DRØMMEN - MAXIMO OLIVEROS - JESTEM
(Drei Filme auf dem Kinderfilmfest 2006)
Ein Junge findet zu sich selbst und wird zum Rebell gegen die Sklaverei.
Ein anderer Junge findet zu sich selbst und seiner erwachenden Homosexualität.
Ein dritter Junge schließlich findet zu sich selbst - und ist einfach er selbst, ganz ohne Extreme.
Anhand von drei sehr unterschiedlichen Filmen läßt sich erkennen: Kinder betreten Neuland. So sie haben es schon immer getan, und sie werden es weiterhin tun.
Wie schon so oft, muß ich wieder einmal feststellen, daß sich die Produktionen, die für die Zielgruppe der Kinder gemacht werden, auf keinem schlechteren Niveau bewegen als die Filme für die sogenannten "Erwachsenen". Die Cineasten, die während der Berlinale vor allem ins Forum oder ins Panorama strömen, scheinen ja der Ansicht zu sein, sie könnten sich nur dort den inhaltlich und formal anspruchsvollsten Werken von Filmkünstlern aus aller Welt hingeben - auf dem Kinderfilmfest hingegen würden sie ja lediglich ganz einfache Geschichten in konventioneller Manier geboten bekommen, die leichte Unterhaltung sind oder im besten Falle höchstens einen "moralischen" oder "pädagogischen" Anspruch haben. Dabei vergißt der Cineast oft, daß jeder Film für jeden Zuschauer seinen pädagogischen Zeigefinger hat, egal ob Wettbewerb, Panorama, Forum, Retrospektive, 14 Plus oder Kinderfilmfest wie alt oder jung der Zuschauer ist.
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Eine Geschichte, die sich in den sechziger Jahren in Dänemark tatsächlich zugetragen hat: Aus einer Schallplatte mit den Reden von Martin Luther King schöpft ein Junge soviel Kraft, daß er sich auflehnen kann gegen den tyrannischen Schuldirektor, der die Schüler verprügelt. "I have a dream" - Dream heißt "Drømmen" auf dänisch, und dies ist auch der Titel des Films.
Dänemark 1969. Es ist eine Zeit der großen Umbrüche, das bekommt auch Frits mit. Er ist 13 Jahre alt und leidet unter dem tyrannischen Schuldirektor, der sich weigert, die sich anbahnenden Veränderungen überhaupt wahrzunehmen. Dann kauft seine Mutter den ersten Fernseher der Kleinfamilie und die neue Zeit hält Einzug. Die ganzen Sommerferien hindurch sieht Frits, was die Flimmerkiste hergibt. Besonders angetan haben es ihm dabei die Nachrichten aus den USA: das „I have a Dream“ von Martin Luther King und sein Traum von einer besseren Welt ohne Unterdrückung und Rassendiskriminierung genauso wie die Demonstrationen in den Großstädten. Der Keim der Rebellion ist gesät, jetzt müssen die Ferien nur noch zu Ende gehen, damit den neu entdeckten Ideen Taten folgen können. Als der Schuldirektor Frits wieder besonders brutal bestraft und ihm dabei sein Ohr halb abreißt, ist es so weit. Der 13-Jährige nimmt den Kampf mit der Autorität auf. Auch sein Vater setzt sich für ihn ein und verlangt nach Gerechtigkeit. Im folgenden erleben wir ein Wechselbad der Gefühle. Seine Mutter, die als Krankenschwester in der Schule arbeitet, wird entlassen, weil sie sich ebenfalls gegen den Schuldirektor wendet.
Der Direktor lügt vor dem Untersuchungsausschuß und erklärt, nicht er habe Frits so zugerichtet sondern sein psychisch labiler Vater. Der neue Musiklehrer, der sich zunächst progressiv zeigt und gegen den Strom schwimmt, unterstützt Frits bei seinen Anstrengungen, doch als ihn die Schulleitung unter Druck setzt, versagt er jämmerlich, doch Frits läßt sich davon nicht einschüchtern. Bis zum Schluß wehrt er sich. Als er den Direktor vor der ganzen Klasse einen Lügner nennt, verliert dieser die Beherrschung und schlägt immer wieder auf Frits ein, bis er einen Herzinfarkt erleidet. Als zum Schluß des Films bekanntgegeben wird, daß der Direktor der Schule gestorben ist, jubeln alle Kinder und man sieht ihnen an, daß es sich um eine ehrliche Freude handelt, da die furchtbaren Qualen, die sie alle an dieser Schule unter seiner Diktatur und Gewaltherrschaft erleiden mußten, endlich vorbei sind.
Der Regisseur Niels Arden Oplev sagt: „Es ist fantastisch, wenn es einem möglich ist, das Universum des Jahres 1969 wiederzuerwecken, das so eng mit der jüngsten Vergangenheit verbunden ist. Ich habe immer gewusst, dass DRØMMEN für mich ein wichtiger Film werden wird, vielleicht der wichtigste. Man kann ihn einen persönlichen Film nennen. Zwar sind die anderen Filme nicht unpersönlich, aber DRØMMEN ist stark von meinen eigenen Erinnerungen an diese Zeit geprägt.“
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Der zweite Film führt uns in die harte von Gewalt und Korruption beherrschte Gegenwart Manilas:
MAXIMO OLIVEROS BLÜHT AUFDer Müll schwimmt auf dem Fluß, doch der 12-jährige Maxi hebt eine Orchideenblüte vom Boden auf und steckt sie sich hinters Ohr. Seine Familie ist arm. Für seine kleinkriminellen Angehörigen räumt er das Haus auf, kocht, wäscht, flickt die zerfetzten Jeans und beschafft notfalls das nötige Alibi, um Geschwister oder den Vater vor der Verhaftung zu bewahren. Dass Maxi schon mit zwölf Jahren eine perfekte kleine Tunte ist, wird von seinen Brüdern und seinem Vater akzeptiert (Zitat u.a.: "Was habe ich doch für eine schöne Schwester!"). Seine feminine Art, sich zu bewegen, die nicht gerade natürlich wirkt, hat er sicherlich von Frauen oder anderen Homosexuellen oder im Fernsehen abgeschaut. Trotzdem geliebt und beschützt von den Verwandten, ist er so etwas wie der ruhende Pol der Familie. Für das Familienleben ist er verantwortlich. Das geht so lange gut, bis Maximo sich mit Victor anfreundet. Der allseits geachtete, prinzipientreue Polizist weckt in Maxi die Hoffnung auf ein besseres, nicht kriminelles Leben. Damit ist der Streit mit seiner Familie vorprogrammiert und der Zorn des Vaters und der Geschwister ist geweckt.
