Schwere Kost, aber trotzdem sehr
unterhaltsam ist THE DYING GAUL von
Craig Lucas (auch Autor des Films "Long
Time Companion"), was auf deutsch DER
STERBENDE GALLIER heisst. Ein Filmtitel, der
sehr abschreckend wirken muss für den „normalen“
Kinobesucher.
Es handelt sich dabei um die
Geschichte von Robert (Peter Sarsgaard),
einem schwulen Drehbuchautor, der gerade
sein erstes Drehbuch verkauft hat. Jeffrey (Campbell
Scott), der Filmproduzent will jedoch,
dass Robert seine Geschichte umschreibt und
aus der tragischen schwulen Beziehung eine
tragische heterosexuelle Beziehung macht.
Robert hatte dieses Drehbuch allerdings
geschrieben, um den schmerzlichen Tod seines
Geliebten zu verarbeiten, dabei war eine
packende Liebestragödie. Er kann sich
daher nicht dazu bringen, den Geliebten in
eine Frau umzuwandeln.
THE DYING GAUL ist eine Statue in
einem Museum, doch gleichzeitig auch der
Titel dieses Drehbuchs, das Robert
geschrieben hat.
Mehr aus Berechnung als aus
Leidenschaft beginnt der skrupellose
Jeffrey, der eigentlich verheiratet ist mit
Elaine (Patricia Clarkson), eine
Liebesaffäre mit Robert, um diesen
leichter dazu zu bringen, sein Script zu
ändern. Doch Jeffrey bemerkt auf
einmal, dass ihn seine Leidenschaften
überwältigen. Er ist hin- und
hergerissen zwischen seiner Liebe zu seiner
Frau und der Beziehung mit Robert.
(Jeffrey, Elaine und Robert)
Elaine, die einst ebenfalls eine
Drehbauchautorin war und vor langer Zeit mit
dem Schreiben aufhörte, freundet sich
mit Robert an. Sie ist bewegt von seiner
Kreativität, die sie selber verloren
hat, und seinem tiefen Schmerz. Doch als er
ihr erzählt, dass er, sowohl sexuell
wie auch seelisch, Trost und Aufmunterung in
den schwulen Chatrooms des Internets findet,
packt Elaine noch grössere Neugier, und
sie loggt sich in den Chatrooms als Mann
ein, um dort Robert noch besser
kennenzulernen. Als diese anonyme Beziehung
intensiver wird, erfährt Elaine
schliesslich, dass Robert eine Beziehung mit
ihrem Mann hat.
Der Schock dieser Enthüllung
setzt eine Kettenreaktion von dramatischen
Ereignissen in Gang, eine Serie von
Täuschungen, Beichten und Betrug, bei
dem die Grenzen zwischen Sadismus und
Masochismus verschwimmen, der Jäger und
die Beute unterscheiden sich nicht mehr
voneinander. An einer Stelle ist die
Geschichte vielleicht zu absurd: Elaine
macht Robert bei ihrem Chat glauben, sie sei
der tote Liebhaber von ihm, der jetzt aus
transzendentalen Sphären zu ihm
spräche. Das hätte ich wiederum
selbst als spiritueller Mensch sofort
abgetan. Das Ende ist fatal. Die Moral der
Geschichte aber, wenn es denn eine gibt, hat
ihren besonderen Reiz, zumindest
für schwule Drehbauchautoren.
THE DYING GAUL ist ein postmoderner
Film noir, raffiniert inszeniert und
mit einem bitterbösen Ende.