo-Ca’Riel, der noch immer empört
war. „Er ist nicht hier, er bekämpft gerade die
Entität Rhaji-Slemmni, den Plasmaring“,
erklärte Cermberc entschuldigend. „Nun, das
will ich ihm auch geraten haben! Es gibt kein Leben
nach dem Tod; Energie und Materie nehmen völlig
andere Form an. Nur unter speziellen
metaphysikalischen Gegebenheiten gibt es bestimmte
chemisch-elektrische Reaktionen mit Permanenz, die
ein Fortbestehen des Bewusstseins ermöglichen –
doch dieses ist in einem solchen Fall natürlich
nicht tot, sondern es lebt noch! Nach dem Tod jedoch
gibt es nur Nicht-Existenz, so wie vor der Geburt!“
Andrax widersprach ihm. „Dieser Aberglaube basiert
auf der Unzulänglichkeit wissenschaftlicher
Fakten. Thângor weiß, dass es ein Leben
nach dem Tod gibt – in einer Form allerdings, die er
nicht kennt, ja die überhaupt niemand kennen
kann. Er bietet dir die Chance an, es
herauszufinden, und er bittet dich, einen Weg zu
finden, ihm das Wissen von diesem Zustand zu
vermitteln. Er muss wissen, was für eine Form
das Leben nach dem Tode hat.“ – „Ich soll sterben,
um als Geist zurückzukehren und Thângor
vom Leben nach dem Tod zu berichten?“ Zo-Ca’Riel
konnte es nicht fassen. Cermberc schilderte, dass
sehr viele Sterbliche es bereits versucht hatten,
nachdem Thângor sie vor ihrem Tod darum
gebeten hatte. Selbst die vergangenen Generationen
der Kosmosophen, die bekanntlich am Ende ihrer
zehntausendjährigen Existenz den Weg der
Sterblichkeit beschreiten, hatten sich nach ihrem
Tod nicht gemeldet. Jetzt hatte Thângor nur
noch die Hoffnung, dass es einem Okieean, einem von
Natur aus unsterblichen Menschen, gelingen
würde, nach der Transzendierung des Daseins
Nachrichten ins Diesseits zu übermitteln.
Cermberc fügte noch einen weiteren Aspekt
hinzu. „Sieh es doch einmal so. Vor nichts hast du
Angst, außer vielleicht vor dem Tod. Viele
Unsterbliche teilen diese Furcht mit dir, oder
erhoffen sich den Tod, um sich von ihrem Dasein zu
erlösen. Eines Tages musst du dich deiner
großen Furcht stellen und sie besiegen. Ist
das nicht die größte Herausforderung
deines Lebens?“
Cermberc sprach diese Worte – und sie berührten
tatsächlich einen Nerv in Zo-Ca’Riel. Er
verbrachte einige Wochen auf Jiloi und meditierte.
Schließlich wandte er sich an Andrax. „Wenn
ich die Sterblichkeit akzeptiere – wie lange bleibt
mir mein Leben noch erhalten?“ fragte er. „Fünf
Jahre“, sprach das Kugelwesen. Zo-Ca’Riel
erzitterte. Eine kurze Zeitspanne, oftmals die
kürzeste Dauer eines Gefühlszustandes, und
nun der Rest seines Lebens, um mit allem
angefüllt zu werden, was noch wichtig sein
sollte? Dies war vielleicht wirklich die
größte Herausforderung. Er atmete ein
paar Mal tief durch und traf seine Entscheidung.
„Dann soll es so sein – mach‘ mich sterblich,
Andrax!“ Das leuchtende Kugelwesen ließ einen
dunkelvioletten Nebel aufsteigen, der Zo-Ca’Riel
umhüllte und in sich auflöste. Als
Zo-Ca’Riel wieder körperlich wurde, hatte der
Nebel seine physische Struktur transformiert – und
er würde in fünf Jahren sterben! Mit einem
wilden, überschwenglichen Lachen verabschiedete
er sich von Cermberc und Andrax, danach
verließ er sofort den Planeten Jiloi und das
CHRONOMATERIE-UNIVERSUM. Er war jetzt erfüllt
von wahnsinnigem Tatendrang und wollte so viele
Rätsel lösen wie irgendmöglich. Das
größte Rätsel packte er gleich als
erstes an.
