Zwischenmoderation
für die Kurzversion des Radiobeitrages
zum Filmstart 2005:
Am 24. März dieses
Jahres läuft ein Film in den Kinos
an, der bereits letztes Jahr im PANORAMA
der BERLINALE lief, und unter anderem den
TEDDY erhielt als bester Dokumentarfilm
mit schwuler Thematik:
THE NOMI SONG
Im letzten Jahr sah ich diesen
Film mehrmals und war schließlich von
gemischten Gefühlen erfüllt, und
meine erste Rezension war sehr emotional und
nicht gerade neutral, was daran liegt, dass
Klaus Nomi einst in meinem Leben mein
großes Ideal war, ein außergewöhnlicher
Beinahe-Star mit einer besonderen
Stimme, der Anfang der Achtziger Jahre seine
größten Erfolge feiern konnte.
Von ihm handelt der Film.
Der deutsche Countertenor und
Sopran-Sänger Nomi war der
größte „New-Wave-Rockstar“, den
es nie gab – so hat es der Regisseur Andrew
Horn äußert treffend formuliert.
Von Andrew Horn stammt übrigens auch
„East Side Story“, ein Dokumentarfilm
über Musicalproduktionen der UdSSR und
anderer Ostblockstaaten. Das muß
eigentlich ein guter Film sein. Aber
zurück zu The Nomi Song:
Klaus Nomis stimmliches
Multi-Oktaven-Spektrum, sein zwischen
Opernarien und New Wave-Songs rangierendes
Repertoire und seine aufziehpuppenhaften
Auftritte als Außerirdischer machten
ihn zum Geheimtip in der New Yorker
Kabarett- und Showclub-Szene, und eine Zeit
lang schien es, als würde ihm eine
große künstlerische Laufbahn
bevorstehen. Doch der Stern ging nie auf und
zwar aus mehreren Gründen: Zum einen
wurde Nomi selber nicht immer seinem eigenen
künstlerischen Anspruch gerecht. Dazu
kamen seine verschiedenen Manager in New
York oder Frankreich, die ein
größeres Interesse an der
Vermarktung Nomis als an seinen eigenen
Vorstellungen hatten. Und schließlich
starb er 1983, viel zu früh, noch einer
der ersten berühmten AIDS-Opfer.
(Ausschnitt
Film
– The Media Hype)
... Andrew Horn kombiniert alte Aufnahmen
von frühen Auftritten und mehrere
Video-Clips mit Interviews, die er mit den
Zeitgenossen, Freunden und Mitmusikern Nomis
gemacht hat. Dazu sprenkelt er die wenigen
vorhandenen Interviewschnipsel ein, in denen
Nomi selber zu Wort kommt und garniert das
Ganze mit futuristischen Anfangs- und
Schlußsequenzen aus einem alten
Science-Fiction-Film. Damit wirft Andrew
Horn nicht nur eine exzellent stilisierte
Komposition aus Bildern und Klängen an
die Leinwand, sondern er wird auch noch dem
Phänomen Klaus Nomi aufs
Äußerste gerecht. Und das, obwohl
der Film die traurige Geschichte von einem
ungenutzten Potential erzählt
The Nomi Song ist wundervoll, weil
es ihm gelingt, an eine vergessene Zeit zu
erinnern. Klaus Nomi ist ein in
Vergessenheit geratenes Phänomen, das
ich den „jungen Leuten von Heute“ kaum
erklären kann, weil es eben nicht ein
zeitloses Phänomen war, sondern eines,
das im damaligen Zeitgeist verankert war,
damals zumindest partiell
funktionierte, aber heutzutage nicht mehr.
Der Film jedoch taucht so tief ein in diese
Vergangenheit, daß selbst
Vierzehnjährige die Wirklichkeit
dieser Vergangenheit begreifen und erleben
könnten. Wenn sowas in einen Film
locken könnte. Als Historiker war
Andrew Horn damit also erfolgreich, und
wundervoll für mich (Ausschnitt Interview Andrew Horn –
warum diesen Film machen ?).
