Ferien vom sokratischen Ich

- Eine cineastische Odyssee durch die queere Berlinale,
auch erschienen in GIGI - Zeitschrift für sexuelle Emanzipation, Ausgabe März/April 2007 -



 
 
 
 

Um das Leben zu erfahren und neue Einsichten zu gewinnen, lese ich Bücher und gehe ins Kino – welch schöner Widerspruch. Vor allem auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin erlebe ich einmal pro Jahr einen cineastischen Rausch, um neue Spürungen, Lebenswelten und Perspektiven für mich zu entdecken (quasi jedes Jahr ein neues Motto pro Tag, um meine Probleme zu bewältigen). Einsichten in das menschliche Leben als wesentliche Aufgabe zu sehen, ist zu einem verinnerlichten Wesenszug meiner selbst geworden – Antworten finden sich nie, nur neue Fragen, und die sind viel schöner.

In diesem Jahr jedoch sind die Fragen nur von mittelmäßiger Qualität - die Berlinale hat sich zähflüssig in die Länge gezogen, zwar mit durchaus guten Produktionen, selbst einigen Perlen, es fehlten aber die sensationellen Ausnahmen. Trotzdem drängen sich zu einzelnen Produktionen mir einige Anmerkungen auf.

 
 

Wettbewerb:

Gefallen hat mir „Les Témoins“ (Die Zeugen), ein wunderschönes Melodrama von André Téchiné. Der lebensfrohe junge Manu (Johan Libereau) kommt nach Marseille, bringt dort das Leben einiger Menschen durcheinander, bekommt zum Schluß AIDS und stirbt. Das geht einem so nahe, daß man Adrien (Michel Blanc), dem schwulen Mediziner und väterlichen Freund Manus, beinahe wünscht, es gelänge ihm doch noch rechtzeitig, ein Gegenmittel gegen den scheinbar unbesiegbaren Virus zu finden (die Geschichte spielt im Jahre 1984) ... Der Polizist Mehdi (Sami Bouajila), Manus Geliebter, bleibt vom Virus verschont, bleibt auf seinem Hardlinerkurs und setzt seine Razzien im Rotlichtviertel fort. Mehdis Frau Sarah (Emmanuelle Béart) ist zwar eine schlechte Mutter, überwindet aber nach Manus Tod ihre Schreibblockade, als sie beginnt, die Geschichte über sein Leben zu schreiben. Die Figuren sind gut gezeichnet, das Beziehungsgeflecht ist verworren. Dazu wird die Erinnerung an den schrecklichen Schock, als AIDS auftauchte und alles veränderte, auf fast schmerzvolle Weise wieder lebendig.

Das psychologische Drama „Notes On A Scandal“ von Richard Eyre ist eine bitterböse Angelegenheit. Barbara (Oscar-Preisträgerin Judi Dench) ist eine alternde, frustrierte, lesbische Lehrerin. Sie verliebt sich in die neue Kollegin Sheba (Cate Blanchett) und unternimmt zarte Annäherungsversuche. Als sie entdeckt, daß Sheba eine Affäre mit dem 15-jährigen Schüler Steven (Andrew Simpson) unterhält, ergreift sie diese Gelegenheit, um Sheba unbarmherzig an sich zu binden. Die geheimen Sehnsüchte der älteren Lehrerin kommen ans Licht, doch auch ihre unerbittliche Herrschsüchtigkeit, die mit Liebe nichts zu tun hat. Dazu kommt noch die Darstellung einer hassenswerten Realität. Brutal und schonungslos zerstört die Gesellschaft, insbesondere die britische Boulevardpresse, das Leben von Sheba, als Barbara ihre Beziehung zu Steven publik macht. Es ist wohl etwas sehr Gutes an diesem gesellschaftskritischen Drama, wenn es mir so dermaßen gegen den Strich geht. Und Judi Dench kann einfach nicht anders als exzellent spielen. Mittelmäßig ist lediglich der unoriginelle Klangteppich von Philip Glass geraten. Der Film erhielt übrigens den „Teddy Ballot Volkswagen Zuschauerpreis“.