Er steuerte ein Weißes Loch an, durch das er
in das Kontinuum Ti’Hayla gelangen wollte, dem
mysteriösen Reich der HYPERIONER, über die
kein einziges Wesen in den anderen bekannten
Raum-Zeit-Kontinuen Bescheid weiß. Sie
scheinen etwas einwenden zu wollen, Pylades, aber
warten Sie bitte das Ende meiner Geschichte ab – sie
dauert nicht mehr lange. Zo-Ca’Riel gelangte
tatsächlich nach Ti’Hayla und blieb dort
für drei Jahre. Was er dort erlebte, kann ich
nicht schildern, es sind Sinneseindrücke, die
ich nicht begreifen oder verarbeiten kann. Aber auch
der Okieean selber kehrte in einem Zustand geistiger
Desorientierung in unser Universum zurück. Alle
hielten ihn für umnachtet vom Wahnsinn, aber
dem war nicht so. Er dachte nur in völlig
fremdartigen Bahnen. Zo-Ca’Riel begab sich hierher –
in die Stadt Nakal, um ihre Formstruktur zu
rekonfigurieren. Andrax und Cermberc suchten ihn
auf. Sie waren sehr besorgt um ihn, denn er wirkte
vollkommen irrsinnig und hatte immerhin nur noch
zwei Jahre zu leben.
Um so größer war ihre Überraschung,
als ihnen der Okieean erklärte, was er auf
Nakal konstruierte. „Ich nenne es das Orchester von
Malûn!“ rief er und zeigte begeistert in alle
Winkel der Stadt. „Einst hat uns der Klang unserer
Städte miteinander verbunden – wir spürten
unsere Ganzheit durch die Musik und kommunizierten
miteinander auf diese Art über Lichtjahre
hinweg. Ich habe das Klangsystem Nakals
verändert, und zwar nach den Spezifikationen
des Hyperioners Zharlan. Das Orchester von
Malûn ist nun ein Medium zur Kommunikation mit
dem Reich der Toten. Sobald ich tot bin und Bescheid
weiß über die exakte Natur des Lebens
nach dem Tode, werde ich euch diese Informationen in
musikalischer Form durch das Orchester von
Malûn zukommen lassen – die Sinfonien und
Gesänge des Todes werden erklingen, wie von
Geisterhand gespielt. Und auch ihr, die Lebenden,
könnt mir Botschaften übermitteln. Wenn
ihr das Orchester benutzt, werde ich es hören!
Auf diese Art und Weise wird Thângor erfahren,
was er wissen will.“
Andrax war zutiefst beeindruckt und verließ
Nakal wieder. Der Kosmosoph Cermberc beschloss
jedoch, bei Zo-Ca’Riel zu bleiben. Zum einen hatte
dieser nicht mehr lange zu leben, und zum anderen
war Cermberc voller Zweifel über den Plan
Thângors. Nur höchst selten hatte
Zo-Ca’Riel klare Momente, ansonsten plagten ihn
Visionen des Wahnsinns. Das Reich der Toten erwuchs
in seiner Vorstellung zu einem Paradies ewiger,
sinnlicher, ekstatischer Verzückung, den
Lebenden entrückt. Doch manchmal fand Cermberc
den Okieean von tiefster Angst gepackt; er schrie,
dass er nicht sterben wollte. Nach einem besonders
heftigen Anfall - tagelang hatte er gebrüllt
und geweint - erfassten ihn Ruhe und Klarheit. Er
war ansprechbar, und Cermberc fragte ihn, ob das
Orchester von Malûn tatsächlich
funktionieren könne. Zo-Ca’Riel seufzte schwer.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung. Es ist ein
Prototyp nach Entwürfen des Hyperioners Zharlan
– der ein Apologet der kosmischen ENTROPIE zu sein
scheint. Er befindet sich wegen seiner radikalen
Entwürfe zum voraussichtlichen Ende des
Universums in heftigem Streit mit dem Hyperioner
Ychon, einem Materie-Energie-Harmonisierer. Eine
Botschafterin Zharlans hatte mir die Entwürfe
überbracht und mir mitgeteilt, dass Zharlan
sehr an der Erforschung des Reichs der Toten
interessiert sei. Es könnte also funktionieren.
