ARBEITSTITEL: EFFORTS FOR LOVE -
DER AUFWAND FÜR DIE LIEBE
 
- Eine cineastische Odyssee durch die queere Berlinale,
auch erschienen in GIGI - Zeitschrift für sexuelle Emanzipation, Ausgabe März/April 2009 -


 

 
 

Auf den Berliner Filmfestspielen 2009, der Berlinale, gab es wie in jedem Jahr ein überwältigendes Angebot an Filmen mit queerer Thematik, von denen hier leider nur ein kleiner Teil beleuchtet werden kann, vorrangig aus der Sektion Panorama.
 

1.
Zu Beginn gleich STRELLA von Panos H. Koutras, einer der besten Filme im Panorama 2009. Über die Handlung sollte man nicht viele Worte verlieren: Der aus dem Gefängnis entlassene Mörder Yiorgos und Strella, eine transsexuelle Prostituierte, werden zu einem Paar. Ihre Beziehung erfährt interessante Wendungen, und das Ende überrascht. Koutras realisierte seinen Film aus eigenen Mitteln, es gab keine staatliche Filmförderung, auch die großen Produktionsfirmen zeigten kein Interesse. So wurde STRELLA eine unabhängige Produktion, und nahezu alle Rollen wurden mit Amateuren besetzt. Dem professionellen Ergebnis ist davon nichts anzumerken.
 

Aufgrund des skurrilen Humors und der Persönlichkeiten seiner ungewöhnlichen Charaktere kann man STRELLA mit dem frühen Almodovar vergleichen, aber Koutras hat seine eigene Note, unmittelbarer in der Härte seiner Figuren und inniger in ihrer Nähe zueinander. Die Grenzen zwischen Mann und Frau werden ebenso aufgehoben wie die Grenzen zwischen Vater und Sohn, ganz zu schweigen von der Grenze zwischen Mensch und Eichhörnchen.
 

 
 

2.
Bedauerlicherweise hat dieser für griechische Verhältnisse mutige Film keinen TEDDY-Award erhalten, dieser ging stattdessen an RABIOSO SOL, RABIOSO CIELO von Julian Hernandez: 191 unendliche Minuten auf dem Rückzug der Sexualkultur ins Mystisch-Archaische, fern jeder sprachlichen Aussage oder politischem Engagement, zurück in die Oper der reinen Körperlichkeit, eine Oper nicht der Musik, sondern von Berührungen aus Sadismus und Zärtlichkeit. Regisseur Julian Hernandez offenbart uns seinen ganzen Selbsthass und seinen abgrundtiefen Narzissmus … ! In der ersten Filmhälfte darf der Zuschauer wieder einmal den Schein wahren, anspruchsvolle „Kunst“ zu genießen, um endlich auch mal einen Schwulenporno ansehen zu können. In langen, düsteren Einstellungen in Schwarz-Weiß entstehen oder brechen die Beziehungen – alles ohne jegliche Dialoge. Ein altes verfallenes Kino, eine der berüchtigten Cruising Areas von Mexiko Stadt, allegorisiert Homosexualität als Labyrinth ohne Ausweg. Die Bilder sind nicht unästhetisch, aber alles dauert viel zu lange. Im zweiten Teil wird es dann bunter und zugleich farblich extrem und hell, um die mystische Dimension der Handlung richtig in Szene zu setzen. Zwar verrät der Regisseur nach der Vorführung, dass es sich hier um eine Variation des Gilgamesch-Epos mit mexikanischen Gottheiten handelt, doch spielt diese Ambition bei der Plattheit der „Handlung“ überhaupt keine Rolle. Aber wo sonst bekommt man endlich ein Happy End für die unglückliche Liebe zwischen Jesus und Satan geboten? Stilistisch werden Derek Jarman, aber auch Tarkowski, Murnau, Wenders, und Pasolini zitiert – sicherlich als „Hommage“ intendiert. Ein Drittel der Kinobesucher hat den Saal während der Vorstellung verlassen.
 


 

3.

Wo Hernandez ausufert, ist Richard Laxton zu kurz. Sein überaus sehenswerter Spielfilm „AN ENGLISHMAN IN NEW YORK“ über Quentin Crisp - die Grande Dame der Homosexuellenbewegung im 20 Jahrhundert, ist ganze 74 Minuten kurz.
 

