K l a u s   N o m i

- eine quasi-biographische gala zum 10. todestag -

(überarbeitete Fassung anlässlich des 20. Todestages, 2003)


the_drunken_boat

(image from the drunken boat - a surreal slide show)






V O R S P I E L:

Die Geschichte von OMNI, dem perversen Engel
 
 
 

"Close Encounters Of The Third Kind - Main Title and Mountain Visions" (3.22)

Darauf gesprochen, die folgenden Worte:

 

"Stellt euch, liebe ZuhörerInnen, den Himmel vor.

Unter den Engeln befinden sich die prächtigsten und schönsten Wesen dieses Universums, und jeder Mensch, egal ob Mann oder Frau, kann nicht anders als in brennende, begehrende Verliebtheit auszubrechen - beim Anblick eines Engels.

Es ist auch nicht anders möglich, auf perfekte Art und Weise verliebt zu sein. Denn weil der Engel unerreichbar ist, ist diese Verliebtheit am beständigsten und am Unverdorbensten. Außerdem kann der Engel sich auch nicht in Menschen verlieben, dafür ist er zu strahlend, zu gewaltig, zu absolut..."
 

Schluss von "Close Encounters Of The Third Kind  - Main Title and Mountain Visions" (3.22)

 

 
"Dann ist da Luzifer - die Flammende Begierde, voll Feuriger Lust auf die Menschen. Luzifer war einmal ein Engel, doch weil er die Menschen liebt, weil er sie heiß und innig begehrt, ist er in die Tiefe gestürzt worden.

Dort, wo er hinabgestürzt wurde, vermuten wir einen Ort namens Hölle, ohne zu ahnen, wovon wir sprechen. Stattdessen reden wir von unermeßlich heißen und ätzenden Feuerschluchten, zerklüfteten Vulkanen, die alles verbrennen, bis auf die Türme und Brücken aus dem kältestem Eis, die ein begabter Architekt dort hingestellt haben soll.

Jenes Eis ist zu kalt, um vom Feuer geschmolzen werden zu können, und das Feuer kann vom Eis nicht ausgelöscht werden, weil es zu heiß ist. Über die Eis-Brücken werden die Seelen der Leute geweht, die sich nicht konsequent und inbrünstig genug auf ihre Existenz eingelassen haben. Nun müssen sie die Strafe für ihre Mittelmäßigkeit ertragen - durch das Angesicht der unerreichbarsten Extreme.

Luzifer ist sehr traurig über das Schicksal der verlorenen Seelen der Menschen - er hat es noch nie erlebt, daß es ein Mensch geschafft hätte, sich konsequent genug gegen das Mittelmaß aufzubäumen - sie wurden alle wieder rückfällig. Aber Luzifer kann nicht anders, als ständig aufs Neue zu versuchen, die Menschen zu verführen. Er ist nämlich dazu verflucht worden, daß er die Menschen verzweifelt lieben muß, um dabei zu scheitern.

Dann ist da noch Gott - ein gleichgültiger, älterer Herr an seinem Arbeitstisch. David Bowie könnte im Film seine Rolle spielen. Gott geht keinerlei Verbindungen ein - zu ÜBERHAUPT NICHTS in diesem Universum... Er hat seinen Sitz, den Himmel, ein Stück weit hinter der Hölle eingerichtet. Diese dient ihm übrigens als eine Art Barrikade, offiziell verdammt und abgelehnt, die aber in Wirklichkeit - das ist inoffiziell bekannt - nie abgeschafft werden wird.

Der Himmel hat ein paar Umzüge hinter sich. Zuerst war er in einer asiatischen Region namens Mesopotamien, dann in den oberen Bereichen unserer Atmosphäre, und jetzt befindet sich der Himmel an dem letzten Ort in diesem Kosmos, der weder astrophysikalisch, noch metaphysisch oder philosophisch ergründet worden ist - nämlich in einem SCHWARZEN LOCH...  
 

Frankie Goes To Hollywood (ca. 1 Minute)

 
 
"Aber weiter mit Gott. Da er den Menschen nach seinem Abbild geschaffen hat, scheint er nicht so schön zu sein wie die Engel. Allerdings wirkt es so, als würde ihn diese Tatsache nicht beschäftigen. Bürokratische Wesen - Menschen wie Götter - die nur mit mittelmäßigem Aussehen und Geschick versehen sind, sagen häufig "es kommt doch mehr auf die inneren Werte an", aber das sagen sie nur deshalb, um sich vor dem Gefühls des Neids und der Eifersucht zu drücken, das sie sonst hätten. Würden sie sich dieses unterschwellige Gefühl eingestehen, wäre dies ihr Untergang in der Trostlosigkeit ihres Mittelmaßes.

Luzifer zu verdammen, war für Gott deswegen auch ein schizophrener Akt, der ihm ein nicht bestimmbares Unbehagen einflößte. Luzifer liebt die Menschen und will sie aus ihrem Mittelmaß in die Höhen oder Tiefen des absoluten Menschseins reißen. Deshalb verdammte ihn Gott - denn eine solche Liebe kann er nicht ertragen oder dulden; dabei würde er so gerne auf diese Art und Weise geliebt werden.

So aber betreibt Gott sein Amt ohne besondere Freude und begnügt sich mit dem unbewußten Genuß, die Engel zu kommandieren und so wenigstens aus zweiter Hand über ihre Schönheit zu verfügen. Die Menschen, die im Himmel landen, sind diejenigen, die sich nie gegen ihre Mittelmäßigkeit aufgelehnt haben - und deswegen geht es dort auch für sie mittelmäßig weiter...

Dann gibt es da auch noch die ERDE - dort leben die Menschen. Sie konnten aus all diesen verschachtelten Komplikationen und Beziehungen nicht viel Nutzen für ihre Entwicklung ziehen... Und deshalb verläuft diese Entwicklung der Menschen seit etwa 20000 Jahren auch als Sackgasse und Irrweg. Ihr wißt schon, was ich meine.

Der einzige Mensch, der nicht in den Himmel und nicht in die Hölle gekommen ist, ist Mozart - für ihn gibt es eigens einen Ort, der weder Hölle noch Himmel ist - und Luzifer besucht ihn dort öfters..."

 
WOLFGANG AMADEUS MOZART - Kontretanz (ca. 1 Minute)

 

"Kommen wir aber nun zu der eigentlichen Hauptfigur unserer Geschichte, der wir zunächst im Himmel und dann auf der Erde begegnen werden. Es ist einer der Engel, aber nicht wie der glorreiche, gestürzte Luzifer oder wie Michael, der strahlende Anführer der himmlischen Heerscharen im Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Nein, er rangiert nur unter "ferner liefen".

Es ist OMNI, der abartige Engel. OMNI ist kalkweiß geschminkt, seine Haare sind unbeschreibbar onduliert (das heißt "künstlich gewellt"), seine Lippen sind schwarzblau angemalt. Über der schwarzen Grundkleidung trägt er einen dreieckig-konstruktivistischen Porzellankragen. Dazu spricht er mit einer blassen Falsett-Stimme, mit der er aber die unglaublichsten Töne hervorbringen kann. OMNI ist auf keinen Fall ein mittelmäßiges Geschöpf, denn für ihn existieren keine Werte-Kategorien, in denen solche Abstufungen vorkämen...

Gott mag ihn nicht besonders, (kann ihn aber nicht verdammen, weil OMNI genießt Immunität. Diese Immunität besteht darin, daß Schuld oder Unschuld keine Kategorien sind, nach denen er beurteilt werden kann, weil er so vollkommen entartet ist). Außerdem weiß OMNI gar nichts davon, entartet zu sein. "Ich unterscheide mich nicht von Gott, den Engeln oder Luzifer", sagt er. "Niemand unterscheidet sich voneinander!" Er ist voller Unschuld, für ihn ist alles ein Spiel... Manchmal, wenn es keiner mitbekommt, raunt ihm Gott ein beleidigendes Wort zu. "Schwuchtel." OMNI kann dies nicht als Beleidigung verstehen, so wie er überhaupt nichts als Beleidigung verstehen kann. Oder vielleicht versteht er, daß er beleidigt wird, aber nicht den Grund dafür, und mißt dem ganzen deshalb keine Bedeutung bei.