1982 hörte ich das erste Mal
Musik von Klaus Nomi und sah ihn zum ersten
Mal bei Fernsehauftritten und in
Video-Clips. Das bizarre Erscheinungsbild
und das Songmaterial waren damals schon
beeindruckend. Einen Live-Auftritt im
Fernsehen sah ich in der legendären
Rock- und Klassiknacht von Eberhard Schoener
im November 1982. Leider war das
nächste, was ich von Nomi vernahm,
bereits die Meldung über seinen Tod im
August 1983.
Aus Mangel an Tatsachen stellte
ich mir Nomi später als Perfektionisten
vor, einen souveränen Torten- und
Dada-Künstler, der in vollem
Bewußtsein des nahenden Weltuntergangs
und voller Inbrunst sein eigenes Leben als
eine Science-Fiction-Oper inszeniert. Ganz
anders verhält sich übrigens die
tatsächliche Entwicklung in der Oper,
der Transgender-Diskurs, den Klaus Nomi in
die OPER hätte tragen können,
findet in reziproker Art und Weise statt.
(Ausschnitt
Interview Andrew Horn - Transgender In
der Oper)
Mein Wunschdenken als Fans kann
sich aber nicht mit THE NOMI SONG messen,
einem gründlich recherchierten Film mit
allem, was es an Originalmaterial und allen
wichtigen Personen aus Klaus Nomis Leben.
Einschließlich seiner Tante Trude aus
Nordrhein-Westfalen.
(Ausschnitt
Film - Tante Trude)
(Regisseur Andrew Horn)
Was aber fehlt: Andrew Horn ist es
nicht gelungen, Joey Arias zu interviewen,
Nomis besten Freund und Performancepartner.
(Ausschnitt Interview
Andrew Horn – "Joey wollte nicht in den
Film ...")
Gerüchten zufolge konnte Joey
Arias sogar verhindern, daß sich Boy
Adrian, ein weiterer enger Freund Klaus
Nomis, für ein Interview mit
Andrew Horn zur Verfügung stellte.
Trotzdem hat Andrew Horn seinen Film
fertiggestellt, und dass zwei wichtige
Menschen aus Klaus Nomis Leben nicht in dem
Film über ihn auftauchen, stört
übrigens in keinster Weise. Daß
Alan Platt, ein mir bislang unbekannter
Journalist aus New York, in dem Film
auftaucht und sich darüber wundern
darf, daß Klaus Nomi eine Witzfigur
ist, ohne den Witz zu kapieren, stört
mich auch nicht (Ausschnitt
Film) . Alle
eingebildeten Leute leben in New York. Auch
Nomi selber lebte in New York, und gerade
die wenigen Ausschnitte aus den Interviews
mit Nomi zeigen uns einen ziemlich
unsympathischen Menschen, den man nicht
kennenlernen will, und der eigentlich nichts
mit dem Phänomen Klaus Nomi zu tun
haben darf (Ausschnitt
Film – „ich hab schon als Kind immer
diesen Widerspruch gehabt ... “).
Im Gegensatz zu David Bowie, der
Nomi zum Durchbruch verhalf, war Klaus Nomi
leider kein perfekter Künstler, der
sich selbst souverän inszenierte. Das
Kunstprodukt Klaus Nomi ist das Resultat des
kreativen Inputs vieler unterschiedlicher
Menschen, wie der Film treffend belegt. Auch
wenn der Sänger und
Performancekünstler Klaus Nomi sehr
viel zu dem Phänomen beitrug, er hatte
viele Ideen und Vorstellungen, doch war er
nicht der Alleinverantwortliche, im
Gegenteil. (Ausschnitt
Interview Andrew Horn – "did I really
deconstruct him?").
Klaus Nomis Karriere, fern von
Perfektionismus oder absoluter Kontrolle
über die Kunstfigur NOMI, ist trotzdem
ein glücklicher Zufall. Nomi wagte
seine Schritte zur Selbstverwirklichung,
auch wenn sie ihn auf Dauer nicht zu den
erhofften Erfolgen führten. Wenn er
noch am Leben wäre, wäre er
trotzdem nicht doch einer der
größten Stars der Pop- und
Operngeschichte. (Ausschnitt
Interview Andrew Horn – "Was wäre
wenn ..." )
Doch seine besondere kleine Rolle
hat er für immer in ihr inne. THE NOMI
SONG läuft ab 24. März in den
Kinos.
(Ausschnitt
FILM - SCHLUSS)