Dreihundert
Jahre sind vergangen, seit die Schiffe der Piraten
durch die Karibik segelten. Seit der Zeit, da die
Seefahrer beim Anblick von Totenkopfflaggen
erzitterten und spanische Küstenstädte von
Plünderern in Schutt und Asche gelegt wurden,
spielte sich nur wenig in jenen Gewässern ab,
was die Menschen dermaßen fasziniert.
Das Bild
des Piraten ist das einer tragischen Heldenfigur,
mutig, aufrichtig, hart, trotzwohl mit leichten
Fehlern. Die Legenden ranken sich unermüdlich,
auch weil es nur wenig akkurate Informationen
über die Piraten gibt. Das Nichtvorhandensein
von verläßlichen Quellen ist aber nur
teilweise verantwortlich für das Entstehen
dieses Mythos.
Die
Glorifizierung der Piraten ist durch unzählige
Romane und Filme betrieben worden. Unter diesen
Umständen wäre der Versuch des
Geschichtswissenschaftlers B. R. Burg, in seiner
Studie von 1978 die gesellschaftlichen
Verhältnisse der Piraten einzuschätzen,
kaum der Mühe wert gewesen. Wenn die Piraten
der Karibik nicht eine besonders einmalige
menschliche Gruppierung gewesen wären. Ein
Hauptmerkmal, das sie von anderen,
‚gewöhnlicheren‘ Gemeinschaften unterschied,
waren ihre sexuellen Aktivitäten.
In
Abhandlungen wird ihr Sexleben selten erwähnt,
aber die wenigen Bezüge darauf und auch die
Anekdoten über Seefahrer vermitteln den
Eindruck, daß Piraten einfach eine weitere
Gruppe von Menschen waren, die Homosexualität
in gesellschaftlich sanktioniertem Rahmen
praktizierten. Was kaum der Fall war. Die
Homosexualität der Piraten in der Karibik in
der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts
ist leicht zu unterscheiden von Homosexualität
im antiken Griechenland. In anderen Kulturen und
Zeitaltern waren solche Formen akzeptierbarer
Homophilie nur ein Teil der soziosexuellen Praxis.
Unter
Piraten, an Bord ihrer Schiffe oder auf den
west-indischen Inseln, wo sie lebten, war
Homosexualität keine integrierte oder
untergeordnete sondern die einzige Form sexueller
Betätigung.
Allerdings
reicht Ausschließlichkeit allein nicht aus, um
ihre Gesellschaftsform von anderen homosexuellen
Gruppierungen abzusetzen. Gefängnisinsassen
verschafften sich ihre sexuelle Befriedigung durch
homosexuelle Praxis, und die Natur von
Homosexualität im Gefängnis ist von
Generationen von Psychologen, Soziologen und
Kriminologen in weitem Ausmaß studiert worden
(ohne komplett verstanden zu werden). Jedoch die
meisten Gefängnisinsassen leben nur
vorübergehend im Gefängnis, und
Homosexualität findet dort im strengen Kontext
statt, der von außen den Gefangenen
vorgeschrieben wird – durch eine Gesellschaft, die
sowohl ihre Gefangenen als auch deren
Homosexualität verurteilt.
Der
Lebensstil der Gesellschaft der Piraten entstand aus
freiwilligem Verlangen. Homosexualität war
normal und natürlich für die Piraten, und
sie waren nicht den Einschränkungen einer
heterosexuellen Gesellschaft ausgesetzt, daher
brauchten die Seeräuber ihre Sexualität
nicht zu unter einem Schleier verbergen oder zu
unterdrücken - vor einer Masse, die solche
sexuellen Praktiken ablehnte und in härtestem
Maße, entweder theoretisch-prinzipiell oder
praktisch-brutal, gegen eine solche Entfaltung
vorging. Die Außenwelt konnte sich nicht
einmischen.
