Als wenn nicht Leben tausend wild verschloßne Tore trüge

(Elf kurze Rezensionen zur Berlinale 2008)
 
 
 
 
 
1. 
DEREK

Derek Jarman lebte sein Leben wie ein großes Fest, zu dem alle eingeladen waren. Er war Maler, „militant schwul“, Aktivist gegen AIDS und vor allem Filmemacher. Derek Jarman illuminierte seine Zeit.  Seit seinem Tod 1994 ist sein Werk allmählich in Vergessenheit geraten. Zwei seiner nahestehenden Freunde und Mitstreiter, die Schauspielerin Tilda Swinton und der Regisseur Isaac Julien (der 1991 mit LOOKING FOR LANGSTON Furore machte), haben sich nun zusammengetan, um sein Leben und seine Kunst auf die Leinwand zu bringen. Der Film "DEREK" ist das sehr persönliche und intime Resultat. Den Schwerpunkt bildet eines der letzten Interviews mit Jarman in zusammengeschnittener Form, ergänzt durch home movie footage von Jarman und seiner Familie, dazu Archivmaterial und Super 8-Arbeiten. Wenig Biographisches, wenig Zeugnisse von anderen Menschen außer Tilda Swinton. Dafür sehen wir Ausschnitte aus allen seinen Filmen und werden Zeugen seines Wandels vom Experimentalfilmer zum Schöpfer künstlerisch ambitionierter Erzählfilme: Sebastiane, Jubilee, The Last of England, The Tempest, Caravaggio, The Garden, Edward II, Wittgenstein - und schließlich Blue, welches aus einem einzigen Farbton besteht und uns die Wahrnehmung Jarmans begreiflich macht, als er schon fast erblindet war... Tilda Swinton war vielleicht der einzige Mensch in seinem Leben. So zumindest mag es uns erscheinen, da sonst nichts auftaucht außer den vielen Bildern und den Interviews mit Jarman selber. Sie führt uns durch den Film - als Erzählstimme wie auch als Besucherin in dem Haus Derek Jarmans und seinem geliebten Garten, der uns zum ersten Mal in The Garden begegnete. und sie liest aus einem Brief vor, den sie acht Jahre nach Jarmans Tod in der englischen Zeitung The Guardian veröffentlichte. Die Hommage "DEREK" weckt lang verlorengegangene Erinnerungen an die inspirierende Kraft seiner Person und seines Werkes. Isaac Julien und Tilda Swinton versuchen, seine Ideen und seine gemeinschaftsbildende Art, Filme zu machen, wieder in die Gegenwart zu holen. Auf der Pressekonferenz und nach der Premiere des Films sagte Tilda Swinton, wie krank es sie mache, wenn sie vor jungen Filmstudenten steht, die nach einer Anleitung für ein selbstbestimmtes Kunstwerk suchen und noch nie etwas von Derek Jarman gehört haben. "DEREK" soll daher jungen Filmemachern Mut machen, ihre Werke nicht als Produkt sondern als Kunst zu begreifen, die das freie Gedankenexperiment nicht scheut und einen Standpunkt in der Gesellschaft nicht leugnet. Es ist aber auch ein Aufruf an die ehemaligen Weggefährten Jarmans, wieder zusammenzufinden und die damals begonnene Arbeit fortzusetzen.


2. 
Hatsu Koi

Kein klassischer Coming-out-Film: Ein Schüler verliebt sich in einen anderen und wird von seinen Mitschülern verspottet. Dann trifft er ein glückliches schwules Paar, das sich seiner annimmt. Es ergeben sich originelle Verwicklungen und ein romantisches, aber unerwartetes Ende. Schlimm ist es, anzusehen, wie stark „Homophobie“ an japanischen Schulen ausgeprägt ist! Der Soundtrack ist eine in Jason-Forrest-Manier aneinandergereihte Folge von kurzen, schnell wechselnden, aber bekannten, elektronischen Melodien (dies wäre auch ein Tipp, um sich die GEMA-Gebühren zu sparen ...) Das ohne großes Budget gedrehte, aber stimmungsvolle und lustige Betacamvideo von Imaizumi Koichi wird es schwer haben, im Urwald der mittlerweile beachtlich vielen schwulen Filme aus Asien aufzufallen. Fazit: Immer wieder nachbohren in der Videothek Ihres Vertrauens! 
 
