Als vor einiger Zeit die beste
Freundin seiner Frau zu Besuch war,
verliebte der Mann sich in deren rote
Damenhandtasche.
Die Handtasche war von einem so
überwältigenden Rot, dass er,
sonst ein ruhiger beherrschter Mann, die
Kontrolle über sich verlor und sie bei
jeder Begegnung einem Stier gleich
überfiel. Er sehnte sich danach, mit
der Handtasche zu schlafen, es wild und
leidenschaftlich mit ihr zu treiben, doch
die Besitzerin hing sehr an ihrer
Handtasche, an ihren zwei geflochtenen
Henkeln, die sich neugierig dem Mann
zuwandten. Die Handtasche war rot wie eine
Tomate, durchtrieben war sie, denn sie trieb
es mit jedem, wenn die Frau sie
unbeaufsichtigt stehen ließ. Die Frau
machte es furchtbar traurig, dass ihre
Handtasche sich von jedem in ihr Inneres
greifen ließ, und deshalb passte sie
gut auf sie auf.
Doch der Mann war in große
unbändige Liebe zu der Handtasche
entbrannt. Die Beziehung zu seiner Frau
beendete er nach drei glücklichen
Jahren. Seine Begründung: Ich habe mich
in eine rote Damenhandtasche verliebt.
Die Handtasche fühlte sich
stark zu ihm hingezogen und wollte nicht bei
ihrer Besitzerin bleiben. Obwohl sie sich
bei ihr wohler gefühlt hatte als bei
der alten Dame, die sie eines Tages lieblos
in einen Second Hand Laden gegeben hatte –
wegen einer arroganten schwarzen
Diorhandtasche. Einer jungen, knackigen,
hübschen Schlampe.
Die in die Jahre gekommene rote
Handtasche hatte traurig auf einem
Wühltisch in der Ecke gelegen, bis die
Frau kam und die beiden sich ineinander
verliebten.
Die Frau füllte sie mit einem
warmen pelzigen Taschenkalender, der sich so
wunderbar anfühlte und mit einem
Kuhfellportemonaie – flauschig und weich –
und einem Gemischtwarenladen aus den
herrlichsten Leckereien, die einen Duft in
ihrem Inneren verströmten, der soviel
angenehmer war als das penetrante Chanel No.
5, das die alte Dame in einem eiskalten
Flacon in sie hineingesteckt hatte.
Die rote Handtasche fühlte
sich wirklich wohl bei ihrer neuen
Besitzerin, doch in ihrem tiefsten Inneren
sehnte sie sich nach Affären, nach
fremden, in ihr wühlenden Händen.
Als der Mann sich in sie
verliebte, vergaß sie die gute
Behandlung durch die Frau und wollte mit ihm
durchbrennen, durch die Straßen von
ihm getragen werden und in einer schicken
Bar neben ihm sitzen, in der sie eine tolle
Figur machte, denn die Sitzbezüge
harmonierten so wunderbar mit ihrem
kunstledernen Rot.
Eines Tages trafen die drei sich
in besagter Bar und die Handtasche und der
Mann flirteten heftig miteinander. Er bat
die Besitzerin um einige Augenblicke allein
mit der Tasche und nun war der Widerstand
der Frau gebrochen. Sie spürte, dass
sie sich nicht zwischen die beiden Liebenden
stellen durfte.
Als der Mann die Tasche in
Händen hielt, strich er erst sanft
über die Strukturen ihrer
Oberfläche, öffnete vorsichtig
ihren Druckverschluss und erkundete sie von
innen. Sein Griff wurde fester und
härter und mitten in der Bar, vor den
Augen der Frau, trieb er harte
Fauststöße in das Futter der
Tasche, die sich stumm unter seinen
Händen wand.
Danach verschloss er sie – ihr
Inhalt war völlig durcheinandergeraten
– überreichte sie der Frau und ging
nach Hause.
Die Frau wollte ihre untreue
Handtasche nicht mehr und brachte sie am
nächsten Tag zurück in den Second
Hand Laden, in dem sie jetzt wieder in einer
Ecke steht und auf die nächste
Käuferin wartet.