Das
offensichtlichste Charakteristikum der
Piratengemeinschaften und überhaupt aller
west-indischer Siedlungen der Britischen Krone des
17. Jahrhunderts – und das machte
Homosexualität in der Karibik geradezu
obligatorisch – war die beinahe gänzliche
Abwesenheit von Frauen in fast allen
Gesellschaftsschichten. Der kaukasische
Bevölkerungsanteil auf den west-indischen
Inseln bestand – abgesehen von den wenigen
Landarbeitern und Händlern – aus
Kriegsgefangenen, Seeleuten, Deserteuren,
Entführungsopfern, vertraglich gebundenen
Dienern und Verbrechern. Bei diesen Kategorien gab
es hauptsächlich nur Männer, die Anzahl
der Frauen war gering.
Obwohl
auf den meisten der englischen Inseln eine kleine
Anzahl von Frauen gegenwärtig war, standen sie
prinzipiell nicht zur Verfügung für
umfassendere sexuelle Betätigungen. Einige
hatten die wenigen Farmer, Händler oder
sonstigen Arbeiter geheiratet, der Rest waren
Dienerinnen, deren Herrschaften verhinderten,
daß sie Sex hatten oder heirateten, denn dies
hätte ihren Arbeitswert verringert. Es wurden
Gesetze verabschiedet, mit Strafen wie z.B.
Auspeitschen für weibliche Dienstkräfte,
die sich in heterosexuellen Aktivitäten
betätigten.
Da der
Großteil der Frauen der West-indischen Inseln
schon den Ansässigen versagt blieb, war dies
bei den Piraten noch mehr der Fall, da diese nicht
gerade häufig im Hafen einliefen. Dieser Mangel
bedeutete jedoch keine Entbehrungen. Sie waren schon
durch ihre Neigungen nicht auf Frauen angewiesen.
Piraten stammten aus den Reihen der Seeleute, die
auf Handelsschiffen über den Atlantik segelten.
Die meisten hatten ihr Handwerk als ehrliche
Seeleute erlernt und sich dann der Piraterie
zugewandt, weil sie entweder keine andere Arbeit
fanden, oder weil sie gefangengenommen worden waren
und dann von ihren Fängern dazu überredet
wurden, Pirat zu werden. Sie waren an das Leben des
Seemanns gewöhnt, mit der langen frauenlosen
Zeit. Keiner von ihnen hatte lange Ozeanreisen
bestanden, ohne ausgiebige homosexuelle Kontakte
gehabt zu haben.
Viele
hatten ihre Laufbahn auf See schon in jungen Jahren
begonnen, und offensichtlich hatten die
prä-adoleszenten Jungen, oder auch die
älteren bereits pubertierenden Seefahrer noch
kein Alter erreicht, in dem sie sich schon
unwiderruflich zu Frauen hingezogen fühlten.
Ihre Erfahrungen an Bord boten ihnen dann die
ausführliche Gelegenheit zur Erotisierung des
Mannes, und es gab nichts in ihrem Leben, das die
Entwicklung ihrer sexuellen Präferenzen
einschränkte.
Diejenigen,
die später Piraten wurden, fanden heraus,
daß die Praktiken der Piraten sich nicht
großartig von denen der allgemeinen
Seefahrerschaft unterschied.
Die
Homosexuellen Piraten mußten sich nicht vor
der Gesellschaft abschirmen. Das
Beschäftigungsfeld des Piraten, und die
Tatsache, daß sich überhaupt ein Mann in
diesen Breitengraden aufhielt, garantierten schon
beinahe für seine Homosexualität. Hier
wurde er nicht gequält oder verfolgt,
mußte sich nicht verstellen oder
Ausflüchte und Vorwände zu Hilfe ziehen.
Ein
erstaunlicher Aspekt ihrer sozialen Struktur war die
funktionale Ähnlichkeit ihrer
grundsätzlichen Institutionen zu den
entsprechenden Domänen der heterosexuellen
Gemeinschaften. Die Methoden, um Wissen, Werte,
Geschicklichkeiten und Praktiken zu vermitteln, die
die Piraten als wertvolle soziale Gruppe von
zufälligen oder normal entstandenen
Gruppierungen unterschied, war eines dieser
Charakteristika.
Zu dem
Zeitpunkt, da die jungen Seeräuber zum ersten
Mal auf dem Piratenschiff mitfuhren, hatten sie
sicher schon homosexuelle Kontakte gehabt, jedoch
die Erziehung durch ihre Fürsorger vertiefte
sicherlich noch ihre sexuelle Orientierung und
transformierte sie zu wahrhaften Homosexuellen. Die
Besonderheiten des Seemannshandwerks, des Kampfes
und der Liebe wurden ähnlich wie auf
Handelsschiffen oder bei der Marine
weitervermittelt.
