VEXIERKLANG - Index:Beginn / PréludeDER ERSTE KLANG (über das Buch Bolo'bolo)
ABC-DYSKO
GRUNDRISSE VON BOLO'BOLO
DIE SPRACHE BOLO'BOLODER ZWEITE KLANG (DANCE THE DANCE ELECTRIC)
DER SCHÜLER (OSCAR WILDE)
DIE STIMME DER XTABAY
EIN KÜNSTLERSTECKBRIEF (MAX GOLDT)
DAS SPIEL (THE DREAMING OF IKARUS)
COMIC STRIP
THE WILD-EYED BOY FROM FREECLOUD (DAVID BOWIE)DER DRITTE KLANG
(zu Anmerkungen von Samuel R. Delany aus dem Anhang seines Fantasy-Romans "Rückkehr nach Nimmerya")
(Ausstrahlung im Rahmen des Hörfunkprogramms
"Sendung für Kopfhörer" des Senders Radio Z., Nürnberg,
am 22.12.1991 von 19.00 bis 21.00 Uhr)
V E X I E R K L A N G
(for the love of bolo’bolo)
Prélude
Stimme A:
"Les lignées des pensées, ... thought lines, ... Linien von Gedanken, parallele Linien, sich überschneidende, fließende Ströme im Äther in Richtung Utopia, aus der Vergangenheit durch jenen nicht existierenden Moment namens Gegenwart hindurch. Die Ideen liegen verborgen im medialen Spektrum."
Stimme B:
"Das Wort Kalkül bedeutet: Ein System aus Zeichen und Regeln zur logischen Ableitung von Zuständen."
Stimme Daniel:
"In der heutigen Sendung für Kopfhörer (der Titel ist wie immer am besten auch wörtlich zu nehmen) erspüren und erfühlen wir ein gesammeltes Bündel, eine ungegliederte Masse aus Ideen, Gedanken, Träumen zum Buch Bolo'bolo von p.m., zu Samuel R. Delany, Oscar Wilde, Max Goldt, Yma Sumac, David Bowie, in verschiedenen Linien, die parallel zueinander verlaufen, sich überschneiden, sich widersprechen, begleitet durch Musik von den Rolling Stones, Wolfgang Amadeus Mozart, Fehlfarben, Philip Glass, Michael Jackson, Erik Satie, David Bowie, dem Vienna Art Orchestra, Limahl, Maurice Ravel und Yma Sumac. Am Mikrophon begrüßt euch Daniel Aldridge."
Musik:
Rolling Stones - "Harlem Shuffle"
Ätherrauschen.
Viele Stimmen:
"... Realität ist alles, was Menschen für Realität halten.... " - "Unbefriedigt..." - "Das offizielle Weltbild ist sehr begrenzt, aber in Wirklichkeit ist alles real, was je ein Mensch einen anderen glauben ließ." - " ... Reisen nach Ixtlan ... " - "Chasing after passing visions ... " - "Vor langer Zeit, in einer weit entfernten Galaxis..." - "Die kosmische Evolutionszentrale rät: Toxische Realität - der Weg!" - "Momentan bin ich wie ein Zigeuner, nur unterwegs fühle ich mich wohl; auf Reisen, unterwegs auf der Strecke von einem Punkt zum anderen, mittendrin ohne Anfang und Ende. Und warum da hin und nicht hier entlang? Fort, bloß weg von allem Gewesenen, allem Verwesenden, ehe alles in mir kaputtgeht." – "Hinein. Hindurch. Und darüber hinaus." - "... Ein Flug durch's Schwarze Loch ... und Schwimmen im Meer."
Ausklingen des Ätherrauschens.
Stimme A:
"Ein Vielklang aus Stimmen."
Stimme B:
"Der erste Klang"
Es setzt zur Musikunterlegung Meeresrauschen ein.
(Die folgenden Textsegmente stammen aus dem Buch "Bolo'bolo" des Schweizer Autors p.m.)
Sprecherin ASTA:
"Das Buch Bolo'bolo"
"Haltestelle. Aussteigen. Der Traum ist zu Ende. Wochen-Enden, Ferien, Illusionen und Fluchtphantasien gehen immer wieder zu Ende, und wir sitzen wieder im Bus oder in der Straßenbahn, im Auto oder in der U-Bahn. Die Alltagsmaschine triumphiert über uns. Wir sind ein Teil von ihr. Sie zerstückelt unser Leben in Zeit-Fragmente, kanalisiert unsere Energien, zermalmt unsere Wunschträume. Wir sind nur noch gefügige, pünktliche, disziplinierte Zahnrädchen in ihrem Getriebe. Und die Maschine selbst treibt dem Abgrund entgegen. In was haben wir uns da eingelassen?
Das Monster, das wir aufgezogen haben, das diesen Planeten beherrscht, ist die Planetare Arbeitsmaschine. Wenn wir unseren Planeten wieder in einen angenehmen Aufenthaltsort zurückverwandeln wollen, müssen wir uns vor allem mit ihr befassen. Wie hält sie uns unter Kontrolle? Wie kann sie blockiert und auseinandergenommen werden? Wie können wir sie loswerden, ohne daß sie uns vernichtet?
Die Maschine ist planetar: sie frißt in Afrika, verdaut in Asien und scheißt in Europa, gesteuert durch ein Geflecht von multinationalen Firmen, Banken, Staatsorganen, Wirtschaftskreisläufen. Die Bedeutung von Nationen, den drei Welten, Nord + Süd ist eine Illusion.
Diese Maschine lebt von der Energie, die aus ihren inneren Widersprüchen entsteht: Arbeiter/Kapital, Entwicklung/Unterentwicklung, Elend/Verschwendung, Krieg/Frieden.
Durch die Widersprüche formt sie sich um, dehnt sich aus und verfeinert sich. Im Gegensatz zu Orwells 1984 braucht sie durchaus ein "gesundes" Maß von Unruhe und Rebellion. Wenn die Demokratie ihr nicht mehr nützt, greift sie zur Diktatur. Die Maschine wandelt menschliche Energien in Arbeit um, und Arbeit in meßbare Produkte.
Um arbeitsfähig und nutzbar zu sein, hat sie Euch aus eurer natürlichen Umgebung und euren gesellschaftlichen Bindungen gelöst, die dadurch zerstört werden. Ihr gebt die Kontrolle über einen Teil eurer Lebenszeit auf, der in eine unpersönliche, zentral gelenkte Zirkulation eingeht.
Die Austauschenden haben keine Kontrolle über ihr gemeinsames Produkt, wissen nicht, wofür es eingesetzt wird und woher die Waren kommen, die sie selber verbrauchen. So stirbt, übertrieben ausgedrückt, der Arbeiter an dem Gift, das in seiner Fabrik erzeugt wird. Oder er beklagt sich über den Lärm jener Autobahn, für die er den Beton gemischt hat.
Das ist der Mechanismus der Maschine: sie spaltet die Gesellschaft in isolierte Individuen auf, erpreßt sie einzeln mit Lohn oder Gewalt und setzte ihr Arbeitszeit gemäß dem eigenen Plan zusammen. Wir alle sind die Maschine, stellen sie gegenseitig für uns dar. Die Maschine ist stärker als alle Versuche, sich abzukoppeln. Wer glaubt, ihr entkommen zu sein, erfüllt eine Funktion als Außenseiter (Hippie, Aussteiger).
Die Maschine hat alle traditionellen Gesellschaften auf diesem Planeten zerstört oder läßt sie gerade in der Defensive verkümmern. Nirgendwo mehr könnt ihr Zuflucht suchen. Wir sind besetzt."
Gong
"Der Mechanismus der Maschine weist drei grundlegende Bestandteile auf:
Information, Produktion und Reproduktion.
A) InformationPlanung, Management, Wissenschaft, das Hirn der Maschine.
Dieser Funktion entspricht sowohl der Arbeitertypus des wissenschaftlich-technischen A-Arbeiters (hochqualifiziert, meist männlich und weiß) als auch das Weltgebiet der fortgeschrittenen westlichen Industrieländer wie USA, Europa oder Japan.
B) Produktion
Fabrikation, industrielle Landwirtschaft, Ausführung von Plänen.
Dem entsprechen der Industriearbeiter oder Angestellte (unterschiedlich qualifiziert, weiblich, männlich, ethnisch und rassisch gemischt) sowie die sich industrialisierenden Ländern wie die ehem. UdSSR.
C) Reproduktion
Sorgt für neue A-, B-, C-Arbeiter, macht sie für die Maschine brauchbar (Hausarbeit, Schulen, Krankenhäuser, Sex, Tourismus). Dem entsprechen der Gelegenheitsarbeiter, zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität pendelnde Halb-ArbeiterInnen (meist weiblich und farbig, oft am Verhungern, in Ghettos und Slums), so wie die unterentwickelten Länder: Dritte Welt. Diese drei Funktionen werden von der Maschine gegeneinander ausgespielt. Sie ist eine Maschine von sich gegenseitig unterdrückenden Menschen und Blöcken.
Warum machen wir da mit? Wodurch profitieren wir dabei?In Wahrheit ist es so, daß eine Hälfte von uns die Maschine bejaht, die andere Hälfte aber gegen sie rebelliert. Die Maschine hat nämlich jedem Arbeitertyp einiges zu bieten. Wir alle haben, ohne gefragt worden zu sein, einen Handel mit ihr abgeschlossen.
Dem A-Arbeiter wird eine Massenangebot von Konsumgütern geboten; er kann alles haben, doch er spürt, daß auch der raffinierteste Konsum von Unterhaltungselektronik, Meditation, Entspannungskursen usw. das Loch nicht füllen kann, das die Arbeit täglich frißt.
Die Kompromittierung mit der Maschine macht uns passiv, zynisch, liebesunfähig. Depressionen, Süchte, Krebs, Allergien und Selbstzerstörung sind die Rache des A-Handels.
Der Reichtum kann gegen die Maschine gewandt werden. Die A-Arbeiter haben Zugang zu allen technischen Möglichkeiten, Informationen, Plänen und kreativen Mitteln. Sie können reisen, wohin sie wollen und sich zeitweise frei kaufen. Wenn sie über ihren Deal hinaussehen können und Kontakte mit C- und B-Arbeitern aufbauen, können diese Möglichkeiten für die Maschine gefährlich werden, doch allein ist ihre Rebellion immer zwecklos.
Dem B-Arbeiter bietet die Maschine den klassischen Industrie-Arbeiter-Staats-Deal, genannt Sozialismus. Der Staatsapparat spielt die zentrale Rolle, der dem Arbeiter die Existenz garantiert.