 

The Walker – Paul Schrader:

Woody Harrelson spielt die Hauptfigur Carter Page III, einen Begleiter eleganter, aber einsamer Frauen der Washingtoner Oberschicht. Als seine beste Freundin (Kristin Scott Thomas) in einen Mord verwickelt wird, eilt Carter ihr zu Hilfe. Der Freundschaftsdienst bringt eine Lawine von Ereignissen ins Rollen. Carter gerät in ein Netzt aus Intrigen und Verbrechen. In einem Wettlauf gegen die Zeit muß er versuchen, sein Leben und seine Ehre zu retten. Nicht zufällig The Walker an Schraders Klassiker „American Gigolo“ aus dem Jahre 1980. Er zeige einen American Gigolo, der in die Jahre gekommen, so Schrader. The Walker ist gleichzeitig Hommage und Neuinterpretation des berühmten Stoffes .... Eine nette kleine Murder mystery, wie sagt es die legendäre Lauren Bacall in dem Film „One moment, you watch an episode of Murder She Wrote, the next moment you’re in it. Woody Harrelson ist unerwartet charmant als Salonlöwe, seine Freundin Kristin Scott thomas weniger. Moritz Bleibtreu ist ganz nett als sein Geliebter, Willem Dafoe ist fast unwichtig. Die Lösung ist egal, aber die Femme fatale fällt diesmal aus, na wenigstens etwas, oder wär’s nicht doch packender, der Geliebte Moritz wäre irgendwann später ermordet worden und Kristin wäre die Böse gewesen ?

 
 
 

Panorama:

Mit „Spider Lilies“ von Zero Cho erleben wir ein erotisches Mysterienspiel aus Taiwan um doppelte oder geheime Identitäten, Tätowierungen bekommen magische Bedeutungen, dazu kommt die Schattenwelt des Internets. Vor ihrer Webcam zeigt sich das Mädchen Jade mit grüner Perücke in verzückenden Posen und verspricht ihren Chat-Partnern erotische Erlebnisse, für sie noch ein unschuldiges Spiel. Als sie die Tattoo-Künstlerin Takeko trifft, eröffnet sich ihr eine neue Welt. Doch Takekos Tattoo sind die Spinnenlilien (Lycoris aurea), die den Weg in die Hölle weisen. Wie sich die beiden Mädchen aus dem Sog des unsäglichen Aberglaubens befreien und zueinander finden, sieht schön aus, doch die mit abstrusen Nebensträngen vermengte Handlung insgesamt ist viel zu maniriert.  Trotzdem erhielt dieser Film den Teddy-Award für den besten Spielfilm.

In „Ferfiakt – Men In The Nude“ (Ungarn) zeichnet Károly Esztergalyos ein generationsübergreifendes Bild des bürgerlichen Mitteleuropas. Das ereignisarme Leben von Tibor, einem erfolgreichen Schriftsteller, gerät in Unordnung, als Zsolt, ein junger Bewunderer, in sein Leben tritt. Die ersten zwei Drittel stellen eine schöne moderne Variante vom „Tod in Venedig“ dar, die sich sehen lassen könnte, jedoch zerfasert im letzten Drittel die Handlung. In der Leere hängen der Schriftsteller, seine Frau, der geliebte Dieb und Kiffer wie auch das ganze Land nach dem Systemwechsel. Zsolt (David Szabó) ist ein hübscher Anblick, aber László Galffi als Tibor trägt den Film mit seiner Ausstrahlung, die gleichzeitig gelassen und energiegeladen wirkt.

„No Regret“ (Korea) von Leesong Hee-Il zeigt uns eine hierzulande nicht verbreitete Geschäftsidee: der hübsche Su-min arbeitet bei einem Fahrdienst für betrunkene Geschäftsleute. Darüber lernt er Jae-min kennen, einen Juniorchef, mit dem er sich auf eine dramatische Liebesbeziehung einläßt. In der schwulen Halbwelt von Seoul herrscht ein rauher aber herzlicher Umgangston, und es zeigen sich auch die Auswirkungen der Klassenunterschiede in der koreanischen Gesellschaft. Fast fühlt man sich an Charaktere aus Romanen von Charles Dickens erinnert. Die Lovestory im modernen Seoul endet mit makabrem Humor: Su-min will seinen Geliebten lebendig begraben, daraus wird aber nichts. Zwischendurch stirbt noch ein schöner Jüngling bei einem Autounfall – das Blut in „No Regret“ ist fast so schön wie in „American Beauty“.