In den Achtziger Jahren lebte Quentin Crisp in New York, und es gelang ihm dort mit seinem sanften Nonkonformismus sogar, die Gay Community gegen sich aufzubringen. Sein undiplomatischer Ausspruch „AIDS is a fad“ bereitete übrigens auch den Berlinale-Übersetzern Probleme („AIDS ist ein Furz“, übersetzte die Dolmetscherin während der Pressekonferenz lakonisch, vermutlich hatte sie sich nur verhört, da "fad" ein wenig wie "fart" klingt - im Berlinale-Katalog stand hingegen weniger originell, aber treffender „AIDS ist eine Modewelle“). John Hurt, der Quentin Crisp bereits im Jahre 1975 in „THE NAKED CIVIL SERVANT“ spielte, übernimmt noch einmal den Part des Gentlemans in New York – und wir müssen ihn einfach dafür lieben. Das Drehbuch ist nach Hollywoodmanier schlank und kompakt, keine Szene ist länger als notwendig, alles Überflüssige wurde gekürzt, die Handlung läuft schnell, ohne Pausen und ohne weitere Überraschungen ab, bis hin zu Crisps Tode. Ein netter kleiner Film, der nicht beißt.
 

 
 

4.

Regisseur Simon Chung, der 2005 mit „Innocent“ debütierte, findet in seinem zweiten schwulen Film „END OF LOVE“ zu einer starken Erzählsprache, die in poetischen Bildern Grausames erzählt. Ming (Lee Chi Kin) ist Anfang 20, sieht gut aus und lebt in Hongkong. Doch es könnte auch Berlin, New York oder Rio sein – die Klippen und Fallstricke, die auf einen jungen attraktiven Schwulen wie ihn warten, sind in allen großen Städten dieselben. Man kann sich in ihnen verheddern oder man kann sie meistern. Ming verheddert sich. Als ihn seine Mutter beim Sex mit seinem neuen Freund erwischt, stürzt sie sich vor Scham aus dem Fenster und stirbt auf dem Pflaster der Straße. Ming rutscht ab in eine Welt, die bis zum Bersten angefüllt ist mit vermeintlich guten Freunden, mit Prostitution, Sex und vor allem: mit vielen Drogen. Hongkong strahlt und flimmert in nächtlichen Lichtern, der Pazifikstrand ist sauber, klar und hell, doch Mings Leben geht immer mehr den Bach runter. Erst als er in einem christlichen Umerziehungslager, dessen Strand dann bezeichnenderweise schmutzig und trist ist, den heterosexuellen Keung (Guthrie Yip) kennenlernt, scheint ein Hoffnungsschimmer auf. Langsam, über viele Einstellungen hinweg, wird deutlich, dass Ming Keung liebt. Regisseur Chung erweist sich als ein Meister in der Kunst der Zeichen und des wortlosen Zeigens: Als Ming aus dem Lager entlassen wird und bei Keung in Hongkong einzieht, sitzt dort schon dessen Freundin Jackie (Joman Chiang) auf der Couch. Sie würdigt ihn keines Blickes – bereits in dieser Sekunde ist klar, dass ein Zweikampf entbrennen wird um den hübschen Keung, den allerdings dieser selbst verliert. Denn Jackie verlässt ihn, Keung nimmt sich aus Verzweiflung das Leben. Das Ende bleibt offen: Ming hält den toten Keung in den Armen, ein Sonnenstrahl fällt auf sein Gesicht, er verlässt die Wohnung. Das Ende einer Liebe kann ein neuer Anfang sein.
 


 

5.

Ein weiterer Höhepunkt im Panorama ist MILK - ein engagierter, gut gemachter, bewegender und kämpferischer Film, der allerdings eine Woche später sowieso regulär in den Kinos anlief und nicht unbedingt auf der Berlinale hätte gezeigt werden müssen. Dass die Geschichte um den schwulen Stadtrat von San Francisco und seinen Mörder, den Stadtratkollegen Dan White, dramaturgisch perfekt gelingt, ist geradezu eine Perversion, da sie mehr oder weniger der Realität entspricht. Regisseur Gus van Sant möchte mit seinem Film auch eine neue Generation von jungen Schwulen ansprechen, die mit dem Namen Milk nichts mehr anzufangen weiß. Und welche großartige Arbeit Sean Penn hier geleistet hat, wird einem ja schon an jeder Ecke hinterhergerufen, trotzdem stimmt es. Und für einen guten Zweck darf schon auch mal auf die Tränendrüse gedrückt werden.
 

Beschäftigen kann einen dabei auch die Überlegung, ob MILK nicht ein Signal sein sollte - die schönen Jahre, in denen man sich noch politisch engagieren konnte, gehören ja nicht wirklich der Vergangenheit an – und ob man als Schwuler, Lesbe, Queer, Transgender oder lebensmüder Pädo nicht doch auch mal wieder auf die Straße gehen könnte, um gegen seine Diskriminierung zu demonstrieren - die Friede-Freude-Eierkuchen-Illusion der Neunziger ist schließlich schon längst passé.
 