Aber auch ein Arbeiterstaat bedeutet nicht Gemeinsamkeit, sondern Vereinzelung, nicht Selbstbestimmung sondern Massenmanipulation. Es herrscht das gleiche Arbeits-Lohn-Zwangssystem wie im Westen.
Aber der B-Deal ist besonders frustrierend, weil er Konsumideale formuliert, die er nicht verwirklichen kann. Sein Vorteil ist, man kann so wenig arbeiten wie man will. B-Arbeiter werden offiziell ermuntert, sich nicht zu überanstrengen, weil nicht genug Konsumgüter sie zu höheren Leistungen reizen. Die B-Arbeiter merken aber, daß die westliche Konsumgesellschaft kein echter Ausweg ist. Die westlichen Illusionen sind dabei, sich aufzulösen. Um von Großindustrie und Versorgungsstaat wegzukommen, wird es eine gänzlich neue Solidarität brauchen, aber allein können die B-Arbeiter ihrem Teufelskreis nicht entkommen.
Der C-Deal ist der elendste Deal der Maschine. In den Ländern der dritten Welt zerstört die Maschine gerade die letzten traditionellen Gesellschaften und Kulturen. Ihr Eindringen zerstört die alten Lebensgrundlagen, schafft aber keine neuen. Aus der Armut wird Elend. Die C-Arbeiter haben keine Möglichkeit, sich zu wehren. Gewalt ist ein lohnendes Mittel, die herrschenden Eliten bauen funktionsfähige Zentralstaaten auf. Durch nationale Unabhängigkeit werden die C-Arbeiter betrogen, weil sie meinten, die Entwicklung geschehe in ihrem Namen und für sie.
Die C-Arbeiter geben das Alte auf, können das Neue aber nicht bekommen. Konsumgüter sind unerreichbar. Ihr Vorteil ist, daß ihre Bindungen an den Staat nur locker sind; es gibt noch Reste der alten Freiheit, man kann in Familien und Dörfer trotz deren Zerfall zurückkehren und sich der Maschine entziehen. Auch für sie wird die Konsumgesellschaft zu einem Trugbild, doch sie können nicht in ihre Dörfer zurückkehren, bevor nicht auch die A- und B-Arbeiter ihre Dörfer wiederentdeckt oder neu belebt haben, sonst sind sie die doppelt Betrogenen."
Gong
"Ein Mittel der Maschine, um mit Widerständen umzugehen, heißt Realpolitik. Die Realpolitiker erkennen Widerstände, formulieren sie und setzen sie um in "konstruktive Beiträge" zur Weiterentwicklung der Maschine. Bei einer guten Realpolitik (zum Beispiel die der Linken) fühlst du dich verstanden und vertreten und verausgabst dich weiterhin für die Maschine - und auf einmal ist das Leben vorbei, und die Maschine ist noch stärker. Der Bankrott der reformistischen Realpolitik zeigt sich heute darin, daß die zynischsten Vetreter der Wirtschaftslogik den linken Reformern vorgezogen werden. Lieber wählt man Kohl, Reagan oder Thatcher, von ihnen erwartet keiner die Lösung der Probleme, nur, daß sie uns in Ruhe lassen. Wenn schon Maschine, dann lieber richtig.
Die einzige Chance, die wir gegen die Maschine haben, ist, unsere Wünsche und Phantasien wieder zu entdecken und auf ihnen zu beharren. Wo die Maschine uns nicht im Griff hat können wir sie entdecken, im Negativ und verzerrt, wenn uns Ekel, Überdruß und Leere befallen. Eine Schattenwirklichkeit enthält unsere Träume und Sehnsüchte. Die "Kultur" der Maschine, die Traumindustrie, soll diese zweite Wirklichkeit eindämmen und abtöten. Unsere Wünsche werden nicht nur verdrängt und eingesperrt, sondern auch zensiert: religiös, moralisch, wissenschaftlich.
Doch Kultur, Moral und Schuldgefühle können unsere Wünsche nicht mehr unterdrücken, also nimmt die Maschine Zuflucht zu ihrem letzten Trick: der Erpressung mit der Apokalypse. Wenn uns das Spiel nicht paßt, sprengt sie uns mit sich zusammen in die Luft. Außer ihrem Fortbestehen hat die Maschine keinen Sinn zu verlieren.
Der Friede wird ein Argument der Unterwerfung. Die Maschine stellt uns die Frage: Alles oder Nichts? Aber wir werden ihr nicht antworten. Das Nichts braucht uns nicht zu erschrecken. Jeder von uns wird einmal sterben, ob es die Maschine gibt oder nicht. Wir brauchen die Erpressung nicht anzunehmen."
Musik:
Wolfgang Amadeus Mozart - "Requiem" (4.00)
"Tun wir etwas gegen die Maschine! Durch Subversion, d.h. daß wir die Maschine von innen heraus zerstören. Subversion allein fällt jedoch immer wieder in sich zusammen, wenn nicht zugleich die neuen Lebensformen entwickelt werden. Der Prozeß, in dem Zerstörung und Kreativität vereinigt werden müssen, heißt Substruktion.
Jede Funktion, jeder Arbeitertyp, jeder Weltteil, hat besondere Subversionsformen:
A) DysinformationSabotage, Maschinenzeitdiebstahl, absichtliche Fehlplanung, Missmanagement.
B) Dysproduktion:
Leistungszurückhaltung, Maschinensabotage, Diebstahl von Material oder Werkzeugen
C) Dysruption:
Ehestreit, Flucht, Gewaltakte, Krawalle, Plünderungen, Gebärstreik (oder Abtreibungen)
Diese Aktionen müssen destruktiv und konstruktiv sein: A-Sabotage kann ein Programm zerstören, gestohlene Programme können wir vielleicht für uns selber nutzen. In besetzten Fabriken können gratis Produkte hergestellt werden. Plünderungen können der Versorgung dienen. Doch jeder Subversionstyp kann neutralisiert werden, wenn die beiden anderen Funktionen weiter bestehen.Dysinformation, Dysproduktion und Dysruption müssen kombiniert und multipliziert werden, damit die Gegenkonjunktur zustande kommt, eine Kommunikation, die nicht im Sinne des Bauplans der Maschine ist, Dyskommunikation. Nennen wir dieses Endspiel gegen die Maschine ABC-Dysko.
Echte ABC-Knoten können nur da entstehen, wo die Maschine keinen Zugriff hat. Nicht alles läßt sich von der Maschine zu Waren reduzieren: Religion, Sprache, Sexualität, Gefühle, mystische und irrationale Erfahrungen. Ethnische Befreiungsbewegungen, Umweltschutzbewegungen, autonome Projekte, neue Bewegungen in den Kirchen, schwule Subkulturen, gegenkulturelle Strömungen beruhen auf Identitäten, die jenseits der Wirtschaftslogik liegen. Im Rahmen solcher Bewegungen haben sich ABC-Knoten bilden können. In Kirchen treffen sich Intellektuelle, Arbeiter und Hausfrauen. Als Schwule kommen Offiziere, Chauffeure und Verkäufer zusammen.
Diese ABC-Knoten sind nur oberflächlich und kurzfristig. So starke Bindungen wie Einkommen, Ausbildung oder gesellschaftliche Stellung können so nicht neutralisiert werden. Die ABC-Typen müssen es auch schaffen, sich im Alltag zu kompromittieren und nicht nur in künstlichen Ausnahmesituationen wie Demos oder Festivals.
Die ABC-Dysko muß zugleich ein Laboratorium für neue Subversionsformen sein, denn die Maschine lernt schnell und schaut uns nicht einfach zu, wie wir unsere Alternativen organisieren. Die Erfahrung und Informationen aus den drei Sektoren können kombiniert und zu überraschenden Aktionsformen führen.
Das ganze darf nicht nur lokal stattfinden, sonst ändert sich nichts. Westen, Osten und Süden müssen von Anfang an und gleichzeitig beginnen, neue Konstruktionen keimen zu lassen. Globale ABC-Knoten können entstehen, indem Nachbarschaften Kontakte zu Partnern in den drei Weltgegenden aufnehmen. Die positiven Seiten der drei Deals können dann gegen die Maschine kombiniert werden.
Es geht um persönliche Kontakte und ein gemeinsames Projekt. Wenn ABC-Dyskommunikation nur zur Angelegenheit einzelner Quartiere wird, dann muß sie scheitern und wird nur zu einer neuen Antriebskraft der Maschine. Allen muß der Reichtum des ganzen Planeten zugänglich gemacht werden."
Musik:
Fehlfarben - "Feuer an Bord"
"Bolo'bolo - Grundrisse für ein Projekt"
Substruktion ist ein Prozeß und ein Projekt. Unsere Wünsche, die wir gegen die Maschine mobiliseren, werden sich verändern. Das Projekt ist also kein Programm, sondern ein Ausgangspunkt, ein provisorischer Vorschlag. Aber wir müssen uns versändigen, wohin unsere Wünsche zielen, welche Grenzen wir für akzeptabel halten. Für diese Verständigung brauchen wir eine gemeinsame Sprache, eine Art Wunschgrammatik.
Wir müssen kleinere, autonome, ja autarke Gemeinschaften aufbauen, damit Geld, Großindustrie und Staat überflüssig werden, aber wir könnnen auch nicht mehr zum freien leben der Jäger und Sammler zurückkehren, weil die natürlichen Grundlagen zerstört und wir zu zahlreich sind. Über die Größe dieser Gemeinschaften (nennen wir sie einfach mal Bolos), über ihre Beziehungen untereinander, die Verwendung von Technologien, müssen wir uns unterhalten können. Diesem Zweck dient bolo'bolo.
Es gibt genug Vorstellungen über eine post-industrielle Gesellschaft: Ausbruch des Wassermann-Zeitalters, Ökotopia, Sanfte Technologie. So lauten einige Stichworte der alternativen und ökologischen Literatur. Von epochaler Krise, Wendezeit ist die Rede. Was aber fehlt, sind Ideen für die neuen Möglichkeiten und den neuen Reichtum, der sich uns auftut, wenn wir die Maschine hinter uns lassen. Oft fehlt die planetare Sicht oder die Strategie, oder die Vorschläge sind nur partiell oder betreffen nur Industriegesellschaften.
Bolo'bolo ist der Versuch, ein planetares Projekt in ein paar Grundzügen zu formulieren, eine Momentaufnahme unserer augenblicklichen Wünsche und der "technisch/biologischen" Grenzen. Wir leben nur 70 Jahre, und Wünsche sind dazu da, noch in einer nahen Zukunft, sagen wir 1995, verwirklicht zu werden. Vielleicht dauert es auch ein wenig länger, aber das wäre sehr schade.