Aber in meinem jetzigen Zustand sind meine Sinne
noch vernebelt vom Aufenthalt in Ti’Hayla. Wenn ich
im Delirium sterbe, hat es nicht den geringsten
Sinn. Und ich ... ich will nicht sterben. Nicht auf
diese Weise“, sprach Zo-Ca’Riel, erschöpft und
völlig ruhig.
Cermberc tat daraufhin etwas sehr
Ungewöhnliches, das in direktem Widerspruch zu
den Wünschen Thângors stand. „Ich kann
dir zwar nicht deine Unsterblichkeit
zurückgeben, aber ich kann dafür sorgen,
dass sich deine Essenz in einem Psychoniumfragment
konserviert. Dieses Psychonium werde ich einem
geeigneten Träger übergeben. Bei deiner
nächsten Verstofflichung wirst du geistig
wieder vollkommen klar sein. Aufgrund deiner
jetzigen Verwirrung kann es allerdings passieren,
dass du einen Gedächtnisverlust erleiden wirst.
Unter Umständen wirst du denken, niemals
gestorben und in einem Psychonium aufgegangen zu
sein. Dein Träger wird dir helfen, damit du
dich orientieren kannst!“ erklärte Cermberc.
Zo-Ca’Riel erklärte sich einverstanden und bat
den gütigen Kosmosoph, Qe-Le’Mahar zu finden,
denn dieser – also Sie – sollten nach seinem Wunsch
das Psychonium tragen. Und so starb Zo-Ca’Riel
einige Monate später, hier in Nakal, in
völliger geistiger Umnachtung. Die Essenz
seines Wesens wurde jedoch von Cermberc in ein
Psychoniumfragment transformiert. Ich nehme an, dass
dieses Grab hier in Wirklichkeit leer ist und nur
eine rein symbolische Funktion hat. Was als
nächstes mit dem Psychonium geschah, weiß
ich leider nicht genau. Cermberc muss es wohl eine
gewisse Zeitlang auf der Suche nach Ihnen getragen
haben; doch er musste die Suche bald abbrechen.
Aus dem Kontinuum der Zeitmäander tauchte
erneut der Abgesandte Akzanar auf. Er forderte
Cermberc wohl auf, ihm das Psychonium zu
übergeben, und dieser muss der Aufforderung
gefolgt sein. Ich habe eine vage Erinnerung an die
erste Manifestation Zo-Ca’Riels. Akzanar war
derjenige, mit dessen Körper er sich
verschmolzen hatte. Diese Manifestation fand im
Kontinuum der Zeitmäander statt,
außerhalb der Gesetzmäßigkeiten von
Raum und Zeit. Jetzt können Sie sich sicher
denken, dass Zo-Ca’Riel an diesem Ort von dem
Wahnsinn des Zeitenkrieges erfuhr. Eine
geheimnisvolle Frau namens Faebla nahm ihn auf eine
Reise mit, die in wenigen Stunden vom ersten Tag bis
zum letzten Tag der Auseinandersetzung führte.
Der erste Tag des Krieges begann, als der Schwarze
Nebel aus dem Jahr 7499 nach der Zeitrechnung von
ALTAIR IV um 10.000 Jahre zurücksprang – in das
Jahr 3459 terranischer Zeitrechnung. Zu diesem
Zeitpunkt rekrutierte der Schwarze Nebel die
Chelorier. Der letzte Tag des Krieges wird im Jahre
7659 nach der Zeitrechnung von ALTAIR IV
stattfinden. Eine Entität namens Zerqa-Thvoxos
wird auftauchen und um 100 Millionen Jahre
zurück in die Vergangenheit reisen – dort
verhindert sie den Anfang der Existenz der
Chelorier, des Zolthai, der Okieean und
Thângors – und übernimmt somit den
gewaltigsten Potential-Cluster in diesem
Raumzeitkontinuum, nachdem sich der Schwarze Nebel
mit ihr vereinigt.