Der Polizist merkt auch, daß Maximo in ihn verliebt ist, womit er weniger Probleme hat als mit der Tatsache, daß dessen Brüder und sein Vater in kriminellen Aktivitäten verstrickt sind. Er möchte gerne, daß der Junge ehrlich lebt und zur Schule geht. Leider entwickeln sich die Geschehnisse tragisch, die Freundschaft zwischen Viktor und Maximo hat keine Zukunft. Dennoch kann Maximo erreichen, daß seine Brüder ihm zuliebe ein ehrliches Leben führen wollen. Am Ende des Films zieht Maximo wieder seine Schuluniform an und läuft, wie ein ganz normaler Junge, wieder zur Schule. Damit der Polizist, der ihm dabei zusieht, stolz auf ihn sein kann.
Auraeus Solito hat den Film in nur 13 Tagen gedreht, die Szenen sind teilweise in einem dokumentarisch wirkenden Handkamarastil gedreht, teilweise in sehr schönen klassisch-ruhigen Einstellungen. Der Regisseur erklärt: „Vor knapp sieben Jahren habe ich auf der Insel Palawan im Süden der Philippinen meine eigenen Wurzeln als Teil der Ureinwohner wiederentdeckt: In den Seen zu schwimmen, bei Vollmond zu wandern, das Leben unserer gefährdeten Menschheit festzuhalten und nach einem längst rgangenen heiligen Ritual der Wahrheit zu tanzen … Nach meiner Rückkehr in das moderne Manila, wo ich aufgewachsen bin, begann ich diesen Film zu drehen. Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, verstand ich jetzt wesentlich besser. Die Aufmerksamkeit, die dieser Film weckt, wird die digitale Filmszene der Philippinen beflügeln. Die digitale Revolution nivelliert den Unterschied zwischen Dritter und Erster Welt. Wenn wir auch arm sind, so haben wir doch Fantasie.“
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In dem Film JESTEM schließlich sehen wir eine besondere Geschichte in den warmen und kühlen Farben des Herbstes in einer heruntergekommenen Kleinstadt Polens - auch diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Regisseurin Dorota Kedzierzawska erzählt die Geschichte eines elfjährigen Ausreißers. Nachdem er von seiner Mutter abgewiesen wurde, mit der er erhofft hatte zusammenzuleben, ist Kundel jetzt ganz auf sich gestellt. Er beklagt sich nicht und gibt auch niemandem die Schuld an seiner verzweifelten Lage. Er versucht einzig und allein den Tatsachen ins Auge zu sehen und sein Leben selbst zu organisieren. Je länger er unterwegs ist, desto stärker wird Kundels Traum von einer besseren Welt, in der er leben möchte. Seine Hoffnung, an diesem Leben eines Tages selbst teilhaben zu können, gibt ihm immer wieder die Kraft, die er für seinen Alltag braucht. Kundel kennt kein Selbstmitleid und er bereut auch nichts. Das Einzige, was er weiß ist, dass sein Erwachsenenleben gerade begonnen hat und dass er dieses Leben ganz alleine durchstehen muss. Er ist selbstkritisch und unabhängig und will diese Unabhängigkeit auch verteidigen. Sein Heim findet er in einem alten, schrottreifen Kahn. Und kurz darauf freundet er sich mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft an. Diese Begegnung bedeutet mehr als bloß die Attraktion der ersten Liebe. Für Kundel steht diese Freundschaft für die Erkenntnis, in dieser Welt nicht länger alleine zu sein: Wenn du Glück hast, triffst du Menschen, die dasselbe fühlen wie du, ähnliche Probleme haben und die Dinge genauso sehen. Der Film basiert auf einer authentischen Geschichte, die sich 2002 in Lódz ereignete.
Musik ist für Kundel das Schönste, was es gibt, auch wenn er nur eine alte rostige Spieluhr hat, die ihn an seine frühe Kindheit erinnert. Eine Musik, die er in seinem Kopf hingegen oft hört, können auch wir hören. Für den Soundtrack des Films konnte Michael Nyman gewonnen werden, dessen Filmmusiken zu Peter Greenaway-Filmen, "Das Piano" oder "Gattaca" sicherlich noch vielen im Ohr sind.
Der kleine Piotr Jagielski beeindruckt als Kundel, der sich gegen alle Widerstände behauptet und neue Kraft aus seinem erwachenden Selbstwertgefühl schöpfen kann. "Was willst du eigentlich in dieser Welt?" fragt ihn ein Polizist, als er am Schluß des Films von der Polizei gefangen wurde. "Jestem" antwortet er einfach nur, was auf polnisch heißt: "Ich bin."