ABC DYSKO
REMODULIERT

(Überlegungen  zu dem Buch "bolo'bolo" von p.m. - Version 2006)


 

Die Schwulenbewegung - einstmals eine einheitliche Front gegen Diskriminierung und Ablehnung - läuft auseinander und zerfasert: Politik wird nicht mehr gemeinsam betrieben - denn die großen Probleme scheinen aus der Welt geräumt. Der § 175 ist schon lange abgeschafft, die Kinder und Jugendlichen sind nicht besser dran als vorher, und die Homo-Ehe ist keine Option für progressiv eingestellte Libertins. Vordergründig akzeptiert die Gesellschaft Homosexualität (offenkundige Ablehnung gibt es nur noch am rechten Rand des gesellschaftlichen Spektrums, aber dieser weitet sich ja gerade bekanntlich enorm in die Mitte aus). "Gewalt gegen Schwule in unzivilisierten Ländern zu bekämpfen" ist die aktuelle Chose der "Community", genauso wie der Kampf gegen die "Homophobie der Katholischen Kirche" oder ein "gesetzestechnisches Update der Schwulen Ehe" zu erringen. Ansonsten scheint es aber fast so, als gäben wir uns mit dem Erreichten zufrieden.

Die Schwulenbewegung weiß aber nicht mehr, wohin sie sich grundsätzlich und generell bewegen soll, aber sie will auch nicht damit aufhören, sich weiter zu bewegen. Zufriedenheit? Ankunft am Ende des langen Weges? Nein! Die klassische Schwulenbewegung will dies nicht so sehen und sucht nach Gründen für ihre Weiterexistenz, aber in ihren Reihen herrscht Uneinigkeit darüber, in welche Richtung es weitergehen soll: zur Auswahl steht entweder die Option 'substanzlose Verherrlichung des integrativen Way of Gay and Lesbian Life' oder aber die Option 'the new gay wave of sexual incorrectness" (sprich barebacking)?

Die Frage ist nur: Warum nur diese Orientierungslosigkeit? Worin bestehen die Herausforderungen, die die Bewegungen bekämpfen wollen? Brauchen wir vielleicht völlig andere Wege als den, den die Schwulenbewegung bisher gegangen ist, um die eigentliche Herausforderung überhaupt erst zu erkennen?
 
 
 

Erinnern wir uns doch einmal daran, wie alles anfing, damals vor 20000 Jahren ...
 

... Vor 20000 Jahren führten unsere Vorfahren ein paradiesisches Leben. Um genügend Beeren, Früchte oder Pilze zu sammeln und um ein paar Kaninchen oder Känguruhs zu erjagen, brauchten wir bloß zwei bis drei Stunden pro Tag; ansonsten konnten wir dösen, träumen, baden, tanzen, schmusen (egal mit wem) und Geschichten erzählen. Wir zogen in Horden von etwa 25 Leuten in der Gegend herum, ohne viel Gepäck und ohne Eigentum, ohne Familienbindungen und Chefs, ohne Angst und Religion.

Das hätte prima so weitergehen können, aber es gab einen Ausrutscher. Jemand entdeckte die Landwirtschaft, und wir gaben das Wanderleben auf. Statt mit der Natur lebten wir von ihr. Die Produktivität wurde entdeckt, der Zusammenhang zwischen Arbeit und Umfang der Ernte. Wir verloren das vielfältige Mit- und Durcheinander, es wurde die Unterdrückungspyramide aufgebaut, von oben nach unten Könige-Männer-Frauen-Kinder-Tiere-Pflanzen. Der Fortschritt begann, die ewige Flucht nach vorn, begann, von den alten Zivilisationen bis zur Industriegesellschaft.

Die Staatsgewalt, Kontrolle des Zentrums über die Gesellschaft, war und ist Selbstzweck. Die ganze Gesellschaft, der ganze Planet, wurden zu einer großen Arbeits-Maschine. Einer Kriegsmaschine, die den Kleinkrieg namens "Alltag" und den Großkrieg namens "Krieg" führt. Seit dieser Zeit wird unser Leben von Illusionen bestimmt, von Utopien. Wir sollen mehr und noch mehr arbeiten, damit es uns irgendwann mal wieder besser geht - ein großer Umweg.

Aus dieser Entwicklung entstand die Umleitung unserer Aggressionen: Diese planetare Arbeitsmaschine machte uns glauben, der Grund dafür, daß es uns schlecht geht, sind diverse (eigentlich alle) Minderheiten. Die Menschen sind für alle nationalistischen, rassistischen oder pseudoreligiösen Bewegungen, Pogrome und Kriege zu haben.


