Der
Schuljungen-Report
PAUSE ("MY
WAY")
Fiktives
Interview
(zwischen
Tine Plesch, Moderatorin und Redakteurin bei Radio
Z.,
und TINTIN
QUARANTINIO, dem Schöpfer des
Schuljungenreports)
Musik:
Techno-Parodie
von "MY WAY"
Danach
x-beliebige Techno-Musik
Frage TINE:
"Aber was
ist denn der Sinn von dem ganzen? Warum soll sich
ein Mensch so was anhören?"
Antwort TINTIN:
"Eigentlich
gibt es keinen Grund, sich das GANZE
anzuhören... Die Geschichte hat wenig allgemein
Gültiges oder wenig Interessantes für die
Allgemeinheit. ANIAN ist ein Junge, der in einer
Umwelt aufwuchs, die ihm die Möglichkeit einer
Identitätsbildung nach seinen Wünschen
verwehrt, verweigert, verhindert hat. Durch seine
Traumwelt und seine Sexualität findet er
dennoch heraus, was er will, und jetzt steckt er
genau an dem Punkt, wo er weiß, was er braucht
- allerdings stellt ihm die Gesellschaft diese Dinge
nicht zur Verfügung, und er muß einen Weg
finden, seine Träume selber und auf eigene
Faust zu verwirklichen.
Er steht vor
dem schwierigen Schritt, sich selbst zu behaupten
GEGEN den Rest der Welt - und es braucht Mut und
Furchtlosigkeit zu diesem Schritt... ANIAN glaubt
auch, daß er seinen wirklichen Eltern
weggenommen wurde. Ein Gefühl, das viele
vielleicht haben, aber bei den meisten ist es nur
symbolisch: ein Symbol dafür, wie schon
elterliche Erziehung einen Menschen sich selbst
entfremdet, und der Glaube, ein anderes Leben
verdient zu haben. Und bei ANIAN geht es um seine
Sexualität.
Ich bin
Reichianer - d.h. ich sehe eines der Grundübel
der Zivilisation in der Unterdrückung und
Politisierung der Sexualität. Sexualität -
eigentlich eine der schönsten und
fundamentalsten Wahrheiten der menschlichen Existenz
- ist seit eh und jeh ein Mittel zum
Machtmißbrauch für Staat und Kirche
gewesen. Offiziell geben darf es nur
Heterosexualität, sprachlich soll sie immer
noch in einem Nimbus bleiben, die anerkannteste Form
von Sexualität ist die Zweierbeziehung, immer
noch meistens in der Ehe, zum Zwecke der
Kinderzeugung. Alles andere war bis vor kurzem noch
Sünde, unmoralisch, verabscheuungswürdig
und gesellschaftlich inakzeptables Verhalten - und
nur wenig hat sich daran geändert.
Nach der Phase
der sogenannten sexuellen Revolution war wieder ein
Rückwärtstrend festzustellen, daß
der Umgang mit dem Thema wieder konservativer und
rückschrittlicher wurde. Ehe, Familie, zwei
Kinder - so ist es dem Staat am liebsten - und es
ist ja auch "so wunderschön" zugleich, niemand
kann so was schlecht finden! Wenn es in den Medien
auch noch so reißerisch, tabulos und scheinbar
tolerant gegenüber allen Perversionen zugeht,
unterm Strich bleiben die Ehe und der
Fortpflanzungsfanatismus doch das Ideal, das
Non-Plus-Ultra, und alle anderen Formen sind
weiterhin mit negativen Eigenschaften versehen.
ANIANS Geschichte hingegen ist ohne eine Wertung,
und sie braucht auch keine..."
Frage TINE:
"Was ist
denn die Kern-Aussage deiner Sendung? Wo ist die
Botschaft?"
