(Regisseur André
Techiné und Catherine Deneuve auf
der Berlinale)
Als hätte ich es geahnt.
André Téchiné, den ich
für viele Filme bewundere (u.a.
SCHAUPLATZ DES VERBRECHENS, DIE
UNSCHULDIGEN, WILDE HERZEN), hat mich wieder
einmal bezaubert und betört. Sein
neuestes Werk – LES TEMPS QUI CHANGENT –
lief gestern Abend im WETTBEWERB der
BERLINALE, eine ergreifende
Liebesgeschichte, die jedes Klischee von
Liebes- und Familiendrama auf den Kopf
stellt.
Die Hauptfiguren sind
CÉCILE und ANTOINE, die sich nach
zwanzig Jahren in TANGER wiederbegegnen,
gespielt von Catherine Deneuve und
Gérard Dépardieu. Sie arbeitet
bei einer Radiostation, er leitet ein
Bauprojekt. Während er zwanzig Jahre
lang alleine geblieben ist, hatte sie
zweimal geheiratet und Kinder bekommen. Sie
hatte ihr Leben fortgeführt,
während er immer nur von ihr
geträumt hatte, erfüllt von dem
Wunsch, eines Tages wieder mit ihr zusammen
zu sein.
Ich möchte an dieser Stelle
übrigens erwähnen, daß ich
nicht gerade schwärme für
Gérard Dépardieu. Es gibt
einige Filme, in denen er mir gefällt,
doch die meisten davon sind schon über
zwanzig Jahre alt, und im Allgemeinen spielt
er heutzutage Rollen, bei denen mir die
Figuren nicht gefallen, fast so, als sei er
in gewisser Weise festgelegt auf ein
protziges und wuchtiges Image, ein Berserker.
Daß er dieses Image mit LES
TEMPS QUI CHANGENT durchbricht und eine Art
von Mann darstellt, der eine höchst
unkonventionelle Art zu lieben hat,
gefällt mir besonders an
Dépardieu und auch an dem Film ganz
allgemein. Wenn Männer lieben, dann tun
sie das normalerweise auf eine andere Art.
ANTOINE liebt CÉCILE, die er
über zwanzig Jahre lang nicht gesehen
hat, mit unerklärlicher Inbrunst und
Hingabe. An jedem Tag seines Lebens
träumte er von ihr und gab sich einem
Traum hin, der Illusion seiner Liebe. Es ist
nicht schwer zu verstehen, warum.
Das Drehbuch stammte unter anderem
auch von PASCAL BONITZER, dem Mann, von dem
vor zwei Jahren PETITES COUPURES auf der
BERLINALE lief, ein Film, der ebenfalls sehr
erfolgreich das Thema „Die Rolle des
Mannes und seine tatsächliche
Intensität“ behandelt hat.
Was wir nur ahnen können, ist
die Vergangenheit. Die große wilde und
ungezügelte Leidenschaft der Liebe
zwischen CÉCILE und ANTOINE. Es gibt
keine genauen Angaben dazu, aber die Art,
wie CÉCILE völlig aus der
Fassung gerät bei der bloßen
Erwähnung ihrer gemeinsamen
Vergangenheit, spricht Bände. Im
Übrigen ist Catherine Deneuve wieder
einmal hervorragend. Sie wird zwar
älter, aber sie tut dies auf eine
unvergleichliche Art und Weise: Sie ist
selbst mit ihren 61 Jahren noch immer
wunderschön.
Sowohl in „Drôle d'endroit
pour une rencontre“ (1988) wie auch in DIE
LETZTE METRO (1980) gab es bereits intensive
Liebesgeschichten zwischen ihr und
Dépardieu, und fast könnte man
LES TEMPS QUI CHANGENT als eine Art
Fortsetzung davon sehen, oder als eigene
kleine Tradition, auch als Hommage.
Der extrem attraktive Marokkaner
Bilal ist der junge und charismatische
Liebhaber von Céciles Sohn SAMI –
SAMI übrigens wird von Malik Zidi
gespielt, jenem jungen Mann mit den vielen
Sommersprossen, der zum ersten Mal in
TROPFEN AUF HEISSE STEINE
auffiel.
Auch die vielen weiteren Personen
und Familienmitglieder werden als
interessante Charaktere geschildert.
Regisseur André
Téchiné, in dessen Filmen oft
arabische Männer auftauchen, setzt
diese auch in LES TEMPS QUI CHANGENT ein,
spielt die Handlung doch in Tanger.
Darüber hinaus thematisiert er jedoch
auch die gesellschaftlichen
Mißstände im Marokko der
Gegenwart – und dies manchmal mit
erschreckender Intensität. Die Grenzen
zwischen Stil und Inhalt verschwimmen
zwischen Pasolini und Soderbergh, aber die
Handschrift von Téchiné, dem
Regisseur, der sich stets dem
undefinierbaren Wesen menschlicher
Beziehungen widmet, bleibt unverkennbar.
LES TEMPS QUI CHANGENT behandelt
den Wandel der Zeit in vielerlei Hinsicht:
Die Rückkehr des Politischen, die
Rückkehr des Sozialen. Wie sich
Menschen verändern, Beziehungen, die
Gesellschaft, die Liebe und die ganze Welt.

LES TEMPS QUI CHANGENT läuft
noch am Sonntag, den 13.02. um 12:00 Uhr
sowie um 18:30 Uhr in der Urania und am
Sonntag abend um 22:30 Uhr im KINO
International.