THE DEVIL AND DANIEL JOHNSTON


 
 
   
 
 
 
 
Zwischenmoderation:
Das war der legendäre Daniel Johnston mit „Don’t Let The Sun Go Down On Your Grievances“ – und mit diesem Sänger geht es auch gleich weiter in dem folgenden Beitrag:

Die letzte Berlinale liegt schon wieder einen Monat zurück, dennoch möchte ich noch einmal zu den Filmfestspielen zurückkehren und an einen Film erinnern, den ich hoffentlich irgendwann einmal auch mit dem folgenden Satz ankündigen kann:

Am folgenden Donnerstag kommt ein Dokumentarfilm in die Kinos, der bereits auf der BERLINALE 2005 in der Reihe Panorama-Dokumente lief:


 
THE DEVIL AND DANIEL JOHNSTON

Daniel Johnston ist ein manisch-depressives Genie, Sänger, Songschreiber, Maler, Comiczeichner, Visionär, und Künstler. Er ist ein Rätsel und eine lebende Legende der Folkmusik. Vor Jahren schon hatte sich der Schöpfer der Simpsons, Matt Groening, in seiner Zeitungskolummne in LA Weekly darüber Gedanken gemacht, „jemand solle den Dokumentarfilm über Daniel Johnston machen“, und Kurt Cobain hatte ihn als den größten lebenden Songschreiber bezeichnet. Der Filmemacher Jeff Feuerzeig nahm schließlich das Wagnis auf sich, die Persönlichkeit von Daniel Johnston zu entschlüsseln.

Sein Film „THE DEVIL AND DANIEL JOHNSTON“ bringt uns einen genialen Musiker nahe, der beinahe dem Wahnsinn verfallen war. Jeff Feuerzeig zeigt äußerst exquisit ein perfektes Beispiel, wie Brillianz und Wahnsinn miteinander Hand in Hand gehen. Daniel Johnston ist manisch-depressiv mit Anfällen von Größenwahn. Sein Leben ist eine Folge von wilden Fluktuationen, zahllosen „Spiralen des Niedergangs“ und periodischen Aufschüben.

Als Teenager war er ein introvertierter Einzelgänger, der sich eines Tages als künstlerisch ungewöhnlich begabt zeigte. Im Kellerraum des Elternhauses schuf er intuitiv-dadaistische Super-8-Filme und expressive comic-artige Zeichnungen. Nach Ansicht seiner Familie von hyperchristlichen Fundamentalisten tat er damit aber nichts Sinnvolles oder Produktives, sprich, er war kein nützliches Mitglied der Gesellschaft ... 

Er verließ daraufhin sein Zuhause und schloß sich einem Wanderzirkus an. Schließlich landete er in Austin, Texas, völlig pleite und völlig allein. Dort begann er mit dem Feinschliff seiner musikalischen Laufbahn. Ein glücklicher Zufall verhalf ihm zu einem kurzen Auftritt in einer MTV-Sendung. Gerade als er anfing, sich in seiner näheren Umgebung einen Namen zu machen, drangen zum ersten Mal seine inneren Dämonen an die Oberfläche.

Der Film verbindet neue Aufnahmen und Mitschnitte besonderer Auftritte mit Familienfilmen und Dutzenden von Audiocassetten, die Johnston im Laufe seines Lebens mit tagebuchartigen Kommentaren besprochen hat. Dazu kommen die Aussagen von den Freunden, die ihn unterstützen und seiner Familie, die sich hingebungsvoll um ihn kümmert. All diese Elemente stellen eine reichhaltige Ergänzung der persönlichen Geschichte Daniel Johnstons dar. Es sind aber vor allem seine poetischen Lieder, die ihre eigene Geschichte erzählen, eine leidenschaftliche, unheimliche und wahrhaft unvergeßliche Geschichte.


 

(Daniel Johnston at the piano - Copyright Jeff Feuerzeig)
 

Musik: Daniel Johnston – My Life Is Starting Over Again


 
Abschnitt Zwei:

Er ist eine faszinierende Gestalt – in gewisser Weise der schlechteste Sänger wie auch der beste Sänger der Welt. Seine dilettantischen Auftritte wären peinlich und unerträglich, wenn nicht hinter dem Menschen Daniel Johnston und seinen Liedern eine überzeugende Kraft stecken würde. Vielleicht ist es seine Krankheit, die es ihm erlaubt, innerlich an einem Ort zu sein, wo die Musik und die Kunst, die er erschafft, wahrhaftig ungefiltert ist und mesmerisierend ist – ein Ort, wo selbst der Gedanke an Zugeständnisse an einen allgemein verbindlichen Musikgeschmack gar nicht aufkommen würde. Seine Lieder sind Beschreibungen von tatsächlichen Zuständen der Psyche eines jeden Menschen – Zuständen jedoch, die sich dem Kontext der psychologischen oder wissenschaftlichen Konvention entziehen. Was man leichthin für Zerrbilder der Wirklichkeit oder Manifestationen eines Wahnsinnigen halten könnte, ist die Vision von einem utopischen Ideal der Schönheit. 