Antwort TINTIN:
"Der
Kernpunkt meiner Aussage ist ganz einfach: Die
Normalität der Gesellschaft ist unsere
Verpflichtung zum Verrückt-Sein." (kurze Pause)
Frage TINE:
"Wie,
"normal"? Was heißt "normal" für dich,
das gibt es doch eigentlich gar nicht mehr,
daß jemand "Normal" ist - das löst sich
doch auf... Was willst du also sagen?
Antwort TINTIN:
"Vom
Zustand "Normal" spreche ich eigentlich auch gar
nicht - jeder fühlt sich normal, so wie er ist.
Nein, ich meine eigentlich eher etwas anderes,
nämlich die NORMATIVITÄT der Gesellschaft.
Also die Gesellschaft als eine Instanz, die
allgemeingültige Normen aufstellt und die
Menschen in sie einteilt. Trotz der letzten
Jahrzehnte hat sich nichts daran geändert, die
NORMATIVITÄT besteht weiterhin. Durch
Sprachgebrauch, Gruppenzwang, Medienkultur,
Polizeigewalt, Moralvorstellungen,
Geld-Abhängigkeit und Irrenhäuser wird das
Individuum im äußersten Maße
eingeschränkt in seiner persönlichen
Entfaltung und kann seine Wege nur im Rahmen der
offiziell gebilligten Freiheit einschlagen.
Doch die
meisten Möglichkeiten von Selbstverwirklichung
und Entfaltung bleiben dabei auf der Strecke und
versinken im schwarzen, dunklen Schattenreich jener
Dinge, die nicht einmal geträumt werden
dürfen. Alles, was ich in meiner Sendung "DER
SCHULJUNGEN-REPORT" beschreibe, ist nichts weiter
als das Wagnis, zumindest den Traum von einer
solchen Schattenwirklichkeit zu träumen und den
Menschen zu sagen: "Die meisten Möglichkeiten
der menschlichen Existenz sind immer noch unbekannt
und ungeahnt - wir könnten ein phantastisches
Leben führen, in dem wir alle unsere
Träume verwirklichen können!"
Frage TINE:
"Aber das
führt nicht zur Anarchie sondern zu Chaos -
wenn jeder alles tun könnte, was er will ...
Nicht, daß das nicht reizvoll sein
könnte..."
Antwort TINTIN:
"Das ist
doch kein soziologisches Problem, sondern ein
geographisches Problem!"
Frage TINE:
"Du meinst
nicht etwa "Unsere Interessengemeinschaft braucht
Raum" ?
Antwort TINTIN:
"Jaa...
Das hier ist doch ein riesiger Planet! Wenn ich mit
jemandem nicht auskomme, der sich so verhält,
wie er sein will - dann ist es doch nicht
nötig, daß ich ihm das wegdiskutiere, was
mich stört! Das ist der Trugschluß der
Humanisten und der Linken - die wollen meine
Perversion auf die sanfteste Art entfernen - durch
Wegdiskutieren! Was mir vorschwebt, ist eine ideale
Gesellschaft ganz anderer Art - ein planetarisches
System, das alle Menschen am Leben erhalten, jedoch
mit ganz vielen Kulturen und
Identitäts-Kolonien, auch Bolos genannt, die
über die ganze Welt verteilt sind und wobei
jeder Mensch sich seine Lebensweise aussuchen oder
gründen kann, ganz egal wie VERRÜCKT oder
UNGEWÖHNLICH ist... Auf diese Art und Weise
kann jeder Mensch frei sein und sich selbst
verwirklichen - ohne daß jemandem anders diese
Rechte weggenommen werden.
Anders kann der
Mensch, dieses verspielte und chaotische
Geschöpf, nicht zurecht kommen auf der Welt.
Jedoch, wenn es denn Leute gibt, die gerne andere
Menschen gegen deren Willen erniedrigen,
mißhandeln, diskriminieren, foltern oder
umbringen wollen – so können sie das gerne in
ihrem eigenen Bolo, ihrer Identitäts-Kolonie
machen – sie sollten sich aber nicht wundern, wenn
sie nur sehr wenig Besuch von anderen bekommen. Der
Ausflug ins Massenmörder-Bolo hingegen
dürfte lustig werden.
