Den bezaubernden Abschluß meiner
diesjährigen cineastischen
Entdeckungsfahrt stellt der poetische und
traurige und skurrile Film LA FACE
CACHÉE DE LA LUNE (DIE ABGEWANDTE
SEITE DES MONDES) von Robert LePage aus dem
französischsprachigen Teil Kanadas dar.
Philippe arbeitet in einem
Marktforschungsinstitut und lebt in
abgehobenen Sphären! Er bewundert
Konstantin Tsiolkowski und schreibt seine
Doktorarbeit darüber, daß der
Mensch bei der Erforschung des Weltalls
lediglich sein eigenes Spiegelbild
wiederentdecken will.
Gleichzeitig bewegt sich Roberts
Leben in keiner geordneten Bahn mehr seit
dem Tod der Mutter ... Er versteht sich
nicht mehr sehr gut mit seinem schwulen
Bruder André (der im Fernsehen das
Wetter ansagt), und dazu kommt noch das
Auftauchen des berühmten Kosmonauten
Alexej Leonov, der einen Vortrag in der
Stadt hält. Doch Philippe dreht ja noch
einen Videofilm, in dem er sich und die
Welt, wie er sie sieht, portraitiert. Das
ganze macht er natürlich wegen einem
Wettbewerb für ein SETI-Projekt, denn
der Filmbeitrag des Gewinners soll mit einer
Raumsonde ins All geschickt werden, um
außerirdischen Intelligenzen das Leben
der Menschen etwas genauer zu erklären
...

Der Film basiert auf LePages
erfolgreichem Theaterstück über
zwei Brüder, die versuchen, mit dem Tod
der Mutter fertig zu werden, und die
Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend, dazu
kommt die Schilderung des Wettstreits
zwischen den Russen und Amerikanern um die
Eroberung des Weltalls. Hierbei liegt der
Schwerpunkt übrigens auf einer
Lobeshymne auf die Erfolge der Sowjets, die
ja kaum gewürdigt werden im Vergleich
zu denen der Amerikaner.
Der vielseitige Robert LePage
schrieb nicht nur das Drehbuch und
führte Regie, sondern spielte auch noch
beide Hauptrollen. Sein Film schafft das
Kunststück, daß es niemals
komischer war, ein Regal durch ein Altenheim
zu ziehen, oder daß es nicht schlimm
ist, wenn ein Junge von seinem älteren
Bruder in einen Wäschetrockner gesteckt
wird, als dieser seine ersten
LSD-Erfahrungen macht, und daß sich in
eine Geschichte abspielt, deren Reiz ich
kaum erklären kann. DIE ABGEWANDTE
SEITE DES MONDES hat zwar eine Handlung,
diese erklärt aber im Grunde NICHT, was
für eine Art von Geschichte du
da gerade siehst.
Am Schönsten finde ich die
plastische Art und Weise, wie sich eine
Situation in der Wirklichkeit im Leben
Philippes ganz unmerklich in einen Tagtraum
verwandelt, in dem mehr und mehr absurde
Dinge geschehen, wie sich zum Beispiel eine
nächtliche Wanderung durch eine
Schneelandschaft in einen Spaziergang auf
dem Mond verwandelt, oder auch Philippes
unerwartete Schwerelosigkeit in einer
Wartehalle des Moskauer Flughafens. Die
Sehnsucht nach dem Zustand des Raumfahrers,
fern der Wirklichkeit, wird für den
Zuschauer nicht nur begreifbar, sondern auch
verführerisch.
So läuft hier nicht nur ein
Film über die Suche eines Individuums
nach der Antwort auf die Frage, ob wir die
Einzigen im All sind, sondern auch ein
Film, der sich mit der Rechtschaffenheit von
Selbstverliebtheit beschäftigt:
Philippe kann in seinen Traumwelten bleiben,
ohne daß es schlimm ist oder
unmoralisch. Man kann die „unmoralische“
Grundaussage genießen, daß das
Leben und der Film mit Moral nichts zu tun
hat ... Keine richtigen Freunde zu haben und
es in dieser Welt zu „nichts“ gebracht zu
haben, macht das Leben nicht weniger
schön, wenn man genug Phantasie hat.
Der Drang, weiter zu forschen, führt
uns am Ende zu uns selber.