Mit dem folgenden Fahrplan wir unsere Fortschritte einschätzen:
1992:
Bolo'Bolo-Broschüren, Plakate und Zeichen verbreiten sich weltweit in den wichtigsten Sprachen. ABC-Knoten entwickeln sich in Quartieren und Städten. Selbstversorgungskontakte werden geknüpft. Die ersten Trikos kommen zustande. Aus einigen Dyskos werden Pionier- und Experimentalbolos. Der Automobilverkehr wird überall eingeschränkt, Straßen blockiert. Die politische Maschine erleidet an vielen Orten Legitimationskrisen und kann die Kontrolle nur mühsam aufrechterhalten. Polizei und Armee reagieren schwerfällig.
1993:
Es bilden sich Triko- und Dysko-Netze, die sich gegenseitig mit Nahrungsmitteln versorgen, planetare Partnerschaften, Tauschbeziehungen mit Bauern oder Land-Dyskos. Überall entstehen provisorische Bolos. Der Staat versucht, Bolo'bolo zu zerstören, erleidet aber dabei Substruktionsanfälle.
1994:
Einzelne Gebiete entgleiten der Maschine, unter anderem in Wales, Schweden, Kolumbien, Wisconsin, der Schweiz... Dort wird die Landwirtschaft auf Selbstversorgung umgestellt, Austauschverträge werden abgeschlossen, planetare Netzwerke aufgebaut. Gegen Ende des Jahres bildet sich ein planetares Leopardenfell von autonomen Regionen, Bolo-Bündeln, Reststaaten, Maschinenfragmenten. Allgemeine Wirren brechen aus. Die Maschine versucht, Bolos militärisch und wirtschaftlich zu zerschlagen, meist aber meutern die Truppen. Die Supermächte schließen sich zusammen zum Aufbau einer neuen Industriezone in Innerasien (nennen wir sie einfach mal Monomat).
1995:
Die internationalen Transport- und Kommunikationsnetze brechen zusammen, der Welthandel versiegt. 200 autonome Regionen halten ihre erste planetare Zusammenkunft im nun friedlichen Beirut ab, um ein weltweites Netzwerk einzuleiten. Die USSAR kontrollieren nur noch Monomat und ein paar Außenposten. Im Herbst bestehen die Selbstversorgungsstrukturen überall, der Hunger und die Nationalstaaten sind verschwunden. Im Dezember fliehen die Monomat-Arbeiter in die Bolos, einige Generäle übernehmen die Unschädlichmachung der Atomarsenale. USSAR verschwindet ohne formelle Zeremonie, und ohne die rot-weiße Flagge mit dem blauen Stern verbrannt zu haben.
Von 1996 bis 2346:
Bolo'Bolo..."
"Die Sprache 'Bolo'bolo'
1) Das Ibu
Eigentlich gibt es nur das Ibu, und sonst nichts. Aber das Ibu ist unzuverlässig, paradox und abartig. Es gibt nur ein einziges Ibu, und trotzdem tut es so, als ob es vier Milliarden davon gebe. Das Ibu hat einen Körper. Es hat sich die Welt und die Wirklichkeit erfunden und glaubt fest daran, daß diese Einbildungen real sind (Die Traumhaftigkeit des Universums ist die Schlußfolgerung der neuesten Quantenphysik).
Naturgesetze, Logik, Mathemathik, wirtschaftliche Sachzwänge und gesellschaftliche Verpflichtungen bilden die Grenze der Wirklichkeit. Um sich daran zu hindern, zu sich selbst zu kommen, hat sich das Ibu auch die "anderen" ausgedacht, tritt mit diesen künstlichen Wesen in Beziehung wie in einem absurden Theater, liebt oder haßt sie, fragt sie um Rat.
Nur wenn sich in seiner Traumwelt Risse auftun, ist es bereit, sich mit sich selbst zu befassen. Das Ibu ist unbelehrbar und vergißt, daß alle Welten und Wirklichkeiten unnd Träume unendlich mühsam und langweilig sind; eigentlich ist die einzige Lösung, sich wieder ins wohlige Nichts zurückzuziehen.
--
2) Bolo
Das Ibu ist immer noch da? Was will es noch? Es ist immmer noch allein. Aber es glaubt, daß es seiner Einsamkeit entkommen kann, wenn es Übereinkünfte mit den anderen vier Milliarden Ibus abschließt.
Also schließt sich das Ibu mit etwa 500 anderen Ibus zu einem Bolo zusammen (500 ist die Zahl des kleinstmöglichen genetischen Pools). Das Bolo ist die grundlegende Übereinkunft des Ibus mit anderen Ibus, sein direkter, persönlicher Lebenszusammenhang. Das Bolo ersetzt die alte Übereinkunft, die "Geld" genannt wird. Im Bolo erhalten die Ibus ihre täglichen 2000 Kalorien, Unterkunft, medizinische Betreuung, alles, was zum Überleben nötig ist, und noch viel mehr.
In einem Bolo verbringt das Ibu sein Leben. Es kann nicht vertrieben werden, aber jederzeit selbst sein Bolo verlassen und wieder zurückkehren. Das Bolo ist das Heim des Ibu. Die fast vollständige Selbstversorgung garantiert die Unabhängigkeit der Bolos; sie sind der Kern einer neuen Form persönlichen, direkten gesellschaftlichen Austauschs. Sie sind notwendig, weil sonst die Geldwirtschaft zurückkehrt.
Ein Bolo besteht aus Wohn- und Werkstattgebäuden und einem landwirtschaftlichen Grundstück (kodu). Je nach geographischen Bedingungen kann die landwirtschaftliche Basis aus Weiden, Alpen, Palmenhainen, Jagdgründen, Algenkulturen u.v.a. bestehen. Das Bolo versorgt sich selber mit den Gütern des täglichen Bedarfs, kann aber auch zusätzlich 30 bis 50 Gästen oder Durchreisenden Gastfreundschaft gewähren.
Selbstversorgung bedeutet keineswegs Isolation oder Verzicht. Die Bolos sind im Gegenteil Zentren vielfältiger Beziehungen nach außen, sie schließen Tauschabkommen ab und gelangen dadurch zu einem größeren Reichtum an Lebensmitteln oder Dienstleistungen. Die Größe von Bolos kann überall auf der Welt gleich sein. Die Grundaufgaben und Verpflichtungen sind überall die gleichen. Aber ihre territorialen, architektonischen, organisatorischen, kulturellen Formen sind ganz verschieden. Kein Bolo gleicht dem andern. Jedes Ibu oder Bolo kann seine eigene Identität haben.
Bolos können aus vorhandenen Gebäuden entstehen, sie müssen nicht erst gebaut werden. In größeren Städten kann ein Bolo aus einem oder zwei Häuservierteln bestehen, einer nachbarschaft, einigen zusammenhängenden Bauten. Auf dem Land kann es ein kleines Dorf sein, im Pazifik eine größere Koralleninsel, in der Wüste eine Nomadenroute ohne festen Ort. Bolos können Schlachtschiffe sein, Paläste, Gefängnisse, Klöster, Höhlen, Museen, Zoos, Regierungsgebäude, Shopping-Center, Fußballstadieen, Parkhäuser.
--
Drittens Sila, viertens taku, fünftens kana usw. Was das bedeutet, und noch viel mehr, das steht alles in dem Buch Bolo'bolo."
Musik:
Michael Jackson - "Black or White"
Stimme B:
"Der zweite Klang"
Sprecher BENNO:
"DANCE THE DANCE ELECTRIC"
"Als wir gerade noch Kinder waren, und die Sonne noch orange-gold über den Feldern strahlte (und nicht nur mattgelb glänzte, wie sie es im heutigen Erwachsensein tut), da entdeckten wir ein Spiel, das uns durch Höhen und Tiefen des Seins führte, in Gedanken wie in Gefühlen.
Wir trafen uns immer nachmittags nach dem Essen bei den Bauernfeldern am Rand unserer Kleinstadt und spielten im Maisfeld Fangen. Dort, verborgen vor den Augen aller anderen und ohne viel von den Gesetzen der Erwachsenen wissen zu wollen, führten wir irgendwie gemeinsam neue Regeln ein, ohne daß wir über die Änderungen reden mußten. Jeder von uns wollte, daß es anders war als das langweilige Spiel "Fangerlatz", das keine Originalität mehr besaß.
Einer von uns, als er dran war, entledigte sich erst noch eines Kleidungsstückes wegen der Hitze, bevor er anfing. Beim nächsten, der dran war, machte er das kurzerhand zur Regel. Zuerst spielten wir nicht sehr lange auf diese Weise (und nicht alle), bevor es wieder abgebrochen wurde. Doch bei jedem neuen Spiel in diesem heißen Sommer wagten wir uns weiter an uns selbst heran, und jeder an sich.
Das Gefühl war aufregend und neu. Die Erinnerung daran macht heutzutage die Begegnung mit Erwachsenenspielen ähnlicher Art aus anderen Gründen zu einer Enttäuschung. Wir lachten uns schief, einige kamen im Parka, andere nur in Turnhosen, jeder so, wie es ihm Spaß machte. Wie hat uns das Anfangen des Spiels dort hingeführt, wo wir hingelangten? Das war mir stets wie weiße Magie erschienen... Wer schließlich nackt war, legte sich hin auf eine alte zerschlissene Decke, die wir in einem Versteck gleich beim Feld aufbewahrten, weil der Boden den Rücken zerkratzte. Dort lagen wir dann eng beieinander und schlossen die Augen. Zum Einen, um nicht gesehen zu werden und zum Anderen, um sich die anderen in der Phantasie noch besser nackt vorzustellen, als man sie sehen konnte; und wir warteten, bis sich der Letzte zu uns legen mußte, der dann der Gewinner war. Aber danach haben wir nicht einfach nur getan, was wir dann taten! Denn es ging nicht etwa, wie ihr das denkt, mit einem fellini- oder viscontihaften Wettstreit weiter, wer sich nun am schnellsten einen 'runtergeholt hatte...
Es war etwas Umfassenderes. Es war Zauber für uns.
Wir schickten den Gewinner auf eine Reise, die wir uns ausdachten oder erzählten, versetzten ihn in Situationen, zu Personen und Dingen, nach denen er seine Masturbationsintensität und -geschwindigkeit wie ein Oszillator ausrichtete. Die Situation bestand für uns meistens aus unseren Ahnungen und unwissenden Vorstellungen von Liebe, Einfühlungsvermögen, manchmal waren etwas Spott und Gemeinheiten dabei, meistens aber vor allem viel absurde Phantasie und der belohnende Höhepunkt. Ab und zu gerieten wir in einen Rauschzustand kollektiven Erzählens. Jeder genoß alles aus seiner Perspektive... Es sollte eine Geschichte sein, die dem Gewinner entsprach.