Das einzige, was Faebla und Zo-Ca’Riel auf ihrer
Zeitreise nicht sehen konnten, war Zo-Ca’Riels
eigene Zukunft. Das Fehlen seiner eigenen Zeitlinie
schien ein gutes Omen... Seine offizielle Geschichte
war zu Ende gegangen – mit diesem Grab, vor dem wir
hier stehen. Den Rest können Sie sich denken.“
*
Der junge Chelorier verstummte. Erschöpft sank
er zu Boden und lehnte sich an das Grab, noch immer
geschwächt von seiner Rematerialisation.
Pylades sah auf ihn herab, nicht länger
geringschätzig, sondern mit einer gewissen
Rührung. Koinos Khedma war durch seine
Erfahrungen in der Para-Existenz mit Zo-Ca’Riel ein
völlig anderer Chelorier geworden.
„Ja. Zo-Ca’Riel beschloss, einzugreifen. Er reiste
in die Vergangenheit zurück, um ca. 50 Jahre
nach L’lltuhm, der Heimatgalaxis der Chelorier. Dort
suchte er dich auf, und du warst noch ein Junge,“
erkannte Asera Ghor. „Nein. Akzanar brachte mir das
Psychoniumfragment – vorher entführte er mich
auf den Planeten Garax, eine geheime Welt in
L’lltuhm – dort fand die Verschmelzung statt.
Zo-Ca’Riel materialisierte sich zum zweiten Mal,
während ich mich auflöste und mein
Bewusstsein Teil von ihm wurde. Leider kam es dabei
zu einem weiteren Gedächtnisverlust. Zo-Ca’Riel
wusste gar nicht, dass er überhaupt gestorben
war, und ich konnte keinen Kontakt zu ihm
herstellen. Seine Erinnerung kam erst eben, als er
sich bereits wieder auflöste. So hatte er die
letzten 50 Jahre damit verbracht, herauszufinden,
was mit ihm geschehen war. Es ist ein starkes
Psychoniumfragment, das ihm daher eine extrem lange
Manifestation ermöglichte... Und doch geschah
in dieser Zeit, was er ursprünglich gewollt
hatte. Ich sah mit seinen Augen, fühlte mit
seinen Sinnen. Ich hatte Teil an seiner Weisheit und
der Erinnerung an sein Volk... Mein Leben als Teil
von ihm war seltsam, schön und ergreifend! Ich
weiß jetzt, dass ich niemals in meinem Leben
etwas tun werde, um die Galaxis in ein derartiges
Chaos zu stürzen.“ Die Stimme von Koinos Khedma
brach. Tonlos flüsterte er: „... ich muss jetzt
dorthin zurück, wo ich entführt wurde,
genau an diesen Zeitpunkt in die Vergangenheit vor
50 Jahren, meinen Platz in der Geschichte wieder
einnehmen und die Chelorier auf den Weg des Friedens
bringen.“
Qe-Le’Mahar runzelte die Stirn und strich sich
gleichzeitig über sein Kinn. So wundervoll und
vielversprechend dieser Plan auch klang, so
irritierte den Okieean dennoch eine Kleinigkeit. „Du
selber bist also noch niemals durch die Zeit
gereist? Du hast die letzten 50 Jahre in Symbiose
mit Zo-Ca’Riel verbracht?“ – „Ja“, antwortete Koinos
und schien verwirrt zu sein. „Warum fragen Sie das?“
– „Weil es noch ein kleines Mysterium gibt. Es
wartet auf dich in deiner Zukunft – und es liegt in
der Vergangenheit des Dunklen Herrschers von IRIA,
der erwachsen ist, denn dieser ist ja kein bisschen
daran interessiert, den Weg des Friedens zu
beschreiten!“ – „Mein Freund Ionos, der Roboter der
Kosmosophen, hatte bereits eine beinahe
tödliche Begegnung mit deinem zukünftigen
Selbst, Koinos. Und da du Zo-Ca’Riels Erinnerungen
teilst, solltest du das wissen,“ fügte Pylades
hinzu.