3. 
With Gilbert & George

Kein "In Bed" davor bitte. Leider. Obwohl: Die beiden Herren sahen früher noch besser aus als heute. Regisseur Julian Cole traf Gilbert und George zum ersten Mal, als er für sie Modell saß. Das war 1986. Wenig später begann Cole, die Künstler zu filmen. Seine intime Dokumentation versucht, den Personen hinter dem Mythos nachzuspüren. Dies gelingt ihm vortrefflich – wir erleben zwei sehr vornehme, distinguierte und leicht edle Herren, die ursprünglich aus sehr unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaftsschichten stammen, die sich aber in den sechziger Jahren als Kunststudenten in London zusammenfanden und damals beschlossen, zu zweit Kunst zu machen in einzigartiger Form: Gilbert & George, zwei stilvolle Menschen, ein radikaler Künstler. Das ist ihr Motto, und dem sind sie bis heute treu geblieben.

Ihre Kunstwerke müsste der geneigte Zuhörer eigentlich kennen: Das sind (meistens) auf zwei mal vier Meter vergrößerte Photographien, die dann noch einmal eingeteilt sind in schöne Quadrate (30 x 30 cm in etwa), hierbei wurden Motive zunächst photographisch aufgenommen und dann mit künstlerischen Mitteln verfremdet. Gilbert & George haben sich im Verlauf der letzten vierzig Jahre schließlich zu einer Institution der britischen Kunstszene entwickelt: Lange Zeit, in den Siebzigern und auch in den Achtzigern, galten sie eher als Randfiguren und wurden von der Kunstwelt abgelehnt, der sie moralisch suspekt und politisch nicht korrekt schienen. Sie beschäftigen sich oft mit der Darstellung junger männlicher Körper, dies aber nicht in platter Pierre&Gilles-Manier, sondern eher in manchmal seltsamem und gesellschaftskritischem Kontext. Manch einer hat ihnen ab und zu gar das eine oder Andere vorgeworfen: wie zum Beispiel, dass sie faschistisch seien , dass sie anti-religiös seien und sich gegen das Christentum aussprächen. Sie treten in ihren Werken oft persönlich in Erscheinung, welche meistens als Zyklen zu gewissen Themen angelegt sind: Eines der prominenteren attackierten Symbole war das Kreuz, und vor geraumer Zeit gab es auch eine Serie skatologischer Motive.

Mittlerweile sind sie auch in der Kunstwelt anerkannt als die derzeit bedeutendsten Künstler Englands. Der Film macht uns bekannt und vertraut mit den „konservativen Anarchisten“ Gilbert & George als zwei Menschen, deren absonderlichste Marotten wir auf diese Art und Weise schätzen und lieben lernen können. 
 
4.
Der Film WILD COMBINATION – A Portrait of Arthur Russell, ist eine visuell absorbierende Erforschung des Grenzgängers zwischen Avantgarde-E-Musik und Disco&Pop-Musik. Er starb leider schon 1992 an AIDS, aber er schuf in den Siebzigern und Achtziger Jahren Musik, die sowohl populärmusikalischer Natur war wie auch die genre-transzendierende Möglichkeiten abstrakter Kunst umfasste. Sechzehn Jahre nach seinem Tod finden seine Kompositionen durch den Film nun vielleicht ein neues Publikum. Dokumentarfilmer Matt Wolf hat einige Interviews gemacht, zum Beispiel mit Philip Glass und Allen Ginsberg, die sich recht wohlwollend über ihre Zusammenarbeit mit diesem ungewöhnlichen Menschen äußern. Arthur Russell muss ein recht schwieriger Mensch gewesen sein und war auch nicht unbedingt der perfekte künstlerische Mitarbeiter, wie zum Beispiel Theater- und Opernregisseur Bob Wilson einmal frustriert feststellen musste, der sich wie viele andere nicht zu dem Thema äußern wollten.. Aber Russell hat – wie eben gehört – ja auch sehr schöne Musik gemacht. 

5. 
JULIA

Einer der Filme, die ich gestern sah, war JULIA mit Tilda Swinton als etwas durchgeknallte Alkoholikerin, die ihr Leben nicht so ganz auf die Reihe gekriegt hat bisher und die von einer anderen geistig verwirrt scheinenden Frau dazu überredet wird, deren Sohn zu kidnappen, den sie nicht mehr sehen darf und der bei seinem Großvater lebt. Nachdem Julia dies zuerst ablehnt, stimmt sie aber dann aus Geldgründen doch zu, denn Julia hat so gut wie nie Geld. Es entwickelt sich die sehr obskure, aber auch spannende Geschichte einer Kindesentführung, bei der viel durcheinander läuft, und es geht auch sehr blutig zu in der zweiten Hälfte mit einem Gangsterdrama, bei dem in Mexiko das Kind dann noch mal entführt wird von echten Gangstern.