Luzifer hingegen sieht zwar ein bißchen schel auf ihn herab, findet ihn aber interessanter und akzeptabler als die anderen Engel oder Gott. OMNI lebt sowohl im Himmel als auch in der Hölle, ohne einen besonderen Wert-Unterschied zwischen diesen beiden Orten festzustellen (abgesehen von den konkreten Lebensbedingungen, die ihn aber nicht stören). Dies irritiert besonders Luzifer, aber er läßt OMNI gewähren, weil er sich denkt, daß ihm das vielleicht einmal nutzen könnte..."

"Die drei Statistik-Kurven der Entwicklung von Gott, Luzifer und OMNI verlaufen in höchst unterschiedlichen Bahnen. Zuerst ist OMNI ein völlig bedeutungsloses Geschöpf - fremd. Er paßt nirgendwohin. Auch weiß er selber wenig mit sich anzufangen, und er versteht die anderen nicht.

Die Menschen lieben und fürchten vor allem Gott, vom Teufel nehmen sie nur gelegentlich Notiz, nämlich dann, wenn es ihnen gutgeht und sie es wagen wollen, sich ein bißchen gegen ihr Mittelmaß aufzulehnen. Gott ist zunächst sehr dominant, sehr zornig und autoritär. Zu der Zeit kann man den Menschen alles sagen, und sie schlucken es als Wahrheit. Gott will, daß die Menschen ihn lieben, denn sie sind ja wie er. Die Menschen sollen ihr Mittelmaß auf die Art und Weise ertragen, indem sie Gott sein eigenes Mittelmaß erträglicher machen - durch ihre Liebe zu ihm. Wenn sie dies nicht tun, dann wird er furchtbar zornig und rächt sich an ihnen, doch Luzifer verspottet ihn, weil er auch in dieser Hinsicht einfach zu mittelmäßig ist und es trotz mehrfacher Ankündigungen einfach nicht schafft, die Menschen auszurotten.

Weil Luzifer ihn deshalb mit Recht auslacht und verspottet, beschließt Gott, sich taktisch ein wenig umsichtiger zu verhalten. Er schirmt sich ab, um ihm keine Angriffsfläche zu bieten, und beschließt, die Menschen nur noch zu lieben. Und deshalb schickt er ihnen seinen Sohn. Diesem jungen Mann hören die Menschen interessiert zu. Sie hören ihm zu, weil er als erster davon predigt, daß man sich gegen die Mittelmäßigkeit auflehnen soll, die dem Menschen von Gott anheimgegeben wurde. Wie auflehnen? Alle Menschen sollen nur noch lieben - und überhaupt nicht mehr hassen.
Diese Lehre von Jesus - so heißt der junge Mann - hat natürlich einen entscheidenden philosophischen Knackpunkt. Der Knackpunkt ist, daß Jesus die Menschen gar nicht aus dem Werte-System befreien will, in dem es Haß, Liebe und das Mittelmäßige gibt. Jesus will nur, daß die Menschen nichts anderes tun, als sich zu lieben - an dem einen Ende dieses Werte-Spektrums. Und somit hat seine Lehre keine effektive Wirkung auf die weitere Entwicklung der Menschen gehabt. Im Gegenteil, Gott wird überaus wütend und läßt ihn ans Kreuz nageln, unter anderem auch aus Eifersucht, weil sich Jesus mit 12 wunderschönen Knaben umgeben hat, die seine Geliebten und Schüler sind."

 
Ausschnitt "THE WIZARD OF OZ" (ca. 1 min)

 

"OMNI betrachtet die Kreuzigung aus dem Himmel, der sich zu dieser Zeit noch in der westlichen Stratosphäre befindet, und spürt ein gewisses Mitgefühl für Jesus. OMNI erklärt ihm das später auch: "Ich weiß nämlich inzwischen Bescheid über die Kategorien, nach denen Gott, Luzifer und die Menschen leben, auch wenn ich sie für lächerlich, unkorrekt und verschroben halte". Darüber hinaus ist auch OMNI ein Liebhaber schöner Knaben und er findet es unsäglich, daß gerade diese Liebe für Gott den schwersten Verstoß gegen die Mittelmäßigkeit darstellte. Manchmal steigt OMNI vom Himmel herab und erscheint einem schlafenden Hirtenjungen im Traum, mit dem er eine wüste Sex-Orgie veranstaltet, dies aber nur im Traum, wie gesagt, denn Gott und Luzifer sollten davon nichts bemerken.

OMNI spürt, daß er noch nicht stark genug ist, um sich vor den beiden zu behaupten. Allerdings er sieht es mit Vergnügen, falls der Hirtenjunge am Morgen aufwacht und die Lüsternheit in ihm bleibt, jedoch falls sie stattdessen verdrängt wird, sieht er es mit Bedauern.

Die anderen Engel verstehen ihn wiederum noch immer nicht. Für sie ist er immer noch der Sonderling, mit dem nichts anzufangen ist."

Ausschnitt "THE WIZARD OF OZ" (ca. 1 Minute)
 

"Nach der Kreuzigung von Jesus zieht sich Gott vollständig zurück, um sein Gesicht zu wahren. Von nun an erscheint es bald, als sei nur der Mensch mittelmäßig, und Gott sei absolut perfekt - denn er nimmt überhaupt keinerlei Einfluß mehr. OMNIS Stärke hingegen nimmt zu - die Engel mögen ihn mittlerweile und finden seine Ansichten schlüssig. Inoffiziell übernimmt er ihre Führung.

Jetzt aber glaubt zunächst Luzifer, daß seine Stunde gekommen ist. Da Gott keinerlei Einfluß mehr auf das Geschehen nimmt, ist er unerreichbar und schweigend. Luzifer forciert also im Menschen die Vorstellung, daß Gott ein absolutes Wesen ist. Der Mensch soll sich aufbäumen muß aus seinem Mittelmaß, um gottgleich zu werden. Daß dieses Aufbäumen teufelsgleich ist, fällt Gott nicht mehr auf, weil er nicht daran denken mag, daß er selber das Mittelmäßige darstellt.

Die Menschheit stürzt sich also in die Höhen und Tiefen des absoluten Menschseins, weil sie Gott erreichen will, und Luzifer triumphiert. Doch sie berührt nur kurz die Perfektion, dann landen alle wieder in der Hölle, weil sie es nicht konsequent genug geschafft haben, so wie eh und je. Jetzt zieht sich Luzifer verbittert aus allen Angelegenheiten zurück und reagiert auf keinerlei Anrufungsversuche von der Erde.

Das hat stattgefunden von ca. 1848 bis ca. 1948... Jetzt haben Luzifer und Gott ihre Macht so ziemlich verloren - die Menschen können es nicht ertragen, daß es überhaupt Extreme gibt. Sie wollen vollständig in ihrer langweiligen Mittelmäßigkeit aufgehen, gleicher als gleich. "Keine Höhen und Tiefen mehr im Leben, bloß ein gleichförmiges, ereignisloses laues Dasein, weil es sowieso nicht anders geht," sagen sie...

Die Menschheit ist an dem Punkt angelangt, wo sie bereit ist, das System der Werte-Kategorien über Bord zu werfen und abzulegen - aber leider hat sie dieses System noch gar nicht durchschaut!

OMNI steht kurz vor seiner Abreise auf die ERDE. Er hat in letzter Zeit angefangen, zu singen. Zum Beispiel singt er "The Twist", und das ganz lasziv-langsam. Wir können ihn direkt vor uns sehen, wie er die Erde wie einen Fußball auf seiner Fingerspitze dreht, und dabei singt. "Come On, Humans, let's do the twist."