Koinos Khedma rief unglücklich: „Ich
schwöre Ihnen, dass ich das niemals tun werde!“
Qe-Le’Mahar schüttelte den Kopf. „Völlig
bedeutungslos. Da du hier bist, stellt der jetzige
Dunkle Herrscher dein zukünftiges Selbst dar,
und wir müssen herausfinden, was mit ihm
geschah, bzw. was mit dir geschehen wird. Vorher
können wir dich nicht zurückschicken.“ –
„Vielleicht wirst du als erwachsener Chelorier die
Hirngespinste ablehnen, an die du jetzt in deiner
Jugend noch glaubst,“ spottete Pylades bissig.
Koinos Khedma fuhr auf. „Niemals! Eher würde
ich ...“
Ein dröhnender Klang erfüllte
plötzlich die Stadt Nakal, ein Klang wie von
1000 Posaunen. Überrascht verstummte der junge
Chelorier. Asera Ghor fuhr erschrocken zur Tür.
Der Posaunentumult dauerte 5 endlos wirkende
Sekunden, dann herrschte wieder Stille.
„Ist das ein exaltiertes Alarmsignal Nakals?“ fragte
Asera, die in Gedanken bereits einen chelorischen
Flottenverband im Orbit von Triton kreisen sah.
„Nein, meine Schwester.“ Qe-Le’Mahar lief aus der
Grabkammer und trat an eines der großen
Fenster der Bibliothek. Von dort aus blickte er
über die verlassene Stadt. Die anderen folgten
ihm. Der Okieean war verwirrt. „Das gehört
überhaupt nicht zum Klangmodus der Stadt...
Hört ihr etwas?“ Pylades‘ akustische Sinne
waren unübertrefflich, wie alle Eigenschaften
seines energetisch projizierten Körpers. „Ich
kann nicht das geringste hören“, stellte er
fest. „Eben!“ rief Qe-Le’Mahar: „Absolute Stille.
Selbst das reguläre Klingen ist fort!“ Kein
noch so leiser Ton durchdrang die Stille.
Unvermittelt kamen ihnen die Verlassenheit und das
unglaubliche Alter dieses Ortes in der Tiefe des
Neptunmondes in den Sinn. Zwei Millionen Jahre waren
vergangen, seit irgendjemand zum letzten Mal hier
gewesen war. „Lasst uns aufbrechen“, sagte Asera
Ghor. Niemand widersprach. Das Holokonstrukt
Del-Ka’Rahls löste sich grußlos auf.
Gerade verließen sie den hängenden Turm
und liefen die Treppe zur Ebene hinab, als mit
ohrenbetäubendem Getöse ein wilder Tusch
ertönte. Der einzige, der sich nicht die Ohren
zuhalten musste, war Pylades. Es war, als ob sich
alle Musikinstrumente, die es im Universum gab, in
einem grandiosen Klangkörper vereinigten. „Das
Orchester von Malûn!“ begriff Asera Ghor – sie
musste brüllen, um den infernalischen Lärm
zu übertönen.
„HAHAHA! Ganz
recht!“ sang ein Chor mit den Stimmen aller
bekannten Lebewesen. „Und ihr seid lebende Wesen!“ Ein
sich bedrohlich steigerndes Crescendo des Todes
umwallte sie mit allem, was im Bereich der Akustik
lag. „Lebende
Wesen - an der Schwelle zum Übergang! Ihr
braucht nicht länger zu warten!“ Die
Stadt begann sich rasant zu verformen. Stalagtiten
wuchsen von der Decke herunter. „Rennt!“ schrie
Qe-Le’Mahar und sprang mit einem wilden Satz zur
Seite, um einem pfeilschnell herabjagenden Stalagtit
auszuweichen, dessen Spitze ihm beinahe den Kopf
gespalten hätte. Sie rannten los, aber die
Oberfläche der Ebene veränderte ihren
Aggregatzustand von fest zu dickflüssig.
„Hilfe!“ schrie Koinos Khedma, über dem die
bacchantischen Wogen con brio zusammenschlugen. Er
versank, von einem Substanz gewordenen Allegro in
die Tiefe gezerrt.
