1.
Der Junge (er hieß Lars, wie ich
irgendwann erfuhr) stand vor mit im Freibad, seine
Hände in die Hüften gestemmt, mit einem
breiten Grinsen blickte er mich an. Er war ein
stolzer (162 Zentimeter) kleiner Mann, mit einer
knappen Badehose, ich hatte die Form seines
Hinterns und die aerodynamische Linie zwischen den
Pobacken bewundern können. Was für ein
bezaubernder Anblick – seine Badehose ... das, was
ich darunter sah, die angedeutete Form,
länglich, für einen Jungen wie ihn
(nicht mehr als 13 Jahre erst?) nicht so klein.
Doch dieses strahlende Gesicht, ein frecher Bengel
... Keß, wie er diese paar Sekunden lang
mich mit seinem Grinsen herausforderte, aus meiner
Reserve hervorzukommen. Er drehte sich um und
rannte zum Wasser, wandte mir noch mal den Blick
zu, dann sprang er hinein mit einem Hechtsprung
und tauchte lachend, schreiend wieder auf,
spritzte Wasser um sich und blickte dabei immer
noch zu mir ... Ich lachte auf einmal und sprang
ihm nach in das kalte Wasser . Wir bespritzten uns
gegenseitig – ich stürzte mich auf ihn und
wir kämpften miteinander. Er sprang auf mich
und schlang seine Beine um mich, eng drückte
er sich an mich, während ich mich vom Boden
abstieß und mit dem Jungen in die Tiefe
sank. Wir verschwanden von der Oberfläche und
sanken immer weiter, zusammen in die Tiefe. Reglos
verharrten wir auf dem Boden des Schwimmbeckens
und fühlten nichts als unsere
körperliche Nähe, sahen uns in die
Augen. Er drückte seine Wange gegen meine.
Meine Hände streichelten seinen Rücken.
Die Zärtlichkeit überwältigte ihn.
Nach ca. 30 Sekunden lösten wir uns
voneinander, tauchten auf und schnappten nach
Luft. Er schubste mich weg und schwamm los, ich
schwamm ihm nach, packte seine Beine. Sie
zappelten. Ich zog mich an ihm entlang und war vor
ihm, kam ein paar Meter voran, als er mich wieder
erreichte, sich auf mich warf und mich
zurückstieß. So schwammen wir um die
Wette, immer einer sich auf den anderen
schmeißend, bis wir das Ende des Beckens
erreichten. ER stemmte sich aus dem Wasser,
streckte mir mit einem dreckigen Lachen die Zunge
heraus und lief weg. Diesmal drehte er sich nicht
um, aber er lief zur Liegewiese und legte sich
dort auf sein Badetuch. Es gab kein Zurück
mehr. Seine Hände und seine Augen waren mir
schon zu nahe gekommen.
.... (Zwischenspiele)
„Bist du ‘n
Schwuli?“
- Gedankenblitze: Ist die Frage ehrlich
gemeint, oder verbirgt sich dahinter das
übliche Gemisch aus verächtlicher
Herablassung, dem boshaften Verletzen meines
Schamgefühls, eigener Unsicherheit (bzw.
Beunruhigung) sowie Coolness (in ihrer
Ausrichtung gegen Nicht-Coolness-Faktoren wie
Schwulsein)? Wird Lars das perverse Schwein
(mich) gleich so richtig verarschen? Oder ist er
der humanisierte und nachsichtige Gymnasiast,
dem man die 'Toleranz' beigebracht hat - obwohl,
dann würde er es anders formulieren: "Sind
Sie homosexuell?" Vielleicht gar so, als ob es
ihm lieber wäre, daß Schwule doch
keine Menschen wären? Aber was ist, wenn er
möchte, daß ich schwul bin?
Welcher Junge würde das mögen wollen –
dieser hier vielleicht? Und warum? Um mir zu
sagen, daß er es schön findet,
daß Leute schwul sind, er selber aber
nicht schwul sein möchte? Oder will Lars
mir sagen, daß er gerne schwul werden
möchte?
Fundament der
Aussage: er kann nicht schwul werden
oder nicht – er ist es, oder er ist es
nicht. Und trotzdem muß er immer noch eine
Grenze überschreiten, er muß schwul
sein wollen, um schwul zu sein. Ansonsten ist er
Hetero, weil ja weiterhin jeder Junge
logischerweise von vornherein erstmal ein Hetero
ist ... -
- Er klingt so
lustig und neugierig und natürlich, wie er
das fragt ...
(Er fragte
mich, ob ich schwul bin, egal, warum er das
wissen will , sagen kann ich nur das eine „Ja.
Ich bin schwul.“)
Lars richtete sich auf /lehnte sich auf
seine Ellenbogen. „Bist du ‘n Schwuli?“ – Ich
konterte erst: „Und wenn es so wäre?“ – „Du
bist ‘n Schwuli!“ sagte er grinsend,
triumphierend. Doch war er nicht unglücklich.
„Na und?“ konterte ich. „Na nichts und!“ Er wollte
es nicht sagen. „Und du?“ lautete meine
Gegenfrage. Er spielte mit sich selbst, seinen
Gefühlen, stellte sich vor, zu lügen:
„Klar bin ich schwul.“ – „Das stimmt nicht. Du
bist hetero!“ grinste ich. Er wurde rot. „Nein!“
So ging‘s noch ein bißchen hin und
her mit unserem sonderbaren Spiel, bis ich ernst
wurde. „Dann beweis‘ es mir doch!“ – „Nein!“
meinte er resolut. Obwohl ich spürte,
daß es anfing, für ihn sehr ernst zu
werden und er sich abschirmte, machte ich weiter.
