S L U M M I N G
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(in der Mitte: PAULUS MANKER)
Wer ausgerechnet am Montag versucht, sich auf die Zeit zu besinnen, hat normalerweise gute Karten. Der Sonntag war gestern, und eine neue Woche hat angefangen. Der Alltag und die Routine sind jedoch außer Kraft gesetzt - wenn es sich um den ersten und einzigen Montag der Berliner Filmfestspiele handelt!Die Zeit hat sich zu diesem Zeitpunkt in einen abstrakten Begriff verwandelt - eine Ewigkeit schon scheine ich in einer Fülle anderer Welten und Lebensformen versunken, nicht mehr wissend, wer ich bin, nicht mehr wissend, was ich eben noch gesehen und gehört habe. 12 Filme sah ich schon, war schon mehrmals im Iran gewesen und einmal auf dem Mars (wo meiner Ansicht nach „Big Bang Love, Juvenile A“ spielt, der neue verstörende und berauschende Film von Takashi Miike über Liebe und Gewalt zwischen Gefängnisinsassen), habe Mord und Leidenschaft in einem französischen Ferienlager erlebt wie auch mit meiner ehemaligen Grundschullehrerin Frau Karin Hoene einen Mord in Berlin aufgeklärt und schließlich einen Jungen aus der hinterwäldlerischsten Provinz, der eine Sprechstörung hat, zum bekanntesten Theater- und Opernregisseur Amerikas aufsteigen sehen ... Mein eigenes Leben hat sich aufgelöst und den vielen anderen Geschichten, Menschen, Kulturen Platz gemacht.
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Zunächstamol hat sich SLUMMING in meinem Gedächtnis verfangen, ein Wettbewerbsfilm, den ich schon am Freitag sah ... Paulus Manker ist ein Schauspieler, den ich schätze, obwohl ich nur zwei Filme kenne, in denen er mitwirkt. Der eine dieser beiden Filme heißt "Weiningers Nacht" und schildert die letzte Nacht des seelisch und geistig verwirrten Sexual- und Kulturwissenschaftlers Otto Weininger vor dessen Selbstmord.
Weiningers Buch "Geschlecht und Charakter" ist als antisemitisch und frauenfeindlich anzusehen, auch wenn es viele brilliante Ansätze hat.Diesen Philosophen stellte Paulus Manker damals mit einer ergreifenden Schärfe und Intensität dar, und die Erinnerung an diesen Film, bei dem Paulus Manker auch Regie führte, läßt sich nicht auslöschen.In dem zweiten Film mit Paulus Manker, den ich kenne, spielt er nur mit (Regie führt Michael Glawogger) : SLUMMING, einer der Wettbewerbsfilme in diesem Jahr.
Der reiche Slacker Sebastian hat nur wenig Respekt für andere, besonders nicht für Frauen. Mit seinem guten Aussehen und seinem Charme ist es ein Leichtes für ihn, andere Menschen zu manipulieren, wie zum Beispiel seinen Mitbewohner Alex. Er mag es, mit anderen Menschen zu spielen, manchmal beiläufig, manchmal grausam - ihr Leben verändernd ... Sein Lieblingssport ist das SLUMMING in den Unterschichtlokalen von WIEN, auf der Suche nach den Leuten, die Schrullen und Marotten haben ... Auch surft er gerne durch das Internet auf der Suche nach jungen Frauen, die er gerne mit ausgefeilten Geschichten verführt, die teilweise wahr, teilweise halbwahr oder Lüge sind. Die Volksschullehrerin Pia ist seine letzte Eroberung. Oder hat dieses Mauerblümchen, das zuviel redet, wenn sie nervös ist, am Ende gar ihn erobert?
Ihre Romanze gerät in Gefahr, als Pia wütend wird über Sebastians neuesten Streich der Grausamkeit: nur zum Spaß hat er zusammen mit Alex einen bewußtlosen Betrunkenen von der Straße eingesammelt und ihn in die tschechische Republik gefahren, wo sie ihn ohne seinen Personalausweis zurücklassen.Pia entschließt sich, diesen Mann zu retten - Kallmann, einen verarmten und aus der Bahn geworfenen Dichter am untersten Rand seiner Existenz, dessen Alkoholexzesse meistens in zornigen und haßerfüllten Tiraden enden und in aggressiven Versuchen, seine Gedichte auf der Straße zu verkaufen. Am wenigsten hat er damit gerechnet, daß ihm ein plötzlicher Moment der Erleuchtung bevorsteht, allein und verloren in der tschechischen Wildnis, wie auch eine Begegnung mit Bambi ...
Ich möchte hier nicht übertreiben, aber Paulus Manker verströmt - wie auch Orson Welles, Helmut Qualtinger und Paul Wegener - eine vom Reiz seiner wuchtigen Erscheinung angereicherte Ausdruckskunst (eine Formulierung, die ich ursprünglich im Zusammenhang mit Ava Gardner gelesen habe, wohl ohne die Zutat "wuchtig" - aber die Formulierung paßt natürlich auch zu ganz anderen Charaktertypen als Traumfrauen). Mankers hyperplastische Präsenz macht die Figur nicht nur dreidimensional, nein, sie ragt ins Kino hinein und berührt jeden von uns, und wir bewegen seine Worte in unserem Herzen, als da wir sie hören.
Der zweite Hauptdarsteller ist der markante August Diehl, unvergessen aus "23" oder auch "Was nützt die Liebe in Gedanken?", der als Sebastian eine „flirrende“, „flimmernde“ Präsenz entfaltet, eine nicht greifbare Figur. Sowohl die Figuren wie auch die Geschichte sind schön geraten. Die Frauen, die Männer, alles ist so schrecklich schön trostlos und realistisch, aber eigentlich sind sie auch alle irgendwie wie verlorene Engel. Dazu dann das Wiener Lokalkolorit, das bringt’s eben immer wieder.
Ich habe an anderer Stelle gelesen, daß sich ein Kritiker an der Vermengung von "höchst realistisch und differenziert gezeichneten Charakteren" mit der "konstruiert wirkenden, märchen- und fabelartigen Handlung" gestört hat - ich sehe jedoch darin keinen Widerspruch. Ein Film ist sowieso NIEMALS ein perfektes Abbild der Wirklichkeit - und ebensowenig ist ein Film auch NIEMALS per se und eo ipso bloß ein Gedankenkonstrukt oder Märchen, also unpädagogisch...
Gerade in dieser Mischung aus wirklichen Menschen und ungewöhnlichem Handlungsverlauf gewinnt SLUMMING seine eigene besondere Qualität.