 

6.

Formale Stärke besitzen auch die zwölf Kurzfilme, die unter dem Namen „Fucking Different Tel Aviv“ zusammengestellt wurden. Lesbische Filmemacherinnen haben schwule Geschichten verfilmt und umgekehrt – ein Konzept, das sich offenbar als sehr fruchtbar erwiesen hat, handelt es sich doch nach Berlin und New York bereits um den dritten Film der von Kristian Petersen produzierten „Fucking Different …“-Reihe. Diesmal also die Metropole Israels, ein Land, das auf der Berlinale 2009 mit mehreren Filmen im Panorama und im Forum sowieso einen Schwerpunkt bildete. Aber Israel ist immer aktuell, denn von diesem Land zu erzählen, bedeutet immer auch, von den kulturellen Wurzeln Europas (und des Islam) zu sprechen. Schon der erste Kurzfilm, „Political Sex“ von Hilla Ben Baruch, macht deutlich, dass hier nichts, auch keine schwule Geschichten, ohne Religion und Politik zu haben sind: Zwei junge Männer treffen sich zum Sexdate, doch dann entdecken sie, dass der eine ein Palästinenserfreund ist und der andere am liebsten alle Palästinenser ins Meer werfen würde. Es kommt zum Eklat, doch der Trieb triumphiert, und am Ende verschmelzen beide Körper in leidenschaftlichen, erotischen Bildern. Die inhaltliche Bandbreite der anderen Filme reicht von der Tunte, die durch Bars tingelt, in einem anderen Leben aber als Oboist im Jugendorchester spielt, bis zum jugendlichen Fan, der seinen Lieblingsradiomoderator auf dem Nachhauseweg anspricht und mit ihm auf einer Parkbank die ganze Nacht durchquatscht. Da mit jedem Film etwas vollkommen Neues beginnt, durchbricht „Fucking Different“ die autoritäre Erzählhaltung einer einzigen Geschichte, die natürlich immer auch von einer eindimensionalen Sichtweise geprägt ist, und weckt eine Ahnung von der queeren Vielfalt dieses schillernden Landes. Die Kurzfilme von „Fucking Different Tel Aviv“ sind aber nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch stilistisch vielfältig, ein Ausfall ist kaum dabei.
 


 

7.

In der Sektion Panorama Dokumente finden wir Homophobie in Nahost und in den Balkanländern mit den zwei Kurzfilmen QUEER SARAJEVO FESTIVAL 2008, GEVALD und der Dokumentation CITY OF BORDERS, letzterer erhielt den Siegessäule Readers’ Award. Im ersten geht es um das Queer Festival in Sarajevo, das von rechten und religiösen Extremisten angegriffen wurde und deshalb nicht stattfinden konnte. Stadtverwaltung und Polizei stellen sich mit ihren Aussagen und ihrem Verhalten auf die gleiche Stufe wie die Angreifer. Gedreht als Amateurvideo, wird die Empörung plastischer als bei einer formschönen Filmarbeit. Der zweite Film GEVALD, der Dokumentarisches mit einer kleinen lesbischen Liebesgeschichte verquickt, spielt an einem Abend vor dem Queer Pride March 2005 in Jerusalem im Shushan, der einzigen Queerbar, die es bis 2007 dort gab. Endlich vereinigen sich Moslems, Christen und Juden, dies allerdings zum extremistischen Widerstand gegen Schwule und Lesben. Mehrere Teilnehmer werden schwer verletzt.
 

Irritierend ist die thematische Überschneidung zum Hauptfilm, der Dokumentation CITY OF BORDERS an, die junge schwule Araber zeigt, wie sie in Ramallah die Mauer überwinden, um eben zur einzigen Queerbar zu gelangen. Wir sehen mehrere Pärchen, Palästinenser und Israelisch gemischt, sowie Sa’ar Netanel, den Inhaber der Shushan-Bar, der zugleich der erste Stadtrat in Jerusalem war. Am Ende kapituliert er und verlässt die Stadt, die Pärchen dagegen finden ein neues Leben, mit weniger Druck und Bedrohung von außen. Alle drei Dokumentarfilme sind spannend und zugleich erschreckend.
 


 

8.

Die deutsche Regisseurin Monika Treut behandelte früher Themen wie Transgender, Bondage oder SM in Dokumentarfilmen wie GENDERNAUTS oder dem amüsanten Spielfilm DIE JUNGFRAUENMASCHINE. Ihr neuester Spielfilm GHOSTED, wieder im Panorama, verlässt die sexuellen Extrembereiche und erzählt eine traurige wie geheimnisvolle Liebesgeschichte , während sich zwei Kulturen begegnen und doch einander fremd bleiben.
 

