- DAS ORCHESTER VON MALÛN -

DANIEL EMERSON ALDRIDGE


 
 
 
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    In der Real-Zeit des Jahres 7502 (nach der Zeitrechnung von ALTAIR IV) kehrten die Raumkreuzer der Lethos-Flotte zurück. Jedes Schiff war nur noch ein einziges Mal vorhanden, aber vielen Besatzungsmitgliedern war seltsam unwohl, weil sie plötzlich unterschiedlichste Erinnerungen aus allen Zeitschleifen in sich verspürten. Die Optimierung zu einer einzigen Person verursachte offenbar gewisse Paradoxa, doch dies war eines der leichteren Probleme, mit denen die Altairaner fertig werden mußten.

    Das „Tor der Temporalen Harmonie“ erlosch wieder. Orin Tadschuriath, der alte graubärtige Kommandant der PANDORA stellte zufrieden fest, daß es die Chronasthenie-Furche vollkommen neutralisiert hatte. Die Gefahr für das SOL-System war gebannt – die Gefahr für die PANDORA jedoch keineswegs. Mit den zurückgekehrten Schiffen und dem kleinen Verband der gefangenen Chelorier, die sich eigenartig gefügig verhielten, zog die PANDORA zum Rand des SOL-Systems zurück.

    Mit funkelnden Augen betrat Prinz Midja die Kommando-Zentrale. Er schüttelte seine wilde rote Mähne; und entblößte sein kräftiges Gebiß mit den Fangzähnen.

    "Qe-Le’Mahar und Asera Ghor...“ fauchte er Orin Tadschuriath leise mit seiner sehr rauhen Stimme an. „Sie sind nicht zurückgekehrt.“ Seine glitzernden Chrom-Implantate? Gargantuanflügel schlugen auf und ab, und sein anderthalb Meter langer Schwanz zuckte gefährlich umher. Außer den roten Metallshorts der Forax-Piraten trug er nur Arm- und Fußreifen, die mit extrem gefährlichen Spitzen versehen waren.

    Orin Tadschuriath, der diesen einstigen Prinzen und jetzigen Jung-Unsterblichen seit dessen Kindheit kannte, sah, wie sehr er betroffen war. Die meisten Mitglieder der Besatzung hatten Ehrfucht vor ihm und waren eingeschüchtert wegen seiner imposanten Erscheinung, doch Orin verspürte keine Furcht. Im Gegenteil, er wußte, wie zartfühlend der Foraxaner tatsächlich war.

    „Ja, aber sie sind nicht tot, mein Junge,“ entgegnete er. „Wirklich?“ Midja hob den Kopf, und Hoffnung schimmerte in seinen Augen.

    „Ja“, antwortete der stolze Semeniade Pylades grimmig, anstelle von Orin. „Die beiden haben sich aus dem Staub gemacht! In jeder Zeitschleife haben sie sich abgesetzt – selbst in der letzten, als die Chronasthenie-Furche bereits existierte... Sein letzter Sprung war verdammt risikoreich! Qe-Le’Mahar sah sein zukünftiges Selbst explodieren, nachdem es aus der Zukunft in die Raumschlacht der Gegenwart zurückgesprungen war. Und dann ist er einfach fortgeflogen, denn wäre er geblieben, wäre er auch wieder in seine Vergangenheit gesprungen – und vernichtet worden. Er floh, und eigentlich hätte es von diesem Moment an unmöglich sein sollen, daß sein Schiff später aus der Zukunft zurückkehren würde, um im Kampf zerstört zu werden – aber das ist nur das erste der unendlich vielen Paradoxa dieser Schlacht in der Möbius-Schleife!“

    „Ist denn bekannt, was ihr Ziel war?“ Die sanfte Stimme, die dies fragte, hörte man äußerst selten in der Kommandozentrale. Es war Zo-Ca‘Riel. Der Okieean lächelte, als sich alle ihm zuwandten – es war der Klang seiner Stimme, die Schönheit seines Aussehens, die Art, wie die kühle, sterile Luft frischer zu werden schien in seiner Umgebung und manche sich einen dezenten Duft von Blumen einbilden konnten. Jene hochentwickelte Synthese von Körper, Geist und Seele – alles das bezauberte die Menschen und auch die jungen Unsterblichen, die noch kein halbes Sterblichenalter erreicht hatten; außer Pylades und Orin Tadschuriath.

    Letzterer antwortete dem Millionen von Jahren alten Lebewesen. „Qe-Le’Mahar und Asera Ghor sind in unsere Zeit zurückgekehrt, und zwar ins SOL-SYSTEM. Ich spüre ihre Ausstrahlung auch aus dieser großen Entfernung.“ – „Das Signal von Qe-Le’Mahars Nachrichtensonde hat uns die Koordinaten übermittelt“, fügte Pylades noch hinzu. „Sie haben sich zum Neptunmond Triton begeben, und zwar unmittelbar nachdem Tholokion Ghard die chelorische Wachflotte in die Zukunft gelockt hatte.“

    Midja blickte ihn verwirrt an. „Was wollen sie denn dort?“ fauchte er Pylades an. Dieser lächelte versonnen. „Dieser Mond barg für die Semeniaden, die hier einst lebten, ein Geheimnis, heißt es in einer Legende. Ein Geheimnis, das sogar älter ist als die Zivilisation der Terraner. Ich vermute, Qe-Le’Mahar will dieses Geheimnis lüften.“ Zo-Ca’Riel war plötzlich verwirrt. Er hatte ein seltsames flaues Gefühl, dessen Ursache er aber nicht genauer feststellen konnte – er wußte nur, daß sie auf dem Neptunmond lag.

    „Ich werde nach Triton aufbrechen!“ entschied der Okieean, mit fester Entschlossenheit. Pylades nickte ihm zu. „Ich begleite Sie, Zo-Ca’Riel. Mein Schiff, die ATLOVRAT, ist startklar.“ – „Einverstanden“, stimmte der Okieean zu.

    Der alte Orin hatte ihn lange grüblerisch betrachtet. „Sie haben sehr viel von Ry-Xar’Nihr an sich. Sein Mut, seine Weisheit, seine Liebe ... Hoffentlich kann er sich schon bald wieder verstofflichen – ich trage das Psychoniumfragment mit seiner Essenz schon viel zu viele Jahre, seitdem er sich das letzte Mal entstofflichte.“ Zo-Ca’Riels Blick wurde jedoch noch abwesender durch diese Worte. „Gehen wir“, meinte Pylades. „Wir müssen auf Triton sein, bevor dieses WEISSE SCHIFF wieder auftaucht.“ Die beiden gingen hinaus, und Minuten später verließ die ATLOVRAT den Hangar der PANDORA und schwenkte herum auf Kurs zu den Monden Neptuns.

    Midja beschäftigten wieder die Gedanken an das Schiff aus Weißem Licht, das eigentlich schon längst hätte auftauchen müssen. Schließlich lag das SOL-SYSTEM ungeschützt da, bis auf mehrere Orbitalstationen der Chelorier über der Erde. „Wir nähern uns dem Saturn“, meldete Steueroffizierin Gatin Parker. Auf dem Bildschirm wurde der bezaubernde, goldgelbe Planet mit dem Ringsystem erkennbar, welcher neunmal so groß war wie die Erde (ganze 120.670 Km Äquatorialdurchmesser). „Wir landen auf der Operationsbasis von Japetus und warten dort auf das Auftauchen des Weißen Schiffes – wenn es je auftaucht!“ befahl Orin Tadschuriath. Midja, der die Saturnringe bewundert hatte, drehte sich zu dem alten Freund um. „Diese Frage lautet anders - ich weiß zwar nicht, wie, aber sie lautet alles andere als „wenn“. Wir leben jetzt in einer Welt ohne Wenn.“

 

*


    Triton, der Neptunmond. Zu den Zeiten der großen Freundschaft zwischen dem Planeten Semeniad und der alten Erde (vor ihrem Nebelschlaf) hatten die Semeniaden hier bekanntlich eine Station errichtet – in bereits bestehenden uralten Hallen aus einer längst vergangenen Epoche, deren Geheimnisse sie jedoch niemals hatten ergründen können ... Der Okieean Qe-Le’Mahar wußte, daß diese unterirdischen Gewölbe von seinem Volk errichtet worden waren, zu einem Zeitpunkt, als die Evolution der Menschen der Erde gerade begonnen hatte – um sie zu beobachten auf ihrem langen Weg in eine vielversprechende Zukunft. Doch tief im Innern dieses Mondes sollte es angeblich noch eine viel ältere Station der Okieean und anderer Wesen geben. Doch diese Station war lange vor Qe-Le’Mahars oder Zo-Ca’Riels Geburt gebaut worden.