Wie in
heterosexuellen, sozialen Systemen, wo die Vielzahl
von sexuellen Kontakten durch wirtschaftliche und
institutionalisierte Verhältnisse
eingeschränkt ist, konnten die Piraten des 17.
Jahrhunderts in aller Freiheit relativ
natürliche menschliche Beziehungen entwickeln.
Statt Familie, Wirtschaft oder Religion hatten sie
die Matelottage, ein eigenes System, um eine Bindung
zwischen Männerpaaren zu bilden und zu
festigen, ein gemeinsam akzeptiertes Arrangement mit
geteilter Verantwortung, gemeinsamen
Besitzansprüchen und Erbrechten. Ihre
Rechtmäßigkeit wurde nicht nur von den
betreffenden zwei Männern vertreten, sondern
auch von ihren Freunden und Kapitänen.
Die
Homosexualität der Piraten hat kaum mit der
ungeheuren Grausamkeit zu tun, für die die
Piraten bekannt waren. Es gab Beispiele von Sadismus
zwischen den Piraten, so wie Sadismus auch ein Teil
von Heterosexualität ist. Aber methodische
Folter diente den Piraten zur Informationsgewinnung,
nicht zur sexuellen Befriedigung. Gefangene wurden
in einem Maße mißbraucht, das nur selten
das legale Strafmaß Englands übertraf, wo
noch Strecken und Vierteilen praktiziert wurde, und
das Verbrennen von Ketzern erst seit der
Königin Elisabeth außer Mode gekommen
war.
Während
die Piraten nicht mehr Spaß als andere daran
hatten, anderen Schmerz zuzufügen, so waren sie
aber auch nicht zärtlicher oder liebevoller.
Weichlichkeit war nicht existent unter den
Piratenbesatzungen, und selbst die Männer, die
auf ein schickes, modisches Erscheinungsbild Wert
legten, gingen immer sicher, den Part des Recken zu
spielen, und nicht den des Gecken. Nichts ist an
diesem Verhalten besonders aufsehenerregend. Die
Piraten lebten in den ihnen vertrauten sozialen
Mustern. Die notwendigen Geschicklichkeiten waren
Zähigkeit, Vitalität, Mut und ihr
Wettbewerbsgeist. Auch die homosexuellen Piraten
glorifizierten die Eigenschaften, die ihr
Überleben möglich machten.
Eine
große Kluft von 300 Jahren trennt uns von
dieser Zeit, und es ist fast unmöglich, noch
Wahrheiten zu postulieren über die Natur der
menschlichen Handlungen und Interaktionen, wenn
diese Wahrheiten doch auf den beschränkten
fundierten Kenntnissen basieren. Ich zögere,
den Schluß zu ziehen, daß diese
homosexuellen Piraten ein Teil der Gesellschaft
hätten sein können, wenn die Masse der
heterosexuellen Mehrheit ihre Feindseligkeit ihnen
gegenüber unterdrückt und ihre Akzeptanz
zum Ausdruck gebracht hätte. Welchen Nutzen man
aus dieser Studie gewinnen kann, ist nicht,
daß Homosexualität und
Heterosexualität, bzw. Piraterie und
Bourgeoisie, in friedlichem Miteinander
funktionieren können, sondern daß
homosexuelle Gemeinschaften ohne Probleme absolut
unabhängig von heterosexuellen Gemeinschaften
existieren können und sollten.
Abgesehen
von dem Zeugen und Gebären von Kindern,
können Homosexuelle sämtliche
Bedürfnisse und Wünsche erfüllen,
während sie eine Gemeinschaft stützen und
erhalten, die einzig dadurch bemerkenswert ist,
daß sie nicht besonders bemerkenswert ist. Das
Leben der Piraten war nicht ungewöhnlicher als
das der anderen Menschen ihrer Zeit.
Es ist
die heterosexuelle Gesellschaft, die pathologisch,
antisozial, verkommen und verwerflich war und/oder
weiterhin ist ...

Copyleft
2001 Daniel Aldridge