"Kommt her, Menschen, laßt uns den Twist tanzen! Ich nehme euch bei euren kleinen Händen, und dann machen wir es SO!"
 

THE TWIST (3.10)
 

"Der Philantroph OMNI liebt die Zeit, in der die ERDE jetzt ist - es ist die Zeit, in der kein neuer Gedanke mehr gedacht werden kann. Etwas neues kann nur noch durch die Kombination von zwei alten Gedanken entstehen, wodurch ein neuer Zusammenhang entsteht. Dies ist genau die richtige Zeit, um den Menschen ihr absurdes Dasein zu vergegenwärtigen und sich dabei auch noch wohlzufühlen.

Der Papierkram wird Gott zuviel, er verliert den Überblick und das Interesse an den Angelegenheiten seiner Schöpfung. "Sollen sie doch machen, was sie wollen!" rutscht es aus Versehen aus ihm heraus. Und somit registriert er das Reinkarnations-Gesuch von OMNI auf seinem Arbeitstisch gar nicht - er hat ihn sowieso vergessen, aber er unterschreibt es wie den Rest seiner Unterlagen."

"Close Encounters Of The Third Kind - Nocturnal Pursuit" (2.34)
Darauf gesprochen:

 

"OMNI verläßt den Himmel und die Hölle. Er verläßt das SCHWARZE LOCH und ist in der unendlichen Weite des Kosmos, rasend schnell an Sternen vorbei, Kometen und fernen Welten. Sein Haar weht im stellaren Wind, er steht am Bug seines Sonnenschmetterlings-Seglers, und seine Augen glitzern verführerisch. In dieser weiten Leere und diesen gigantischen, seelenlosen Himmelskörpern und ihren verwunderlichen Konstellationen eine Pracht zu sehen, ist zwar das Naheliegendste, aber trotzdem bringt es nichts! OMNIS Ziel ist das unscheinbare Sonnensystem im östlichen Spiralarm der Galaxis...

Da steht er direkt vor ihm und dreht sich langsam - der blaue Planet ERDE in all seiner Herrlichkeit...


OMNI taucht in die Atmosphäre ein und gleitet über die Kontinente hinweg - doch wir schreiben das Jahr 1944 - es ist Krieg! Auf grausamste Art und Weise TÖTEN sich die Menschen gegenseitig - über den ganzen Erdball, und schrecklichste Waffen werden dafür verwendet. Dinge geschehen, die sich niemand ausmalen kann, der sie nicht erlebt hat... OMNI jagt rasend über Berge, Wüsten, Meere, Wälder, Städte auf der Suche nach seinem Ziel. Dann schlägt er ein mit unvermittelter Wucht. Das Ende seiner Geschichte ist von nun an unabweichlich. Wir schreiben den 24. Januar 1944."

Kriegsgeräusche
Wehender Wind, darauf gesprochen:

"Es ist ein Delirium, als sänge OMNI diese Worte während des Sturzes auf die ERDE, ein Sturz, der endlos ist wie vom höchsten Wolkenkratzer New Yorks, ein Sturz, der mehr wie eine langsame Trance wirkt trotz seiner Rasanz: "Ich habe euch von der Totalen Sonnenfinsternis erzählt, aber sie hat euch trotzdem im Schlaf überrascht, aber ich sage euch, haltet durch, ihr Menschen, es wird ein MORGEN geben. Eine Million Jahre brauchte es für die Zivilisation - wir richten sie hin auf dem elektrischen Stuhl! Und nach dem Sturz werden wir wiedergeboren werden, nachdem alles das fortgeblasen ist. Die Menschheit wird sich neu entwickeln, wenn ihr nur durchhaltet."


KLAUS NOMI - AFTER THE FALL (4.43)
(Windgeräusch leiser...)


"Was für eine Macht stellst du dar, aus der Tiefe hast du mich erstehen heißen, unwillig und langsam steige ich auf von dem Bett aus ewigem Schnee! Siehst du nicht, wie steif und erstaunlich alt ich bin. Ich bin kaum in der Lage, die bittere Kälte zu ertragen. Ich kann mich fast nicht bewegen oder Atem schöpfen. Laß mich bitte wieder erstarren, erstarren zu Tode."

ENDE DES VORSPIELS ...

(Anmoderation: Eberhard Schoener)
 


 FANFARE (0.41)
THE COLD SONG (4.03)


 
  



   
 

K L A U S   N O M I

- Eine quasi-biographische Gala zum 10. Todestag -





Der Junge KLAUS SPERBER kommt zur Welt am 24. Januar 1944, in IMMENSTADT, im südlichsten Deutschland.


"Klaus", das kommt von "Nikolaus" und bedeutet "Sieger über das Volk". Namen sind von Vorahnungen bestimmt, oder von Wunschvorstellungen, die sich nicht erfüllen. Vielleicht entwickelt sich ein Junge nur deshalb in eine Rolle, weil sie dem Namen entspricht, den ihm seine Eltern gegeben haben.

Mit dreizehn Jahren hört der Junge Klaus im Radio, diesem magischen Instrument, mit dem er in sein Inneres hört, die Funksignale des ersten künstlichen Satelliten Sputnik."

Sputnik (ca. 20 Sekunden)


"Andere Klänge, die er hört, sind folgende: ..."

Rock Around The Clock - kurzer Ausschnitt



 
"Klaus lebt auf in der Rock-Musik und ihrer Theatralik, den neu entstehenden Phantasien um den Weltraum und der Schwärmerei für die kunstfertig gemachten, formschönen Torten in der Konditorei seiner Eltern. Als er in die Pubertät kommt, zeigt sich, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet - er entdeckt seine Leidenschaft für die schönen Jungen in seiner Klasse. Dazu kommt sein Stimmbruch - Klaus merkt, daß er richtig gut singen kann, nicht nur als Tenor, sondern auch in den abstrusesten sonstigen Stimmlagen.

Schon jetzt gibt es für ihn nichts als die Oper. "Die Oper ist das Ungewöhnlichste, das existiert," sagt er, und es scheint ihm das einzige Medium zu sein, um sich auszudrücken.



Zunächst lernt er den Beruf des Konditors - und dieser Beruf entspricht am ehesten seinem Hang zu Kunst, Schnörkel und Ausgeflipptsein. Ein Konditor (einer mit Leib und Seele) lebt genauso wie der Opernsänger oder der Astronaut in seiner eigenen Welt - abseits von der Normalität der anderen Menschen.
 
 
DIE TORTE - eine philosophische Abhandlung:
Wir fragen uns, welcher Mensch kam auf die Idee, die Torte zu erfinden, und was für Beweggründe hat er dafür gehabt? Die Torte ist das unnatürlichste Gebilde zum Verzehr, das die Menschen sich erdacht haben. Wenn ich das Wort natürlich ausspreche, wie häufig meine ich dann auch tatsächlich natürlich? Wie häufig müßte ich stattdessen kultürlich sagen?
Die Torte ist ein kultürliches Gebilde - das heißt, sie ist ein Versuch des Menschen. Der Mensch versucht, seine kulturelle Entwicklung darzustellen - als den Höhepunkt der Geschichte des Universums - und als den Inbegriff allen Strebens nach Perfektion, die nun mit dieser Torte endlich erreicht worden ist.
"Du darfst alles machen, Hauptsache, es ist perfekt!" - dies ist die Philosophie der Torte ...