Pylades handelte blitzschnell und verwandelte sich –
in Bruchteilen von Sekunden waren ihm Flügel
gewachsen, und er beschleunigte seinen eigenen
Zeitablauf. Der junge Chelorier sah ihn in
Zeitraffer heransausen. Ehe er ihm seine Arme
entgegenstrecken konnte, löste sich ein
Plasmastrom aus Pylades’ Händen und umfloss
Koinos Khedma – wie eine Schutzmembran gegen die
Materie dieser Stadt, aus der ihn der Miolarudine
dann herauszog. Zwei Extra-Arme wuchsen aus ihm und
hielten den Chelorierjungen fest. Nur mit Mühe
konnte er den von allen Seiten auf sie
zustoßenden Spießen ausweichen. Es war
ein prachtvolles Ballett extrem schroffen
Übermuts, begleitet von einem berückenden
Sirenengesang aus der Ferne. “Wo sind Qe-Le’Mahar
und Asera Ghor?” versuchte Koinos Khedma die
bombastische Sinfonie zu übertönen.
Besorgt sah sich Pylades nach ihnen um, während
er pfeilschnell durch die Höhle schoss. Er fand
sie jedoch schnell. Der Okieean hatte Asera Ghor an
sich gezogen und eine eigene Gravitationssphäre
um sich gebildet, so dass sie ebenfalls durch die
Luft schwebten.
Die mit ansteigendem Tempo immer heftiger werdenden
Kollisionen mit den Türmen, Obelisken und
Brücken, die sich auf sie stürzten, wurden
von Qe-Le’Mahars Sphäre größtenteils
absorbiert. Die wilden Tanzsätze Nakals waren
der perfekte choreographische Ausdruck dafür,
wie verführerisch der Tod sein wollte. “Ich
kann mein Feld nicht mehr lange aufrechterhalten”,
sagte der Okieean erschöpft. Noch hatte er den
Eingang zu der unterirdischen Stadt nicht erreicht.
Der entsetzliche, multitonale Chor aus Zehntausenden
von holographisch projizierten berühmten
Sängern und Sängerinnen galaktischer
Geschichte begann erneut zu singen, und die Stadt
bewegte sich dazu in einem stakkatischen
Aufbäumen. “Kommt,
ihr Lebenden”, sangen sie, “ich warte auf euch, so
lange schon! Gebt euch dem Tode hin, dessen Musik
ihr hier vernehmt! Spürt endlich, wie
wundervoll es ist! Lasst das Orchester von
Malûn in eure Herzen und sterbt! Sterbt!”
Asera Ghor knurrte Qe-Le’Mahar an. “Das sind
ja nun wesentlich mehr Geheimnisse über dein
Volk, als ich jemals wissen wollte.” – “Der Eingang
hat sich verschlossen!” rief Pylades aus, als sie
gerade dort ankamen. Qe-Le’Mahar ließ sich
nicht aus der Ruhe bringen. “Der Schacht nach oben
befindet sich trotzdem noch dahinter – er
besteht nicht aus dem elastischen Material Nakals,
sondern ist in Tritons natürliches Felsgestein
hineingehauen worden.” Pylades verwandelte sich
erneut. Aus seiner Hand schoss ein dünner
extrem spitzer Kegel und bohrte sich in die Wand.
Kaum hatte er sie durchbrochen,
vergrößerte er den Zylinder zu einem Rohr
und floss mit seiner ganzen Materie in dieses
hinein. Der Druck, gegen den er kämpfen musste,
war unglaublich. Um sie herum war die Musik zu einem
einzigen pandämonischen Brüllen von
unerfüllter Begierde, atemberaubender
Verführung und zornentbrannter Verzweiflung
geworden.
Qe-Le’Mahar, Asera Ghor und Koinos Khedma rannten
durch das zylindrische Rohr, das Pylades aus sich
gebildet hatte, aus der Stadt heraus in den dunklen
Schacht, der an die Oberfläche Tritons
führte. Sofort aktivierte der Okieean seine
Gravitationssphäre und raste mit den beiden
Cheloriern empor. Pylades floss aus der Wand, formte
sich selbst zurück, wieder mit
zusätzlichen Flügeln, und jagte ihnen
nach. Unter ihm erklang eine dumpf grollende
Transposition, und er schaute beunruhigt nach unten.