Die Hamburger Videokünstlerin Sophie (Inga Buschs starker Akzent lässt ihr Englisch fast so schön klingen wie das von Nico) reist nach Taiwan, um den ungeklärten Tod von Ai-Ling (Huan-Ru Ke) zu verarbeiten, ihrer taiwanesischen Geliebten. In Taipeh heftet sich die mysteriöse Journalistin Mei-Li (Ting-Ting Hu) an ihre Fersen, die von Ai-Lings Schicksal besessen scheint, und gleichzeitig alles daran setzt, um Sophie zu verführen … In dem Crime&Mystery-Thriller kombiniert Monika Treut taiwanesische Geistergeschichten mit dem Motiv des Doppelgängers. Gegenwart und Vergangenheit werden abwechselnd erzählt. Neben der schönen Handlung und den lediglich dezent angedeuteten mystischen Elementen liefert uns GHOSTED ein Portrait der Kultur Taiwans, auch wenn man letzten Endes zu wenig erfährt über den chinesischen Geistermonat.
 


 

9.

Ein Film, der zwar den Anspruch hat, formal etwas ganz Neues zu präsentieren, daran aber scheitert, ist „Fig Trees“ von John Greyson. Das Anliegen ist ein ehrenwertes: Die beiden Aids-Aktivisten Tim McCascell aus Kanada und Zackie Achmat aus Südafrika sollen porträtiert werden. Beide haben sich in den 90er Jahren in ihren Ländern für die Bereitstellung von Medikamenten für HIV-Infizierte engagiert. Aber aus einem unerklärlichen Grund, der wahrscheinlich eher eine spontane Laune des Regisseurs war, hat sich Greyson entschieden, das Ganze als Oper auf die Leinwand zu bringen. Ein zwingender innerer Grund dafür besteht nicht, beide Protagonisten zeichnen sich nicht durch eine ausgesprochene Liebe zum Musiktheater aus, und so zerfällt der Film in einen dokumentarischen und einen musikalischen Teil, und keiner von beiden kann zufrieden stellen. Das Profil der Aktivisten wird in den Opernszenen, die von anderen Darstellern gesungen werden, eher unscharf. Wer wiederum vorher kein Musiktheater mochte, findet danach erst recht keinen Zugang dazu. Denn dessen Wesenskern, die körperliche Anwesenheit von Sängern auf der Bühne und ihre Verschmelzung mit Schauspiel im Gesang, kann ein Film niemals adäquat imitieren. Zumal die ausgewählten Musikstücke eher dazu dienen, im Kinosessel sanft einzuschlummern. So gleicht „Fig Trees“ einem bunten Beilagensalat, in dem von allem etwas enthalten ist, aber nur ganz wenige Zutaten, etwa erhellende Aussagen eines Literaturwissenschaftlers über Gertrude Steins Prosa, wirklich schmecken. Für einen gelungenen Film ist das zu wenig.
 


 

10.

Der mutige Dokumentarfilm AT STAKE aus Indonesien nimmt vier Tabuthemen in Angriff, die für viele Frauen im bevölkerungsreichsten Islamstaat der Welt aktuell sind. Gedreht von fünf FilmemacherInnen, umfasst AT STAKE Themen wie die Probleme, die entstehen können, wenn eine unverheiratete Frau einen Gynäkologen konsultieren möchte, der erstmal ein „Vater Unser“ für seine Patientin betet, bevor er sie hinauswirft. Eine weitere Episode - EFFORT FOR LOVE - handelt von indonesischen Hausmädchen in Hong Kong, deren Lesbischsein in der großen Weltstadt akzeptiert, aber in ihrem indonesischen Heimatdorf tabu ist. Das nächste Thema ist die Beschneidung von indonesischen Frauen, um ihren „wilden, unvorstellbar mächtigen Sexualtrieb“ unter Kontrolle zu bekommen – WHAT’S THE POINT? Ist der treffende Titel. Die vierte Episode OUR CHILDREN’S FUND schließlich behandelt Frauen, die sich prostituieren müssen, da ihnen der karge Verdienst ihrer Arbeit zum Unterhalt nicht ausreicht.
 