 
 

Jedoch die Versuche von Klaus, nun selber auch Opernsänger zu werden, scheitern. Angeregt von sowohl Elvis Presleys "King Creole" als auch den Arien von Maria Callas, verdingt sich Klaus zunächst als Statist an den Essener Bühnen. Dann geht er zum Gesangsstudium nach Berlin. Es gelingen ihm einige Semester Musikhochschule, aber an den Theatern wird er nicht aufgenommen. Dann versucht er, wenigstens als Logenschließer an der Deutschen Oper einen Fuß in die Tür zum großen Musikdrama zu bekommen. Er vergeudet seine Zeit ( ... WASTING MY TIME ... ) "

 
WASTING MY TIME (4.14)


"1973 zieht er frustriert nach New York."

 


1. Einschub
Zwischenmoderation:
 
„In San Francisco traf Daniel auf ADRIAN REBHOLZ (auch bekannt als BOY ADRIAN), einen damaligen Freund und Mit-Performer Klaus Nomis.“

Zuerst Adrians Stimme etwas laufen lassen („I met Klaus on the street ...“), dann leiser drehen und deutschen Ton darüberblenden:

 

„Ich traf Klaus auf der Straße, als ich Performer in einem Schaufenster bei Fiorucci war... Das war 1978, und Klaus war ein Konditor. Und wir wurden gute Freunde.

Damals war die Punk-Rock-Ära auf ihrem Höhepunkt, und Klaus fuhr völlig darauf ab, er trug eine schwarze Sonnenbrille, eine schwarze Jacke und sah noch völlig anders aus als später, als er berühmt war. Als ich und ein Freund ihn einmal singen hörten, versuchten wir ihn dazu zu überreden, öffentlich aufzutreten, doch zunächst wollte er nicht.“


Adrians O-Ton bis „Oh no no ...“ weiterlaufen lassen. Bei „One of the best parts“ weiter mit deutschen Ton überblenden:

 

„In seiner Wohnung hatte Klaus einen Fernseher. Anarchistisch, wie wir damals waren, hatten wir eine Diskussion darüber, wie überflüssig das Fernsehen war. Zu dieser Zeit war alles im Fernsehen eine Lüge und absolute Zeitverschwendung.

Ich sagte zu Klaus, er sollte sein eigenes Programm machen – also öffneten wir das Fenster, warfen den Fernseher hinaus und sahen zu, wie er vier Stockwerke herabfiel und am Boden explodierte. So fing alles an.“ 


Adrians O-Ton bis „I don’t believe he did it“ weiterlaufen lassen, dann SCHLUSS der Einblendung. 


"
Close Encounters Of The Third Kind - The Abduction of Barry" (4.32)
Darauf gesprochen, die folgenden Worte:

"Die STADT NEW YORK... Klaus schlägt sich dort fünf Jahre als Tellerwäscher, Botenjunge und KONDITOR durch, bis er sich als Underground-Attraktion etablieren kann und über die Szene hinaus Aufsehen erregt.

Er nennt sich Klaus Nomi, ein Anagramm aus dem lateinischen omni "alles in einem" - das KULTÜRLICHE WESEN in ihm findet endlich seinen Ausdruck. Aber NOMI bedeutet auch: "NO ME - Kein Ich" - oder "KNOW ME - Kenne mich!"

Ein Cicero-Zitat heißt NOMINA SUNT ODIOSA und bedeutet "Namen sind Schall und Rauch". Nach der Philosophie des NOMI-NALISMUS hat das Allgemeine keine wirkliche Geltung. Der Nominalismus behauptet, es gibt keine Allgemeinbegriffe. Es gibt nur die Wörter ("NAMEN"), deren Bedeutungen durch die Empfindung der fünf Sinne klar sind.
 
 

2. Einschub:

Zuerst Adrian anlaufen lassen („To get right to it ...“), dann deutscher Ton darüber:

 

„Es gab ein Vaudeville-Revival in New York zu der Zeit, bei dem Klaus zum ersten Mal auftrat. Er unterschied sich von allem, was es damals gab, weil er ein Opernsänger war.

Die Leder-Punk-Heroin-Musik war am Vorherrschendsten – und Klaus, dieser Opern-Rock-Visionär aus dem Weltraum, unterschied sich davon total und versorgte jeden mit einem noch größeren High: er sang eine Arie in einem Weltraumanzug und verschwand in einer Rauchwolke.

Unmittelbar danach fing er an, seine großen Platten aufzunehmen!“

 


Adrians O-Ton bis „He started making music records right after that...“ weiterlaufen lassen, dann SCHLUSS der Einblendung.
 

Nomi ertrotzt sich seine Nische in der Stadt New York. Opernfieber, Rockklänge, Maskentheater kombiniert er zu seinem exzentrischen Auftritt. Wer ihn entdeckt und ihn aus den Kellerbühnen herausfischt, ist niemand anders als David Bowie. Mit seiner Hilfe glückt der Durchbruch (" ... early one morning, Klaus opened the gate and went out into the big green meadow ...").




Nach einem Auftritt mit Bowie in der NBC-Satire-Show "Saturday Night Live" gelang ihm der Transit vom Dunstkreis der Kult-Kabaretts zum OVERGROUND der Plattendeals und Showauftritte.
 
 

3. Einschub:

Zwischenmoderation:
„Und hier nun der wahre Ursprung seines Namens.“


Zuerst Adrian anlaufen lassen („Oh, at the same time ...“), dann deutscher Ton darüber:

 

„Zur selben Zeit, im Oktober 1978, erschien die erste Ausgabe von OMNI, ein Science-Fiction- und Wissenschaftsmagazin ... An allen Bushaltestellen hingen wunderschöne blaue Poster mit großen Schriftzügen. OMNI.

Also klauten wir eines dieser Poster, und Klaus beschloß, einen anderen Namen anzunehmen. Anstelle von „Klaus Sperber from Outer Space“, the one and only Klaus Nomi. Er hat einfach die Buchstaben vertauscht...“

 


Adrians O-Ton bis „ ... the one and only Klaus Nomi“ weiterlaufen lassen, dann SCHLUSS der Einblendung.

 
 

NOMI SONG (2.47)
 
 

Keys of Life - das erste Lied auf seiner ersten Schallplatte von 1980. Wie heißt es im Text? Ein Kunstwesen, Klaus Nomi, ist von uralten Welten gekommen, um in der eigenen Person zu sehen, was der Mensch vollbracht hat, um zu sehen, was ist Fakt und was ist Fiktion - und was sind die Widersprüche dazwischen? Die Zukunft hat schon angefangen, aber sie ist noch unfertig und uns geht die Zeit zur Neige. Dennoch halten wir den Schlüssel zum Leben in unseren Händen. "Achtet auf das Lautlose Zeichen!" Erforschen wir die neuen Dimensionen in uns, schaffen wir endlich bewußt und mit Absicht einen neuen Lebenstil. Ignoriert diesen Rat nicht - wir halten den Schlüssel zum Leben.
 

KEYS OF LIFE (2.26)

LIGHTNING STRIKES (2.57)

 
 


"Die großen Atomraketen! Erhitzung des Planeten - der totale Holocaust. Alles wird in die Luft fliegen, selbst wenn du Zuhause bleibst und nicht auf die Party gehst... Es ist der Letzte Tanz, für die gesamte Besetzung. Den letzten Tanz tanzen, während wir atomisiert werden! Es ist die TOTALE SONNENFINSTERNIS..." Klaus Nomi singt von unserer letzten großen Angst, dem Weltuntergang... Was bedeutet uns diese Angst? ...

Die Angst an und für sich stellt ein schmückendes Attribut für das Individuum dar. Das Individuum, das Angst hat, kann sich noch einmal an Erfahrungen bereichern und eine zusätzliche Facette zulegen. Alle möglichen Dinge, die der Mensch tun müßte oder könnte, werden nochmal veredelt, sie werden mit oder gegen die Angst getan und kriegen dadurch eine zusätzliche Dimension... Das ganz normale Leben wird dadurch ein bißchen dramatischer. Die Leute unter vierzig haben keinen Krieg mitgemacht und keine existentiellen Ängste gehabt. Denen konnte man in den Achtziger Jahren diese Angst noch verkaufen, das war etwas neues, eine neue Religion; und das Produkt Angst ging eine Zeitlang sehr gut... Einer Generation, die harte Klassenkampferfahrungen oder einen Krieg mitgemacht hat, kann man Angst nicht so gut verkaufen...