Ansonsten
stellt uns dieses System, das Bolo’Bolo heißt,
auch vor neue zukünftige Aufgaben, die ein
Erziehungssystem haben muß: Multikulturelle
Bildung, der Schuljunge und das Schulmädchen
lernen den Facettenreichtum des Mensch-Seins und
werden hingestubst zu ihrer Selbstverwirklichung.
Jeder soll sagen können am Schluß: I DID
IT MY WAY..."
Musik: Sex
Pistols - "My Way"
Frage TINE:
"Aber warum
ist denn deine Geschichte teilweise so
dermaßen superkitschig, daß es kaum noch
erträglich ist?"
Antwort TINTIN:
"Weil ich
mich nur bemühe, hinter die Dinge zu sehen!
Hinter allen Erscheinungen, die der Mensch
hervorruft, stecken meistens verborgene, tiefere
Aspekte, die ganz enorm mit dem eigentlichen Wesen
unseres Mensch-Seins zu tun haben. Und das sind dann
eben diese sehr archetypischen Anlagen, die schon
zig-Mal immer wieder beschworen wurden - und ich
kann da einfach nicht darauf achten, ob etwas schon
zehnmal gesagt worden ist.
Wenn es stimmt,
wenn es wahr ist, dann sage ich es wieder: Wir sind
liebevolle und sexuelle Wesen, wir sind Krieger auf
dem Pfad der Zeit im Kampf um die permanente
Gegenwärtigkeit unseres Lebens, wir sind
Spielende, Spieler, Hedonisten, Wanderer und
Abenteurer - wir erschaffen das Neue, das ins Leben
gerufen will, und wir zerstören das Alte, das
von der Zeit überholt worden ist - aber wir
sind keine Zivilisation, die ihren eigenen Untergang
will, sondern wir brauchen das Chaos, um endlich
eine 20000 Jahre lang anhaltende Fehlentwicklung
namens Zivilisationsgeschichte zu korrigieren und
den Menschen ihr Dasein zu ermöglichen, wie sie
es wollen.
Und in einer
solchen Zeit der Zukunft werden Kategorien wie
Kitsch, Kunst, Moral und Philosophie nur
eingeschränkte oder keine Bedeutung mehr haben.
Deswegen bestehen wohl diese Nachlässigkeiten
in Bezug auf die Form meiner Sendung, aber ich habe
sie eben auf meine Art gemacht..."
Frage TINE:
"Ist
für dich also der Ernst ein Spiel, und
umgekehrt das Spielen voller Ernst?"
Antwort TINTIN:
"Hier
orientiere ich mich an Pierre Bertaux: Der
Spieltrieb ist der diabolische Schauplatz, die Form
unserer Existenz - ohne daß wir uns
darüber klar sind. Früher gab es Ernst und
Spiel, da war ich ein Kind, ein Junge, ein
Schüler. Jetzt bin ich auf dem Sprung zum
Erwachsen-Sein, und ich sehe, alles ist GESPIELTER
ERNST (oder ernstes Spiel). Daß wir es lieben,
zu spielen, können wir uns nicht eingestehen -
das wäre ja Verrat am Ernst des Lebens! Aber
ich bin diesem Untergang entwichen: Der Spieltrieb
ist nämlich kein Verbrechen wider den Ernst;
sondern das SPIEL ist die dringende Notwendigkeit
zur Vervollkommnung des Ernstes als brauchbare
Lebens-Anschauung. Der Spieltrieb ist genauso
wichtig wie der Sexualtrieb oder der Jagdtrieb..."
Frage TINE:
"Erzähl
doch mal, was du bisher so gemacht hast - kurz..."
Antwort TINTIN:
"Kurz? Es
geht ganz kurz: BISHER NICHTS. Wenn es etwas
länger sein soll, müßte ich sagen:
nur wenig... Die Öffentlichkeit hat mich nie
sonderlich interessiert.