Es entwickelt sich auch eine Art von Beziehung zwischen Julia und dem Jungen, aber eigentlich dann doch nicht. Weil diese Frau schlicht und ergreifend unmöglich ist und nicht in der Lage, Beziehungen zu anderen Menschen (oder sich selbst) aufzubauen. Mütterliche Gefühle sind und bleiben ihr fremd, auch wenn am Schluss doch noch so eine Art Hoffnungsschimmer aufzuleuchten scheint. Der Film ist packend und lustig und lebt davon, dass das gängige Klischee, wie sich Frauen im Allgemeinen unserer Meinung nach verhalten und wie sie fühlen, durch die wieder einmal grandiose Tilda Swinton völlig auf den Kopf gestellt wird. Vielleicht aber eine Spur zu lang ...
 
6. 
Be Kind Rewind

Michel Gondry hätte es schwerer haben sollen im Leben – und das behaupte ich nicht ohne Grund. Haben wir die Verspieltheit von „Science of Sleep“ noch liebhaben können, so geht der „Spieltrieb“ von Gondry diesmal ins Grob-Derb-Brachiale. Gute Schaupieler wie Mia Farrow, Sigourney Weaver und Danny Glover sollen den in Farbtöne falscher Selbstironie getunkten Streifen als wertvoll & unterhaltsam anpreisbar machen, doch die Komik ist blechern und schäbig, das pseudo-sentimentale Ende absehbar und dabei völlig unglaubwürdig und rührt wirklich keinen zu Herzen.

Wie der Film uns ansprechen soll: Unsere Gefühle der Nostalgie für die VHS-Kassette werden mobilisiert, als eine kleine VHS-Videothek in New York ums Überleben kämpft... Auch die überschäumende Kreativität des Menschen feiert ihre Triumphe, als die zwei stellvertretenden Videoladenhüter alle Filme in ihrem Repertoire, die aus Versehen magnetisiert und daher gelöscht wurden, notgedrungen neu drehen müssen als Experimentalkurzfilme.

Es ist nicht ohne Komik, wie Filme wie „Ghostbusters“, „Rush Hour“, „König der Löwen“, oder „2001“ trotz der Null-Budget-Situation höchst originell nachgestellt werden, aber das Lachen hält nicht besonders lange an, weil der Rest der Geschichte uns kalt läßt. Gerade Hauptdarsteller Jack Black tut sein Möglichstes, damit alles überzogen und burlesk wird. Um einen lustigen Film zu drehen, braucht man auch Feingefühl. 
 
7. 
Suddenly, Last Winter

Die Dichotomie „Wir sind aufgeklärt, die sind rückständig“ wird spätestens dann brüchig, wenn es um Homophobie in Italien geht. Ein Gesetz wie die Homoehe in Deutschland ist in Italien immer noch nicht erreicht. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften kämpfen um Anerkennung; die Regierung Prodi, die ein solches Gesetz zunächst versprochen hatte, tut alles nur Mögliche, um das versprochene Gesetz in Ausschüssen und Sitzungen wieder unter den Tisch fallen zu lassen. Mittlerweile kämpfen Gustav und Luca, die ein Paar sind, auch in der Öffentlichkeit um ihr Recht auf Hochzeit. Sie gehen auf Demonstrationen, besuchen Parteiabgeordnete, sprechen mit Kirchenvertretern ebenso wie mit rechts-konservativen Demonstranten und dokumentieren dies alles filmisch. Das Resultat ist ihr Film „Sudenly, Last Winter“ – der uns eindrücklich ein Land zeigt, das sich vielleicht geographisch und wirtschaftlich als Teil Europas darstellt, dessen moralische und geistige Verfassung jedoch weit hinter dem EU-Standard zurückbleibt.

siehe auch hierzu:
Clip Eins

sowie (mit Barbapapas!):
Clip Zwei
 
8.
Football Under Cover

„ICH RELIGION DIR AUCH GLEICH EINE!“ steht auf dem Filmplakat zu diesem Film, daneben eine Frau mit Kopftuch und Fußball – stilisiert in Verkehrsschildfigurenmanier, ganz ähnlich wie beim Logo des Aktuellen Sportstudios. Der Schriftzug Football ganz groß am oberen Bildrand, stilisiert wie arabische Buchstaben, darunter steht „under cover“ (in modernem Schriftbild).