Mittlerweile haben die Leute von der Angst längst genug und wollen wieder Krieg spielen, doch eine Angst geht immer noch gut, die vor dem Weltuntergang...

Der Weltuntergang ist die Diva der Angst! Aus der Kollektion Angst gibt es ihn als ganz speziellen Marken-Artikel! Jeden Tag müssen wir alle damit rechnen, daß wir untergehen, dies wird uns zumindest viel beschworen... Wir gehen davon aus, daß es nicht mehr allzulange so weitergehen wird, doch das führt uns zu einem intensiveren Leben. Wir wollen jeden Tag auskosten und sind wendiger, behende in unserem Leben ...


Für die Pop-Kultur ist die MAXIME "Der Weltuntergang" besser als "Finde dich selbst"... Daß wir uns diesen Weltuntergang vergegenwärtigen, wird uns den letzten, großen Sturm in den Kopf treiben, dieses Chaos, das uns befreien wird... Total Eclipse of the Sun."


 

TOTAL ECLIPSE (4.14)
Weltuntergangsgeräusch (aus Samson and Delilah)


4. Einschub:

Zuerst Adrian anlaufen lassen („There was not a lot going on ...“), dann deutschen Ton darüber:

 

„Es passierte gar nicht so viel auf der Bühne. Joey Arias, ein weiterer berühmter Performance-Künstler in New York, und ich waren Backgroundsänger und Performer, dann gab es noch ein paar Tänzer. Mit einer Menge Rauch versuchten wir eine außerirdische Atmosphäre zu schaffen. Klaus‘ Anziehungskraft bestand darin, daß er so unwirklich und außerirdisch wirkte.

Eine andere Seite neben diesem Bubblegum-Space-Feeling waren die einfachen Botschaften wie in „Simple Man“, daß man sich selbst verwirklicht. Egal, was du bist, es ist alles möglich ... Paßt auf vor den Atombomben, usw.“

 


Adrians O-Ton bis „ ... If anything, space migration is the next big thing“ weiterlaufen lassen, dann SCHLUSS der Einblendung.
 
 
 

Weltuntergang = Weltrevolution... Die Strukturen von Ordnung zerfallen. Unsere Einteilungen in gut/böse, falsch/richtig, schön/ häßlich werden in diesem Chaos einer Neubewertung unterzogen... Nach diesem Sturz, der totalen Sonnenfinsternis, dem Untergang werden die Kategorien einfacher sein. Wir fangen wir noch einmal an, zu leben...

All das klingt philosophischer und wirrer als es in Wirklichkeit ist. Klaus Nomi ist gar kein komplizierter Mensch, er ist so einfach, wie ein Mensch nur sein kann. Das Wort simpel hat im deutschen einen negativen Charakter, denn ein Deutscher mag keine dummheit, am wenigsten seine eigene. Das englische "simple" heißt Schlicht und Einfach - und das hat eine postive Bedeutung... Leben und Leben lassen - Jedem das Seine - jeder tut alles, was er will, bloß nicht das, was einen anderen in dessen eigener Entfaltung einschränkt ...

Mit Inbrunst und Leidenschaft könnten wir einfach leben, simpel, mit allen Formen spielend und alles mit Leichtigkeit nehmend - als "Simple men", anstatt uns und den anderen vorzuschreiben, was ist moralisch und was ist unmoralisch. Ein schlichtes Lied zu einem schlichten Gedanken, der Liebe..."
 

SIMPLE MAN (4.16)

DER NUSSBAUM (3.04)

 
 


Ein Lied aus dem neunzehnten Jahrhundert ...
Robert Schumann: Der Nussbaum.



Kommunikation im Zeitalter der Zukunft: Eine unendlich komplexe Information kann durch einen unendlich kleinen Wert ausgedrückt werden. Ganze Romane erzählen - mit einem einzigen Buchstaben, der demnächst erfunden wird... Mit den jetzt schon existenten Buchstaben fängt es simpel an ...


 

 
(A ein

B  sein

c   sehen

i   ich / auge

r   sind

t   Tee

u   du / ihr

w  doppelt du

x   ex / Axt)

i c u r ok 2c  Ich sehe, du bist in Ordnung, um zu sehen

i c u r ok 2   Ich sehe, du bist auch in Ordnung

i c u r ok 2c   Ich sehe du bist in Ordnung, um zu sehen

i c w r 2   Ich sehe doppelt Du bist Zwei

u r a qt   Du bist ein süßes Kind

i1 u2   Ich Eins Du Zwei

o o 2 e z   Oh oh Zu Einfach

i 1 u 2   Ich Eins Du Zwei

 

ICUROK (4.24)
SPACE-Geräusche (Raumschiffe, Sternenrauschen)

 


"Am meisten fasziniert mich die Zukunftsvision unserer Gesellschaft, ob Kunst, Mode oder Architektur. Ich liebe es, mir vorzustellen, auf verschiedene Planeten auszuwandern. Ich würde gerne in eine andere Galaxis reisen und mit meiner Band dort ein Konzert geben." - Zitat Klaus Nomi.

 
 
RUBBERBAND LAZER (4.20)
SPACE-Geräusche ausblenden...
"
Close Encounters Of The Third Kind - The Appearance Of The Visitors" (4.49)
Darauf gesprochen die folgenden Worte:


 

"Er wollte der Pop-Musik die abhanden gekommene Theatralik wiedergeben, indem er New-Wave-Sounds mit der großen Geste der klassischen Oper fusionierte - intensiv ausgelebte Gefühle, weitausladende Gebärden. Große Gedanken und Gefühle, große Taten...

Er stilisierte sich auf Hyperkünstlichkeit, wie ein Samurai auf LSD, wie ein intergalaktischer Pierrot, wie eine High-Tech-Primadonna, und sang in schrillen Koloraturen ein Gemisch aus Barock-Opernarien, Dietrich-Schlagern, New-Wave-Rock'n'Roll.

"Nur im Traum erlebte ich bisher eine derartige Mischung aus komödiantischer Schönheit und Terror", befand der Korrespondent der Pariser "International Herald Tribune" nach einem Auftritt Nomis.




Klaus Nomi singt Sopran - er ist ein Falsettist. Die Falsettisten (ital. Altinaturali), ihrer Stimmlage nach Tenöre, führten im 15. und 16. Jahrhundert die Sopran- und Altstimmen in Falsett aus, wenn geeignete Knabenstimmen fehlten. Im 18. Jahrhundert wurden die Falsettisten durch die Kastraten verdrängt. "The Cold Song" - "Wayward Sisters" - "Death" stammen von dem englischen Komponisten Henry Purcell und entstanden im 17. Jahrhundert, als die Zeit der Falsettisten zu Ende ging.
 
 
Donner und Blitz - Regen

(Differenzierter Repeat: " ... - intensiv ausgelebte Gefühle, weitausladende Gebärden. Große Gedanken und Gefühle, große Taten...")
 

In "Wayward Sisters" (aus der Oper "Dido und Aeneas") von Henry Purcell werden die drei Hexen angerufen...

"Launenhafte Schwestern, ihr, die ihr den einsamen Reisenden bei Nacht erschreckt! Ihr, die ihr wie düstere Raben heulend, an die Fenster der Sterbenden schlägt! Erscheint auf meinen Ruf, und nehmt Teil am Ruhm dieses Unheils, auf daß alle Städte in Flammen untergehen!"