    Jetzt, da es ihm möglich war, Triton anzufliegen, hoffte Qe-Le’Mahar, dort einige grundlegende Kenntnisse zu gewinnen und gewisse Rätsel zu lösen, die mit seinem Volk zu tun hatten. Warum hatte jene finstere Entität namens Zolthai die Chelorier dem unsterblichen Volk der Okieean überhaupt entgegengeworfen? Die beschädigte MORENA setzte auf der Landeplattform der semeniadischen Station namens Elpheo 'jalliv auf, und die Plattform sank in die Tiefe des Hangars herab. Die riesigen Luken schlossen sich, allerdings wurde keine Atmosphäre in den Raum geleitet – die Umweltsysteme von Elpheo 'jalliv funktionierten schon lange nicht mehr.

    Asera Ghor – die drei Meter große anthropomorphe Chelorierin mit der schwarzen latex-artigen Haut, vier Armen und einem Rüssel statt Nase - stieg in einem Skaphander aus, während der Okieean Qe-Le’Mahar in der Lage war, mit seinen Sinnen ein eigenes Kraftfeld um sich zu generieren, das ihn mit Wärme und Luft versorgte – er besaß sogar ein Organ, mit dem er Gravitationsfelder erzeugen konnte, und eines, um als Lichtquelle zu erstrahlen. Im Grunde genommen hatte die Evolution der Okieean dazu führen sollen, daß sie im Weltraum leben würden, doch dann waren sie einfach verschwunden... Qe-Le’Mahar wollte herausfinden, was geschehen war. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, daß die Chelorier dafür verantwortlich waren.

    Die beiden stiegen über eine Treppe in die Tiefe. „Es gibt einen verborgenen Verbindungsschacht zu der tieferliegenden okieeanischen Station“, meinte Qe-Le’Mahar. „Was glaubst du, was für Antworten werden wir dort finden, mein Bruder?“ fragte Asera Ghor, während sie die unterste Ebene von Elpheo 'jalliv erreichten. Mit der Helligkeit seiner Aura erleuchtete Qe-Le’Mahar die dunklen Räume aus wertvollen Metallen und die eigenartigen Maschinenanlagen der Semeniaden. Trotz ihres hohen Alters schienen diese Anlagen noch funktionsfähig, doch ihr Sinn war nicht erkennbar. „Unter Umständen gibt es überhaupt keine Antworten, meine Schwester“, seufzte der Okieean. „Und wo ist dieser Tunnel zu der anderen Station?“ – „Er wird sich uns zeigen.“ – „Was?!“ Asera Ghor sah ihn mit dem chelorischen Äquivalent von Verwirrung an – sie rollte ihre Augen in entgegengesetzten Drehungen und rotierte ihren Rüssel. „Du wirst gleich Gelegenheit bekommen, es zu sehen – hoffe ich...“

    Sie kamen durch zwei weitere Maschinenräume, als sich zu Aseras Überraschung langsam ein schwarz-silbern glitzernder Strahl aus der Wand schob und die Aura Qe-Le’Mahars berührte – dieser war keineswegs verwundert und ließ den Kontakt zu. „Ein Identitäts-Scan. Der Mechanismus hat deine okieeanische Aura registriert“, begriff die Chelorierin. „Äußerst scharfsinnig, meine Schwester“, lautete die gleichmütige Antwort Qe-Le’Mahars. Eine freundliche, geschlechtslose Stimme ertönte auf okieeanisch. „Willkommen in Nakal, Qe-Le’Mahar“, und in der Wand öffnete sich ein großes Portal. „Tretet ein, meine Freunde.“ Asera Ghor trat an den Durchgang, um zu sehen, was dahinter lag, und japste auf, denn sie sah nichts als Schwärze. Nicht einmal Qe-Le’Mahars Aura erhellte sie.

    „Was soll denn das werden, wenn es fertig ist?“ Qe-Le’Mahar lachte. „Vertraue den Okieean! Komm – ich nehme dich in mein Kraftfeld auf...“ Nachdem sich seine Aura so vergrößert hatte, daß sie die Chelorierin aufnahm, traten sie in die Dunkelheit, und das Portal schloß sich wieder. Asera Ghor grollte unwohl. „Hier wird sich jedenfalls kein Chelorier jemals herwagen – wir fürchten nichts so sehr wie die absolute Dunkelheit. Ich kann nicht einmal mehr spüren, ob ich auf etwas stehe oder nicht“, stieß sie hervor. „Das ist mein eigenes Gravitationskraftfeld, meine Schwester. Wir schweben zur Station Nakal herunter“, erklärte der Okieean gleichmütig. Verwirrt sah sich Asera Ghor um. Sie konnte keinerlei Bewegung verspüren. „Wenigstens einer von uns hat seinen Spaß“, brummte sie mißmutig und schloß ihre Augen.

 

*


    Inzwischen näherte sich auch die ATLOVRAT dem Mond Triton. Pylades dachte darüber nach, wie lange er schon nicht mehr hiergewesen war. Seine Eltern, damals die Herrscher von Semeniad, hatten ihm und seinem nun auch bereits seit Jahrhunderten verschollenen Bruder Coniston einmal das SOL-SYSTEM und verschiedene historische Stätten gezeigt, während die Erde in ihrem Nebelschlaf geruht hatte. Darunter war natürlich auch Elpheo 'jalliv, die uralte Station der Semeniaden gewesen. „Seit mehr als 4.000 Jahren war ich nicht mehr hier“, sprach er leise.

    „Aber Lukâs Kazimierz und der Oberste Zeitwächter kämpften hier gegeneinander, vor etwa 22 Jahren ... Perthaycs Zeitwacht scheint ja wohl mittlerweile eliminiert zu sein, vermutlich durch den Schwarzen Nebel, sonst hätten sie schon längst in diesem Konflikt eingegriffen.“ Behutsam lenkte er die ATLOVRAT über den Landeschacht, der sich öffnete und eine Plattform hochfuhr, auf der die MORENA stand. „Sie sind tatsächlich da“, erkannte der Semeniade und war beruhigt, als er neben dem Okieean-Schiff landete. Zo-Ca’Riel wandte sich ihm zu. „Ich wäre mir da nicht so sicher“, sagte er grüblerisch. „Aber ihr Schiff ist doch hier!“ protestierte der Semeniade. „Das meine ich nicht. Ich spreche von Perthaycs Zeitwacht. Finden Sie einen Weg, um mit ihr Kontakt aufzunehmen, Pylades, und Ihre Probleme werden gelöst sein.“

    Die Landeplattform war nun wieder im Hangar, über dem sich die Tore schlossen. „Das glaube ich nicht“, seufzte Pylades. „Zunächst sollten wir Qe-Le’Mahar und Asera Ghor finden, meinen Sie nicht? Und die Okieean-Station!“ – „Ich kenne den Weg!“ erwiderte Zo-Ca’Riel mit einer Gewißheit, an der der Semeniade nicht zweifeln konnte. Gemeinsam stiegen sie aus. Auch Pylades benötigte keinen Skaphander, er modifizierte nur etwas die Matrix seiner Projektion, um auf Wärme und Luft verzichten zu können (der Semeniade, der bekanntlich eine Kolonie aus Mikroorganismen mit Kollektivbewußtsein war, welche eine energetische Matrix kontrollierten, mit deren Hilfe sie Pylades‘ äußere Form projizierten, einen bezaubernden goldbraunen Körper mit langem schwarz-glänzenden Haar und scharfen grünen Augen, bevorzugte es jedoch, sich durch Atmen das Gefühl einer gewissen körperlichen und seelischen Ausgeglichenheit zu ermöglichen). „Dann waren Sie also auch schon hier?“ wollte er von Zo-Ca’Riel wissen, als sie in der Schleuse der ATLOVRAT standen. Doch er erhielt nur eine weitere rätselhafte Antwort. „Ich weiß es nicht.“

 

*


    Die Dunkelheit verschwand, und Asera Ghor blickte sich beeindruckt um. Sie standen in einer Höhle, die mehrere Kilometer lang wie hoch war. An den Wänden ragten Felsentürme empor, auch auf der Weite der Ebene standen sie wie Stalagmiten oder hingen wie Stalagtiten von der Decke herunter, jedoch in gigantischen Größenverhältnissen. Die Höhle wie auch die Türme bestanden aus einem graugrünen marmorartigen Material, das seine eigene Leuchtkraft besaß. Durch leichte Nebelschwaden strahlte das matte Licht.