Wir schickten uns nur einen Sommer lang auf diese skurrilen Reisen. Nur kurz war der freie Augenblick, den wir zwischen Kindheit und Erwachsensein verbrachten (der Augenblick, in dem Sexualität etwas Fremdes ist, das uns konkret begegnet, ein Motor unserer Phantasie - bevor diese wieder grauer wird, versehen mit Monogamie oder festem Bezug aufs Äußerliche). Wir reisen nicht mehr im Kopf, und wir verloren das Leben, das wir leben wollten, weil wir glauben, daß das Leben jetzt so ist, wie wir es uns wünschen, ohne daß wir merken: dem ist nicht so.
Wie unterschiedlich waren die Situationen, die Jahrhunderte, die Menschen, um die es ging! Das Erzählen wird es nicht wiedergeben.
Die erste Geschichte zum Beispiel haben wir für Saskio erzählt, der sich zu schön fand..."
DER SCHÜLER - OSCAR WILDE
"Als Narzisssus starb, wandelte sich der Teich seiner Lust aus einer Schale süßen Wassers in eine Schale salziger Tränen. Und die Oreaden kamen weinend durch den Hain, um bei dem Teiche zu singen und ihn zu trösten. Und als sie sahen, daß der Teich sich gewandelt hatte und aus der Schale süßen Wassers eine Schale salziger Tränen geworden war, lösten sie die grünen Flechten ihrer Haare und riefen dem Teiche zu: "Wir wundern uns nicht, daß du so um Narzissus trauerst, denn er war so schön.""War denn Narzissus schön?" fragte der Teich.
"Wer weiß das besser als du!" antworteten die Oreaden. "An uns ging er immer vorüber, aber dich suchte er auf und lag an deinem Rande und blickte zu dir hinab und im Spiegel deiner Gewässer spiegelte er seine eigene Schönheit."
Und der Teich antwortete: "Ich aber liebte Narziss, weil ich im Spiegel seiner Augen, wenn er am Ufer lag und niederschaute zu mir, meine eigene Schönheit gespiegelt sah."
Musik:
Limahl - "The Never-Ending Story"
"Für David, der nichts von Liebe wissen wollte, erzählten wir die zweite Geschichte, die wir auf der anderen Seite der Welt spielen ließen:"
DIE STIMME DER XTABAY – eine kurze Skizzierung
(als Grundlage für das Libretto zur 72-Stunden-Oper "ATAHUALPA",
deren Musik Philip Glass komponieren und deren Aufführung Bob Wilson inszenieren sollte)
"Im Imperium der Inkas lebte einstmals ein junges Mädchen namens Xtabay. Sie war wunderschön, in ihren grünen Augen leuchtete ein lebendiger Geist, und ihre wundersame Stimme verwirrte die Menschen, wenn sie zu singen begann. Sie gehörte zu den Mädchen, die bei ihrem sechsten Geburtstag auserwählt worden waren, um in den nächsten zehn Jahren den Sonnnengott zu verehren und seine Lehren zu empfangen. Sie sang die traditionelle Hymne "Accla Taqui" der Auserwählten des Sonnengottes und war erfüllt von dem Gefühl tiefster Heiligkeit.
Als zehn Jahre später die goldene Sonne hinter den Berggipfeln der Anden versank, kam der Priester, der ihr Lehrer war, zu ihr und sagte: "Bald naht dein sechzehnter Geburtstag, an dem du dich entscheiden mußt, Sonnen-Jungfrau zu bleiben in heiligem Dienst bis an dein Lebensende oder zurück in deine Gemeinschaft zu gehen und eine Ehefrau und Mutter zu werden, was eine weniger heilige aber nicht weniger ehrenvolle Rolle ist." Es war Xtabays Absicht, eine Dienerin des Sonnengottes zu bleiben, bis an ihr Lebensende.
Doch in ihrem Dorf, unterhalb des Tempels, in dem sie lebte, gab es einen Jungen namens Huayna, der aus einem freien Haus stammte und sich auflehnte gegen die gesellschaftliche Ordnung des Inka-Reiches, in der es Sklaven und Adel gab. Xtabay hörte von ihm und war seltsam berührt. "Wer ist dieser Junge? Hat er wirklich Recht?" fragte sie, aber die Priester konnten ihr keine Antwort geben. Die Lehren des Sonnengottes wußten nichts von Ungerechtigkeit. Eines Nachts verließ sie den Tempel heimlich und stieg herab zu ihrem Dorf, weil sie den Jungen Huayna sehen wollte, der sie so verwirrte. Doch die unvorsichtigen Reden und Taten dieses mutigen Jungen gegen die Ungerechtigkeit hatten den Zorn des adligen Prinzen Makta geweckt, der seine Sklaven nicht befreit sehen wollte. Er kam mit Soldaten, um ihn gefangenzunehmen, jedoch hatte er nicht bemerkt, daß das Mädchen Xtabay ihn heimlich beobachtet hatte und von seinem Vorhaben wußte.
Allerdings wußte sie nicht, was sie tun sollte. "Wie kann ich Huayna noch retten, da der Prinz mir schon zuvorkommt?" Ohne Hoffnung sang sie ihre Sorge in einem Lied zu den Bergen, den Winden; aber der Zauber ihrer Stimme war so groß, daß er durch die Nacht an Huaynas Ohr drang, der verwirrt aus dem Schlaf auffuhr und den Ruf der Sorge des unbekannten Mädchens fühlte. "Warum spüre ich den Kummer dieses Mädchens, das ich gar nicht kenne? Ich muß zu ihr gelangen. Ich muß sie sehen!" Dann sah er aus dem Fenster den Prinzen mit den Soldaten kommen und floh von der anderen Seite des Hauses aus.
Prinz Makta sah ihn fliehen und wollte ihn eigenhändig töten, mit einem Pfeil aus seinem Bogen, als der große Kondor den Gesang von Xtabay erhörte und schneller als der Pfeil herabstieß, um ihren Kummer zu beenden. Vor den Augen der Soldaten kam der Riesenkondor herunter, mit Xtabay auf seinem Rücken, die er zuerst zu sich geholt hatte. Und Huayna wußte, daß sie es war; er schwang sich zu ihr auf den Rücken des gewaltigen Kondors, der aufstieg zu den höchsten Gipfeln der Anden, die das Herz der Eingeborenen mit Ehrfurcht und Zuneigung erfüllen, wo er sie absetzte.
"Warum hören der Wind und die Vögel auf den Ruf deiner Stimme?" flüsterte Huayna verwirrt, als er in ihren grünen Augen versank, während die sieben Winde sie umtosten. "Wer bist du?" Und sie sagte: "Ich bin Xtabay. Der Ruf, den ich sang, ist das Verlangen nach der innersten Liebe, die ich bisher nicht kenne." Und Huayna spürte denselben Ruf in sich, als sie das sagte.
Sie zitterten, als sie sich ansahen (am Vorabend der spanischen Invasion), sie tanzten den Tanz der Winde, WAYRA, in wildem Überschwang, den Tanz ihrer Jugend und ihrer Liebe, zusammen mit den sieben Winden um sie herum, und sie wollten sich nie mehr verlassen."
Musik:
Yma Sumac - "WANKA"
Ende der ersten Stunde
Abmoderation:
"Das war der erste Teil des Audio-Konvuluts "VEXIERKLANG", nach den 20 Uhr Nachrichten geht es weiter mit dem zweiten Teil..."
Beginn der zweiten Stunde
Anmoderation:
Stimme Daniel:
"Hallo und willkommen zur zweiten Stunde der Sendung für Kopfhörer und zur Fortsetzung von "VEXIERKLANG". Der Dreiklang in den Gedankenlinien ist nur ein winziger Teil des kosmischen Menschen-Vielklangs und will nicht die einzelnen Ideen zu einem übergeordneten Standpunkt verallgemeinern. Am Mikrophon wünscht Daniel Aldridge weiterhin anregende Unterhaltung."
Stimme BENNO:
"Die dritte Geschichte ist die, die wir für Julius erzählt haben; der konnte über gar nichts lachen..."