 

Ausblenden von Donner und Blitz

Aber das Muster bricht sich - eine Verzerrungsellipse folgt umgehend...
Zitat Gute Hexe: "Verkündet allen das Ende der Not! Die böse Hexe, sie ist jetzt tot!"

 
 

WAYWARD SISTERS (text) (1.43)

DING DONG (3.03)


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"Close Encounters Of The Third Kind - Sky Harbor" (4.31)

 
 

"Er sieht aus wie nicht von dieser Erde und hört sich noch seltsamer an", befand der New Musical Express und warnte: "Von der Musik geht eine seltsame, furchterregende Faszination aus. Mit äußerster Vorsicht zu erforschen."

Die Musik ist eigentlich nicht kompliziert, aber sie führt den Hörer in die Irre. "Er sickert ein ins Gehirn, unbemerkt, scheinbar konsumierfreudig und seicht, doch auf einmal spürt man ein marodes Element in sich - man fühlt sich als ein Perverser in der Gesellschaft, einen Blickwinkel für das Abartige, der vorher nicht da war - die Transformation im Bewußtsein findet unbemerkt statt..."

Nomi ist ein vielfältig geformtes Kunstgebilde, das aus dem Innern der menschheitlichen Entwicklung heraus entstand. Das Kunstprodukt Nomi war ein bleich geschminkter Mann mit blauschwarzen Lippen und schwarzem diabolisch frisierten Haar, dazu trug er auf der Bühne eine Art überproportionales Pagengewand aus schwarzem und weißem Porzellan, das aus zwei ineinanderlaufenden Dreiecks-Strukturen und einer überdimensionalen schwarzen Fliege bestand.

(Differenzierter Repeat: Wenn ich das Wort natürlich ausspreche, wie häufig meine ich dann auch tatsächlich natürlich? Wie häufig müßte ich stattdessen kultürlich sagen? Klaus Nomi war ein kultürliches Wesen.

Er stand auf der Bühne und bewegte sich wie eine willige Marionette der Gesellschaft. Aber er weiß, daß seine Wirkung destruktiver Natur für diese Gesellschaft ist: Er ist die Marionette, die ihr Eigenleben entwickelt, nachdem sie ihre eigene Existenz entdeckt hat: eine dada-istische Seele und ein dada-istisches Herz, verborgen unter aller Kultürlichkeit.



Mit seiner Stimme hätte Klaus Nomi schöne Lieder singen und viel Geld machen können - aber er nahm seine Stimme und sang seine Lieder, um die fragwürdig gewordene Kultur lächerlich zu machen, aus der er heraus entstanden war...

"Und wagen Sie es nicht, diese Musik einfach nur schön zu finden - sonst laufen Sie Gefahr, daß Sie pervers werden!"

 
 

YOU DON'T OWN ME (3.41)

PERFORMANCE-Künstler sind Leute, die über ihr musikalisches Vermögen hinaus ETWAS darstellen und eine Situation erfinden - und zu ihnen gehört in besonderem Maße auch Klaus Nomi - seine OPTIK (und die seiner schwarzen Tänzerinnen) wirkt bestechend... Seine zwei Alben "Klaus Nomi" und "Simple Man", die ihn als "moderne Version von Joel Grey aus Cabaret" (Billboard) erscheinen ließen, machen vor allem in Frankreich Furore. Eine äußerst beunruhigende Persönlichkeit, befand die New York Times. In Paris und New York war er ein Kultstar... In Deutschland wird er jedoch kaum bekannt. Erst 1982 - zwei Jahre nach seinen ersten Erfolgen, tritt er zum Beispiel in "Na Sowas" oder "Pop Stop" auf.


Sein Repertoire besteht hauptsächlich aus drei unterschiedlichen Gebieten:


A)
die apokalyptischen New-Wave-Kompositionen seiner
Musiker Kristian Hoffmann, Man Parrish, George Elliott, Page Wood und Scott Woody

B)
die Klassik-Interpretationen von Henry Purcell, John Dowland, Camille Saint-Saens und Robert Schumann (sowie einem Sample der Filmmusik zu "Unheimliche Begegnung der dritten Art" in dem Stück "Nomi Chant")

und C)
die Cover-Versionen vom Rosa-Schmusepop der 60er (Songs von Elvis, Sonny und Cher, Lou Cristy, Chubby Checker)

 
 


Aber wo liegt die Verbindung zwischen diesen drei Bereichen? Was für eine Idee steckt hinter dem Gedanken, sie zu kombinieren...? Es scheint doch nicht zusammenzupassen...

Die Antwort ist wieder so einfach: Wir müssen uns einfach über diese Einteilungen hinwegsetzen - als "einfache Menschen" können wir alles tun, was wir wollen.
 

JUST ONE LOOK (3.19)
 
 
 

Schließ deine Augen und versinke in DER FLUT DER BILDER:

Stell dir vor, eine durchsichtige, nebel-hauchzarte Elfe zu sein - unter der Kuppel einer Schneekugel, die sich gewaltig über dir wölbt, die aber in Wirklichkeit nur zehn Zentimeter Durchmesser hat. Stell dir vor, als Sänger an einem Klavier zu stehen, umgeben von lauter, weißen Kommunions-Kerzen, in einem starren Frack-Lack und totenblaß geschminktem Gesicht - so perfekt, wie in den GOLDENEN ZWANZIGER JAHREN... Stell dir vor, du bist Mephisto - und ein Clown zugleich... Mit Elektroniktönen und Klassik-Oktaven stürzt du dich in eine neue Welt, eine ERDE, die sich etwas schneller dreht, eine ERDE, die etwas größer ist. Die Sterne leuchten in allen tausend Farben und umrunden dich wie ein Bienenschwarm in Zeitlupe.


Auf deiner ERDE kann jeder machen, was er will, wenn er es sich wünscht. Und du bist die Fee, die DREI WÜNSCHE gewährt...

 
THREE WISHES (3.18)

 

ER: "Weise Menschen sagen: Nur die Narren sind hastig in dieser Angelegenheit. Aber ich kann nicht anders, ich fange sofort an, dich zu lieben. Soll ich bleiben? Kann das eine Sünde sein?

Wie ein Fluß langsam zum Meer fließt, so geschieht es. Manche Dinge sind Schicksal, sie müssen geschehen. Nimm meine Hand, nein, nimm mein ganzes Leben dazu. Denn ich kann nicht anders als dich sofort zu lieben."



SIE: "Aber Menschliche Liebe bedeutet ewigen Kampf. Ich muß mich ständig gegen den Jungen wehren, seine Gedanken und Gefühle, die mich belasten - seinen Haß, seine Gier, sein Mitleid. Unkontrollierte Emotionen sind eine Form von Wahnsinn."


FALLING IN LOVE WITH YOU (3.55)

FALLING IN LOVE AGAIN (2.39)


 
"Great minds against themselves conspire,

And shun the cure they most desire."

 
 
 


INTERLOGUE - A PERSONAL LAMENT:

Wenn ich sterbe, werde ich - das weiß ich - hohe, schwarzlackiert glänzende Stiefel tragen. Dazu schwarze Glitzersamthosen und ein überdimensionales Pagengewand aus schwarzem Porzellan mit einem weißen Drei-Eck und einer schwarzen Fliege. Ich werde schwarzblaue Haare haben, sehr bleich sein, mit blauschwarzen Lippen.

Wenn ich sterbe, werde ich an der Seite von einem großen Schwert durchbohrt sein. Das Schwert ist von Eis überzogen und hat mein Porzellangewand nicht in Scherben zerbrochen, sondern ist hin-durchgeglitten wie durch Butter. Es steckt in meiner Seite und ragt hinten aus meinem Rücken heraus. Das Blut ist blauschwarz gefärbt vom Gift des Schwertes und vereist an der Wunde.

Meine Füße und meine Beine sind vom eisigen Gift erfroren - eine Schicht klaren Eises steigt an ihnen empor bis zu den Hüften. Ich kann bis dahin nichts mehr fühlen. Das Eis steigt immer höher. Bald wird das Gift des Eises meinen Körper völlig durchzogen haben.