    Asera Ghor blickte auf ihren Armbandanzeiger. „Atmosphäre positiv – und für uns atembar,“ erklärte sie und nahm ihren Helm ab. „In einer solchen Umgebung lebte dein Volk?“ fragte sie verwirrt. „Nein. Dies war nur eine kleine Außenstation zur Beobachtung der Evolution der Terraner. Du hättest unsere strahlenden, klingenden Planetaren Städte sehen sollen, meine Schwester. Das Leben ohne sie ist fast so, als müßtest du plötzlich ohne dein Gehör leben. Nakal – so heißt dieser Ort – ist nur ein matter Abglanz... Horch!“

    Die Chelorierin lauschte und vernahm ein helles, leichtes Klingen, welches einen geringfügig euphorisierenden Effekt hatte. „Sehr schön. Aber deswegen sind wir doch nicht hier, oder?“ Ihre Augen blitzten den Okieean an. Dieser seufzte. „Ich weiß. Wir haben nicht viel Zeit. Vor allem, weil mir eine leichte Veränderung in der Tonalität dieses Klangs mitteilt, daß wir nicht mehr die einzigen auf Triton sind.“ – „Wer wird uns hier Gesellschaft leisten wollen?“ knurrte die Chelorierin. „Ohne mich damit abfällig über Nakal äußern zu wollen...“ – „Da du das aller Wahrscheinlichkeit nach in Kürze erfahren wirst, erübrigt sich die Frage, meine Schwester“, entgegnete Qe-Le’Mahar kühl. Asera ließ einen unidentifizierbaren Laut ertönen, doch der Okieean nahm es nicht zur Kenntnis. „Nakal!“ rief er laut auf okieeanisch. „Stadt, werde zu Wissen und zum Wesen! Denn unser Universum ist noch nicht vergangen, und jetzt ist es nichts als die Frage nach dir...“

    Fast klang es wie ein Gesang; Asera verstand die Worte nicht, aber ihr Klang war erfüllt von sehnsüchtiger Traurigkeit und brennender Neugier. Einen Okieean in seiner Sprache reden zu hören, konnte begreiflich machen, mit welcher Tiefenwirksamkeit ein gesprochener Laut genau das berühren kann, was in seinem Sinn liegt. Fast war es eine Sprache, die auch der verstehen konnte, der sie nicht kannte.

    Zu Aseras Überraschung veränderte sich nun die Höhle. Die Felswände, die eben noch fest gewesen waren, wirkten nunmehr wie ein aufwallender Ozean. Die Stalagmiten wanderten umher, ebenso die Stalagtiten. Einer der herabhängenden Türme kam direkt vor den beiden zum Stillstand, und der Boden unter ihren Füßen wuchs nach oben, erhob sich empor zu diesem Turm. „Eine praktische Stadt, Qe-Le’Mahar“, rief Asera anerkennend. „Man geht nicht etwa auf die Suche nach einem Ort, nein, man läßt ihn einfach selber zu sich kommen!“ Nachdem sich ihr Podest vor einem großen Eingang des Turms verfestigt hatte und der Rest der Station ebenfalls wieder starr verharrte, betraten die beiden „Geschwister“ den Riesenstalagtit. „Hier dürfte eine Art Archiv sein. Wir werden gleich Klarheit über alles erhalten, meine Schwester.“

 

*


    Schriftrollen, Bücher, Zeichnungen, Gemälde, Statuen, elektronisch gespeichertes Ton- und Bildmaterial, holographische Datenkristalle – alle erdenklichen Formen von aufgezeichneter Geschichte fanden sich in der großen Steinhalle, die Qe-Le’Mahar und Asera Ghor durchforschten. „Wenn wir wüßten, wonach wir überhaupt suchen!“ rief die Chelorierin, der das ganze Unterfangen immer sinn- und aussichtsloser vorkam. „Was möchtest du wissen?“ Asera fuhr herum, da sie diese Stimme nicht kannte. Das dreidimensionale, farbige Holokonstrukt eines Okieean leuchtete auf. „Ich bin ein Abbild Del-Ka’Rahls, des letzten Okieean, der hier gelebt hatte... Sein ganzes Wissen ist in mir gespeichert.“

    Qe-Le’Mahar kam hinzugeeilt und lächelte. „Del-Ka’Rahl – ein alter Freund von mir. Er mußte gewußt haben, daß ich eines Tages hierherkommen würde.“ – „Du vielleicht schon, aber eine Chelorierin?“ Das Holokonstrukt war gegenüber Asera Ghor äußerst reserviert. „Wir sind Geschwister“, erklärte Qe-Le’Mahar äußerst knapp. „Tatsächlich?“ – „Im wahrsten, universellen Sinn des Wortes, verstehst du? Nicht, daß das jetzt sehr wichtig sei. Ich muß vielmehr wissen, was damals nach dem Krieg der Okieean gegen die Ur-Chelorier geschehen ist!“ Das Holokonstrukt nickte langsam. „Ja...“ sagte er bedächtig. „Du verschwandest im Jahre 907 des Zeitalters von Um-Ni’Omnu – du kannst es nicht wissen. Äußerst seltsame Dinge geschahen. Du weißt, daß eine Entität namens Zolthai den Tod aller Okieean wollte und zu diesem Zweck das Volk der Chelorier (von dir mittlerweile Ur-Chelorier genannt, wie mir aufgefallen ist) auf uns hetzte. Doch seine Gründe dafür waren uns unbegreiflich geblieben. Jedoch erschien eine weitere mächtige Entität namens Thângor und half uns, die Chelorier zu besiegen. Dann überbrachte uns jemand eine Botschaft von noch höheren Mächten, genannt die Zeitmäander. Es waren Informationen, die unser Volk tief bewegten, denn sie schilderten den Vorgang der Entstehung Thângors... Es war vor einer undenklich langen Zeit, als es weder Okieean noch Chelorier gab, da erschien wie aus dem Nichts ein mächtiges Volk in der Ersten Galaxis, weit entwickelt und am Rande des nächsten Schritts seiner Evolution stehend, doch es führte diesen Schritt nicht durch; statt dessen verschmolzen sie ihre Energien und ihre Materie ineinander, um aus sich selbst heraus die Entität Thângor zu bilden... Du kannst dir sicher schon denken, daß die Zeitmäander uns bewiesen, daß wir – die Okieean – jenes Volk waren, das einen Zeitsprung in die Vergangenheit durchgeführt hatte und durchführen sollte... Wir brauchten lange, um uns zu entscheiden. Der Abgesandte der Zeitmäander, dessen Name Akzanar war, blieb bei unserem Volk und drängte uns nicht. Nachdem wir eine lange kollektive Meditation durchgeführt hatten, beschlossen wir, der Aufforderung durch die Zeitmäander nachzukommen; und im Jahre 1311 des Zeitalters von Um-Ni’Omnu traten wir die Reise an, in eine der fernsten Vergangenheiten, um dort unserer Bestimmung zu folgen. Nur fünf von uns blieben zurück: Zo-Ca’Riel, Um-Ni’Omnu, Ry-Xar’Nihr, Al-Li’Andra – und du, Qe-Le’Mahar, du allerdings nur deshalb, weil wir dich nirgendwo finden konnten, du warst ja verschollen... Aber seit diesem Zeitpunkt war klar, warum der Zolthai uns vernichten wollte - um die Entstehung Thângors zu verhindern.“

    Das Holokonstrukt verstummte. Asera Ghor hatte sich auf den kühlen Steinboden gesetzt und senkte andächtig den Kopf, ohne ein Wort zu sagen. Qe-Le’Mahar ging langsam durch den Raum und blieb bei einem Fenster stehen. Die matte, kühle Schönheit der Station Nakal kam ihm plötzlich noch plastischer und lebendiger vor. „Also entstand Thângor aus Okieean... Unglaublich,“ murmelte er. „Es ist kaum zu fassen. Der Zeitkrieg wurde keineswegs von den Cheloriern begonnen, mein Bruder. Es waren die Okieean“, begriff Asera Ghor. „Nicht, daß das etwas ändern würde...“ fügte sie dann noch hinzu. Qe-Le’Mahar antwortete ihr nicht. Es gab keine Relevanz in dem, was er gerade gehört hatte; es schien unplausibel und uncharakteristisch für die Art und Weise, in der sich das Universum eigentlich entwickelte.

    „Sei getrost, Qe-Le’Mahar. Ich weiß genau, wie du dich jetzt fühlst“, hörte er auf einmal eine Stimme, die nicht hierher zu passen schien, obwohl er sie gut kannte und ihren Klang geliebt hatte. „Zo-Ca’Riel!“ rief er aus und sprang auf den anderen Okieean zu, neben dem der Semeniade Pylades stand. Asera Ghor erhob sich und blickte perplex zu, wie sich die beiden innigst umarmten – spätestens jetzt begann die Situation für sie einen ersten Höhepunkt leichter Absurdität zu erreichen. Argwöhnisch stand sie abseits von den drei Humanoiden und lauschte nur halb den Erklärungen, die Pylades und Qe-Le’Mahar von sich gaben, jedoch registrierte sie, daß Zo-Ca’Riel sie mißtrauisch musterte. Qe-Le’Mahar sah es allerdings auch und sprach: „Sie ist meine Schwester, Zo-Ca’Riel; und ich bin ihr Bruder – niemand kann unser Verhältnis zueinander erschüttern. Ich würde mir wünschen, daß ihr Freunde werdet.“ – „Wir haben uns wohl zu lange nicht gesehen, Qe-Le’Mahar – aber ich vertraue dir trotzdem. Endlich sind wir beide nicht länger allein. Für lange Zeit dachte ich, ich sei der letzte der Okieean“, sprach Zo-Ca’Riel. Das seltsame Gefühl, das ihn hierhergezogen hatte, schob er jetzt ganz auf die Tatsache, wie sehr er diese Begegnung ersehnt hatte. Qe-Le’Mahar lachte. „Zu sagen, mir wäre es anders ergangen, könnte keine größere Lüge sein!“