Hier liegt der eigentliche, tief verborgene Grund dafür, warum irgendwann einmal der Haß auf Schwule, auf Juden, auf Zigeuner, auf Ausländer entstand. Hier liegt auch der Grund dafür, warum Minderheiten untereinander sich ebenfalls gegenseitig bekriegen, oder aber zumindest sich nicht miteinander befassen.

Die Gesellschaft funktioniert so seit 10000 Jahren, deshalb kann einem der Gedanke kommen, das Problem besteht deshalb, weil jeder Mensch so denkt und seine Einstellung ändern muß. In gewisser Hinsicht stimmt das auch, aber das Mißverständnis liegt darin, daß jeder Mensch mittlerweile perfekt auf dieses und von diesem System konditioniert ist, lange noch, bevor er überhaupt eine Chance hat, es zu merken.
 
 

Eine Lösung des Problems könnte also auch, sehr vereinfacht ausgedrückt, darin bestehen, nicht mehr zu sagen: "Bitte seid nicht mehr intolerant und aggressiv gegen uns Minderheit!", sondern zu sagen: "Deshalb seid ihr intolerant und aggressiv!, und wenn ihr das Spiel nicht mehr mitspielt, kann es auch euch, der Mehrheit, helfen, euer eigentliches Problem zu lösen!"

Bei der Bewältigung der Unterdrückungs-Maschine kann gerade die Schwulenbewegung zum Beispiel eine Vorreiterrolle spielen, ebenso wie andere Minderheiten-Bewegungen. Warum soll das so sein? Was bevorteilt gerade die Schwulen in diesem Kampf?

Um das zu beantworten, muß ich noch einmal etwas weiter ausholen: Diese Unterdrückungs-Maschine arbeitet global, es geht um Geld, um Brennstoffe und Rohmaterial. Noch hält sich die Illusion über die Bedeutung von Nationen oder Blöcken, 1., 2. und 3. Welt, Nord und Süd... Diese Maschine ist dreigeteilt, und zwar auf mehreren Ebenen, die ich vereinfacht darstelle:

A) Das Hirn der Maschine (Planung, Kontrolle, Wissenschaft, Kunst)

B) Produktion (materielle Ausführung von Plänen)

C) Reproduktion (sorgt für Nachschub und Konditionierung von A-,
     B-, und C-Arbeitern)

 

Die zweite Ebene dieser Dreiteilung sind die großen Weltgebiete:

              A) USA, Europa, Japan
              B) Sich industrialisierende, sozialistische Länder
und       C) Unterentwickelte Länder (Dritte Welt) 


 

Auf der dritten Ebene der Unterteilung finden wir die Arbeitertypen:

A) 
der wissenschaftlich-technische Arbeiter, hochqualifiziert, im Durchschnitt männlich und weiß, gut bezahlt und sozial abgesichert

B)
der Industrie-Arbeiter und Angestellte, weiblich oder männlich, unterschiedlich qualifiziert, mittel bis schlecht bezahlt, ethnisch und rassisch gemischt

C)
Gelegenheitsarbeiter, Saisonarbeiter, zwischen Haushalt, Arbeitslosigkeit und Kriminalität hin- und herpendelnde "Halb-Arbeiter-Innen", im Durchschnitt meist farbig und weiblich, ohne Einkommen, oft am Verhungern, in Ghettos und Slums.


Diese drei Typen und Funktionen werden überall gegeneinander ausgespielt, darauf beruht die Kontrolle der Maschine über sie. Die Arbeiter des A-Typs haben einen hohen Lebensstandard, sie haben alle Freiheiten, aber nur, solange sie mitspielen. Wenn sie sich jedoch darüber klar werden, könnten sie ihre Freiheit auch dazu nutzen, einen Ausweg zu suchen, aber eine erfolgreiche Strategie ist nur in Kombination mit den anderen zwei Arbeitertypen möglich.

Den B-Arbeitern werden die Arbeitsplätze und eine staatliche Existenz-Garantie gesichert. Sie spielen das Spiel mit, weil ihnen die Maschine Angst macht, C-Arbeiter könnten ihnen ihre Arbeitsplätze wegnehmen. Ihre Waffe im Kampf gegen die Maschine kann genau aus dem Vorteil entstehen, den die Maschine ihnen bietet, nämlich daß sie nicht viel zu arbeiten brauchen.