Einspielung vom Tonband:
MAX GOLDT - "Ein Künstlersteckbrief"
"28. Januar 1901. Ich werde geboren, Sohn meiner Mutter Susanne. Sie ist eine gläubige Frau. Vom Vater weiß ich nicht viel. Den Aussagen einiger Tanten zufolge war er ein Träumer und trank. Fiel er im Bordell von einer Leiter? Man deutet mir so etwas an. Bis 1918 Besuch des Progymnasiums in Bern; verkehre früh mit einer deutschen Pazifistin. Erste literarische Gehversuche werden in Alfred Währmanns Zeitschrift "Die Treppe" veröffentlicht. Es folgen Lehr- und Wanderjahre. 1925 trinke ich meinen ersten Tomatensaft (Begeisterung für die USA). Ein Jahr später Beginn der Korrespondenz mit Nelly Wasser in München (Türkenstraße 15). 1927 Übersiedlung nach Berlin. Schlage mich als Boxreporter, Zauberer im Varieté und Eilbriefträger durch. Mißlungener Versuch, "Das Postamt" von Rabindranath Tagore zu inszenieren. Erste Begegnung mit Dr. Seidel. 1928 - der erste Lyrikband "Unsichtbare Rosen" im Verlagshaus Berthold Wagenbacher wird bescheidener Erfolg. 1929 begleite ich Dr. Scheller auf einem Ballonflug von Berlin nach Königsberg. Sechswöchiger Spitalaufenthalt. Heirat mit Nelly Wasser in Babelsberg. Drehbuch für den Stummfilm "Tuberkulose", der unerwartet zum Welterfolg wird. 1930 der erste Roman "Treppen ohne Geländer". Neuauflage von "Unsichtbare Rosen" mit Linolschnitten von Ernst Kugel. 1931 Reise nach New York. Entwerfe dort überraschend das Geländer der Tennessee-Treppe im Tennessee-Haus. 1932 Drehbücher für Musicalfilme. Geburt des Sohnes Jakob. Neuer Gedichtband "Dornenmoos" wird von Barbara Jonson ins Englische übertragen. 1934 Geburt des Sohnes Herrmann. 1935 Geburt des Sohnes Heinrich. Dr. Seidel übernimmt die Rabolta-Werke in Herford. Treffen mit Gwendolyn "Gala" Hilton bei der Premiere von "Schwestern". 1938 Regisseur des Filmlustspiels "Die ganze Welt tanzt unseren Rhythmus". Nelly Wasser wird verhaftet. Heirat mit Gertrud mit Tillmann. Der Krieg nimmt mir alles. Lediglich meiner Frau und meinen Söhnen wird kein Haar gekrümmt. Auch mein Haus in Nicolassee bleibt wie durch ein Wunder unbeschädigt. 1946 wende ich mich für drei Monate mit großem internationalen Erfolg der Hinterglasmalerei zu. Diverse schmale Lyrikbände folgen und finden Absatz und Anerkennung. Meine Romantrilogie "Die Vespergesellschaft" breche ich 1954 verzweifelt ab. Politisches Zerwürfnis mit der Schweizer Delegation auf dem PIFA-Kongress in La Chaux-de-Fonds. Mein neues Haus in Elsfleth wird 1957 fertig. Der spätere Bundeskanzler Schmidt ist mehrfach gern zu Gast dort. Das Mosaik neben der Eingangstür schuf Dr. Seidel. Das Haus ist lange Anlaufpunkt für Baukunststudenten aus aller Welt, da es eine der ersten und schönsten Durchreichen Europas hat. 1959 Tod meiner Frau. An der Beisetzung nimmt neben Dr. Seidel auch Kammersängerin Professor Elke Stein teil, trotz ihres schweren Salzburger Bühnensturzes. Heirat mit Irene Römer. Hüftoperation. Diverse Kurzfilmprojekte. 1962 Übersiedlung nach Kalifornien, des Klimas wegen, auf Wunsch meiner Frau. Dort keine künstlerischen Arbeiten. Geburt der Töchter Jenny und Marlies. 1971 Tod meiner Frau. An der Beisetzung nimmt neben Dr. Seidel auch Kammersängerin Professor Elke Stein teil, trotz ihres hohen Alters. Rückkehr nach Deutschland. Beschäftigung mi informeller Malerei. 1973 Heirat mit Celeste von Reimann. Erneute Hüftoperation. Streit mit Dr. Seidel. Mitwirkung am Episodenfilm "Warum stottert Rüdiger K.?". Analytisch-heiterer Roman "Die Treppe ins Glück". Die Tennessee-Treppe im Tennessee-Haus wird von Vandalen zersägt. Reise zur Rekonstruktion des Geländers sofort in die USA. 1976 Gastprofessur für Fotokopie in Pasadena. 1977 endgültige Rückkehr nach Deutschland. Gespräche in Ost-Berlin. 1978 Entwurf eines Kreuzwegs aus eingeschmolzenen Rüstungsgütern für einen Kirchenneubau in Dortmund. 1979 Unterzeichnung des Krefelder und des Zürcher Appells. Video-Installation "Prometheus" im Garten des Bundeskanzleramtes. Tod meiner Frau. Hüftoperation. 1980 beginne ich verbittert mein Spätwerk. Mein Spätfilm über die Juli-Unruhen bringt mir den HULE-Preis der PIFA ein. Bruch mit dem DAAD. 1984 Tod von Dr. Seidel. An der Beisetzung nimmt auch Kammersängerin Professor Elke Stein teil, trotz ihrer inzwischen kompleten Erblindung. Seit 1986 lebe ich in Berlin-Kreuzberg, dem aufregendsten Platz auf der Welt, und lese dort den jungen Leuten meine alten Gedichte vor.Musik:
Yma Sumac - "Jungla"
"Die vierte Geschichte haben wir für Andreas erzählt, von dem wir nichts wissen."
DAS SPIEL (The Dreaming of Ikarus)
Ein Junge, allein auf einem Spielplatz, oder woanders, vielleicht beim Drachensteigenlassen. Ihn beobachtet ein Maler von der anderen Seite aus, verträumt, während er auf einem Zeichenblock zeichnet (das Bild stellt einen nackten Jungen dar).Er sieht das Bild an und zerreißt es dann. Leicht gequält sieht er aus, als er den Jungen betrachtet. Als er sich erhebt, sieht es nach einer unkontrollierten Bewegung aus. Der Junge sieht ihm unsicher entgegen, als er zu ihm kommt. Man hört seine Gedanken: "Was will denn der? Der sieht aus wie irre." Er will sich in Bewegung setzen, um abzuhauen. Der Maler ruft: "Warte, lauf nicht weg, ich will dich nur was fragen!" Der Junge bleibt zögernd stehen und blickt ihm unsicher entgegen.
"Was wollen Sie?" will er wissen; er läßt ihn bestimmt nicht zu nahe kommen. Der Maler erreicht ihn und lächelt - mit einer gewissen glücklichen Vergnügtheit, die nicht aufgesetzt ist. Ein Lächeln, das der Junge als echt akzeptiert (und Clowns wie dieser Mann sind Leute, die ein Junge nicht ablehnt - wenn er die Welt bereits absurd findet). "Bloß eine Frage", sagt der Maler. "Wie ist dein Name?"
Der Junge will nicht unbedingt sagen, wer er ist. "Andreas", meint er schließlich. Der Maler nickt. "Ich bin Philipp", stellt er sich salopp vor. "Was spielst du am liebsten, Andreas?"
Andreas runzelt die Stirn. "Warum wollen Sie das wissen?"
Philipp: "Wollen wir ein Spiel zusammen spielen?"
Andreas ist reserviert, abwartend. "Was für ein Spiel?" Er klingt verächtlich, so als würde er sofort "NEIN" sagen. Philipp sagt: "Es heißt "Geben und Nehmen". Du wirst es mögen. Jeder von uns überlegt sich zwei Dinge. Du überlegst dir, was du mir geben und von mir nehmen willst. Und ich überlege mir, was ich dir geben und von dir nehmen will; und wenn wir damit einverstanden sind, dann machen wir das auch."
Andreas sieht sehr skeptisch aus. "Und das ist alles? Das soll ein Spiel sein?" Philipp nickt. "Es geht nur als Spiel. Wer würde das in Wirklichkeit schon machen? Aber wir können es machen, wenn uns das Spiel gefällt, nicht wahr?" Andreas hat begriffen, er nickt mit einem spöttischen Grinsen.
"Also überleg' dir was", meint Philipp und grinst ebenfalls. Andreas: "Also, ich will - Tausend Mark, und ich gebe Ihnen dafür ..." Er hält inne und überlegt, fühlt in seinen Hosentaschen nach und grinst noch mehr (bösartig). "Und ich gebe Ihnen dafür ein paar Murmeln!" (Es macht ihm Spaß, sich über Philipp lustig zu machen).
Dieser blickt ihn verletzt an und sieht plötzlich so aus, als würde er mit sich hadern, den bösartigen Vorschlag wirklich in Erwägung zu ziehen (den Kopf zur Seite gewandt). Dann als er Andreas wieder anblickt, meint er (in sanften, aber auch herausfordernden Tonfall): "Okay... das ist gerecht." Andreas schaut ihn entgeistert an. "Aber... Sie machen das nicht wirklich!" Philipp lächelt geheimnisvoll. "Komm nur..." (Ausblendung der Szene...)
Dann:
Vor einer Bank läuft Andreas unruhig auf und ab. (Seine Gedanken verlaufen etwa so: "Er ist wirklich verrückt! Das kann er nicht machen! Oh Gott, wenn er es wirklich macht!..."
Philipp kommt heraus, mit einem 1000-Mark-Schein in der Hand. Andreas zittert überwältigt. Er hat Angst vor dem Geld, aber er will es nicht von sich weisen. Philipp hält ihm den Schein vor die Augen, zieht ihn aber wieder weg.
"Nun?" Sie laufen nebeneinander her auf dem Gehsteig. Keiner sieht den anderen an. "Du machst das wirklich", sagt Andreas leise: "Warum machst du das?" - "Das ist nun mal ein aufregendes Spiel," antwortet Philipp, berauscht von dem, was er tut. "Spürst du es nicht, wie aufregend es ist? Ich mag irre sein, aber ich bin es freiwillig, verstehst du?"
Andreas nickt nur. Er ist wirklich berauscht. Als er sich das erste Mal mit seinen Freunden betrunken hat, hat sich alles ganz genauso phantastisch um ihn gedreht. Daß es für ihn kein Spiel mehr sein kann, weiß er nicht und kann es auch nicht formulieren - Philipp, der ihn genau ansieht, sieht es, aber er spricht es nicht aus.
Sie sind wieder auf dem Spielplatz oder der Wiese angelangt. Andreas blickt zu zwei Kindern, die in der Nähe spielen und fühlt sich durch ihre Gegenwart beruhigt - er ist nicht alleine - ihm kann nichts passieren.
Philipp steht vor ihm. "Also?" fragt er abwartend. Andreas nickt langsam. "Was soll ich dir geben, und was willst du mir geben?" fragt er ängstlich. Philipp zittert ein wenig. "Du kriegst also Tausend Mark und ich dafür deine Murmeln... Aber wenn es dir nicht gefällt, was ich nehmen und geben will, mußt du dich umdrehen und wegrennen - so schnell du nur kannst, denn ich werde nichts anderes wollen als das. Ich will dir für alle Zeit alle Liebe geben, die ein Mensch einem anderen geben kann, ich will dich glücklich machen bis an dein Lebensende. Und dafür will ich einen Kuß, den schönsten und längsten und liebevollsten Kuß, den du je gegeben hast und je geben wirst."
Andreas steht da, überwältigt und verstört von diesen großen Dingen, die Philipp anbietet und fordert, beides sein Denkvermögen übersteigend. Ein wenig sieht er ihn auch verächtlich an; aber er ist zu sehr betäubt durch die Tausend Mark.
"Renn weg!" bittet Philipp leise. "Renn weg und vergiss das Spiel! Renn weg!"
Andreas schüttelt den Kopf. Er kramt in seinen Hosentaschen und holt alle seine Murmeln heraus, die er Philipp mit ausgestreckter Hand hinhält. Der junge Maler nimmt sie und berührt dabei seine Hand, von der Schweißtropfen perlen. Dabei sehen sie sich tief in die Augen. Als er die Murmeln Philipp gibt, muß Andreas mit den Tränen kämpfen.
Philipp nimmt den 1000-Mark-Schein und rollt ihn zusammen, dann steckt er ihn in Andis Hand und schließt diese darum. Dann geht er auf Andreas zu, der etwas zurückweicht und an einen Baum stößt. Dort bleibt er stehen und schaut Philipp an, der nichts tut, sondern nur wartet. Langsam legt Andi ihm den Arm um den Nacken und zieht ihn zu sich herunter. Er schließt die Augen und führt seine Lippen an Philipps Lippen. Sie küssen sich lange und intensiv. Wie angenehm es für Andi ist oder nicht, ist nicht erkennbar. Aber dann nimmt Andi Philipp bei der Hand, und sie gehen tief in den Wald hinein, wo er ihm weitere Küsse gibt, einer länger wie der andere...