Die FilmemacherInnen sind ein bewusstes und großes Risiko eingegangen mit der Schaffung dieses Films in einem Land, das künstlerische Tätigkeiten mittels Zensur- und Gesetzesmaßnahmen einschränkt. Die neueste Entwicklung in diesem Zusammenhang ist die Verabschiedung des Anti-Pornographiegesetzes durch das indonesische Parlament am 31. Oktober 2008, das alles vom Menschen geschaffene Material verbietet (einschließlich Texten, Zeichnungen, Stimme, Ton, Film, Gesprächen und sogar Gesten), welches Verlangen nach Sexualität auslösen könnte. Für islamische Fanatiker dürfte es ein leichtes werden, AT STAKE mittels des neuen Gesetzes verbieten zu lassen.
 

Vom Verstand her wissen wir in unserer aufgeklärten westlichen Zivilisation, dass es viele Länder gibt, in denen es den Menschen und insbesondere Frauen schlecht geht. Der Dokumentarfilm allerdings veranschaulicht das Elend noch einmal besonders. Schade nur, dass er lediglich auf der Berlinale oder vielleicht auf Arte läuft, nicht aber in Indonesien.


 

 

11.

Der diesjährige Special Teddy Award der Berlinale ging an einen kleinen dicken, sechzig Jahre alten Mann: Joe Dallesandro. Gleichzeitig lief eine kleine dünne Dokumentation über Dallesandro im Panorama: LITTLE JOE.
 

Diese fängt an als trauriger Zeichentrickfilm in Schwarzweiß: Kindheit und Jugend bei fremder Familie, später auf Dächern sitzend, Zigaretten rauchend. Um sich zur Wehr gegen die bösen Jungs zu setzen, trainiert er sich Muskeln an. Viele Schwarz.-Weiss-Photographien und Filmausschnitte folgen: Er wird zur großen Muse von Andy Warhol und Paul Morrissey, die mit ihm die Filme TRASH, HEAT, FLESH oder LONESOME COWBOYS drehen. Dallesandro fragt sich, warum er immer nackt sein muss in seinen Filmen. Er wird der erste wahrhaft androgyne Filmstar. Danach der Absturz, schlechte Filme, Ausflüge in die französische Kunstfilmszene und schließlich sein bester Film JE T’AIME MOI NUN PLUS von Serge Gainsbourg, schließlich Rückkehr nach Hollywood mit kleinen Nebenrollen. Dazu mehrere Ehen, Scheidungen, Töchter, Probleme mit Alkohol. Ein Allerweltsschicksal.
 

LITTLE JOE arbeitet leider vorrangig mit den Interviewszenen, die seine Tochter während der letzten Jahre mit Dallesandro drehte. Zitate von anderen werden nur als Schriftzug eingeblendet. Regisseur Paul Morrisey oder Schauspielkollegen wie Jane Birkin und Udo Kier wollten, konnten oder durften nicht zu Wort kommen, was den Film recht mager wirken lässt.
 
 
 
 

JOE DALLESANDRO
 
 
 

 

12.

Schließlich noch RAGE im Wettbewerb, ein Film von Sally Potter, der hier nicht erwähnt werden müsste, wäre da nicht Jude Laws herausragende Darstellung als Transvestit Minx – man erkennt ihn fast gar nicht unter dem exquisiten Make-Up und den grandiosen Outfits, doch Stimme und Augen sind unverkennbar und ziehen wie eh und jeh in Bann. Weitere Mitgestalter in dem Drama sind Steve Buscemi, Judi Dench und Bob Balaban. RAGE ist eine makabre Tragikomödie ganz ohne Dekor - jede Figur agiert einzeln vor ihrer eigenen grellen Hintergrundfarbe und heuchelt intimste Geheimnisse aus der New Yorker Modebranche, in der gerade ein Mord geschehen ist.
 

Die Geschichte findet nicht auf der Leinwand statt, aber sie wird auch nicht von den Models, Designern, Modekritikern und Managern erzählt, die ihre Wahrheiten allesamt verschweigen. Das Drama spielt sich zwischen den Zeilen ab und in der Hintergrundakustik. Sally Potter beschäftigt sich in RAGE mit Wahrheit und Lüge, aber sie liefert keine Antworten. Sie mischt die Farben, der Zuschauer erschafft das Bild.
 


 

13.

Mit UNMADE BEDS von Alexis Dos Santos (Sektion 14Plus), MEMBERS OF A FUNERAL von Baek-Seung-bin und SOUNDLESS WIND CHIME von Kit Hung (beides im Forum des Jungen Films) sowie HELLO DOLLY mit Barbra Streisand (Retrospektive) seien nun zum Abschluss die wichtigsten Filme genannt, die in dem vorangegangenen Beitrag leider keinen Platz mehr fanden, und zwar völlig zu Unrecht.


Anmerkung:
Die rosafarbenen Textsegmente stammen von Schlampenreport-Mitarbeiter Riki Rules alias Udo Badelt.