Die C-Arbeiter haben keine andere Wahl, als gegen jeden zu kämpfen, um überhaupt zu überleben. Ihr Vorteil ist, daß sie sich von der Maschine noch lösen können, um ihr altes Leben in den traditionellen Gesellschaftsformen zu leben, obwohl diese in Auflösung begriffen sind. Wenn sich nicht alle drei Gruppen zusammentun, hat keine eine Chance.


Hier liegt die Möglichkeit der Schwulenbewegung, die zumindest noch partiell abseits von der Maschine steht, in der sich alle drei Typen begegnen. Wie sich herausgestellt hat, hilft die Realpolitik, zum Beispiel die der Grünen, überhaupt nichts; sie hilft nur dabei, daá Widerstände erkannt und in "konstruktive Beiträge" zur Weiterentwicklung der Maschine umgewandelt werden.

In diesem Zusammenhang ist noch einmal die "integrative Linie" der Schwulenbewegung zu verurteilen. Wenn wir Akzeptanz und Toleranz in einer Gesellschaft erreichen wollen, die uns ablehnt, werden wir irgendwann zu Zombies. Am Ende der "integrativen Linie" werden Schwule und Lesben ein Teil der Maschine sein, sie werden zwar als Schwule oder Lesben nicht mehr abgelehnt oder diskriminiert, aber sie sind noch genauso unglücklich über ihr Leben wie vorher, doch plötzlich weiß keiner mehr, warum, und gegen was mag sich ihre Aggression dann richten. Lieber möchte ich diskriminiert und abgelehnt werden, als so zu leben wie jeder "Normalo" um mich herum. Aber diese Diskriminierung ist dennoch der Punkt, der die Schwulenbewegung in die falsche Richtung gelenkt hat, also bleibt da noch viel zu tun.


Was kann denn eine richtige Richtung sein? Wir haben alle Träume, Wünsche und Vorstellungen. Der normale Hetero (und auch der integrierte Homo) hat den Nachteil, daß die Maschine alles in ihm abtötet durch Übersättigung an Kultur, Moral und Weltuntergangs-Angst. Aber die Maschine kann nicht alles in Waren verwandeln: Religion, Sprache, Natur, mystische und irrationale Erfahrungen, Sexualität. Die transgeniale Subkultur zum Beispiel beruht auf diesem Unvermögen der Maschine.

Nur Teile von ihr haben ein wirtschaftliches Programm, aber hauptsächlich beruht sie auf einer neu belebten Identität. Im Rahmen dieser Bewegung treffen sich Arbeiter aller drei ABC-Funktionen (das geschieht auch in anderen Bewegungen: die schon totgeglaubten Kirchen werden zu Orten des Widerstands, oder Umweltschutzgruppen). Es begegnen sich vereinfacht ausgedrückt, Intellektuelle, Arbeiter und Hausfrauen.

So könnten sie ihre Möglichkeiten miteinander kombinieren, um der Maschine Schaden zuzufügen, und zwar durch Substruktion, einen Prozeß, der Zersetzung von innen heraus mit konstruktiven Elementen kombiniert (, sei es durch Arbeitszeitdiebstahl, Sabotage, Krawalle, Besetzungen, Missmanagement, Schildkrötenstreiks wie in Polen oder vieles andere), während wir uns Gedanken machen über das Leben, wie wir es eigentlich führen wollen, und zwar nicht als Schwule, sondern als Menschen, denn unser Problem ist das Problem eines jeden Menschen auf dieser Erde.


Im Augenblick hat die Maschine die Gefahren noch nicht erkannt, die ihr durch Substruktion drohen. Um die obige Frage zu beantworten, der Rückfall ist eher daher entstanden, daß Teile der Maschine noch nach dem alten Feindschafts-Prinzip arbeiten und noch nicht so weit sind wie die raffinierteren Initiatoren der "integrativen Linie".

Auf die Schwulen- und Lesbenbewegung wartet, wenn wir die Probleme erkennen wollen, ein wesentlich längerer Weg als der der "integrativen Linie", ein Weg voller Entbehrungen. Dieser Weg beinhaltet irgendwann auch gemeinsame Substruktion im planetaren Maßstab durch die drei Weltgebiete. Am Schluß dieser Bewegung steht eine neue Gesellschaftsform, in der die Menschen wieder miteinander leben, in direkten sozialen Lebenszusammenhängen, so wie es ihrem innersten Wesen entspricht. Ein System, das schwierig zu erreichen sein wird. Aber der unbequeme Weg dorthin ist dennoch die einzige Möglichkeit, die Lage noch für jeden auf dieser Welt zu retten.

 
 



 
 
 
 
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Stand: 21. April 2006