ZWEITER
PROLOG
ZAUBERWESEN
(gesprochen
von TINTIN QUARANTINIO)
Auszug aus „Wer hat Angst vorm
Schwarzen Mann?“,
von
Philip Ridley
„Bei
unserer Geburt sind wir Zauberwesen. Wenn
wir zur Welt kommen, sind wir noch geblendet
von den Geheimnissen, die uns ein Tierkreis
aus Blut zugeraunt hat. Im Mutterleib
schwimmen Blutzellen zu unseren Augen herein
und heraus wie winzige Kometen, die uns mit
Geschichten beschenken: den Legenden der
Dinge, ihren Namen; und wenn wir uns dann
den Weg aus unserer geweihten Fruchtblase
herausbahnen, sind wir schon Zauberer. Wir
schreien, aber nicht vor Schmerz oder Angst,
sondern vor Staunen über die Wunder,
die wir vielleicht zu vollbringen haben. Und
das größte und wunderbarste all
dieser Wunder ist die Liebe.
Wir
werden geboren mit der Fähigkeit, zu
lieben. Zu lieben und geliebt zu werden.
Gezeugt in Liebe, atmen wir die Liebe ein,
wie wir einst Blut atmeten. Diese Liebe
schimmert über uns wie ein
quecksilbriger Heiligenschein. Sie dringt in
unsere Augen, macht den Blick klar, dringt
ins Gehirn, um uns Wissen zu spenden. Die
Liebe umgibt und beschützt uns. Wir
sind voller Zuversicht und sicher geborgen
in dem Bewußtsein, daß unsere
Pilgerfahrt schon begonnen hat. Jede Form
von Magie trachtet nach anderen Formen von
Magie, das liegt in der Natur der Sache.
Unser Leben wird zur Reise, die dem
Alleinsein ein Ende bereitet.
Wenn
wir geboren werden, sind wir alle wunderbar.
Aber mit der Zeit bekommen wir Masken,
werden Straßen um uns errichtet.
Mauern und Lügen engen uns ein, machen
uns zu Gefangenen unserer eigenen Vernunft,
lassen Herzen zu Stein erstarren, bis die
Magie – die einst so hell funkelte – in
unserem Gemüt dunkel und blasig wird
und brennenden Schmerz hervorruft. Wir
fangen an, uns überflüssig und
mißgestaltet vorzukommen, werden
bitter, weil unsere Kräfte ungenutzt
verrotten.
Unsere
Magie entfremdet uns, macht uns zu Parias
und Störenfrieden, Engel werden zu
Schreckgespenstern. Schließlich ziehen
wir uns in uns selbst zurück, sinken
immer mehr ab. Endgültig gebrochen,
verleugnen wir unsere Magie und den
Wunderglauben, bis wir schließlich
völlig hilflos sind.
Wenn
wir geboren werden, sind wir liebende
Zauberwesen voller Wunder. Aber überall
umgibt uns Dunkelheit und Dummheit, bis uns
dann eines Tages jemand Monster oder Teufel
nennt und wir ihm auch noch glauben.“