Mit „Itty Bitty Titty Comittee“ (USA) möchte uns Jamie Babbitt eine Antwort auf den Konsumterror und Anpassung liefern: Eine kleine Aktionsgemeinschaft von süß anzusehenden jungen Lesben und Transgender namens „Clits in Action“ (CIA) macht Terror gegen eine Klinik für Schönheitschirurgie, dekoriert Schaufenster radikal um oder führt eine groß angelegte Protestaktion im lokalen TV-Sender durch. Leider ist der Film sehr konventionell in der Machart. Die Regisseurin Jamie Babbitt hielt es für indiziert, daß man der projektierten Zielgruppe junger amerikanischer Mädchen die Idee vom politischen Idealismus und vom Kampf gegen die patriarchalische Gesellschaft nur in der klassischen Erzählform einer klischeehaften Romanze und Eifersuchtsdramen nahebringen könne. Die Musik dazu war nicht schlecht.

Vorurteile und Gegensätze zwischen Berliner Lesben, Schwulen und Transgender behandelte im letzten Jahr der Film „Fucking Different.“ In „Fucking Different New York“ wurde das ganze nun von amerikanischen Filmemachern wie Todd Verow, Barbara Hammer und Abigail Child wiederholt. Ich vermißte allerdings etwas Imagination – selbst in New York, einer angeblich fortschrittlichen Kultur von Welt, gibt es keine gemeinsame Traum- und Erlebenswelt von Schwulen und Lesben, sondern lediglich zwei separatistische Bewegungen innerhalb eines gemeinsamen, von seelenlosem Pragmatismus geprägten Rahmens. Am schönsten war der Kurzfilm von Dan Borden, in dem die Beziehung von Marilyn Monroe und Joan Crawford im Stile eines Kenneth Anger dargestellt wird. Aber auch Sherry Vines Film ist herrlich, der Brad Pitt und Angelina Jolie mit ihrem schullesbischen Coming-Out parodiert.

Andre Schäfer reißt mit „Schau mir in die Augen, Kleiner“ die Filmgeschichte des sogenannten „Queer Cinema“ an – es werden viele kurze Schnipsel und prägnante Aussagen unterschiedlicher Filmemacher, Schauspieler und Experten serviert. Die üblichen Verdächtigen sind unter anderem John Waters, Rosa von Praunheim, Wieland Speck mit all ihrem Wiener Schmäh. Es fehlen jedoch die substantiellen Theoreme und kulturwissenschaftlichen Analysen. Und warum sehen wir so viele belanglose Aufnahmen von Straßenszenen in San Francisco oder Berlin? Die Zeit hätte Schäfer anders nutzen müssen. Tiefstes Mittelmaß, gemessen an „The Celluloid Closet“.

Der amerikanische Dokumentarist Ric E. Burns zeigt sein umfangreiches, vierstündiges Werk über Andy Warhol, in dem zwischendurch auch andere Leute Dennis Hopper, Bob Dylan, Salvador Dali, Edie Sedgwick, Candy Darling und Holly Woodlawn kurz eingeblendet werden, ohne daß sie zu Wort kommen. Vier schöne Stunden, die erste Hälfte behandelt Kindheit, Krankheit, N.Y. und Durchbruch zum erfolgreichen Popart-Künstler. Der zweite Teil behandelt die „Factory“, Warhols Filme, den Fall Valerie Solanas und Andy Warhols Leben nach seinem „ersten“ Tod. .. 1987 bei einer Operation der Gallenblase durch einen Ärztefehler überflüssigerweise ums Leben gekommen, hatte er ein schönes Leben, ein trauriges einsames Leben, menschlich gesehen eine Katastrophe ...

