FRANZ VON LENBACH
The Shepherd Boy, 1860




Es war nicht sein kurzer Aufenthalt im Atelier des Bildschnitzers Sickinger oder in den Zeichensälern der Münchner Akademie sowie im Atelier des Modeportraitmalers Gräfle, welcher entscheidend für Franz von Lenbachs Zukunft als Maler sein sollte, sonden seine Freundschaft mit dem Tiermaler Hofner, mit dem er, frei von allem akademischen Zwang, schon seit 1852 Sommer für Sommer in Schrobenhausen malte. Tiere und Menschen, Portraits und Landschaften, alles, was malbar war, wurde ohne Rücksicht auf seinen Wert für die Weltgeschichte im Skizzenbuch und auf der Leinwand festgehalten. Doch scheute Lenbach gelegentlich auch nicht den zehntägigen Fußmarsch nach München, wenn ihn die Sehnsucht nach dem Anblick der Pinakothek plötzlich überfiel, um das Erreichte mit dem Können der alten Meister zu vergleichen. Hier und da verkaufte er eines seiner kleinen Genrebilder aus dem Bauernleben und erregte schließlich die Aufmerksamkeit des scharfblickenden Carl Theodor von Piloty. Dieser nahm ihn 1857 in sein Atelier auf und zog 1858 mit ihm nach Rom. Auch hier setzte Lenbach das Naturstudium fort und malte trotz Piloty nicht antike Geschichte, sondern den "Durchzug einer Campagnolen-Familie durch den Titusbogen", wozu er, wie immer, die Studien im vollen Sonnenlichte machte.

Eine Vorstellung von seiner damaligen Auffassung gibt uns die famose Figur des in Sommerglut faulenzenden Hirtenknaben (Galerie Schack in München). Allmers von Brahms so stimmungsvoll vertonte Verse

"Ich ruhe still im hohen grünen Gras
und sende lange meinen Blick nach oben,
von Grillen rings umschwirrt, ohn' Unterlaß,
von Himmelsbläue wundersam umwoben."

spiegeln die Empfindung des Bildes vortrefflich wieder. Aber Lenbach kam es offenbar nicht so sehr auf die Stimmung an als auf den Realismus. Die Energie, mit der der tiefblaue Himmel hingestrichen war, das Verzichten auf jeden Inhalt, die Absichtlichkeit, mit der das zerlumpte Gewand, die schmutzigen sonnenverbrannten Füße gemalt sind, stehen im Zeichen eines sonnigen Realismus.

Bald darauf wird Lenbach für Graf Schack auf Reisen durch Italien und Spanien die Werke der alten Meister kopieren, doch durch die Egenart seiner Auffassung wertvoll bleiben.  Denn Lenbach malt nicht mühsam nach, was er auf dem Original sieht, sondern läßt die mächtige Zeichnung, die große Pinselführung seiner Vorbilder mit voller Kraft wiedererstehen. Dazu alle Reize  der Farbe, die Zufälligkeiten der Patina, jener im Laufe der Jahrhunderte aus eingetrocknetem Firniß und aufgelagertem Staub gebildeten Kruste, aus deren Helldunkel die warmen Lichter um so glutvoller aufleuchten. Doch arbeitete sich Lenbach zu sehr hinein in die Auffassung der von ihm hoch verehrten Alten, als daß er den Rückweg zu dem sonnigen Realismus seiner Jugend wieder hätte finden können.



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