Verdunkelung der Szene
Man sieht zwei Bilder nebeneinander; zwei Geschehnisse gleichzeitig:
Mit Geräuschen:Philipp in seinem wilden Atelier bei seinen wilden Zeichnungen.
In seinen Gedanken spricht er mit sich selbst:
"Warum habe ich es getan?
Ich habe ihn belogen und betrogen, warum habe ich das getan? Ich muß zu ihm gehen!
Ich werde ihn retten!"
Das Bild, das er malt,
stellt einen düsteren Sturm aus Nacht und Tod dar. Von außen durch die Wohnzimmer-
In Stille:
fenster des Hauses sieht man den heulenden Andreas.Sein Vater brüllt ihn an und hält ihm immer wieder den Geldschein vors Gesicht, seine Mutter redet auf ihn ein. Er schüttelt heftig den Kopf und sagt etwas, woraufhin ihm sein Vater erst eine Ohrfeige gibt, dann, als Andreas standhaft bleibt, noch eine zweite.
Andreas liegt in seinem Bett
und starrt düster an die Decke.
Verdunklung der Szene
Man hört quietschende Autoreifen und einen furchtbaren Knall. Als es wieder hell wird, sieht man:
Andreas liegt auf der Straße, vor einem Auto, sein Kopf in einer Blutlache. "Philipp", flüstert er verzweifelt. "Philipp!" Während die Sanitäter ihn eilig in ihren Krankenwagen laden, steht Philipp unbemerkt am anderen Ende der Straße und beobachtet alles. Er wendet sich ab, als der Krankenwagen mit Sirenengeheul davonfährt.
Man hört Andreas' Stimme: "Hoffentlich sterbe ich! Hoffentlich STERBE ich!" Alle Geräusche verklingen.
Verdunklung der Szene
Eine längere Zeit danach:
Philipp sitzt am Spielplatz, oder auf der Wiese, wo Andreas den Drachen steigen ließ. Im Hintergrund spielen drei Jungen Ball. Er starrt auf den Zeichenblock, auf dem Andreas gemalt ist, nackt und mit Flügeln wie Ikarus. Dann malt er um ihn herum ein Farbenmeer aus Violett und Orange, mit Buntstiften.
Das Geschrei der Buben wird lauter, und er hebt den Kopf, um ihnen zuzusehen. Als der Ball einmal vor seinen Füßen landet, schießt er ihn wieder zurück, und er fliegt unhaltbar in eines ihrer Tore. Die Jungen lachen ihn an und lassen ihn so fühlen, als gehörte er zu ihnen.
"Mein Ikarus..." flüstert Philipp mit rauher und heiserer Stimme. Der Blick seiner graublauen Augen ist dunkel, fast alle Farbe und fast alles Leuchten ist aus ihnen gewichen. Die warmen nassgrauen Straßen der Stadt werden von den dunklen Düsterwolken in ein dämmerndes Zwielicht getaucht. Das lodernde Flammenmeer auf dem Zeichenblock verbrennt die Flügel des nackten Ikarus, dann stürzt er in eine düstergraue, tiefe See, die ihn völlig verschlingt. "Ich habe es nicht gewollt!" flüstert Philipp.
Als sich der Blickwinkel leicht verschiebt, sieht man plötzlich Andreas, der hinter ihm angehumpelt kommt - er geht mit zwei Krücken. Der Junge ist bleich im Gesicht, seine Augen sind erloschen. Philipp dreht sich zu ihm um und bleibt äußerlich ruhig. Nur ein wilder Sturm der Verzweiflung ist plötzlich in seinen augen, mit einem flehenden Beiklang. Andreas scheint das zu sehen, aber er reagiert nicht.
Mit Bewegungen, als wäre er kalt, taub und gefühllos, setzt er sich neben Philipp auf die Bank und schaut ihn nicht an; er sitzt dort so, als wäre er völlig allein. "Du bist nicht einmal ins Krankenhaus gekommen!" sagt er ruhig. Philipp sucht mühsam nach Worten. "Ich hatte Angst", erklärt er schließlich: "Und ich habe immer noch Angst..." - Wovor hast du Angst?" fragt Andreas mit bitterem Spott. Philipps Atem geht schneller. "Ich habe Angst, dir in die Augen zu sehen", erklärt er und wendet sich ihm trotzdem zu.
Andreas sieht nun auch zu ihm. Seine Augen, die eben noch wie tot waren, glühen zornig. "Du bist so ein mieser Dreckskerl. Du hast nur mit mir gespielt! Du hast nichts ernst gemeint! Du hast alles falsch gemacht!"
Philipp erzittert, aber gleichzeitig beruhigt er sich seltsamerweise - Andreas ist nicht zerstört, er ist nur schwer verletzt; und Philipp hofft plötzlich, daß er den Schaden, den er angerichtet hat, vielleicht wieder beheben kann. Der Junge sieht ihn verächtlich an und zischt mit einer bösen Stimme. "Ich habe gar nichts gewinnen dürfen bei deinem SPIEL! Du hast mich nicht einmal als Mensch angesehen, du gemeiner Wichser!" Plötzlich lacht Philipp. "Ich wollte mit dir tanzen, bis die Sonne uns verbrennt, und ich will es immer noch! Ich will, daß wir ein Traum sind von zwei Himmelsgeschöpfen, du ein toller, irrer, lieber Bub in meinem Arm, und ich dein Beschützer gegen alle, die dir böses wollen, der, der dich liebt, und wir beide für immer vom Glück beseelt! Mein Ikarus..." Andreas sieht aus, als wäre er den Tränen nahe, weil diese Worte ihn mehr verletzen als alles andere. "Aber du hast dein Wort nicht gehalten..." flüstert er mit brechender Stimme. "Ich wollte dir nur das geben, was ich selber nie bekam, als ich ein Junge war!" sagt Philipp voll Ernsthaftigkeit: "Ich wollte, daß du dich wenigstens von einem Menschen geliebt fühlst!" - "Aber du hast es nicht getan! Du hast es gar nicht richtig machen wollen - du hast nur gespielt!"
"Aber ich ... ich werde es richtig machen! Ich werde jetzt damit anfangen!" Andreas schüttelt den Kopf, er ist erfüllt von Furcht. "Wenn ich dir das glauben würde, wäre das der Untergang!" - "Gib mir noch eine Chance!" bittet Philipp.
Während er spricht, fangen um sie herum die Farben Rot und Blau zu tanzen an, und vermischen sich zu Violett. "Wir werden richtig anfangen und dieses Spiel richtig spielen! Ich kann dich lieben, und du mich!" Philipp streckt seine Hand aus und berührt das Gesicht des zitternden Andreas, während sich der Farbenstrudel um die Parkbank ausweitet. Orange kommt hinzu. Verwirrt schaut er zu Philipp auf. "Meinst du es wirklich ernst?" In seinen Augen sieht er Hoffen und Bangen. "Mach es nur richtig diesmal, ich flehe dich an!" flüstert er. Philipp steht auf und nimmt seine Hände, zieht ihn von der Bank weg, ganz nahe an sich heran und wirbelt mit ihm in den gemeinsamen Tanz mit den Farben Violett und Orange. Die drei Jungen haben aufgehört, Ball zu spielen. Mit offenen Mündern sehen sie zu, wie Philipp und Andreas zusammen über den Platz tanzen. "So ein Drecksschwein!" meint einer von ihnen verächtlich, aber in der Verachtung ist auch Bewunderung. "Der tanzt mit einem Jungen, einem total nackten, mit Flügeln!" - "In einem Farbenstrudel..." fügt der zweite hinzu und ist noch verwirrter. Noch mehr Farben kommen hinzu, Weiß, Schwarz, Grün ... Und Philipp und Andreas verschwinden im Sturm ihres Spiels, umtost von den Schlußklängen aus Maurice Ravels "LA VALSE".
E N D E
1991, für Björn
Musik:
Maurice Ravel - "La Valse" (ab 08.13, Dauer: 4.46)
"Die fünfte Geschichte haben wir für Moritz erzählt, der nur Comics liest."
COMIC STRIP
"Das dumpfe Gefühl der Benommenheit wird leichter, als Moritz aus seiner Ohnmacht wiederaufwacht, und langsam erkennt er aus der sich auflösenden Schwärze wieder Dinge. Er liegt in einem Bett, um ihn herum stehen mehrere besorgte Leute. "Was ist los?" flüstert er und versucht sich zu erinnern.
Minnie Maus, denn sie ist es, läuft zu ihm und fühlt seine Stirn. "Geht es dir wieder besser?" fragte sie liebevoll, dabei klimpert sie mit ihren Wimpern ein paar Xylophon-Noten, die über ihr davontanzen. Moritz ist sprachlos; er ist wie geblendet von der plötzlichen Schönheit, die sich über ihn beugt. Dann steht auch Daisy Duck bei ihm, an der anderen Seite des Bettes. "Es ist dir nichts passiert?" Der Klang ihrer Stimme läßt ihn rot anlaufen. "Nein..." lügt er mit schwacher Stimme. "Das war ein schreckliches Mißgeschick!" ruft Micky Maus, während Donald Duck neben ihm seine üblichen Töne von sich gibt. "Beinahe hätten wir die Bankräuber-Krake noch eingeholt, aber dann bist du um die Ecke gebogen, direkt vor den Wagen! Zum Glück haben wir dich doch noch aus dem Wasser fischen können."
"Aber dann müssen wir die Krake noch einfangen!" ruft Moritz und will aus dem Bett, aber Daisy und Minnie schütteln ruckartig die Köpfe. "Du mußt dich noch ausruhen!" meint Daisy, und Minnie schiebt die anderen zur Tür. "Laßt ihn, er muß sich schonen." - "Den Kraken fangen wir mit dem Ballon, keine Sorge!" ruft Micky und läuft mit Donald hinaus. Daisy und Minnie versuchen sich gegenseitig als Letzte durch die Tür zu schieben. "Deine Sachen hängen noch zum Trocknen!" sagte die Maus. "Ich bringe sie dir dann!" Erst jetzt registriert er den anoiischen Grad seiner Blöße. "Gute Besserung, Junge. Wie heißt du eigentlich?" sagt Daisy. Er, heftig errötet, nennt seinen Namen; lächelnd schließen die rivalisierenden Damen die Tür zu dem Schlafzimmer, das in der neuen Wohnung von Minnie Maus zu liegen scheint.
Moritz liegt erbebend da und phantasiert. "Einmal, wenn Daisys Schnabel meine Nase lutschen würde!" flüstert er, und ihn durchrieselt ein warmer Schauder; als die Schranktür explodiert.