    Pylades‘ Funksensor erhielt eine automatische Ortungsmeldung von der ATLOVRAT. „Ich unterbreche Ihre linguistischen Höhenflüge nur äußerst ungern, aber das WEISSE SCHIFF der Chelorier ist aufgetaucht“, meldete der Semeniade dann: „Wir müssen etwas unternehmen.“

    ‚Weißes Schiff?‘ dachte Asera verwirrt, aber nun wollte sie eigentlich wirklich nichts mehr hören. Als jedoch Qe-Le’Mahar danach fragte, wurde auch diese Erklärung von Pylades geliefert... „Aber die ATLOVRAT kann doch gegen dieses Zeitschiff nichts ausrichten – und die Chelorier werden niemals hierher kommen“, sprach Zo-Ca’Riel. Pylades sah ihn mißmutig an. „Ein sicheres Versteck“, entgegnete er abfällig. „Sie können gerne alle hierbleiben, aber ich werde wieder starten!“ – „Wir müssen vernünftig handeln!“ sagte Qe-Le’Mahar ruhig: „Ich beschwöre Sie, zu bleiben... Der Schlüssel zu all diesen Problemen liegt hier.“

    Asera Ghor hörte ihnen nicht mehr zu. Sie ließ ihre Gedanken unkontrolliert schweifen, so daß sie sich auflösten und sich einer gewissen Ruhe, einem Frieden hingaben. Sie mußte herausfinden, was tatsächlich zu tun war. Der Frieden breitete sich in ihr aus und erfüllte sie – plötzlich schien alles in eindeutiger Klarheit vor ihr zu liegen, und sie sah durch das Durcheinander der Zeiten eine Linie, die sie verfolgen mußte. Der Dunkle Herrscher von IRIA... Kaum hatte sie jedoch diesen Gedanken gehabt, stutzte sie. Was hatte diese Eingebung bei ihr verursacht? Sie nahm eine eigenartige Strömung in ihren Gedanken wahr, und sie erinnerte sich plötzlich an die Zeit, als sie selber noch die Menschen bekämpft hatte. Dieser feste Wille, die Entschlossenheit, die Kaltblütigkeit, der Scharfsinn und der Rausch der Ekstase, die Menschen auszurotten - wie gut hatte sie diese Form des Empfindens gekannt! Alle diese Gefühle waren mit einem Mal wieder seltsam präsent in ihr, obwohl es gleichzeitig die unerschütterliche Tatsache gab, daß Qe-Le’Mahar ihr Bruder war – Kind dieses Kosmos wie sie.

    „Etwas ist hier!“ Erst, als sie diese Worte aussprach, begriff sie sie. Die anderen blickten zu ihr und verstummten überrascht. „Was meinst du?“ fragte Qe-Le’Mahar, den ihr Tonfall äußerst beunruhigte. „Etwas ist hier!“ wiederholte die Chelorierin. „In diesen Gemäuern befindet sich noch etwas anderes außer uns. Etwas Finsteres, Gefährliches – und es lebt!“ Sowohl Qe-Le’Mahar als auch Zo-Ca’Riel lauschten alarmiert dem hellen Klang, den Nakal von sich gab, doch sie konnten keine Veränderung feststellen. Auch Pylades konnte mit seinen Sinnen kein fremdes Wesen verspüren. „Gut“, flüsterte er. „Den Zolthai oder den Schwarzen Nebel hätte ich an ihrer Ausstrahlung erkannt...“ Asera Ghor starrte auf die zweite Tür der Bibliothek. „Was ist hinter dieser Tür?“ fragte sie das holographische Abbild des Archivars und Historikers. Del-Ka’Rahl überlegte einen Moment. „Diese Tür war bei meiner letzten Aktivierung durch die Okieean Um-Ni’Omnu noch nicht da. Solche Verformungen sind in Nakal allerdings nichts Ungewöhnliches. Es muß hier etwas in der Zwischenzeit passiert sein.“

    Da er nur ein Holokonstrukt war, sprach er diese Worte so gleichmütig wie eine Einladung zum Tee aus. Asera Ghor ging langsam auf die Tür zu und starrte den Tastsensor mit stechendem Blick an. „Vielleicht ist das keine besonders gute Idee“, sinnierte sie, aber sie berührte den Sensor, und die Tür öffnete sich mit einer schnellen Bewegung. Der Raum dahinter war dunkel, aber auch verlassen. Pylades atmete auf, etwas erleichterter – dann traten sie ein.

    Ein großer Steinquader stand im Zentrum des Raumes, ein Meter hoch, zwei Meter lang. Auf ihm lag eine einzelne kristalline Blume. Schweigend standen die vier vor diesem Gebilde – es war klar, was das war.

    Qe-Le’Mahar entdeckte auf der anderen Seite des Quaders eine kleine Platte aus Titanium und ging um ihn herum, um die Inschrift in okieeanischen Buchstaben zu lesen. „Hier liegt... Zo-Ca’Riel. Geboren im Jahre 91 des Zeitalters von Sa-Ra’Kim – Gestorben im Jahre 4 des Zeitalters von Zo-Ca’Riel – als letzter der Okieean.“ Aus der Betroffenheit war Verblüffung geworden. Pylades schaute Zo-Ca’Riel an, mit – er konnte sich nicht helfen – einer gewissen Amüsiertheit. „So. Sie werden also tatsächlich hiergewesen sein. Irgendwann in der Zukunft werden auch Sie in die Vergangenheit reisen, und dort werden Sie sterben. Sie können sehen: Ihr Grab wird ergreifend schön sein.“

    Qe-Le’Mahar war ungehalten über den Semeniaden. „Schweigen Sie!“ herrschte er ihn an. „Nein“, brachte Zo-Ca’Riel hervor: „Alles ist ganz anders, als Sie denken. Mir fällt nun ein, was geschah - eine verschüttete Erinnerung!“ Eine plötzliche Schwäche überfiel ihn mit nie gekannter Heftigkeit; Eiseskälte erfaßte ihn, und er sank zu Boden. Pylades fing ihn blitzschnell auf. Eigentlich war es unmöglich, daß ein Okieean in Ohnmacht fiel – schließlich hatten sie alle Körperprozesse zu einem Punkt absoluter Kontrollierbarkeit entwickelt. „Ich war wirklich schon hier...“ flüsterte Zo-Ca’Riel. „Und ich ...“ Ehe er den Satz vollenden konnte, verlor er das Bewußtsein. Behutsam ließ der Semeniade den bewußtlosen Zo-Ca’Riel zu Boden gleiten, wo er reglos liegenblieb.

    Qe-Le’Mahar war erschüttert. „Was...“ begann er eine Frage, doch in diesem Moment verwandelte sich Zo-Ca’Riels Körper in einen irisierenden Blitz – ein Vorgang, den Pylades sofort erkannte. „Die Entstofflichung einer psychonischen Manifestation!“ rief er erstaunt aus. „Genau wie bei Orin Tadschuriath und dem Psychoniumfragment von Ry-Xar’Nihr!“ Der flirrende Energiewirbel vergrößerte sich langsam. „Gehört zur Entstofflichung der Manifestation nicht auch die Rematerialisation einer tatsächlichen Person?“ fragte Asera Ghor. „Ein Vorgang, dessen du gerade Zeugin bist, Schwester. Ich schlage vor, daß wir ...“

    Qe-Le’Mahar konnte seinen Satz erneut nicht beenden – vor ihnen materialisierte das Wesen, welches das Zo-Ca’Riel-Psychoniumfragment trug. Es war ein Chelorier. Pylades erkannte ihn an der weißen, gezackten Linie, die quer über sein dunkles Antlitz verlief. In dem holographischen Bildmaterial der Anera-Chronik hatte er ihn bereits einmal gesehen.

    Vor ihnen stand Koinos Khedma – der Dunkle Herrscher von IRIA.

 
 

2


    Pylades hatte nicht die geringste Ahnung, was die erneute Veränderung der Situation zu bedeuten hatte. Aber er schaltete trotzdem schneller als die anderen und tat das, was ihm notwendig erschien. Mit unglaublicher Geschwindigkeit bewegte er sich zu dem Chelorier, der soeben seine Verstofflichung komplett abgeschlossen hatte, nahm ihm das Zo-Ca’Riel-Psychoniumfragment ab und übergab es Qe-Le’Mahar. Dann justierte er seine temporale Matrix wieder auf den normalen humanoiden Geschwindigkeitsablauf. „Das gehört jetzt wohl Ihnen, Qe-Le’Mahar“, erklärte er ruhig. Der Okieean nahm es wortlos an sich und starrte immer noch erschüttert auf den Kristall.