 
 

Forum:

Der Höhepunkt des diesjährigen Festivals war die Aufführung des Stummfilms „Brand Upon The Brain“ des kanadischen Avantgarde-Regisseurs Guy Maddin in der Deutschen Oper Berlin. Der von Kindheitstraumata und Heimweh erzählende Stummfilm wurde nicht nur vom VW-Orchester musikalisch begleitet, sondern auch von drei auf der Bühne agierenden Geräuschemachern live vertont und gesanglich von einem Countertenor begleitet. Als Interlocutus ergänzte Isabella Rossellini die Dialog- und Handlungstexttafeln mit zusätzlichen tiefenpsychologisch wirksamen Kommentaren. Auf einem Leuchtturm auf einer einsamen Insel, der zugleich auch ein Waisenheim ist, verbringt der junge Guy seine Kindheit als Sohn der Heimleiterin und eines gespenstisch wirkenden Erfinders. Die Mutter, eine grauenhafte Figur, hat trotz ihrer Morbidität etwas Sympathisches. Weitere Figuren: ein Geschwisterpaar jugendlicher Detektive, die einem entsetzlichen Geheimnis auf der Spur sind. Es entwickelt sich ein klassisches Liebesdreieck zwischen Guy, seiner Schwester Sis und der jungen Detektivin Wendy, die sich als Junge verkleidet hat, um Sis näherzukommen. Groteske Horrorelemente bilden die Nebenhandlung, wie zum Beispiel die unfaßbaren Experimente des Vaters am Gehirn seiner Tochter oder die schwarzen Messen eines wahnsinnigen Waisenknaben. Der Film dürfte alles andere als autobiographisch sein, obwohl der Konflikt zwischen Mutter und der heranreifenden Schwester auch im wirklichen Leben des jungen Guy Maddin eine skurrile Komponente entstehen ließ ...

Die New Yorker Filmemacherin Esther B. Robinson forschte in ihrem Dokumentarfilm „A Walk Into The Sea: Danny Williams and The Warhol Factory“ nach den Spuren ihres 1966 unter geheimnisvollen Umständen verschwundenen Onkels Danny Williams. Dieser war für eine kurze Zeit der Liebhaber von Andy Warhol, aber auch ein begnadeter Kameramann und innovativer Lichttechniker. Bis zu seinem spurlosen Verschwinden spielte er eine nicht unwesentliche Rolle im Geschehen der Factory, diese wird jedoch von den heute noch lebenden Künstlern und Partizipanten der Factory extrem herabgewürdigt. Die Geschichte ist spannend und fast wie ein richtiger Krimi – viele sind extrem verdächtig, so wie zum Beispiel Paul Morrissey, der ehemalige Manager der Factory. Warhol selber ist die Femme fatale schlechthin. Dieser Film hat, nicht unverdienterweise, den Teddy-Award für den besten Dokumentarfilm erhalten.

Der philippinische Regisseur Aureaus Solito liefert mit „Tuli“ einen zwielichtigen Beitrag: eine junge Frau lebt in einer isoliert lebenden traditionellen Gemeinschaft im Dschungel und entdeckt ihre erwachende Sexualität in der Liebe zu ihrer besten Freundin. Sie verweigert sich der Anpassung an die Normen, will sich nicht gegen ihren Willen verheiraten lassen und kämpft um ihr Recht der sexuellen Selbstbestimmung. Schon Solitos vorheriger Film „The Blossoming of Maximo Oliveros“ war eine nicht geglückte Gratwanderung zwischen der sexuellen Selbstbefreiung eines Jungen in Manila und einer völlig unkritischen Übernahme klischeehafter schwuler Verhaltensnormen. Mit „Tuli“ ist Solito – was wesentlich schlimmer ist - völlig unkritisch gegenüber der Deformation von Spiritualität, wie sie auf den Philippinnen gang und gebe ist, einem synkretistischen Horror aus Christentum und Naturreligion. Ganz unsäglich ist der Schluß: ein hübscher Zauberlehrling, bislang der Ausgestoßene, läßt am Schluß die Beschneidung ebenfalls über sich ergehen, damit er wieder in die Gesellschaft zurückkehren kann und alles gut wird. Noch dazu ist die Filmmusik miserabel wie ein Pianola im Wildwest-saloon. „Tuli“ hat allerdings den Preis des „Network for the Promotion of Asian Cinema“ (NETPAC) gewonnen.