Wenn ich sterbe, werde ich in einem leeren, steinernen Raum auf einem einzelnen hölzernen Stuhl sitzen, der der einzige Einrichtungsgegenstand in dem Raum ist.



Ich werde die Todes-Arie aus "Dido und Aeneas" von Henry Purcell singen - mit einer Mezzosopran-Stimme: "Deine Hand, Belinda, Dunkelheit überschattet mich. An deiner Brust laß mich ruhen. Ich würde mehr tun, aber der Tod dringt in mich ein. Der Tod ist jetzt ein willkommener Gast. Wenn ich in die Erde gelegt werde, mögen meine Irrtümer und Falschen Taten dir kein Leiden machen. Erinnere dich an mich! Erinnere dich an mich, aber vergiß mein Schicksal."
Aber ich wiederum bin allein, und der Abschied ist imaginär. An der Tür steht der Punkjunge, der ein Hippie ist, und weint bei meinem Anblick, doch ich kann ihn nicht mehr wahrnehmen, denn ich kann den Kopf nicht mehr drehen und spüre, wie meine Augen vereisen.


Ich werde mich so unendlich müde und zerschlagen fühlen, am Ende des Kampfes (jener Kampf, mein Leben zu führen). Ich werde nur noch von dem Wunsch erfüllt sein, daß er bald aufhört.

Ich habe einen Kampf geführt, um mein Leben zu leben. Als ich mich entschied, diesen Kampf um mein Leben zu wollen, hat mir dies gleichzeitig die Möglichkeit genommen, mein Leben zu leben.

Ich habe die Vorstellungen bekämpft, die mein Leben beherrschten und verhinderten - ich habe mich aber deshalb nicht von ihnen getrennt. Ich hätte sie einfach LOSLASSEN können, um zu leben. Doch ich habe kämpfen müssen - und wenn ich sterbe, werde ich den Kampf - auch in der letzten Hinsicht verloren haben."
 
 
 

DEATH (4.18)

 
 
 

ICH, KLAUS NOMI, KLÄRE MEINEN TOD AUF, INDEM ICH DAS KAUSALPRINZIP LEUGNE UND DEN NOMINALISMUS BEANTRAGE ...
 
 

5. Einschub:

Zuerst Adrian anlaufen lassen („Oh, we had a lot of disagreements towards the end...“, dann deutschen Ton darüber:

 

„Damals kam es völlig unerwartet, wie ein Schock, daß Menschen plötzlich buchstäblich dahinschmolzen und vergingen. Klaus war eines der ersten Opfer von AIDS... Keiner wußte damit umzugehen. Ende 1982 unternahm er eine kleine Tournee in Europa – und als er zurückkehrte, war er krank.

Über HIV wußte damals niemand Bescheid – man weiß ja heute noch nicht, ob HIV die Ursache von AIDS ist. Wahrscheinlich ist es sogar eine der größten Lügen in der Geschichte der Medizin. Damals aber wußte man noch weniger, die Leute hatten Angst – niemand besuchte Klaus, weil selbst die gleiche Luft zu atmen wie er, jagte allen Angst ein. Er war allein, es war schrecklich. Er starb auf eine sehr unschöne Weise. Heutzutage geht man anders mit AIDS um; die Menschen kämpfen um ihr Leben und überleben für acht bis zehn Jahre nach der Ansteckung...

Klaus‘ Lieder über den Tod: ja, von diesen Ideen war er fasziniert, als Opern-Mensch ging es für ihn um die ‚TRAGEDY DELUXE‘ – aber er schrieb und sang diese Lieder NICHT aus Todessehnsucht. Er hat nicht gewußt, daß er sterben würde. Das ist ein künstlerischer Zufall. Damals, wenn einem gesagt wurde, du mußt sterben, dann starb man eben einfach. Heutzutage sind die Menschen Überlebende.“
 


Adrians O-Ton bis „ ... these days, people are survivors“ weiterlaufen lassen, dann SCHLUSS der Einblendung.
 
 
 

"Er will keinen Unterscheid machen zwischen dem, was als gut und richtig hingestellt wird, und dem, was als falsch und schlecht hingestellt wird. Er will keinen Unterschied machen zwischen seiner Kunst und dem wirklichen Leben. Seine bizarre Maskerade bedeutet, wir können verrückt leben - so wie es uns Spaß macht, und wir tun damit keinem weh - und das ist der eigentliche Inbegriff von dem, was als NORMAL gelten müßte. Nomi - ein Wellenbrecher für radikales Denken in Musik, Theater und Alltag, ein Genius, der sich für die eigenen Maßstäbe verzehrt.

Ausgeflippt sein, weil man lebt, ist sein Lebensweg - obwohl sich die Gesellschaft querstellt. Doch für diesen hohen Anspruch mangelt es noch an Deckungsgleichheit. Mauern niederreißen ist für den Berliner eine Angelegenheit des Herzens gewesen - es ist ihm in der Musik geglückt, aber seine Existenz scheitert.

Sein hart erkämpfter Aufstieg zu den Sternen ist gleichzeitig begleitet von seinem Ringen gegen den Tod. Schon bei seinen umjubelten Konzerten weiß er, daß seine Zeit begrenzt ist und daß sich nicht mehr alle seine Träume realisieren würden.

Als Donna Summer Ende 1982 behauptet, AIDS sei die Strafe Gottes für die Homosexuellen, singt Klaus Nomi die böse Parodie auf eines ihrer Lieder (I FEEL SICK statt I FEEL LOVE)... Leider gibt es hiervon keinerlei Plattenaufnahmen...

Klaus Nomi kehrt Ende 1982 noch einmal in sein Geburtsland zurück, die Bundesrepublik Deutschland, wo er in der Klassik-Rocknacht von Eberhard Schöner auftritt. Er singt "The Cold Song" von Purcell - im vollen Bewußtsein der Tatsache, daß er selber nicht mehr lange leben wird. "Ich bin kaum in der Lage, die bittere Kälte zu ertragen. Ich kann mich fast nicht bewegen oder Atem schöpfen. Laß mich bitte wieder erstarren, erstarren zu Tode."

Im Januar 1983 muß er das erste Mal in New York ins Krankenhaus. Am 6. August 1983 stirbt er, 39 Jahre jung. Wie die Plattenfirma RCA in Hamburg bestätigte, war Nomi an der Immunschwächekrankheit AIDS erkrankt. Die BILD-Zeitung meldet: "... (er) starb qualvoll an der Lustseuche..." Posthum wird die LP "Encore" herausgebracht.

Klaus Nomi ist eines der ersten Opfer dieser verheerenden Krankheit... Dies wirkt auf uns genauso dadaistisch wie sein Leben, seine Erscheinung, seine Kunst - bis zur letzten Konsequenz wirkt Klaus Nomi: Denn vielleicht weinen wir ja ... etwas für ihn, weil es uns gut geht, und DAMIT es uns gut geht - Welch ein Irrwitz!

 
 
6. Einschub:

Zuerst Adrian anlaufen lassen („Klaus‘ funeral ...“), dann deutscher Ton darüber

 

„Am Tag der Beerdigung schien zunächst die Sonne, doch während der Zeremonie wurde es windig, und die Türen der katholischen Kirche mußten geschlossen werden.

Zum Schluß hin wurde eine Aufnahme gespielt von einer der Arien Klaus Nomis – und vom Zeitpunkt, als sie begann, bis zu ihrem Ende, zog ein Sturm auf direkt über der Kirche, mit grollendem Donner und Blitzen, während eine unbekannte Frau in einem silbernen Cape um die Kirchenbänke herumlief und lauter unverständliche Dinge schrie – und Klaus lag nicht in einem Sarg, sondern seine Asche war eingefaßt in einem schwarzen Quader, der aussah wie der Monolith aus „2001“, und auf dem Altar in der Mitte stand.