    Koinos Khedma stand weiterhin reglos da – seine Sinne waren noch desorientiert von der langen Periode der Entstofflichung. Aber etwas stimmte nicht mit ihm. Seine latex-artige Haut war nicht schwarz wie die von Asera Ghor oder allen anderen Cheloriern, die Pylades kannte, sondern sie war hellgrau, und er war höchstens 1,70 Meter groß. „Er ist noch ein Kind!“ rief Asera Ghor verblüfft aus. Allmählich faßte sich Koinos Khedma, er hörte zu zittern auf, und seine Augen wurden ruhig. Pylades trat vor ihn. „Ich weiß nicht, was hier vorgeht. Jedoch eines soll Ihnen klar sein: Wenn Sie sich bewegen sollten, werde ich Sie töten. Kein Slotram ist hier, der mich mit einer ESP-Blockierung aufhalten könnte, und wenn ich auch aussehe, als sei ich nur ein Mensch, so habe ich Fähigkeiten, Sie zu töten, so schnell und wirkungsvoll, daß Sie es nicht einmal bemerken werden.“

    Asera Ghor erschauerte. Noch nie hatte sie ein humanoides Wesen so eiskalt und angsteinflößend sprechen hören. Obwohl ihr nicht daran lag, ihrem Erzfeind, dem Dunklen Herrscher, zu helfen, so wußte sie dennoch, daß sie die Rolle der Beschützerin seines Lebens übernehmen mußte, sobald es in Gefahr sein würde. Absurderweise lag der Grund dafür ausgerechnet in den Werten der Humanität, die die Chelorier bekämpften. Koinos Khedma war jedoch gefaßt. Mit einer hellen, rauhen Stimme sprach er leise: „Ich habe die Erinnerungen an Sie, Pylades, und an alles, was bisher geschehen ist. Alles, was Zo-Ca’Riel in seiner ganzen Existenz erlebte, lebend, wie auch als Psychonium bis gerade eben, habe ich in meinem Gedächtnis. Wenn es das ist, was Sie wünschen, so akzeptiere ich meine Gefangenschaft.“

    „Was wir vor allem wünschen“, schaltete sich Qe-Le’Mahar ein, „sind Antworten. Erklären Sie, wieso Sie Zo-Ca’Riels Psychonium tragen. Was waren die Umstände seines Todes? Warum verschmolzen Sie und er zu einer Einheit?“ Der junge Chelorier ging zu dem Grab Zo-Ca’Riels, hob die kristalline Blume auf und betrachtete sie mit – wie nur Asera es wahrnehmen konnte – sehr traurigen Augen. „Ich will Ihnen alles sagen, was ich weiß, doch es ist sehr schwierig, einen Anfang zu finden. Meine Rolle in diesem Verwirrspiel begann erst sehr spät – vor etwa 50 Jahren Ihrer Real-Zeit, so glaube ich. Sie haben Del-Ka’Rahls Schilderung der Dinge gehört, und daß seine Chronik der Okieean im Jahre 1315 des Zeitalters von Um-Ni’Omnu endete. Das war vor ca. zwei Millionen Jahren Ihrer Real-Zeit. Das Volk der Okieean war fort – aufgebrochen in eine Vergangenheit, die zehn Milliarden Jahre Ihrer Real-Zeit zurückliegt. Nur fünf Okieean waren geblieben. Sie wollten feststellen, ob Thângor entstanden war, und natürlich fanden sie schnell heraus, daß dem tatsächlich so war. Seitdem war ihr Leben in einem seltsamen Dämmerzustand. Sie waren erfüllt von Zufriedenheit, von Glück über das Schicksal ihres Volkes, aber auch von großer Traurigkeit – sie waren allein, und das, was sie bisher als ihre Zukunft angesehen hatten, war nun zu einer grandiosen Vergangenheit geworden. Zo-Ca’Riel sah für sein Leben keine Zukunft, zumindest nicht die Zukunft, die er sich erhofft hatte, und er grübelte lange Zeit darüber nach, welche neuen Herausforderungen es nun für ihn geben sollte. Die Okieean Al-Li’Andra machte den ursprünglich vorgesehenen Evolutionsschritt; sie wurde zu einer neuen Lebensform, einem humanoiden Wesen, das im Weltraum lebte, und so verließ sie die Heimatwelt der Okieean. Sie verschwand in den Weiten des Kosmos. Del-Ka’Rahl folgte ihr ebenfalls.

    Daraufhin tat Um-Ni’Omnu denselben Schritt. Sie rief das Ende ihres Zeitalters aus, und dann löste sie sich vom Boden des Planeten. Ich habe Zo-Ca’Riels Erinnerung an diesen Augenblick, sie ist sehr lebendig... Die Schwerkraft hielt Um-Ni’Omnu nicht mehr, und sie schwebte immer höher, bis sie zwischen den Wolken verschwand. Das letzte, was er von ihr sah, war ein Strahl, der in den Spektralfarben aufblitzte, und weit hinausschoß in das Vakuum. „In diesem Moment beginnt das erste Jahr der Zeitrechnung des Zo-Ca’Riel“, sprach der Okieean zu seinem Freund Ry-Xar’Nihr, nicht ohne Grund, wie sich schon bald herausstellen sollte. Es mußte für ihn einen großen Plan geben, einen wichtigen Grund, um zu existieren. Er begann seine Forschungen über die Geschichte Thângors und des Universums. Die Okieean hatten ein großen Wissen angesammelt, aber Zo-Ca’Riel interessierte sich für Dinge, die bislang niemanden interessiert hatten. Er sah Thângor als eine weiterentwickelte Form seiner selbst an, und es dürstete ihn nach einer Herausforderung, nicht nur für ihn, sondern auch für das, was einmal Teil von ihm gewesen war: sein Volk, also mittlerweile Thângor. An Ihren Gesichtern erkenne ich, daß Sie anfangen, eine furchtbaren Verdacht zu hegen, aber lassen Sie mich Ihnen versichern, Pylades: Zo-Ca’Riel kam keineswegs auf die Idee, an die Sie vermutlich gerade denken – durch mich einen Zeitkrieg der Chelorier gegen Thângor auszulösen...

    Dies war wirklich nicht das, was er vorhatte, und den Zeitkrieg hat er, so paradox dies klingen mag, nicht erlebt, weil er erst 2 Millionen Jahre später beginnen sollte und noch nicht in Zo-Ca’Riels Gegenwart eingebrochen war. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die es zur Zeit noch gibt, denn der Angriff auf die Okieean wird ja erst stattfinden. Und die Taten, die Zo-Ca’Riel damals vollbrachte, sollten zur Folge haben, daß sein Leben nicht durch Eingriffe im Ablauf der Zeit verändert werden konnte. Er beschloß, Genaueres über die höheren Mächte herauszufinden, die für die Entstehung Thângors verantwortlich waren, und er verließ den Heimatplaneten der Okieean, um das Kontinuum der Zeitmäander aufzuspüren. Ry-Xar’Nihr begleitete ihn nicht, er wollte sich auf die Suche nach Ihnen machen, Qe-Le’Mahar, denn Sie waren damals ja nun bereits seit 400 Jahren verschollen, und Sie waren sein bester Freund – er wollte Sie endlich wiedersehen. Was danach allerdings mit Ry-Xar’Nihr geschah, weiß jedoch niemand – er tauchte erst wieder auf, als er sich bereits in einem Psychoniumfragment destrukturiert hatte... Zo-Ca’Riel flog also alleine zum Planeten Jiloi im CHRONOMATERIE-UNIVERSUM, wo er herausfinden wollte, auf welche Art er ins Kontinuum der Zeitmäander gelangen konnte. Ein ektoplasmatisches, in der Luft schwebendes Kugelwesen namens Andrax und mehrere der damaligen Universians, Cermberc, Mirciolm und Gormolc erwarteten ihn jedoch bereits mit einer kleinen Überraschung.

    Dieses Bild ist sehr lebendig in mir, obwohl ich selber es nicht erlebt habe. Andrax und Cermberc spazierten mit Zo-Ca’Riel durch einen Hain riesiger, bezaubernder, dunkelgrüner Blumen und Bäume und offerierten ihm ein Geschenk. „Sieh es als Aufmerksamkeit Thângors an, dafür, daß du hiergeblieben bist. Wir wollen dir die Sterblichkeit anbieten“, sagte Cermberc, der schmächtige und hagere Humanoide mit dem langen Haar aus purem Platin, mit sanfter Liebenswürdigkeit. In Zo-Ca’Riel stieg eisige Furcht auf, gepaart mit Unglaube. „Das kann nicht euer Ernst sein!“ sagte er. „Es ist grotesk, absolut lächerlich! Ich suche eine Herausforderung, und Ihr bietet mir – den Tod an?!“

    Die schwebende Ektoplasmakugel Andrax lachte rein telepathisch und legte dar, was das Angebot zu bedeuten hatte. „Thângor zweifelt sehr daran, daß kosmische Omnipotenz und Unsterblichkeit der wahre Weg für ihn sind, oder für uns. Er bietet dir an, die anderen Möglichkeiten zu erforschen, die es geben könnte...“ – „Wo ist Thângor? Ich möchte ihm gerne persönlich meine Meinung zu diesem Angebot sagen!“ rief Zo-Ca’Riel, der noch immer empört war. „Er ist nicht hier, er bekämpft gerade die Entität Rhaji-Slemmni, den Plasmaring“, erklärte Cermberc entschuldigend. „Nun, das will ich ihm auch geraten haben! Es gibt kein Leben nach dem Tod; Energie und Materie nehmen völlig andere Form an; nur in speziellen metaphysikalischen Gegebenheiten gibt es bestimmte chemisch-elektrische Reaktionen mit Permanenz, die ein Fortbestehen des Bewußtseins ermöglichen – doch dieses ist dann natürlich nicht tot, sondern es lebt noch! Nach dem Tod jedoch gibt es nur Nicht-Existenz, so wie vor der Geburt!“