„Ich bin dir zu alt, nicht wahr?“ – „Nein, bist du
nicht!“ meinte er und lächelte dabei seltsam
liebenswert. „Ich bin zu häßlich!“ –
„Nein nein!“ rief er und kicherte nervös. „Du
hast schon ‘nen Freund, gib’s zu!“ – „Nein nein!“
– „Also doch ‘ne Freundin!“ – „NEIIN!“ – „Aber du
hast Angst, schwul zu werden...“ – „Neein nein!“
Er schüttelte dazu vehement den Kopf und
lächelte schließlich still vor sich
hin. „Du bist 'ne Marke!“ sagte ich grinsend und
wir versanken im friedlichen Schweigen.
Ich ergab mich ihm.
Oh what was the use! Sometimes I want
to embrace the whole world and say „look it’s
you and me, and I love you all.“ Romancing the
planet. It’s when I feel my difference not in
conflict with myself.
Wir verließen das Schwimmbad,
beide zusammen, ohne uns abzusprechen. Er kam in
meine Umkleidekabine, als er sich vergewissert
hatte, daß uns niemand zusah, doch auch hier
geschah nichts. Nur daß er mich kurz
umarmte und ganz festhielt – und ich wahrnahm, wie
aufgeregt er war – er zitterte, und ich
spürte sein Herz heftig klopfen.
.... (Zwischenspiele)
Bei einem verlassenen bewaldeten
Grundstück am Spreeufer: An einer Stelle
klemmten wir uns durch den kaputten Zaun hinein,
und Lars zeigte mir sein Versteck in einem kleinen
Holzverschlag, hier lagen Ketten, Seile, eine alte
Matratze und ein paar Jungenschätze, ein
wenig sah es aus wie einer Folterkammer.
Hier zog er sich schnell aus, dann
zerrte er mir die Klamotten herunter – und obwohl
es so schnell ging, war es der heiligste Moment in
seinem Leben, die Entjungferung ...
(... eine längere Passage - in
poetischen Worten, feinfühlig inszeniert -
schildert an dieser Stelle die lustvolle und
intime Begegnung des abenteuer- und
zärtlichkeitslustigen sowie geschlechtsreifen
Knaben mit dem von Sinnlichkeit und Leidenschaft
erschauernden Freidenker, welcher jedoch sich
streng an seinen moralischen Kodex hält und
daher allein den Knaben entscheiden
läßt, was geht und was nicht - wobei
dieser schon so seine Erfahrungen gemacht zu haben
scheint, wie so viele Fürsorgezöglinge
oder auch Internatsschüler. Aus Gründen
des 'Jugendschutzes' entfällt die
Passage an dieser Stelle ...)
....
Ein paar Wochen lang trafen wir uns hier
immer wieder. Einmal kamen drei von seinen Freunde
zum Versteck, beobachteten uns durchs Gebüsch
und riefen laut aus der Ferne „Wollen wir den
Bullen erzählen, was die da hinten machen?!“
– „Jetzt haben wir Angst!“ rief ich laut. „Halt
die Fresse!“ schrie der Anführer der drei
Jungen und warf mit einem Stein, der in das
Versteck hineinflog und uns fast verfehlte.
„Schmeiß du noch mal mit Steinen nach meinem
Freund!“ brüllte Lars. „Laß doch die
Scheißer, die wissen nichts!“ erklärte
ich gelassen, doch Lars zog sich die Hose hoch und
schleuderte seinen Gegner wütend auf den
Boden. „Du ... !“ Er war so
wütend, daß er nicht wußte, was
für Ausdrücke er dem anderen an den Kopf
werfen wollte.
Mir wollte das alles egal sein.
Eigentlich sagte ich mir: Das darf mich nicht
kümmern. Wir waren isoliert von seinen
Freunden, er hatte sich ihnen entfremdet. Wir
sprachen nicht alle Sprachen, obwohl ich
dies gerne getan hätte. Was war mein
Gefühl? Sie wußten unser Geheimnis –
doch es gab für Lars sowieso kein Geheimnis
mehr, das schlimm genug wäre, um zur Polizei
zu gehen. Und die Jungen ließen uns in Ruhe
spielen ...
Später saßen wir am Ufer und
starrten ins Wasser, hier im Herzen von etwas Anderem,
mit den gewalttätigen Jungen hinter dem Zaun
beim Versteck ... Wir blickten über den
Fluß, irgendwo in Ost-Berlin, blickten
über den Fluß hinweg zu irgendeiner
Fabrik. Ein alter Mann kam zu unserer Stelle am
Ufer und fing an, seine Angeln aufzustellen . Ich
war hier nie zuvor gewesen. Jetzt wußte ich,
wie dieser Teil der Welt aussah. Was bauten Lars
und seine Jungen da hinter dem Zaun in ihrem
Versteck im Gestrüpp? Eine kleine
Folterinstrumentalität? Es sah auf alle
Fälle so aus. Just what the hell. Their looks
were all kind of dumb, and only one of them was
really curious to know about me and Lars and our
dirty games.
Fishing is meditational - however, to
take the fish apart is still beyond my
aspirations. And would I like to be tortured
by those kids? Yes – tortured my way.
No – not tortured their way. Wenn es
Gesprächsthemen gäbe, mit deren
Explosivität man sich auf den Mond
katapultieren lassen könnte, dann wäre
es sicherlich dieses.
2.
....
(Fortsetzung
folgt)
Berlin,
1997