 
 
 

14plus:

Nicht weniger hoch sind die Hürden, die der koreanische Teenager Don-Gu zu überwinden hat. Er weiß, daß er im falschen Körper geboren wurde und sieht nur im Ringkampf die Chance, fünf Millionen Won für seine Geschlechtsumwandlung aufzutreiben. Erstmalig in der koreanischen Filmgeschichte wird dieses Thema in Cheonajangsa madonna (Like A Virgin) aufgegriffen, mit dem das erfolgreiche Drehbuchautorenteam Lee-hae-Young und Lee hae-Jun sein Regiedebüt präsentiert. Ach ja, der kleine Oh Dong-Gu und seine Madonnamanie beim Ringkampf (Sssireum) ... Seine Tanzeinlagen sind ganz nett, alles in allem hätte der Film etwas frecher sein können, vor allem die Schlußnummer ist völlig überflüssig. Für 14Plus-Verhältnisse keine so schlechte Aussage: ein Junge, der schon weiß, daß er eines Tages ein Mädchen sein wird.

 
 
 

Retrospektive:

Vor fast hundert Jahren veränderte sich die Gesellschaft, als Frauen anfingen, zu arbeiten, kurze Frisuren zu tragen, selbstbewußt aufzutreten und Politik zu machen. In der großen Stadt konnten sie unabhängig sein und ihre Vorstellungen vom Leben verwirklichen. Die Retrospektive „City Girls – Frauenbilder im Stummfilm“ reflektiert die Darstellung der „Neuen Frau“, so zum Beispiel in „Love ‘em and leave ‘em“ mit der legendären Louise Brooks. Eine Kaufhausgeschichte über zwei Schwestern, die eine ist gut, die andere ist schlecht, aber anstatt ins Moralische abzudriften, erhält der Film trotz Krimi- und Action-Elementen eine komödiantische Komponente, und die kesse Janie (Louise Brooks) „lernt ihre Lektion“ nicht, zum Glück, sondern sie bekommt am Schluß den reichen Kaufhausbesitzer!

In einem Spezialevent zeigte die Retrospektive eine dezent restaurierte Fassung des seltsamen Films HAMLET aus dem Jahre 1920 mit Asta Nielsen in der Hauptrolle. Die kürzlich entdeckte viragierte Fassung wurde mit einem neuen bombastischen Soundtrack versehen, der die Bilder fast erschlägt. Eine ungewöhnliche Variante der Legende: Hamlet war in Wirklichkeit eine Frau, die sich als Mann ausgeben mußte. Asta Nielsen überzeugt als androgyner Gothic Youth, auch die düstere Schminke ist apart. Da der Prinz von Dänemark eine Frau ist, die aber die Rolle eines Mannes spielen muß, erlebe ich ein raffiniertes Doppelspiel der Sinne mit lesbischen und schwulen Untertönen zwischen Hamlet und Ophelia wie auch zwischen Hamlet und seiner (ihrer) eigentlichen Liebe, dem treuen Freund Horatio ...

 
 

Zwei zusätzliche Vermerke:

1.

Auf der Berlinale gibt es wie bei jedem großen Filmfestival eine Menge Filme zu sehen, die man nur ein einziges Mal in seinem Leben sehen kann. Zum einen, weil sich in Deutschland kein Verleih finden wird für unkonventionelle Werke der Filmkunst oder kommerziell unwahrscheinlichen Erfolg, zum anderen, weil man nicht in alle Länder der Welt reisen kann, um sich diesen oder jenen ungarischen oder taiwanesischen oder afrikanischen Film anzusehen. Ein solches Filmfestival stellt also eine Reise um die ganze Welt dar.

Viele Filme, die ich gesehen habe, sind keine außerordentlichen Leistungen auf dem Gebiet der Filmkunst, dennoch gab es viele schöne Momente und Szenen oder formale Gestaltungsmomente, die mich berührten oder bewegten – ganz abseits vom großen Kino oder bedeutender Kunst. Hier sind zumindest zwei Perlen, die ich – zumindest für den Augenblick noch - vor dem drohenden Vergessen retten möchte:

Auf der gleichnamigen Kurzgeschichte der japanischen Autorin Taira Azuko basiert der dritte Film des Koreaners Lee Yoon-Ki, Ad Lib Night, welcher in der Sektion FORUM DES JUNGEN FILMS gezeigt wurde: Eine junge Frau wird in Seoul von zwei fremden Männern angesprochen. Obwohl es sich anscheinend um eine Verwechslung handelt, willigt sie ein, die beiden für eine Nacht in ihr Dorf zu begleiten und sich am und sich am Sterbebett eines Mannes als dessen Tochter auszugeben. Wie schon in This Charming Girl (den das Forum vor zwei Jahren gezeigt hat, gelingt es Lee durch die Reduktion auf das Wesentliche, seiner Hauptfigur nahezukommen, ohne ihr Geheimnis zu zerstören.

