Abschnitt Zwei:
Er ist eine faszinierende Gestalt
– in gewisser Weise der schlechteste
Sänger wie auch der beste Sänger
der Welt. Seine dilettantischen Auftritte
wären peinlich und unerträglich,
wenn nicht hinter dem Menschen Daniel
Johnston und seinen Liedern eine
überzeugende Kraft stecken würde.
Vielleicht ist es seine Krankheit, die es
ihm erlaubt, innerlich an einem Ort zu sein,
wo die Musik und die Kunst, die er
erschafft, wahrhaftig ungefiltert ist und
mesmerisierend ist – ein Ort, wo selbst der
Gedanke an Zugeständnisse an
einen allgemein verbindlichen Musikgeschmack
gar nicht aufkommen würde. Seine Lieder
sind Beschreibungen von tatsächlichen
Zuständen der Psyche eines jeden
Menschen – Zuständen jedoch, die sich
dem Kontext der psychologischen oder
wissenschaftlichen Konvention entziehen. Was
man leichthin für Zerrbilder der
Wirklichkeit oder Manifestationen eines
Wahnsinnigen halten könnte, ist die
Vision von einem utopischen Ideal der
Schönheit.
In der Liebe ist Johnston
ebenfalls eine tragische Figur, er
schwärmt für Laurie, die Frau, die
er seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat und
die doch für ihn die Muse darstellt,
für die er jedes einzelne seiner
Liebeslieder singt.
Die Creme de la Creme des
Independentock – von Yo La Tengo über
Sonic Youth bis hin zu Half Japanese, The
Pastels, Butthole Surfers, Texas Instruments
oder den Dead Milkmen – sehen in Daniel
Johnston das bestgehütetste Geheimnis
der populärmusikalischen Empfindsamkeit
Amerikas. Seine Stimme und seine
Präsenz sind charismatisch,
körperlich wirkt er immer
verstörend und bedrohlich, als
zartgebauter Jüngling ebenso wie als
den übergewichtigen Riesen, in den er
sich verwandelt hat. Zahlreiche Aufenthalte
in Nervenheilanstalten versperrten ihm den
Weg zu einem normalen Plattenvertrag. Doch
hat er auf zahllosen in seinem Kellerstudio
aufgenommenen Musikkassetten ein
unermeßliches Ouevre und dazu einen
Reichtum an Jack-Kirby-artigen
Comiczeichnungen. Unbestreitbar
beständig ist sein Weg – für ein
einzigartiges und nicht zähmbares
Schönheitsideal.
Daniel Johnston ist der perfekte
musikalische Außenseiter - ein Gigant,
der viel zu außergewöhnlich ist
für den Musikgeschmack der Massen, doch
der Maßstab, den viele Künstler
heutzutage an sich selber anlegen, ist die
Kompatibilität mit der Ästhetik
seines Wohlklangs.
Seine Persönlichkeit ist
unzerstörbar geblieben – trotz der
rigorosen Erziehung durch seine Familie von
religiösen Fanatikern. Was der Film nur
äußerst dezent andeutet, ist die
Tatsache, daß gerade in dem
religiösen Wahn seiner Eltern eine viel
unheimlichere Form von Wahnsinn am Wirken
war. „Ich glaube an Gott!“ sagt Daniel
Johnston in aller Ernsthaftigkeit, und er
fügt sogleich hinzu: „Aber ich glaube
noch viel mehr an den Teufel. Ich
weiß, daß es ihn gibt. Der
Teufel kennt meinen Namen!“
Musik: Daniel
Johnston - „True Love Will Find You In The
End“

(Daniel
Johnston and family - Copyright Jeff
Feuerzeig)
Abschnitt III:
Das war noch einmal Daniel
Johnston mit „True Love Will Find You In
The End“.
Zu Ehren des
Underground-Antihelden gibt es übrigens
nun auch ein Tributalbum:
DISCOVERED COVERED – THE LATE
GREAT DANIEL JOHNSTON.
Auf dem Cover sieht man einen
etwas dicklichen Mann mit Vollbart und
Turnschuhen, der mit einem Strauß
roter Rosen neben einem Grabstein mit der
Inschrift "Daniel Dale Johnston 1961-2004 -
Sorry Entertainer" steht. Das führte
schon zu Gerüchten vom Ableben des
amerikanischen Songwriters. Wer jedoch genau
hinsieht und das verschrobene
Äußere von Daniel Johnston
bereits kennt, der wird erkennen, dass die
Person am Grab ja der angeblich Verstorbene
selber ist.
Dieses Tributalbum besteht aus
zwei CDs, eine mit den
Johnston-Originalliedern und eine mit den
Coverversionen diverser alternative acts.
Beide CDs haben die selben Titel in der
gleichen Reihenfolge, was es dem Hörer
ermöglicht, ohne viel Aufwand Original
und Cover miteinander zu vergleichen. Er
muß lediglich nach jedem einzelnen
Stück die CD wechseln. Die
Gästeliste dieses Albums dokumentiert
den großen Respekt, den Johnston unter
Musikern genießt. Namen wie Tom Waits,
Eels, Bright Eyes, Beck, Mercury Rev, Vic
Chesnutt oder TV On The Radio gehören
nicht gerade zu den Unbekannten der heutigen
Musikszene. Als besonderen Leckerbissen gibt
es auch noch das schaurig-schöne
Zusammentreffen von Sparklehorse und den
Flaming Lips zu belauschen.
Allerdings ist es nicht unbedingt
im positiven Sinn bemerkenswert, daß
all die ganzen alternative acts das Material
zwar repräsentabel machen,
dieses dann aber zu einem wenig
aufsehenerregenden, sehr glatten "main
stream~alternative rock" ohne
Eigenheiten gerät. Zwar ist kein
einziger Fehlgriff dabei, doch schaffen es
längst nicht alle Künstler, die
eigenwilligen Originale mit eigenen
markanten Stärken zu bereichern. Besondere
Ausnahme unter anderem: Death Cab For
Cutie mit "Dream Scream" .
Aus dem Album DISCOVERED
COVERED – THE LATE GREAT DANIEL JOHNSTON hören
wir nun Calvin Johnson mit „Sorry
Entertainer“.
Musik: Calvin
Johnson - „Sorry Entertainer“
(Daniel Johnston holding Yip!
Cassette - Copyright Pat Blashil)