Als Schuljunge
schrieb ich Science-Fiction und Surrealistische
Sachen; und mit siebzehn bekam ich den ersten Preis
bei einem Talente-Wettbewerb der Nürnberger
Nachrichten (den Wettbewerb gab es übrigens nur
einmal, denn er sollte Publicity bringen, brachte
aber keine). Später dann wirkte ich bei einer
Fürther Tanz-Performance-Gruppe mit und drehte
dadaistische Kurz-Filme. Erfolgreichstes Projekt war
wohl die Schwule Videogruppe Nürnberg mit dem
Streifen "Anders als Normal", in dem ich einen
schwulen Friseur spiele. Dann war ich noch 1992
einer der Gewinner des Fantasy-Literaturwettbewerbs
des Bruno-Gmünder-Versands mit einer mythischen
Masturbations-Phantasie. Außerdem gewann ich
als Imo Schmack beim Kurzfilm-Festival 1992 einen
Sonderpreis für meine Ton-Dia-Schau "SOFT
MACHINE", für die ich erstmalig besondere
Kopier- und Maltechniken vereinte. Ein zweites
Ton-Dia-Projekt namens "THE DRUNKEN BOAT"
inszenierte ich 1993 in San Francisco für ein
kabbalistisches Ecstasy-Happening - jedoch ging am
Abend der Veranstaltung der Projektor kaputt, und
das Werk kam nie zur Aufführung. Meine
größten Erfolge feierte ich ohne Zweifel
bei dem kleinen Nürnberger Lokalsender "Radio
Z.". Die hatten wohl nicht geahnt, worauf sie sich
einließen, als ich gebeten wurde, mal ein paar
Kopfhörer-Sendungen zu machen (Kopfhörer
ist ein Programm für Texte und Musik, das ich
jedoch meistens als großangelegte
ESSAY-Sendung mit eigenen Texten gestalte, bei dem
die Musik nur AMBIENT-Charakter hatte; und meine
Inhalte sind immer ziemlich radikal gewesen - so
daß den Medienräten in München
sicher die Haare zu Berge gestanden hätten.
Meine beste Sendung ist sicherlich die
zweieinhalbstündige Gedenksendung zum zehnten
Todestag von Klaus Nomi gewesen. Inzwischen habe ich
übrigens auch angefangen, selber zu singen;
u.a. sang ich Romy Haags "Die Verruchte" auf einer
Radio Z.-Solidaritäts-Veranstaltung und trat
als Hildegard Knef bei der "HILDE FOR
PRESIDENT"-Party in der Fürther Kofferfabrik
auf - und demnächst mache ich ein DEMO-Band
für mein Synthi-und Gesangs-Projekt "10000
Brötchen" mit dem Titel "Die DDR
läßt uns nicht ruhen - Philosophie und
Gesang am Nachmittag".
Frage TINE:
"Das ist
doch alles nicht wahr!"
Antwort TINTIN:
"Doch.
Alles wahr."
Musik: Gypsy
Kings - "My Way"
Frage TINE:
"Was ist
denn das eigentlich mit deiner Faszination für
Raumschiffe? Möchtest du das mal genau
erklären?"
Antwort TINTIN:
"Nun,
erklären kann ich es nicht. Dafür ist das
wohl zu sehr aus meiner frühen Kindheit im
Unbewußten (also aus dem Fernsehen, meine
ich); sicher ist es das Gefühl von einem
"Seelen-Mobil". In dem ansonsten ziemlich trivialen
Film "Das Schwarze Loch" fliegt die CYGNUS, ein
wunderschönes wie ein GLASPALAST aussehendes
Raumschiff, in ein Schwarzes Loch, um zu versuchen,
unser dreidimensionales Raum-Zeit-Kontinuum zu
verlassen, um in den einzigen, letzten Bereich im
All vorzustoßen, den wir Menschen mit unserem
Verstand, unserer Wissenschaft nicht erklären
können.