Ich finde es interessant, daß die junge Frau ihre Aufgabe nicht nur als eine Art „Schauspiel“ sieht, sondern daß sie auch als Stellvertreterin für die Seele der verschollenen Tochter agiert. Diese junge Frau – man überlegt des öfteren, ob sie nicht doch die Tochter ist, allerdings sprechen die Zeichen eher dagegen – füllt den leeren Platz mit Seele. Daß der alte Mann zum letzten Mal in seinem Leben erwacht, als sie ihn berührt, deutet darauf hin, wie gut sie allem entspricht, wonach die Situation verlangt. Düstere Farben und Bilder sind elegant komponiert, sehr schön auch ist auch die Filmmusik. Es gibt nur an drei entscheidenden Stellen der Handlung Musik, und diese Musik ist dafür umso effektiver als vergleichsweise ein Zwei-Stunden-Klangteppich à la Philip Glass. AD LIB NIGHT ist ein sinnlicher wie spiritueller, ein tragischer wie komischer Film.

 
 

2.

Ein weiterer Film aus der Sektion FORUM, den ich vor dem Vergessen retten muss, heißt a.k.a. Nikki S. Lee. Hierbei handelt es sich um das selbstironische Portrait der New Yorker Konzeptkünstlerin Nikki Lee auf einer besonderen Reise um die ganze Welt, so zum Beispiel Venedig oder Orte in Deutschland, USA, Mexiko. In filmischen und fotografischen Selbstinszenierungen schlüpft sie ständig in neue Rollen und bringt unseren Glauben an dokumentarische Wahrheiten durch das Spiel mit immer neuen Identitäten ins Wanken. Eigentlich scheint der Film zunächst keine weltbewegende Sache – denn was wäre es schon wert, wenn ein Film die Welt bewegen würde? Wir erleben jedoch schreckliche Momente: eine Mimesis mit amerikanischen Frauen in herrlichen Kleidern (ihren Sammelstücken) und ihren Babys, ein endloser Lauf durch eine riesige Kunstmesse, ein Gespräch mit ihrer Managerin, eine Photosession in teuren Kleidern eines Modehauses in einem eleganten Schloß ... Nikki Lee schmeißt sich voll in die Situationen, die auch trivial sein dürfen ... eines ihrer Zitate: „I like to read, that’s how I communicate with people“ illustriert ihre Fremdheit in der Welt. Die Frage, inwieweit es relevant für das Überleben ist , wann wir wir selbst sind und wann wir eine Rolle spielen, die wir spielen sollen oder wollen (bzw. ob es eine klare Trennlinie dazwischen gibt, eine eindeutige Grenze, oder ob dieser Bereich dazwischen eine Grauzone ist, eine Schnittmenge aus „ICH“ und „gespielter Rolle“ – und ob dieser Bereich vielleicht sogar einen sehr breiten Teil der Mitte des Spektrums einnimmt – und nur ganz weit außen, am Rande finden wir das eigene Selbst auf der einen Seite und die völlige Fremdgesteuertheit auf der anderen Seite), ist vielleicht nur für Künstler von besonderer Bedeutung, die Beschäftigung mit dieser Frage zum zentralen Thema ihrer Kunst gemacht haben, entweder aus Spielerei oder doch aus Notwendigkeit, deren Wurzeln im tiefsten Innern des Selbst gründen? Der gemeine Alltagsmensch hat diese Fragen nicht, es geht ihm erstmal ums Überleben, ums Geldverdienen, was zum Essen haben, ein Dach überm Kopf, eine gesicherte Existenz. „a.k.a. Nikki S. Lee“ ist ein versnobter Film über eine versnobte Künstlerin, die sich allerdings und trotzdem an allem ein Beispiel nimmt. Also das Gegenteil von der trivialen Grundaussage demonstriert, die ein klassisches Lehrstück üblicherweise darstellt, nämlich BE YOURSELF. Und das ist mal eine angenehme Abwechslung.

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Doch plötzlich, wie aus heiterem Himmel, ist die Berlinale vorbei ... Mein Leben hat nichts mehr mit mir selber zu tun – ich fahre ins Büro und mache Ferien vom sokratischen Ich.