Mit donnernder Vehemenz, kreischenden Burlesken,
tragisch bewegt, folgte ihnen ein Ausläufer der
Stadt mit siebzig singenden Drachenköpfen. “Warum wollt ihr nicht
sterben? Hört ihr nicht die Botschaft? Kommt
– und seid glücklich!!”
Asera Ghor schoss aus ihrem Laser in die Tiefe; zwar
traf sie, aber das Tempo der emporsteigenden
Drachenköpfe veränderte sich nicht.
Diesmal nahm die Chelorierin die Rasanz der Bewegung
durch den Schacht sehr wohl wahr. Schließlich
bremste der Okieean, und sie erreichten die Halle
des Übergangs zur miolarudinischen Station
Elpheo 'jalliv. Die qualvollen Donnersätze
rückten rasch näher. “Schießt in die
Decke des Schachts! Wir müssen ihn zum Einsturz
bringen!” rief Asera Ghor. Sie feuerten ihre Laser
ab, und die Trümmer stürzten in den
Schacht. Das Orchester von Malûn brüllte
auf in einem atonalen Rondo und verstummte.
Sicherheitshalber brachten sie die gesamte
Eingangshalle zum Einsturz, bevor sie zurück zu
ihren Schiffen eilten.
Doch selbst in Elpheo 'jalliv waren die Vibrationen
des höllischen Orchesters wahrzunehmen. Im
Hangar standen die ATLOVRAT und die MORENA. “Mein
Schiff ist schwer beschädigt – ich weiß
nicht, ob ich damit vom Boden hochkomme”, sagte
Qe-Le’Mahar betrübt. Pylades überlegte
nicht lange. “Wir fliegen alle mit der ATLOVRAT.”
Sie betraten das Schiff des Miolarudinen, welches
sich während der ganzen Zeit in
Notstartbereitschaft befunden hatte. Pylades und
Qe-Le’Mahar eilten vor in die Steuerzentrale,
während sich Asera Ghor um den verstörten
Koinos Khedma kümmerte, dessen Hörorgan
durch den orgiastischen Lärm schwer verletzt
worden war – er konnte überhaupt nichts mehr
hören...
Die Lande- und Startplattform schob sich nach oben,
und die Luken öffneten sich. Das Schiff stand
auf der Oberfläche der Station und sollte
gerade abheben, als sich ein riesiger Zacken Nakals
direkt neben ihr aus der Erde bohrte. Ein riesiges
Auge funkelte sie an. Weitere Pfeiler stießen
aus dem Boden heraus und wölbten sich über
das Schiff. “Ein Käfig”, flüsterte Pylades
und aktivierte die Pulsarkanone der ATLOVRAT. Eine
Pulsarkugel zerstob die Kuppel, und Pylades
startete. Mit voller Kraft erhob sich das
miolarudinische Schiff und raste von der
Oberfläche fort. Ein letzter Plasmafühler
Nakals zuckte kilometerhoch auf sie zu, und Pylades
riss die ATLOVRAT auf einen anderen Kurs. Dann waren
sie im freien Raum, außerhalb der Reichweite
dieser Monstrosität.
*
Qe-Le’Mahar atmete erleichtert auf und lehnte sich
zurück. Asera Ghor kam in die Steuerzentrale. “Gegen einen
kleinen Zeitkrieg der Chelorier habe ich jetzt
nichts mehr einzuwenden”, grollte sie. Der Okieean
lachte. “Wir werden etwas für dich arrangieren,
meine Schwester. Nicht wahr, Pylades? ... Pylades?”
Der Miolarudine antwortete nicht. Er war in die
Beobachtung der Sensoren vertieft. “Die Scanner
haben im ganzen Sektor das Auftauchen eines riesigen
hyperenergetischen Potentials registriert”,
erklärte er düster. “Eine Art
Energieblase, mit einem Durchmesser von 19
Lichtjahren, und wir sind mittendrin.”
Jeder von ihnen wusste, was dies zu bedeuten hatte.
Der Korphiscalur-Schirm der Chelorier war erschienen
und hatte das SOL-System in sich aufgenommen, um es
aus dieser Galaxis zu entführen.
* * *