So ähnlich
stelle ich mir das ICH auf dem Flug durchs Leben
vor, unterwegs zur großen Spirale des
Metaphysischen. Natürlich ist das wieder mal
ziemlich "Deplacierte Persönlichkeit": "Seele
als Raumschiff" usw. Die Erde wird ja oft nicht nur
als unser Planet, sondern auch als unser Raumschiff
bezeichnet. Ansonsten liebe ich das ornamentale und
überhaupt nicht zweckmäßig gebaute
Raumschiff, wie in den Bildern von Christopher Foss
z.B. Aber bitte keine echten, die sind noch zu
doof... Es ist der berauschendste Traum, eine
wundervolle Utopie, daß wir alle durchs All
sausen könnten ... "
Musik: William
S. Burroughs - "WHAT ARE WE HERE FOR?"
Frage TINE:
"Du hast
vorhin gesagt, daß du James-Bond-Filme magst."
(Einwurf
durch TINTIN: "Aber nur ein paar:
Liebesgrüße aus Moskau, Never Say Never
Again, Leben und Sterben Lassen, View To A Kill,
Tomorrow Never Dies - würde ich sagen ... und
Casino Royale, die Parodie meine ich")
Fortsetzung
Frage TINE:
"Was reizt
dich am Geheimagenten, Tintin? Wärst du gerne
ein Geheimagent, und wenn ja, was würdest du
dann tun?"
Antwort TINTIN:
"Also zum
einen sind die Tage des klassischen
Geheimagententums schon lange gezählt, und
Timothy Daltons und Pierce Brosnans Bonds sind der
pure Anachronismus... Die Macht-Maschinerie des
BÖSEN ist planetarisch-übergreifend
geworden und vereinigt alle Nationen in einem
mechanistischen Moloch entsetzlichster
Eigenschaften... Außerdem bringt es nichts
mehr, einzelne Menschen zu beseitigen, für die
sofort ein neuer Ersatz einspringen kann. Wenn ich
Geheimagent wäre, würde ich wohl einen
einsamen Kampf gegen die Kontrollautomaten MEDIEN,
COMPUTERNETZE und GROSSKAPITAL aufnehmen.
Auf meiner
Seite hätte ich die jüngsten und
raffiniertesten Hacker - und mein
persönliches Arbeitsgebiet wäre wohl die
Gehirnwäsche. Der Bereich der Forschung, der
mich heutzutage sowieso am meisten interessiert, ist
schließlich die Erforschung des Gehirns. Stell
dir vor, du kannst in Gehirne von wichtigen Menschen
hineingehen, die, die an den Schlüsselpunkten
Weichen stellen können... Politiker,
Präsidenten von großen Konzernen,
wichtige Menschen der Unterhaltungs- und
Informationsindustrie, alle Geheimdienste und die
führenden Köpfe subkultureller Bewegungen.
Und nun stell dir vor, du kannst in alle
Computernetze hineingehen und ihr
sämtliches Wissen anzapfen.
Also würde
ich mit all dem Wissen in die Gehirne dieser Leute
gehen und ihnen folgende neue Programmierung geben:
Mit dem WISSEN und der TECHNOLOGIE von heute ist es
möglich, daß jeder Mensch wie ein
Millionär im Paradies leben kann! Eine
planetare Gesellschaft mit den grandiosesten
Möglichkeiten kann in den nächsten
fünf Jahren verwirklicht werden - und diesen
Auftrag würde ich in all diese Gehirne
einpflanzen - als die Stimme des Propheten unserer
glorreichen Zukunft. Der Geheimagent als
Visionär, ja das wäre wohl my way, das,
was ich tun würde."
Musik: Nina
Hagen - "My Way"
Frage TINE:
"Zur Zeit
machst du unter deinem Pseudonym MARAUDER
SONNENSCHEIN eine Fernsehsendung namens "Adventurous
Hearts"..."