    Andrax widersprach ihm. „Dieser Aberglaube basiert auf der Unzulänglichkeit wissenschaftlicher Fakten. Thângor weiß, daß es ein Leben nach dem Tod gibt – in einer Form, die er nicht kennt, ja die überhaupt niemand kennen kann. Er bietet dir die Chance an, es herauszufinden, und er bittet dich, einen Weg zu finden, ihm das Wissen von diesem Zustand zu vermitteln. Er muß wissen, was für eine Form das Leben nach dem Tode hat.“ – „Ich soll sterben, um als Geist zurückzukehren und Thângor vom Leben nach dem Tod zu berichten?“ Zo-Ca’Riel konnte es nicht fassen. Cermberc schilderte, daß sehr viele Sterbliche es bereits versucht hatten, nachdem Thângor sie vor ihrem Tod darum gebeten hatte. Selbst die vergangenen Generationen der Universians, die bekanntlich am Ende ihrer zehntausendjährigen Existenz den Weg der Sterblichkeit beschreiten, hatten sich nach ihrem Tod nicht gemeldet. Jetzt hatte Thângor nur noch die Hoffnung, daß es einem Okieean, einem von Natur aus unsterblichen Menschen, gelingen würde, nach der Transzendierung des Daseins Nachrichten ins Diesseits zu übermitteln. Cermberc fügte noch einen weiteren Aspekt hinzu. „Sieh es doch einmal so. Vor nichts hast du Angst, außer vielleicht vor dem Tod. Viele Unsterbliche teilen diese Furcht mit dir, oder erhoffen sich den Tod, um sich von ihrem Dasein zu erlösen. Eines Tages mußt du dich deiner großen Furcht stellen und sie besiegen. Ist das nicht die größte Herausforderung deines Lebens?“

    Cermberc sprach diese Worte – und sie berührten tatsächlich einen Nerv in Zo-Ca’Riel. Er verbrachte einige Wochen auf Jiloi und meditierte. Schließlich wandte er sich an Andrax. „Wenn ich die Sterblichkeit akzeptiere – wie lange bleibt mir mein Leben noch erhalten?“ fragte er. „Fünf Jahre“, sprach das Kugelwesen. Zo-Ca’Riel erzitterte. Eine kurze Zeitspanne, oftmals die kürzeste Dauer eines Gefühlszustandes, und nun der Rest seines Lebens, um mit allem angefüllt zu werden, was noch wichtig sein sollte? Dies war vielleicht wirklich die größte Herausforderung. Er atmete ein paar Mal tief durch und traf seine Entscheidung.

    „Dann soll es so sein – mach‘ mich sterblich, Andrax!“ Das leuchtende Kugelwesen ließ einen dunkelvioletten Nebel aufsteigen, der Zo-Ca’Riel umhüllte und in sich auflöste. Als Zo-Ca’Riel wieder körperlich wurde, hatte der Nebel seine physische Struktur transformiert – und er würde in fünf Jahren sterben! Mit einem wilden, überschwenglichen Lachen verabschiedete er sich von Cermberc und Andrax, danach verließ er sofort den Planeten Jiloi und das CHRONOMATERIE-UNIVERSUM. Er war jetzt erfüllt von wahnsinnigem Tatendrang und wollte so viele Rätsel lösen wie irgendmöglich. Das größte Rätsel packte er gleich als erstes an.

    Er steuerte ein Weißes Loch an, durch das er in das Kontinuum Ti’Hayla gelangen wollte, dem mysteriösen Reich der HYPERIONER, über die kein einziges Wesen in den anderen bekannten Raum-Zeit-Kontinuen Bescheid weiß. Sie scheinen etwas einwenden zu wollen, Pylades, aber warten Sie bitte das Ende meiner Geschichte ab – sie dauert nicht mehr lange. Zo-Ca’Riel gelangte tatsächlich nach Ti’Hayla und blieb dort für drei Jahre. Was er dort erlebte, kann ich nicht schildern, es sind Sinneseindrücke, die ich nicht begreifen oder verarbeiten kann. Aber auch der Okieean selber kehrte in einem Zustand geistiger Desorientierung in unser Universum zurück. Alle hielten ihn für umnachtet vom Wahnsinn, aber dem war nicht so. Er dachte nur in völlig fremdartigen Bahnen. Zo-Ca’Riel begab sich hierher – in die Stadt Nakal, um ihre Formstruktur zu rekonfigurieren. Andrax und Cermberc suchten ihn auf. Sie waren sehr besorgt um ihn, denn er wirkte vollkommen irrsinnig und hatte immerhin nur noch zwei Jahre zu leben.

    Um so größer war ihre Überraschung, als ihnen der Okieean erklärte, was er auf Nakal konstruierte. „Ich nenne es das Orchester von Malûn!“ rief er und zeigte begeistert in alle Winkel der Stadt. „Einst hat uns der Klang unserer Städte miteinander verbunden – wir spürten unsere Ganzheit durch die Musik und kommunizierten miteinander auf diese Art über Lichtjahre hinweg. Ich habe das Klangsystem Nakals verändert, und zwar nach den Spezifikationen des Hyperioners Zharlan. Das Orchester von Malûn ist nun ein Medium zur Kommunikation mit dem Reich der Toten. Sobald ich tot bin und Bescheid weiß über die exakte Natur des Lebens nach dem Tode, werde ich euch diese Informationen in musikalischer Form durch das Orchester von Malûn zukommen lassen – die Sinfonien und Gesänge des Todes werden erklingen, wie von Geisterhand gespielt. Und auch ihr, die Lebenden, könnt mir Botschaften übermitteln. Wenn ihr das Orchester benutzt, werde ich es hören! Auf diese Art und Weise wird Thângor erfahren, was er wissen will.“

    Andrax war zutiefst beeindruckt und verließ Nakal wieder. Der Universian Cermberc beschloß jedoch, bei Zo-Ca’Riel zu bleiben. Zum einen hatte dieser nicht mehr lange zu leben, und zum anderen war Cermberc voller Zweifel über den Plan Thângors. Nur höchst selten hatte Zo-Ca’Riel klare Momente, ansonsten plagten ihn Visionen des Wahnsinns. Das Reich der Toten erwuchs in seiner Vorstellung zu einem Paradies ewiger, sinnlicher, ekstatischer Verzückung, den Lebenden entrückt. Doch manchmal fand Cermberc den Okieean von tiefster Angst gepackt; er schrie, daß er nicht sterben wollte. Nach einem besonders heftigen Anfall - tagelang hatte er gebrüllt und geweint - erfaßten ihn Ruhe und Klarheit. Er war ansprechbar, und Cermberc fragte ihn, ob das Orchester von Malûn tatsächlich funktionieren könne. Zo-Ca’Riel seufzte schwer. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Es ist ein Prototyp nach Entwürfen des Hyperioners Zharlan – der ein Apologet der kosmischen ENTROPIE zu sein scheint. Er befindet sich wegen seiner radikalen Entwürfe zum voraussichtlichen Ende des Universums in heftigem Streit mit dem Hyperioner Ychon, einem Materie-Energie-Harmonisierer. Eine Botschafterin Zharlans hatte mir die Entwürfe überbracht und mir mitgeteilt, daß Zharlan sehr an der Erforschung des Reichs der Toten interessiert sei. Es könnte also funktionieren. Aber in meinem jetzigen Zustand sind meine Sinne noch vernebelt vom Aufenthalt in Ti’Hayla. Wenn ich im Delirium sterbe, hat es nicht den geringsten Sinn. Und ich ... ich will nicht sterben. Nicht auf diese Weise“, sprach Zo-Ca’Riel, erschöpft und völlig ruhig.

    Cermberc tat daraufhin etwas sehr Ungewöhnliches, das in direktem Widerspruch zu den Wünschen Thângors stand. „Ich kann dir zwar nicht deine Unsterblichkeit zurückgeben, aber ich kann dafür sorgen, daß sich deine Essenz in einem Psychoniumfragment konserviert. Dieses Psychonium werde ich einem geeigneten Träger übergeben. Bei deiner nächsten Verstofflichung wirst du geistig wieder vollkommen klar sein. Aufgrund deiner jetzigen Verwirrung kann es allerdings passieren, daß du einen Gedächtnisverlust erleiden wirst. Unter Umständen wirst du denken, niemals gestorben und in einem Psychonium aufgegangen zu sein. Dein Träger wird dir helfen, damit du dich orientieren kannst!“ erklärte Cermberc. Zo-Ca’Riel erklärte sich einverstanden und bat den gütigen Universian, Qe-Le’Mahar zu finden, denn dieser – also Sie – sollten nach seinem Wunsch das Psychonium tragen. Und so starb Zo-Ca’Riel einige Monate später, hier in Nakal, in völliger geistiger Umnachtung. Die Essenz seines Wesens wurde jedoch von Cermberc in ein Psychoniumfragment transformiert. Ich nehme an, daß dieses Grab hier in Wirklichkeit leer ist und nur eine rein symbolische Funktion hat. Was als nächstes mit dem Psychonium geschah, weiß ich leider nicht genau. Cermberc muß es wohl eine gewisse Zeitlang auf der Suche nach Ihnen getragen haben; doch er mußte die Suche bald abbrechen.