Mit Football ist diesmal wirklich Fußball gemeint, und wer „under cover“ spielt, sind natürlich niemand anders als die Frauen der iranischen Damenfußballmannschaft, die mit Kopftuch spielen müssen. Die iranische Damen-Nationalmannschaft gibt es immerhin schon seit 1968, hat allerdings noch nie gegen eine andere Nation gespielt. Zumindest als der Dokumentarfilm beginnt. Denn die Mädels vom Kreuzberger Fußballverein BSV Al-Dersimspor erfahren von dieser Damenmannschaft und beschließen, Abhilfe zu schaffen.

Der Rest ist eine Reihe von immensen Hindernissen, die Schritt für Schritt überwunden werden müssen, das ganze wurde filmisch dokumentiert. Die Eltern von Marlene Assmann, der Berliner Mannschaftskapitänin und Filmstudentin, schossen mal eben 50.000 EURO vor, damit das Filmprojekt realisiert werden konnte. Der Film begleitet die beiden Mannschaften schon im Vorfeld, sowohl in Teheran wie auch in Berlin. Ein Wahnsinn ist das alles eigentlich: nur Frauen dürfen ins Stadion, wenn die Frauenmannschaft spielt, und auch die Kreuzberger Mädels müssen natürlich Kopftuch tragen. Der besten Spielerin der iranischen Mannschaft wird ohne Erklärung verboten, mitzuspielen. Vielleicht, weil sie die Tochter der Trainerin ist, die damals 1968 zu den ersten fußballspielenden Frauen gehörte ... Am Ende müssen der Kreuzberger Manager und der Regisseur draußen bleiben, als am 28. April 2006 vor mehr als 1000 jubelnden Frauen das erste offizielle Freundschaftsspiel zwischen der Iranischen Frauen-Nationalmannschaft und dem Kreuzberger Team stattfindet. Auf den Rängen wird gesungen und getanzt, über dem Stadion schwebt eine geballte Ladung Frauenpower.

Für die Männer bleibt der Eintritt verboten. 90 Minuten, die mehr sind als nur ein Fußballspiel. Hier entlädt sich der Wunsch nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit, und es wird klar: eine Veränderung ist dringend nötig, nun vielleicht sogar möglich ... 
 
9. 
DREAMBOY

Eine mystische Geschichte: Ein junger Mann, im Leben scheint er wie ein Toter - und erst im Tod  erwacht er zu Leben. Das metaphysische Happy End: Die Liebe zwischen einem Geisterjungen und seinem lebenden Freund. EIN WUNDERSCHÖNER FILM, DER DEM LAUF DER ZEIT TROTZT UND DER WELT EINE EIGENE WIRKLICHKEIT ENTGEGENSCHLEUST.
 
10.
MY WINNIPEG / GREEN PORNO

Zur  Eröffnung am 8. Februar im Delphi-Filmpalast zeigte das 38. Forum des Jungen Films (in zwei Jahren ist der große Geburtstag ! ) den neuen Film von Guy Maddin: MY WINNIPEG – ein „Dokumentarfilm“ über Guy Maddins Heimatstadt Winnipeg. Ein verschneiter Ort in Kanada. Gleichzeitig oder bzw. als Vorfilm zu MY WINNIPEG wurden Isabella Rosselinis Kurzfilmserie GREEN PORNO gezeigt. Ich zitiere aus dem Pressetext: „MY WINNIPEG ist eine verliebt-grimmige Hommage an besagte Stadt, eine autobiographisches Märchen, das Dokumentaraufnahmen gewitzt mit Re-Inszenierungen, Familienphotos und alten Filmausschnitten kombiniert“.

Guy Maddin tritt die Flucht an aus seinem Heimatort, allerdings auf einem kleinen Umweg: einer ausführlichen Beschreibung aller Kuriositäten Winnipegs. Man sollte übrigens nicht alles glauben, was als dokumentarische Tatsache in diesem Film über Winnipeg erzählt wird, zum Beispiel dass es in dieser Stadt viermal soviel Schlafwandler gibt wie in anderen Städten.