Antwort TINTIN:
"Ja,
Adventurous Hearts - Abenteuerliche Herzen! Nach dem
genialen, bewegenden Buch des Autoren Ernst
Jünger! In "Adventurous Hearts" (einer
halbstündigen Sendung, die jede Nacht vor
Sendeschluß auf dem Offenen Kanal Berlin
läuft) gehe ich hinaus in die Welt mit der
Kamera und forsche nach den abenteuerlichen Herzen
in unserer Zeit ... Ich spüre den Leuten nach,
die bewegt sind, und die selber in Bewegung sind
oder die eine Bewegung auslösen.
Im Labyrinth
der Straßen, U-Bahnlinien, Tanzhallen und
Kinderspielplätze suche ich nach den
vergänglichsten Formen, in denen sich das
intensive Leben und die Bewegung spürbar
kristallisieren. Meistens habe ich für jede
Sendung ein bestimmtes Thema, um das sich dann alles
in der halben Stunde dreht. Wichtig ist es,
daß ich Menschen aufspüre, die a) ein
flammendes, feuriges Herz haben, den Motor, der sie
durchs Leben treibt, und b) den blauen, tiefen Ozean
ihrer Seele in den Gezeitenkräften von Sonne
und Mond ruhevoll hin- und herschwappen lassen
zwischen Tag und Nacht, und c) müssen sie ihre
kleinen, geilen, sinnlichen, wunderschönen und
sensationsgierigen Körper spüren
können, mit denen sie all diese neuen
Erfahrungen wahrnehmen und genießen wollen.
Jaa,
Leute, die noch ganz Körper-Geist-Seele in
einem sind, und ihre Abenteuer sind immer
unterschiedlichster Art: die magischen, subtilen
Genüsse in einem 5-Sterne-Restaurant, oder
Baupläne, die Kinder für zukünftige
Spielplatz-Städte entwerfen dürfen, die
Empfindungen von Opernbesuchern beim Ring der
Nibelungen, wovon Schornsteinfeger träumen und
wie die Menschen sich in ihren Berufen
fühlen... Das sind die Dinge des Lebens, um die
es in "Adventurous Hearts" geht."
Frage TINE:
"Von all
den Dingen, die du machst, was ist dir da am
wichtigsten?"
Antwort TINTIN:
"Das Radio.
Das Fernsehen nicht - das schränkt die
Kreativität und die Phantasie unglaublich ein,
weil alles optisch stimmen muß. Im akustischen
Bereich habe ich alle Freiheiten, ich kann alles
darstellen und viel mehr experimentieren, ich kann
durchs All fliegen und brauche keine teuren
Spezialeffekte. Die Phantasie des Zuhörers ist
viel mehr gefordert als die Phantasie des
Fernseh-Zuschauers.
Das Radio ist
heutzutage wenig populär, verglichen mit dem
Kino und dem Fernsehen, und die meisten Radio-Sender
tragen nichts dazu bei, daß sich das
ändert; wegen dem Konkurrenzkampf und der
Notwendigkeit des Privatsenders, kommerziell zu
sein. Aber die Sternstunden des Radios sind noch
lange nicht gezählt - es wird bald eine neue
große subkulturelle Bewegung des RADIOS als
Selbstzweck geben - und wenn es soweit ist, werde
ich sicher an der Bewegung teilnehmen."
Musik: Frank
Sinatra - "MY WAY"
*
EINE
ZUSATZFRAGE
Frage TINE:
"An einer
Stelle erwähnst du 14 Menschen (7 Männer
und 7 Frauen aus der Welt- und Kunstgeschichte) und
präsentierst sie als die RETTUNG DER
MENSCHHEIT, die Lösung aller Probleme. Wie
stellst du dir das vor, und warum ist deine Auswahl
der 14 Personen so absurd?"
Antwort TINTIN:
"Das ist
ursprünglich ein viel längerer Abschnitt
gewesen - aber er ist eines der vielen
Traumschlösser in dem Hörspiel und war
dann in seiner kompletten Länge gaanz furchtbar
laangweilig, also habe ich diesen Abschnitt radikal
gekürzt, was etwas geschmerzt hat.