    Aus dem Kontinuum der Zeitmäander tauchte erneut der Abgesandte Akzanar auf. Er forderte Cermberc wohl auf, ihm das Psychonium zu übergeben, und dieser muß der Aufforderung gefolgt sein. Ich habe eine vage Erinnerung an die erste Manifestation Zo-Ca’Riels. Akzanar war derjenige, mit dessem Körper er sich verschmolzen hatte. Diese Manifestation fand im Kontinuum der Zeitmäander statt, außerhalb der Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit. Jetzt können Sie sich sicher denken, daß Zo-Ca’Riel an diesem Ort von dem Wahnsinn des Zeitenkrieges erfuhr. Eine geheimnisvolle Frau namens Faebla nahm ihn auf eine Reise mit, die in wenigen Stunden vom ersten Tag bis zum letzten Tag der Auseinandersetzung führte. Der erste Tag des Krieges begann, als der Schwarze Nebel aus dem Jahr 7499 nach der Zeitrechnung von ALTAIR IV um 10.000 Jahre zurücksprang – in das Jahr 3459 terranischer Zeitrechnung. Dort rekrutierte der Schwarze Nebel die Chelorier. Der letzte Tag des Krieges wird im Jahre 7659 nach der Zeitrechnung von ALTAIR IV stattfinden. Eine Entität namens Zerqa-Thvoxos wird auftauchen, um 100 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit reisen – sie verhindert den Anfang der Existenz der Chelorier, des Zolthai, der Okieean und Thângors – und übernimmt somit den gewaltigsten Potential-Cluster in diesem Raumzeitkontinuum, nachdem sich der Schwarze Nebel mit ihr vereinigt.

    Das einzige, was Faebla und Zo-Ca’Riel auf ihrer Zeitreise nicht sehen konnten, war Zo-Ca’Riels eigene Zukunft. Das Fehlen seiner eigenen Zeitlinie schien ein gutes Omen... Seine offizielle Geschichte war zu Ende gegangen – mit diesem Grab, vor dem wir hier stehen. Den Rest können Sie sich denken.“

 

*


    Der junge Chelorier verstummte. Erschöpft sank er zu Boden und lehnte sich an das Grab, noch immer geschwächt von seiner Rematerialisation. Pylades sah auf ihn herab, nicht länger geringschätzig, sondern mit einer gewissen Rührung. Koinos Khedma war durch seine Erfahrungen in der Para-Existenz Zo-Ca’Riels ein völlig anderer Chelorier geworden.

    „Ja. Zo-Ca’Riel beschloß, einzugreifen. Er reiste in die Vergangenheit zurück, um ca. 50 Jahre nach L’lltuhm, der Heimatgalaxis der Chelorier. Dort suchte er dich auf, und du warst noch ein Junge,“ erkannte Asera Ghor. „Nein. Akzanar brachte mir das Psychoniumfragment – vorher entführte er mich auf den Planeten Garax, eine geheime Welt in L’lltuhm – dort fand die Verschmelzung statt. Zo-Ca’Riel materialisierte sich zum zweiten Mal, während ich mich auflöste und mein Bewußtsein Teil von ihm wurde. Leider kam es dabei zu einem weiteren Gedächtnisverlust. Zo-Ca’Riel wußte gar nicht, daß er überhaupt gestorben war, und ich konnte keinen Kontakt zu ihm herstellen. Seine Erinnerung kam erst eben, als er sich bereits wieder auflöste. So hatte er die letzten 50 Jahre damit verbracht, herauszufinden, was mit ihm geschehen war. Es ist ein starkes Psychoniumfragment, das ihm daher eine extrem lange Manifestation ermöglichte... Und doch geschah in dieser Zeit, was er ursprünglich gewollt hatte. Ich sah mit seinen Augen, fühlte mit seinen Sinnen. Ich hatte Teil an seiner Weisheit und der Erinnerung an sein Volk... Mein Leben als Teil von ihm war seltsam, schön und ergreifend! Ich weiß jetzt, daß ich niemals in meinem Leben etwas tun werde, um die Galaxis in ein derartiges Chaos zu stürzen.“ Die Stimme von Koinos Khedma brach. Tonlos flüsterte er: „... ich muß jetzt dorthin zurück, wo ich entführt wurde, genau an diesen Zeitpunkt in die Vergangenheit vor 50 Jahren, meinen Platz in der Geschichte wieder einnehmen und die Chelorier auf den Weg des Friedens bringen.“

    Qe-Le’Mahar runzelte die Stirn und strich sich gleichzeitig über sein Kinn. So wundervoll und vielversprechend dieser Plan auch klang, so irritierte ihn dennoch eine Kleinigkeit. „Du selber bist also noch niemals durch die Zeit gereist? Du hast die letzten 50 Jahre in Symbiose mit Zo-Ca’Riel verbracht?“ – „Ja“, antwortete Koinos und schien verwirrt zu sein. „Warum fragen Sie das?“ – „Weil es noch ein kleines Mysterium gibt. Es wartet auf dich in deiner Zukunft – und es liegt in der Vergangenheit des Dunklen Herrschers von IRIA, der erwachsen ist, denn dieser ist kein bißchen daran interessiert, den Weg des Friedens zu beschreiten!“ – „Mein Freund Ionos, der Roboter der Universians, hatte bereits eine beinahe tödliche Begegnung mit deinem zukünftigen Selbst, Koinos. Und da du Zo-Ca’Riels Erinnerungen teilst, solltest du das wissen,“ fügte Pylades hinzu.

    Koinos Khedma rief unglücklich: „Ich schwöre Ihnen, daß ich das niemals tun werde!“ Qe-Le’Mahar schüttelte den Kopf. „Völlig bedeutungslos. Da du hier bist, stellt der jetzige Dunkle Herrscher dein zukünftiges Selbst dar, und wir müssen herausfinden, was mit ihm geschah, bzw. was mit dir geschehen wird. Vorher können wir dich nicht zurückschicken.“ – „Vielleicht wirst du als erwachsener Chelorier die Hirngespinste ablehnen, an die du jetzt in deiner Jugend noch glaubst,“ spottete Pylades bissig. Koinos Khedma fuhr auf. „Niemals! Eher würde ich ...“

    Ein dröhnender Klang erfüllte plötzlich die Stadt Nakal, ein Klang wie von 1000 Posaunen. Überrascht verstummte der junge Chelorier. Asera Ghor fuhr erschrocken zur Tür. Der Posaunentumult dauerte 5 endlos wirkende Sekunden, dann herrschte wieder Stille.

    „Ist das ein exaltiertes Alarmsignal Nakals?“ fragte Asera, die in Gedanken bereits einen chelorischen Flottenverband im Orbit von Triton kreisen sah. „Nein, meine Schwester.“ Qe-Le’Mahar lief aus der Grabkammer und trat an eines der großen Fenster der Bibliothek. Von dort aus blickte er über die verlassene Stadt. Die anderen folgten ihm. Der Okieean war verwirrt. „Das gehört überhaupt nicht zum Klangmodus der Stadt... Hört ihr etwas?“ Pylades‘ akustische Sinne waren unübertrefflich, wie alle Eigenschaften seines energetisch projizierten Körpers. „Ich kann nicht das geringste hören“, stellte er fest. „Eben!“ rief Qe-Le’Mahar: „Absolute Stille. Selbst das reguläre Klingen ist fort!“ Kein noch so leiser Ton durchdrang die Stille.

    Unvermittelt kamen ihnen die Verlassenheit und das unglaubliche Alter dieses Ortes in der Tiefe des Neptunmondes in den Sinn. Zwei Millionen Jahre waren vergangen, seit irgendjemand zum letzten Mal hier gewesen war. „Laßt uns aufbrechen“, sagte Asera Ghor. Niemand widersprach. Das Holokonstrukt Del-Ka’Rahls löste sich grußlos auf. Gerade verließen sie den hängenden Turm und liefen die Treppe zur Ebene hinab, als mit ohrenbetäubendem Getöse ein wilder Tusch ertönte. Der einzige, der sich nicht die Ohren zuhalten mußte, war Pylades. Es war, als ob sich alle Musikinstrumente, die es im Universum gab, in einem grandiosen Klangkörper vereinigten. „Das Orchester von Malûn!“ begriff Asera Ghor – sie mußte brüllen, um den infernalischen Lärm zu übertönen.