In der Liebe ist Johnston ebenfalls eine tragische Figur, er schwärmt für Laurie, die Frau, die er seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat und die doch für ihn die Muse darstellt, für die er jedes einzelne seiner Liebeslieder singt.

Die Creme de la Creme des Independentock – von Yo La Tengo über Sonic Youth bis hin zu Half Japanese, The Pastels, Butthole Surfers, Texas Instruments oder den Dead Milkmen – sehen in Daniel Johnston das bestgehütetste Geheimnis der populärmusikalischen Empfindsamkeit Amerikas. Seine Stimme und seine Präsenz sind charismatisch, körperlich wirkt er immer verstörend und bedrohlich, als zartgebauter Jüngling ebenso wie als den übergewichtigen Riesen, in den er sich verwandelt hat. Zahlreiche Aufenthalte in Nervenheilanstalten versperrten ihm den Weg zu einem normalen Plattenvertrag. Doch hat er auf zahllosen in seinem Kellerstudio aufgenommenen Musikkassetten ein unermeßliches Ouevre und dazu einen Reichtum an Jack-Kirby-artigen Comiczeichnungen. Unbestreitbar beständig ist sein Weg – für ein einzigartiges und nicht zähmbares Schönheitsideal.

Daniel Johnston ist der perfekte musikalische Außenseiter - ein Gigant, der viel zu außergewöhnlich ist für den Musikgeschmack der Massen, doch der Maßstab, den viele Künstler heutzutage an sich selber anlegen, ist die Kompatibilität mit der Ästhetik seines Wohlklangs.

Seine Persönlichkeit ist unzerstörbar geblieben – trotz der rigorosen Erziehung durch seine Familie von religiösen Fanatikern. Was der Film nur äußerst dezent andeutet, ist die Tatsache, daß gerade in dem religiösen Wahn seiner Eltern eine viel unheimlichere Form von Wahnsinn am Wirken war. „Ich glaube an Gott!“ sagt Daniel Johnston in aller Ernsthaftigkeit, und er fügt sogleich hinzu: „Aber ich glaube noch viel mehr an den Teufel. Ich weiß, daß es ihn gibt. Der Teufel kennt meinen Namen!“ 

 

Musik: Daniel Johnston - „True Love Will Find You In The End“
 
 
 
 

(Daniel Johnston and family - Copyright Jeff Feuerzeig)

 
 
 

Abschnitt III:

Das war noch einmal Daniel Johnston mit „True Love Will Find You In The End“.
 

Zu Ehren des Underground-Antihelden gibt es übrigens nun auch ein Tributalbum: 
DISCOVERED COVERED – THE LATE GREAT DANIEL JOHNSTON.

Auf dem Cover sieht man einen etwas dicklichen Mann mit Vollbart und Turnschuhen, der mit einem Strauß roter Rosen neben einem Grabstein mit der Inschrift "Daniel Dale Johnston 1961-2004 - Sorry Entertainer" steht. Das führte schon zu Gerüchten vom Ableben des amerikanischen Songwriters. Wer jedoch genau hinsieht und das verschrobene Äußere von Daniel Johnston bereits kennt, der wird erkennen, dass die Person am Grab ja der angeblich Verstorbene selber ist. 

Dieses Tributalbum besteht aus zwei CDs, eine mit den Johnston-Originalliedern und eine mit den Coverversionen diverser alternative acts. Beide CDs haben die selben Titel in der gleichen Reihenfolge, was es dem Hörer ermöglicht, ohne viel Aufwand Original und Cover miteinander zu vergleichen. Er muß lediglich nach jedem einzelnen Stück die CD wechseln. Die Gästeliste dieses Albums dokumentiert den großen Respekt, den Johnston unter Musikern genießt. Namen wie Tom Waits, Eels, Bright Eyes, Beck, Mercury Rev, Vic Chesnutt oder TV On The Radio gehören nicht gerade zu den Unbekannten der heutigen Musikszene. Als besonderen Leckerbissen gibt es auch noch das schaurig-schöne Zusammentreffen von Sparklehorse und den Flaming Lips zu belauschen. 

Allerdings ist es nicht unbedingt im positiven Sinn bemerkenswert, daß all die ganzen alternative acts das Material zwar repräsentabel machen, dieses dann aber zu einem wenig aufsehenerregenden, sehr glatten  "main stream~alternative rock" ohne Eigenheiten gerät. Zwar ist kein einziger Fehlgriff dabei, doch schaffen es längst nicht alle Künstler, die eigenwilligen Originale mit eigenen markanten Stärken zu bereichern. Besondere Ausnahme unter anderem: Death Cab For Cutie mit "Dream Scream" .
 
 

Aus dem Album DISCOVERED COVERED – THE LATE GREAT DANIEL JOHNSTON hören wir nun Calvin Johnson mit „Sorry Entertainer“.

 
 

Musik: Calvin Johnson - „Sorry Entertainer“

 
 
 

(Daniel Johnston holding Yip! Cassette - Copyright Pat Blashil)


 
 



 
 
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Stand: 13. Februar 2005