Ein weißes Kaninchen mit roter Latzhose und blauer Fliege mit gelben Punkten schießt heraus. "Meine Rübe! Länger hätte ich es wirklich nicht ausgehalten! Komm schnell, wir müssen hier dringendstens weg!" Mit einem Salto Mortale landet er auf der Bettdecke, allerdings verkehrt herum auf dem Kopf. Mit einem Schlabbergeräusch richtet er sich auf den Armen auf und und zieht mit den Beinen die Bettdecke weg, verliert das Gleichgewicht mit dieser über sich und fällt vom Bett herunter.
Das alles geschieht in weniger als fünf Sekunden. "Aber was ist denn, Roger?" ruft Moritz und reißt die Decke an sich zurück. "Du kennst mich? Hast du meine Filme gesehen? Meine Platten gehört? Meine PLAYGIRL-Fotoserie gesehen?" ruft der Hase begeistert aus. "Willst du ein Autogramm haben? Eine Privat-Vorstellung?" In diesem Moment klopft es an der Tür. "Ist alles in Ordnung?" hört man Minnies Stimme. Roger Rabbit fährt zusammen und schüttelt emphatisch den Kopf.
"Ja!" ruft Moritz laut, dann flüstert er zu Roger Rabbit. "Was ist denn?" - "Weißt du nicht, daß sie beide dich vernaschen wollen?" erklärt Roger verschwörerisch. "Mich hat Minnie auch becirct, aber dann kam Micky, und ich mußte in den Schrank, in dem ich seit vier Tagen gewesen bin!"
"Sie sind nicht verheiratet?" ruft Moritz empört. "Und Daisy auch nicht?" - "Ja, und sie sind verrückt nach uns! Dabei wollte ich sie doch nur vor der Bombe warnen!" ruft Roger aus und fährt in die Luft auf. "DIE BOMBE!!" Er stürzt zum Kleiderschrank und schleudert einen Orkan von Kleidern heraus. "Zieh dich an!" ruft er. Moritz nimmt die alten Shorts von Micky mit den gelben Punkten, die ihm nur etwas zu groß sind. "Was für eine Bombe?" ruft er. Roger öffnet die Tür. In diesem Moment macht es BUMM, und eine Druckwelle schleudert den Inhalt der Wohnung durchs Schlafzimmer, Daisy und Minnie werden durch die Haustür in die andere Richtung hinausgeblasen; hinter ihnen sieht man noch einen langen schwarzen Schwanz, der im Treppenhaus in die Tiefe entschwindet.
Roger wirbelt durchs Zimmer und klammert sich an den Kronleuchter, bis die Explosion abklingt. Das Goldfischglas ist inzwischen auf Moritz' Kopf gelandet. Dort sitzt es so fest, daß kein Tropfen Wasser ausläuft, und die Goldfische schwimmen im Glas um ihn herum und kitzeln ihn mit ihren Flossen an der Nase, bis er die Kugel wegniest, die Roger mit ausgestreckter Hand auffängt.
"Die Bombe des schwarzen Marsupilamis! Wir müssen hier heraus!" ruft er, doch eine Feuerwand versperrt den Weg zur Tür. "Aus dem Fenster!" ruft Moritz und rennt zurück; Roger folgt ihm mit dem Goldfischglas. Sie springen beide hinaus und schreien entsetzt auf, als sie merken, daß sie in der Luft stehen. "AAAHH!" Und sie stürzen in die Tiefe, aus dem siebzehnten Stock.
Sie stürzen immer schneller herab, der Boden rückt immer näher. Doch in diesem Augenblick packen ihn kräftige Arme Moritz, und eine dunkle Stimme sagt: "Ich habe dich!" Sein Retter ist schwarzgekleidet und trägt eine Fledermausmaske, mit einem Stahlseil schwingen sie auf das Dach des Hauses auf der anderen Straßenseite. "Danke sehr." sagt Moritz höflich, aber der schwarze Superheld schwingt sich bereits wieder davon, denn gleichzeitig nähert sich eine Armee von King-Kong-großen Amazoninnen. "Keine Ursache!" ruft er noch.
Roger ist in den Armen des Drachen Grisu auf der Straße abgesetzt worden. Mit seinem Vater Fumé macht sich Grisu auf, das Feuer zu löschen, während Roger das schwarze Marsupilami am Schwanzende packt, das gerade in das Haus hineinläuft, in dem Moritz gerade die Treppe herunterläuft. Er wird überholt von einer kleinen Maus, einem größeren Kater und einem noch größeren Hund und in deren Verfolgungsjagd verwickelt, bis zu deren Ende sowohl er als auch Roger mehrmals elektrisiert, deformiert, auseinandergesägt und zusammengedrückt werden, außerdem ein paar Revue-Nummern singen, bis sie schließlich die Rettungsaktion des Hauses mit dessen Sprengung beenden.
Moritz erwacht aus seinem Traum, als ihn eine Stimme weckt, und er erschrickt. Um ihm stehen besorgt Minnie, Micky, Donald und Roger und fragen ihn, wie es ihm geht. "Es war nur ein Traum!" beruhigt Donald ihn quäkend.
Und als er danach auf die Straße tritt, ist es ein herrlicher Tag in Entenhausen, die Sonne scheint und unter dem Jubel der Menge steigt Moritz in die Kutsche, in der Daisy auf ihn wartet, die ihn heim nach Bagdad bringen wird (wo sich der Großwesir schon als Kalif wähnt). Am Bildrand erscheint eine schwarze Fläche, die nur einen runden Kreis übrigläßt, der immer kleiner wird, bis sie ganz in ihm verschwunden sind...
Musik:
TV-Thema - "Woody Woodpecker"
"Die letzte Geschichte ist eine, die wir für Sven gesungen haben, weil er so auf Fantasy steht."
David Bowie - The Wild Eyed Boy From Freecloud
Solemn facedMusik:
The village settles down
Undetected by the stars
And the hangman plays the mandolin before he goes to sleep
And the last thing on his mind
Is the Wild Eyed Boy imprisoned
'Neath the covered wooden shaft
Folds the rope
Into its bag
Blows his pipe of smolders
Blankets smoke into the roomAnd the day will end for some
As the night begins for oneStaring through the message in his eyes
Lies a solitary son
From the mountain called Freecloud
Where the eagle dare not fly
And the patience in his sigh
Gives no indication
For the townsmen to decideSo the village Dreadful yawns
Pronouncing gross diversion
As the label for the dog
Oh "It's the madness in his eyes"
As he breaks the night to cry:"It's really Me
Really You
And really Me
It's so hard for us to really be
Really You
And really Me
You'll lose me though I'm always really free"And the mountain moved its eyes
To the world of realize
Where the snow had saved a place
For the Wild Eyed Boy from FreecloudAnd the village dreadful cried
As the rope began to rise
For the smile stayed on the face
Of the wide-eyed boy from FreecloudAnd the women once proud
Clutched the heart of the crowd
As the boulders smashed down from the mountain's hand
And the Magic in the stare
Of the Wild Eyed Boy said
"Stop, Freecloud
They won't think to cut me down"
But the cottages fell
Like a playing card hellAnd the tears on the face
Of the Wise Boy
Came tumbling down
To the rumbling groundAnd the missionary mystic of peace/love
Stumbled to cry among the clouds
Kicking back the pebbles
From the Freecloud mountain
Track.
David Bowie - "Wild Eyed Boy From Freecloud"
Stimme B:
"Der dritte Klang"
Zur Musikunterlegung setzt leise Philip Glass ein: "Glassworks".
Sprecherin CECILIA:
Zu Anmerkungen von Samuel R. Delany aus dem Anhang seines Fantasy-Romans "Rückkehr nach Nimmerya"
CECILIA:
Die Texte von Siegmund Freud müssen neu bewertet werden, und zwar mit Perspektive auf die Sprache.BENNO:
Wessen Perspektive? Unsere? Freuds? Die des Textes? Es läßt sich nicht entscheiden.ASTA:
Der Einwand gegen den Vulgär-Freudianismus, bei dem Umbenennungen von Begriffen, z.B. Stahl statt Schwert, als Metaphern für ihre ursprünglichen Begriffe gedeutet werden, bleibt natürlich bestehen.CECILIA:
Vielmehr war seine Entdeckung der Kraft der Sexualität, wie sie zwischen den psychologischen Systemen wirksam ist, großartig. Bloß hat er der Sexualität nicht zuviel Aufmerksamkeit gewidmet, sondern paradoxerweise zuwenig. Kurz, er befaßt sich nicht mit ihr als einer autonomen Funktion, die außerhalb des sich verlagernden Kalküls der Gefühle, in den sie eingebettet ist, ihren eigenen Regeln folgt.ASTA:
Vielleicht aber auch nicht.CECILIA:
Freuds häufig zitierte Behauptung "Es gibt nur eine Libido, und die ist männlich" ist in biologischen Begriffen ebensolcher Unsinn wie die Behauptungen ...BENNO:
Es gibt nur einen Hunger, und der ist männlich, nur eine Geilheit, und die ist männlich, nur einen Niesreiz ...CECILIA:
Es gibt nur eine Libido, und die ist weder männlich noch weiblich. Jedoch schlagen feministische KommentatorInnen folgende Interpretation vor: Es gibt nur eine Libido, aber weil das Objekt, um überhaupt existieren zu können, sich in einer grundsätzlich patriarchalen Kultur konstituieren muß, ist es verständlich, daß sexuelles Begehren sich in die Ordnung der Symbole einfügen muß, um den Bezeichner des Begehrens zu bekommen, soll heißen, den Phallus bekommen, egal ob man männlich oder weiblich ist. Wenn dies das Argument ist, ist es offen für grundlegende empirisch begründete Fragen, denn es ist dann nur ein weiterer Fall der sprachlichen Besitzergreifung durch männliche Macht.
ASTA:
Wie greifen wir denn im allgemeinen kulturelllen Plan der Dinge auf die Primärfunktionen der Sprache zu?CECILIA:
Sprache ist zuerst ein Stabilisator von Verhalten, Gedanken und Gefühlen, von allen Arten menschlicher Reaktionen, sowohl für Gruppen als auch für Individuen. Ihre Hilfe bei der verstandesmäßigen Analyse und Kommunikation ist zweitrangig und völlig ihrer Funktion als STABILISATOR untergeordnet.ASTA:
Sprache schafft also das Symbolische, führt das Subjekt in das Symbolische ein. Sie kann also sexuelle Reaktionen hervorrufen bei Abwesenheit eines Sexualobjekts, und umgekehrt unterdrücken bei Anwesenheit.CECILIA:
Unsere Reaktionen sollen eine Vielfalt, Komplexität und Genauigkeit erreichen. Um uns unsere Aufgabe zu fixieren und vorzustellen, brauchen wir dieses ausgedehnte Stabilisierungssystem Sprache.Die Welt wird durch hierarchische Gegensätze entworfen, die dem Körper zur Verfügung stehen.