    „HAHAHA! Ganz recht!“ sang ein Chor mit den Stimmen aller bekannten Lebewesen. „Und ihr seid lebende Wesen!“ Ein sich bedrohlich steigerndes Crescendo des Todes umwallte sie mit allem, was im Bereich der Akustik lag. „Lebende Wesen - an der Schwelle zum Übergang! Ihr braucht nicht länger zu warten!“ Die Stadt begann sich rasant zu verformen. Stalagtiten wuchsen von der Decke herunter. „Rennt!“ schrie Qe-Le’Mahar und sprang mit einem wilden Satz zur Seite, um einem pfeilschnell herabjagenden Stalagtit auszuweichen, dessen Spitze ihm beinahe den Kopf gespalten hätte. Sie rannten los, aber die Oberfläche der Ebene veränderte ihren Aggregatzustand von fest zu dickflüssig. „Hilfe!“ schrie Koinos Khedma, über dem die bacchantischen Wogen con brio zusammenschlugen. Er versank, von einem Substanz gewordenen Allegro in die Tiefe gezerrt.

    Pylades handelte blitzschnell und verwandelte sich – in Bruchteilen von Sekunden waren ihm Flügel gewachsen, und er beschleunigte seinen eigenen Zeitablauf. Der junge Chelorier sah ihn in Zeitraffer heransausen. Ehe er ihm seine Arme entgegenstrecken konnte, löste sich ein Plasmastrom aus Pylades’ Händen und umfloß Koinos Khedma – wie eine Schutzmembran gegen die Materie dieser Stadt, aus der ihn der Semeniade dann herauszog. Zwei Extra-Arme wuchsen aus ihm und hielten den Chelorierjungen fest. Nur mit Mühe konnte er den von allen Seiten auf sie zustoßenden Spießen ausweichen. Es war ein prachtvolles Ballett extrem schroffen Übermuts, begleitet von einem berückenden Sirenengesang aus der Ferne. “Wo sind Qe-Le’Mahar und Asera Ghor?” versuchte Koinos Khedma die bombastische Sinfonie zu übertönen. Besorgt sah sich Pylades nach ihnen um, während er pfeilschnell durch die Höhle schoß. Er fand sie jedoch schnell. Der Okieean hatte Asera Ghor an sich gezogen und eine eigene Gravitationssphäre um sich gebildet, so daß sie ebenfalls durch die Luft schwebten.

    Die mit ansteigendem Tempo immer heftiger werdenden Kollisionen mit den Türmen, Obelisken und Brücken, die sich auf sie stürzten, wurden von Qe-Le’Mahars Sphäre größtenteils absorbiert. Die wilden Tanzsätze Nakals waren der perfekte choreographische Ausdruck dafür, wie verführerisch der Tod sein wollte. “Ich kann mein Feld nicht mehr lange aufrechterhalten”, sagte der Okieean erschöpft. Noch hatte er den Eingang zu der unterirdischen Stadt nicht erreicht. Der entsetzliche, multitonale Chor aus Zehntausenden von holographisch projizierten berühmten Sängern und Sängerinnen galaktischer Geschichte begann erneut zu singen, und die Stadt bewegte sich dazu in einem stakkatischen Aufbäumen. “Kommt, ihr Lebenden”, sangen sie, “ich warte auf euch, so lange schon! Gebt euch dem Tode hin, dessen Musik ihr hier vernehmt! Spürt endlich, wie wundervoll es ist! Laßt das Orchester von Malûn in eure Herzen und sterbt! Sterbt!”

    Asera Ghor knurrte Qe-Le’Mahar an. “Das sind wesentlich mehr Geheimnisse über dein Volk, als ich jemals wissen wollte.” – “Der Eingang hat sich verschlossen!” rief Pylades aus, als sie gerade dort ankamen. Qe-Le’Mahar ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. “Der Schacht nach oben befindet sich trotzdem noch dahinter – er  besteht nicht aus dem elastischen Material Nakals, sondern ist in Tritons natürliches Felsgestein hineingehauen worden.” Pylades verwandelte sich erneut. Aus seiner Hand schoß ein dünner extrem spitzer Kegel und bohrte sich in die Wand. Kaum hatte er sie durchbrochen, vergrößerte er den Zylinder zu einem Rohr und floß mit seiner ganzen Materie in dieses hinein. Der Druck, gegen den er kämpfen mußte, war unglaublich. Um sie herum war die Musik zu einem einzigen pandämonischen Brüllen von unerfüllter Begierde und zornentbrannter Verzweiflung geworden.

    Qe-Le’Mahar, Asera Ghor und Koinos Khedma rannten durch das zylindrische Rohr, das Pylades aus sich gebildet hatte, aus der Stadt heraus in den dunklen Schacht, der an die Oberfläche Tritons führte. Sofort aktivierte der Okieean seine Gravitationssphäre und raste mit den beiden Cheloriern empor. Pylades floß aus der Wand, formte sich selbst zurück, wieder mit zusätzlichen Flügeln, und jagte ihnen nach. Unter ihm erklang eine dumpf grollende Transposition, und er schaute beunruhigt nach unten. Mit donnernder Vehemenz, kreischenden Burlesken, tragisch bewegt, folgte ihnen ein Ausläufer der Stadt mit siebzig singenden Drachenköpfen. “Warum wollt ihr nicht sterben? Hört ihr nicht die Botschaft? Kommt – und seid glücklich!!”

    Asera Ghor schoß aus ihrem Laser in die Tiefe; zwar traf sie, aber das Tempo der emporsteigenden Drachenköpfe veränderte sich nicht. Diesmal nahm die Chelorierin die Rasanz der Bewegung durch den Schacht sehr wohl wahr. Schließlich bremste der Okieean, und sie erreichten die Halle des Übergangs zur semeniadischen Station Elpheo 'jalliv. Die qualvollen Donnersätze rückten rasch näher. “Schießt in die Decke des Schachts! Wir müssen ihn zum Einsturz bringen!” rief Asera Ghor. Sie feuerten ihre Laser ab, und die Trümmer stürzten in den Schacht. Das Orchester von Malûn brüllte auf in einem atonalen Rondo und verstummte. Sicherheitshalber brachten sie die gesamte Eingangshalle zum Einsturz, bevor sie zurück zu ihren Schiffen eilten.

    Doch selbst in Elpheo 'jalliv waren die Vibrationen des höllischen Orchesters wahrzunehmen. Im Hangar standen die ATLOVRAT und die MORENA. “Mein Schiff ist schwer beschädigt – ich weiß nicht, ob ich damit vom Boden hochkomme”, sagte Qe-Le’Mahar betrübt. Pylades überlegte nicht lange. “Wir fliegen alle mit der ATLOVRAT.” Sie betraten das Schiff des Semeniaden, welches sich während der ganzen Zeit in Notstartbereitschaft befunden hatte. Pylades und Qe-Le’Mahar eilten vor in die Steuerzentrale, während sich Asera Ghor um den verstörten Koinos Khedma kümmerte, dessen Hörorgan durch den orgiastischen Lärm schwer verletzt worden war – er konnte überhaupt nichts mehr hören...

    Die Lande- und Startplattform schob sich nach oben, und die Luken öffneten sich. Das Schiff stand auf der Oberfläche der Station und sollte gerade abheben, als sich ein riesiger Zacken Nakals direkt neben ihr aus der Erde bohrte. Ein riesiges Auge funkelte sie an. Weitere Pfeiler stießen aus dem Boden heraus und wölbten sich über das Schiff. “Ein Käfig”, flüsterte Pylades und aktivierte die Pulsarkanone der ATLOVRAT. Eine Pulsarkugel zerstob die Kuppel, und Pylades startete. Mit voller Kraft erhob sich das semeniadische Schiff und raste von der Oberfläche fort. Ein letzter Plasmafühler Nakals zuckte kilometerhoch auf sie zu, und Pylades riß die ATLOVRAT auf einen anderen Kurs. Dann waren sie im freien Raum, außerhalb der Reichweite dieser Monstrosität.

 

*


    Qe-Le’Mahar atmete erleichtert auf und lehnte sich zurück. Asera Ghor kam in die Steuerzentrale. “Ich habe jetzt nichts mehr gegen einen kleinen Zeitkrieg der Chelorier einzuwenden ”, grollte sie. Der Okieean lachte. “Wir werden etwas für dich arrangieren, meine Schwester. Nicht wahr, Pylades? ... Pylades?” Der Semeniade antwortete nicht. Er war in die Beobachtung der Sensoren vertieft. “Die Scanner haben im ganzen Sektor das Auftauchen eines riesigen hyperenergetischen Potentials registriert”, erklärte er düster. “Eine Art Energieblase, mit einem Durchmesser von 19 Lichtjahren, und wir sind mittendrin.”
    Jeder von ihnen wußte, was dies zu bedeuten hatte. Der Korphiscalur-Schirm der Chelorier war erschienen und hatte das SOL-System in sich aufgenommen, um es aus dieser Galaxis zu entführen.

 
 

Berlin, 2000
Daniel Emerson Aldridge

 

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