Es ist ja eine der besonderen Qualitäten von Guy Maddin, faszinierende und absurde Einfälle geschickt in eine Handlung einzuweben, und dass es ihm auch noch gelingt, seine Einfälle sogar in einen Dokumentarfilm einzubauen, ist schon bemerkenswert. Als Beispiel führe ich nur einen einzigen Einfall aus, nämlich „The Ledger“ - die einzige Fernsehsendung, die in Winnipeg gedreht wurde und dort jeden Tag ausgestrahlt und wiederholt wird, in der es um einen Mann, der auf dem Sims (eben dem Ledge) eines Fensters steht und der in jeder Folge damit droht, Selbstmord zu begehen, doch blickt jedes Mal seine Mutter aus dem Fenster und schimpft ihn als Nichtsnutz aus, und jedes Mal kommt er wieder hinein, weil er sich dann nicht umbringt. So verläuft in etwa jede Folge von „The Ledger“. Wie Maddins Dokumentarfilm behauptet. Oder auch die vier (!!) Flüsse Winnipegs, von denen zwei unterirdisch verlaufen und sich sowohl die oberirdischen wie auch die unterirdischen Flüsse an exakt derselben Stelle gabeln, woraufhin an dieser Stelle entsetzliche Mahlströme in die Tiefe entstehen.

Oder die traurige Anekdote über das Eishockey-Stadion Winnipegs ... und und und ...

 

 
(WINNIPEGS EISHOCKEY-VETERANEN)


Auch der ästhetische Stummfilm-Stil Maddins passt seltsamerweise in den dokumentarischen Rahmen. Ich könnte jetzt ausufernd schwärmen und tue es ja bereits. Ich finde Guy Maddin einfach toll. Aber ich möchte den Film nicht einfach nacherzählen, da hätte ich viel zu tun, und ich habe nur wenig Zeit.


 
(GUY MADDINS FILMMUTTER)


Ich muss auch noch über Isabella Rosselinis einminütige Kurzfilme reden, die unter dem Titel GREEN PORNO im Foyer des Kino Arsenal in wunderschön gestalteten Kunstterrariumsvitrinen präsentiert werden. Die bekannte Schauspielerin und Regisseurin unternimmt in bunten Kostümen Expeditionen in den Mikrokosmos, getarnt als männliches Insekt, als Glühwürmchen, Libelle oder Spinne spürt sie der aufschlussreichen Frage nach: „Wie machen es die Insekten?“ Produziert wurden die kleinen Filme für das miniaturisierte Vorführformat wie zum Beispiel Handys. Der Kunstfilm auf dem Weg ins Zeitalter der modernen Kommunikation.
 

11.
CORROBOREE

Auch Corroboree handelt von einem Filmregisseur, der noch einmal Szenen seines Lebens inszeniert, jedoch ist hier der Hintergrund ein anderer. In gewissem Maße sind sich die beiden Filme darin ähnlich, dass es um Insezenierungen und Selbstinszenierungen von Regisseuren geht. Beide sind fiktive Figuren, auch der „Guy Maddin“ in „My Winnipeg“ ist eine Fiktion des echten Guy Maddin (zumindest wünscht man dies seiner Mutter).

Aber zurück zu Corroboree. Ein todkranker Theaterregisseur lädt einen schönen jungen Mann auf seinen Landsitz ein, um mit diesem als sein Alter Ego sowie mehreren Frauen Schlüsselszenen seines Lebens zu re-inszenieren und auf Film zu archivieren. 

Conor O'Hanlon ist unzugänglich und sperrig, ein Rebell in zerschnittenen Jeans und Lederjacke. Trotzdem läßt er sich nach anfänglichen Schwierigkeiten auf das merkwürdige Spiel ein. In den verschiedenen Räumen des Hauses, im Garten bei der obskuren Hecke, die das Grundstück von der Außenwelt abschirmt und nahe eines mystischen Waldes finden die Begegnungen statt. Conor mit seiner Mutter, seiner Schwester, seiner ersten Freundin usw., die Geschichte eines Lebens, das zu Ende geht, wird durch das Spiel in einer quasi archäologischen Manier aus der verborgenen Schichten der Vergangenheit wieder ausgegraben und lebendig.

Corroboree heißt ein Ritual der australischen Aboriginees, bei dem mittels Tanz, Musik und Kostümen Kontakt mit der „Traumzeit“ und den Vorfahren aufgenommen wird. Corroboree ist der erste Langspielfilm von Ben Hackworth. In einer Nebenrolle: Jethro Cave, der Song von Nick Cave.

Corroboree - das sind 96 Minuten, in denen wenig geschieht. Manchmal liebe ich ereignisarme Filme, die auf den ersten Blick überhaupt keinen Sinn zu ergeben scheinen. Warum? Weil meistens doch etwas mehr dahinter steckt, als es den Anschein hat. 


 

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ALS EPILOG EIN GEDICHT:

 
Der Spruch
Ernst Stadler

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschloßne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite ich nie ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich vollkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch werde wesentlich!