BENNO:
Trocken/naß, hell/dunkel, weich/hart, heiß/kalt, angenehm/schmerzhaft, vertraut/fremd, einfach/schwer, gefährlich/sicher, wachen/ schlafen, leben/tot sein.CECILIA:
Die Welt schafft so einen aufsehenerregend instabilen TEXT, dessen Objekte und Standorte ihren Zustand ständig ändern, einen Text, der unbedingt Stabilität benötigt, wenn wir Nahrung, Bequemlichkeit, Geselligkeit und sexuelle Befriedigung brauchen.
Er benötigt weniger Stabilität bei den abstrakten Hierarchien, die uns die Sprache zu entwickeln erlaubt.BENNO:
Gut/schlecht, richtig/falsch, wirkungsvoll/unwirksam, schön/häßlich...CECILIA:
Um die Welt noch weiter zu reduzieren auf das bloß Vaginale/Phallische, symbolisiert euch den Augenblick, in dem sich die Konzepte vom Geschlechtsteil befreien, das den Ruf des Begehrens beantwortet, und bringt einen schon instabilen Text dazu, einen völlig chaotischen Zustand anzunehmen. Vaginalsymbole können immer aus Phallussymbolen abgeleitet werden, und umgekehrt. Warum neigt dieses Spiel dazu, in Richtung auf das Phallische stabilisiert zu werden?Die Unterscheidung der komplexen und ungleichen Reihungen Penis/ draußen/ etwas (Anwesenheit)/ Begehren und Vagina/ drinnen/ nichts (Abwesenheit) ist ein komplexes und symbolisches Unterfangen, das zu den fundamentalen Konzepten patriarchalischen Denkens gehört.
Aber sobald wir zur konzeptionellen Reihung von Begehren kommen, bewegen wir uns auf symbolischen Boden. Es gibt zu viele Vaginalsapekte von Beghen (z.B. naß, offen), deshalb muß das Ausschließen des Vaginalkomplexes von einer Verknüpfung mit Begehren eine symbolische Wahl sein.
Betrachten wir die männlichen Genitalien symbolisch und ihre Bedeutung von erschlafft...
BENNO:
... (Räusper) kleiner, weich, geschützterCECILIA:
... zu erigiert ...BENNO:
... größer, hart, verletzbarer.CECILIA:
Die symbolische Organisation der patriarchalischen Kultur wird deutlich:BENNO:
Größer und härter ist männlich und kräftig.
CECILIA:
Die Verletzbarkeit wird ignoriert durch die gleiche symbolische Organisation. Mit der Verletzbarkeit bleibt leider auch das Begehren außerhalb des PHALLUS-Komplexes. Die wirkliche Tragödie des Phallus ist, die symbolische Einheit von Männlichkeit/Größe/Härte und Macht zu sein, dabei Verletzbarkeit auszuschließen, und Begehren. Das Symbol wird benutzt als Bezeichnung des Begehrens, um das Begehrte zu besitzen, zu kontrollieren; und darin liegt die soziale Ausbeutung, weitgehend die soziale Ausbeutung von Frauen.Der Hang zum Männlichen in der Sprache der patriarchalischen Gesellschaft und Kultur ist nicht die Ursache des Problems. Aber er stabilisiert die Muster der Reaktion auf das Problem. Die Ursachen ...?
ASTA:
Eine Studie aus den 70ern zeigte, daß Mütter, die ihre Kinder mit Muttermilch ernähren, ihre Töchter 40% früher entwöhnen als ihre Söhne. Eine andere Studie zeigte, daß Jungen unter 5 Jahren im Durchschnitt mehr als 5mal sovielen körperlichen Kontakt von Eltern und anderen Erwachsenen empfangen, als Mädchen gleichen Alters. Kinder, die in den ersten 18 Monaten vorwiegend mit nur einem Erwachsenen Umgang hatten, haben mehr Angst vor Fremden und sind weniger selbstsicher als Kinder, die Umgang mit zwei oder drei Erwachsenen hatten.
CECILIA:
Diese und eine Unmenge ähnlicher Tatsachen gehören vielleicht zu den stärksten empirischen Ursachen für seine patriarchalische Kultur; aus ihnen liest sich eine relative Verrohung des weiblichen Körpers und der weiblichenn Psyche im Säuglingsalter heraus. Vielleicht kontrollieren die Erwachsenen direkt oder indirekt die Imagination als auch die symbolische Ordnung, noch bevor das Kleinkind in sie hineinwächst.Wenn Sprache so mächtig und bedeutend ist, daß sie uns Reaktionen ermöglicht, die wir aus rein praktischen Gründen als richtig oder falsch wiedererkennen, dann ist es verlockend, die Sprache selbst als Ursache für die Reaktionen anzusehen, wenn die Reaktionen als richtig beurteilt werden, und als Ursache für die Probleme selbst, wenn die Reaktionen die Probleme verschlimmern oder weiter bestehen lassen. Um wirkliche Veränderungen in der patriarchalischen Gesellschaft und Kultur herbeizuführen, wird ein komplexes, kompliziertes und richtiges Verhalten nötig sein. UND IN BEZUG AUF EMPIRISCHE PROBLEME KANN MAN ETWAS TUN, WENN UNSERE REAKTIONEN DURCH SPRACHE STABILISERT SIND.
ASTA:
Das Problem hierbei dürfte der Überbau dieser Ausführungen sein, nämlich die Grundregel "Das Zeichen ist willkürlich." Es ist ja sowieso schrecklich und erschreckend einfach, Signifikanten zu erschaffen.BENNO:
Wenn man will, daß eine Schüssel, der Buchstabe "V", eine Frau, ein zweischneidiges Schwert oder ein Macramée-Teewärmer (Cass. 3) ein Zeichen des Begehrens werden soll, braucht man nur zu sagen. "Es werde ein Zeichen dafür." Und es ward eins.CECILIA:
Der anthropologische Beweis, daß es mehr phallische Symbole gibt als alle anderen Symbole zusammengenommen, dient nur dazu, das überwältigende Übergewicht der Töpfe, Körbe und Behälter, ob funktional oder vaginalsymbolisch, zu leugnen.Der Prozeß des Deutens und Lesens ist sozial dehnbar. Alle parallelen Linien erschaffen ein VAGINALSYMBOL. Alle sich schneidenden Linien erschaffen ein VAGINALSYMBOL. Tassen, Behälter und Kreise erschaffen VAGINALSYMBOLE. Kurz, menschliche Kulturen sind von ihnen überschwemmt. Die Frage ist also nicht, warum es mehr phallische Symbole gibt, sondern warum das Übermaß an vaginalen Symbolen nicht benannt ist. Und die Antwort lautet, daß die große Mehrheit der Kulturen patriarchalisch ist. Vieles, was weiblich ist, ist aus der Sprache herausgelassen.
ASTA:
Unser frühester und ursprünglich jüdischchristlicher Mythos erzählt uns, daß Adam allein das Recht der Namensgebung hatte, d.h. er hatte das dreifache Recht, erstens, die Welt in die Einheiten der Bedeutung zu unterteilen, die ihm am Nützlichsten waren, zweitens, diese Einheiten in Fiktionen zu organisieren, die stabilisierten, was für ihn am Nützlichsten war, daß es stabil gehalten wurde, und drittens aus der Sprache das zu verbannen, wovon immer er wollte, daß es unausgesprochen blieb.CECILIA:
Wenn wir eine Welt wollen, wo es nicht nur die Redefreiheit, sondern auch die Freiheit der sozialen Festlegung für beide Geschlechter gibt, müssen Frauen (und auch Männer in ihrem Sinne) dieses dreifache Recht der Namensgebung an sich reißen, es gewaltsam an sich reißen und hartnäckig festhalten. Und sie müssen es für etwas mehr gebrauchen, als einfach nur dazu, seine alten Geschichten nachzuerzählen... Denn diese alten Geschichten waren es, die dieses Patriarchat überhaupt erst stabilisierten. Aber nur, wenn sie dieses Recht an sich reißen und auch gebrauchen, werden sie in der Lage sein, die Reaktionen bei Männern wie bei Frauen genügend zu stabilisieren, um die ersehnte Revolution in der patriarchalischen Gesellschaft und Kultur herbeizuführen. Wenn den Frauen dieses An-Sich-Reißen gelingt, wird diese Revolution, wie schmerzhaft auch immer, vergleichsweise friedlich verlaufen. Wenn sie es nicht tun, wird sie blutig verlaufen. Dann ist Sprache wieder einmal nicht das Problem, sondern nur ein Werkzeug, das dabei hilft, Lösungen zu finden.Die historische Schlacht um die Namensgebung hat diesem Zeitpunkt schon begonnen, und um seine Festlegung in einer sich stets von neuem erschaffenden Gesellschaft und Kultur. Sei es nur eine weniger patriarchalische Festlegung, um den Konflikt weiterzutragen über die Zeit hinweg, die es braucht, ihn zu benennen.
(ca. 12.26)Musik:
Vienna Art Orchestra - "Vexations 1801"
Abspann und Abmoderation:
"Das war "VEXIERKLANG", eine Ansammlung von Ideen und Träumen, die nur einen kleinen Ausschnitt von Anders Denken bilden können, (teilweise auch nicht) und die auch nicht der Weisheit letzter Schluß sind, aber vielleicht dennoch die eine oder andere Anregung darstellen.Das Wort "VEXIERKLANG" stellt eine Extrapolation des Begriffs "Vexierbild" in den akustischen Bereich dar und bezeichnet ein Klanggemälde, in dem eine oder mehrere versteckt eingespielte Figuren zu suchen sind - ein Suchklang, der in die Irre führt, der neckt und quält (eine der ersten etymischen Remodulationen im Rahmen von WORD CREATION MOVEMENT, wie an dieser Stelle noch bemerkt sei).
Das Buch Bolo'bolo von dem Autor p.m. ist im Schweizer Verlag Paranoia City erschienen und gegen Bezahlung eines kleinen Betrages bei vermutlich fast keinem Buchhändler mehr erhältlich. Auch die meisten Romane von Samuel R. Delany sind, im Gegensatz zu Werken von Oscar Wilde und Max Goldt, derzeit vergriffen.
Das war die "Sendung für Kopfhörer" am vierten Advent, für den Anlaß angemessen, wie ich finde. An der Technik war die echt phänomenale Tine Plesch, am Mikrophon verabschiedet sich bis zum nächsten Mal der Daniel Aldridge. Als nächstes folgt die griechische Sendung. Einen guten Rutsch ins Jahr 1991. Von jetzt an läuft die Zeit rückwärts."
E N D E