Niemand konnte glauben, daß das wirklich geschah.“

 


Adrians O-Ton bis „ ...it was quite bizarre, to say the very least“ weiterlaufen lassen, dann SCHLUSS der Einblendung

NOMI CHANT (1.55)
 
"Close Encounters Of The Third Kind - Resolution and End Title" (6.50)
 


Idee für einen anderen Schluss:

 


7. Einschub:


Zuerst Adrian anlaufen lassen („I wonder if he didn’t die what would be today ...“), dann deutschen Ton darüber:
 
 

„Ich frage mich, was er wohl heute wäre, wenn er nicht gestorben wäre. Entweder er wäre ein NIEMAND, völlig vergessen, oder aber – wenn man von all den kreativen Geistern in seinem Umfeld ausgeht – er wäre ein weltberühmter Mega-Star. Die Japaner wollten eine wöchentliche Zeichentrickserie über Klaus Nomi machen, aber das Projekt kam nie zustande ...

Das Beste an der ganzen Geschichte ist – er bekam, was er wollte, zu seinen Lebzeiten. Und er hatte einen Teil seines lebenslangen Traumes verwirklichen können. Wenn es etwas Positives an der Geschichte gibt, dann ist es das...“

 


Adrians O-Ton bis „ ... If there is anything sweet about this story then it’s that“ weiterlaufen lassen, dann SCHLUSS der Einblendung.
 

Wir wissen nicht genau, was damals auf diesem Planeten namens ERDE geschehen ist. Die Geschichte erzählt uns nichts, wie es weiterging. Alles, was wir haben, ist diese letzte Aufzeichnung, diese Arie aus "Samson et Delilah" von Camille Saint-Saens.

Es scheint, daß Delilah Samson wirklich liebt - und sie weiß, daß sie das tun muß. Nur der eine Mensch, der Samson am meisten und am inbrünstigsten liebt, hat die moralische Rechtfertigung, ihm das Geheimnis seiner Kraft zu entlocken, ihn dessen zu berauben und ihn an seine Feinde zu verraten. Und Samson muß wissen und begreifen, daß sie ihn liebt, denn sonst könnte er die Natur seines Untergangs nicht verstehen...

 
 

KLAUS NOMI singt die Arie der Delilah:

"Mein Herz öffnet sich dir, wie sich Blumen öffnen, wenn die Morgenröte sie küßt! Doch um meine Tränen noch besser zu trocknen, Liebster, sprich weiter zu mir! Sag mir, daß du für immer zurückkehrst zu mir. Wie sich im Sommer oft die Ähren sanft wiegen, bewegt von leichter Brise, so erbebt mein Herz voller Hoffnung auf Trost beim Klang deiner Stimme. So schnell erreicht der Pfeil nicht sein Ziel, wie deine Liebe dir in die Arme fliegt! Ach erfüll mein Herz mit Wonne! Berausche meine Sinne!"



Doch dieser Arie folgt ein gewaltiger Donnerschlag. Die Geräusche sind nicht eindeutig interpretierbar... Wie dürfen wir uns diese Szene ausmalen? Bringt Samson den Tempel zum Einsturz, der Delilah unter sich begräbt? Ist es der atomare Untergang dieses Planeten ERDE? Oder startet eine Rakete ins All?

- Eventuell alles zusammen ... -


Wenn letzteres der Fall ist, bleibt Klaus Nomi nicht zurück. Er verglüht nicht unter den Strahlen der Rakete. Er fliegt er mit dem UFO weg, das wie eine mehrstöckige Hochzeitstorte aussieht, nachdem er von der Balustrade des Raumschiff-Balkons diese Arie gesungen hat (Differentierter Repeat: "... Ach erfüll mein Herz mit Wonne! Berausche meine Sinne!"), und es wird ihm vergönnt sein, die Wahrheit zu besitzen in einer Seele und in einem Körper..."
 
 
SAMSON AND DELILAH (3.45)

RETURN (2.07)





Das war die Sendung "Klaus Nomi - Eine Biographie in Musik anläßlich des zehnten Todestages" vom 6. August 1993. Ein ausführlicheres Transkript des Interviews mit Adrian Rebholz (Boy Adrian) aus dem Jahre 1993 - TAKE THE WORLD BY STORM - findet sich im FANZINE APOCALYPSE THEN! (Details hierzu weiter unten).

Eine 'Extended Version' dieser Sendung wurde auf dem Offenen Kanal Berlin am 25. Oktober, 8. November und 22. November 2003 im Rahmen der Sendereihe "SCHLAMPENREPORT EXTRA" in drei Teilen ausgestrahlt.

Von Klaus Nomi gibt es drei Langspielplatten (auch als Compact Disk erhältlich): "Klaus Nomi", "Simple Man" und "Encore", sowie die Live-Platte "In Concert". 1998 erschien eine MAXI-CD mit zwei bislang unveröffentlichten Tracks, "ZA BAK DAZ" und "SILENT NIGHT". Eberhard Schoener komponierte zudem die Kurzoper "COLD GENIUS" über Klaus Nomi.

Vom 21. bis 30. November 2003 wurde im Rahmen der Ausstellung CHIRONEX FLECKERI in der NGBK Berlin von D.L. Alvarez und Gwenäel Rattke das Plakatprojekt It's a Wonderful Life über Klaus Nomi präsentiert - besonders erwähnenswert ist das eigens für die Ausstellung kreierte FANZINE APOCALYPSE THEN! mit seltenen Bildern und informativen Texten.

Im Februar 2004 präsentierte Andrew Horn, ein in Berlin lebender Filmemacher, auf der Berlinale seinen äußerst sehenswerten Dokumentarfilm "THE NOMI SONG" - der im März 2005 regulär in den Kinos anlief und mittlerweile auch auf DVD erhältlich ist. Im Gegensatz zu meinem (obigen) Radioessay, der Nomi mystisch verklären und ihn in die Niederungen des Pantheons hinabsteigen lassen möchte, dekonstruiert Andrew Horn den Mythos Nomi effektiv und enthüllt das Bildnis eines Künstlers, der niemals einer war.

Zu den Extra Features der DVD gehören u.a. der Live-Auftritt in der Rock-und-Klassik-Nacht bei Eberhard Schoener von 1982, das legendäre Kochrezept für The Klaus Nomi Lime Tarte sowie vier Remixes von zwei Nomi-Songs (wovon der Moog-Cookbook-Remix der Samson&Dalilah-Arie und der Man-Parrish-Remix von Total Eclipse hörenswert sind).

Im März 2008 wurde im Rahmen des MaerzMusik-Festivals die "Hommage an Klaus Nomi - Singspiel in neun Teilen" der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth aufgeführt, die in angemessener Weise die Figur Klaus Nomi (akustisch wie optisch) noch einmal lebendig werden ließ. Eine ausführliche Rezension dieser Veranstaltung findet sich auf klassik.com.

Außerdem veröffentlichten Nomis einstige Musiker George Elliott und Page Wood im Jahre 2008 die CD ZABAKDAZ. Die aus noch vorhandenem Studiomaterial und zusätzlicher Instrumentierung geschaffene Weltraumoper ist das unvollendete Opus Magnum von Klaus Nomi! Details hierzu finden sich auf Zabakdaz.com.
 
 
 
 

Mit zusätzlichen Informationen kann - falls noch existent - der OFFICIAL KLAUS NOMI FAN CLUB dienen:

P.O.Box 1679 Grand Central Station NY, NY





˜ Klaus Nomi - eine quasi-biographische Gala zum 10. Todestag ˜

(überarbeitete Fassung anlässlich des 20. Todestages, 2003)
 

Daniel Emerson Aldridge
Kausalprinzip Ungleich NOMI-nalismus