Überhaupt ist die endgültige Fassung vom
SCHULJUNGENREPORT erheblich gekürzt; weil Radio
ist im Gegensatz zur Literatur ein Medium, das
kurzweilig sein muß, sonst schaltet das Gehirn
beim Hören irgendwann ab. Ein Buch kannst du
zurückblättern, noch mal lesen oder bis
morgen zur Seite legen - beim Radio geht das alles
ja leider nicht. Aber was wollte ich sagen, ach ja
die "14".
Also, der
Originalgedanke war folgender: 14 Menschen treffen
aufeinander, und in einem Komitée können
sie, indem sie ihre Wesensarten miteinander
kombinieren, einen Weg finden, die Menschheit zu
retten, so daß jeder glücklich und in
Frieden leben wird.
Und
natürlich hat jeder von diesen 14 Leuten das
entscheidende Vierzehntel Persönlichkeit -
gemeinsam sind sie die Perfektion und
Vervollkommnung des menschlichen Daseins. Diesem
KOMBINAT würde ich also die WELTREGIERUNG
überlassen. Naja, und was das Absurde betrifft
- die ganze Idee ist ja an sich schon absurd, also
müssen die 14 selber auch eine absurde Mischung
sein - für den Zuhörer. Ich selber meine
alles todernst und beweise dadurch, wie absurd ich
selber bin - aber gleichzeitig auch, daß ich
RECHT habe!
Am liebsten
hätte ich ja eine Multiple Personality Disorder
mit all diesen Leuten: Arthur Rimbaud zur
ENTREGELUNG DER SINNE und zum Schwelgen im
Symbolischen, auch wenn er mir in letzter Zeit ein
bißchen wie eine Heulsuse vorkommt. Miss Piggy
- die Einzige! - für den Glanz und Glamour, den
jeder Mensch haben sollte.
Hildegard Knef,
um diese Mischung aus Schönem und Traurigen,
die Existenz genannt wird, in Weisheit leben und
genießen zu können. Klaus Nomi brauche
ich, um das Leben wie eine SPACE - LSD - NEWWAVE
- OPER - PERFORMANCE zu gestalten. Mit Ernst
Jünger und Susan Sontag geht es mir um die
Einheit von Moralität und Stil, um die Wahrheit
im Dasein von Herz, Seele und Körper.
Prinzessin
Leia Organa aus STAR WARS wäre da, um gegen
die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung zu
kämpfen – sie repräsentiert den Aufruf
an die Aristokratie Europas, sich endlich wieder
die Dinge zu Herzen zu nehmen und den
paramilitärischen Widerstand gegen die
Globalisierung und gegen das System der sich
anbahnenden Weltregierung mit dem Einsatz von
Person und Finanzen zu unterstützen - so wie
es Lady Diana sicherlich heutzutage tun
würde, wenn sie noch lebte ...
Pippi
Langstrumpf brauche ich für die Anarchie,
für das Kindbleiben. Dann ist da noch Gonzo der
Große, er entspricht sozusagen dem modernen
Künstler in jedem Menschen, zumindest mir auf
alle Fälle. Yukio Mishima hingegen rührt
mich zutiefst, weil er nach der unerreichbaren
Einheit vom LEBEN und der KUNST sucht und diese
Einheit im TOD sieht. Das geht mir jedoch schon fast
zu weit - und ich habe daher Mishima im fertigen
Skript weggelassen.
Für Asta
Nielsen, den größten Filmstar aller
Zeiten, gibt es überhaupt keine Rechtfertigung.
Aber die ganze Idee von den vierzehn Leuten
verweigert sich ja sowieso aus sich selbst heraus
einer Rechtfertigung. Es gibt nix, was mir helfen
könnte - ich behaupte es nun mal: diese 14
wären die perfekte WELTREGIERUNG - und
widersprechen kann mir ja auch keiner."
Musik: Cora
Frost - My Way
ENDE DER
PAUSE
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