Die Schwulenbewegung - einstmals
eine einheitliche Front gegen
Diskriminierung und Ablehnung - läuft
auseinander und zerfasert: Politik wird
nicht mehr gemeinsam betrieben - denn die
großen Probleme scheinen aus der Welt
geräumt. Der § 175 ist schon lange
abgeschafft, die Kinder und Jugendlichen
sind nicht besser dran als vorher, und die
Homo-Ehe ist keine Option für
progressiv eingestellte Libertins.
Vordergründig akzeptiert die
Gesellschaft Homosexualität
(offenkundige Ablehnung gibt es nur noch am
rechten Rand des gesellschaftlichen
Spektrums, aber dieser weitet sich ja gerade
bekanntlich enorm in die Mitte aus). "Gewalt
gegen Schwule in unzivilisierten
Ländern zu bekämpfen" ist
die aktuelle Chose der "Community",
genauso wie der Kampf gegen die "Homophobie
der Katholischen Kirche" oder ein "gesetzestechnisches
Update der Schwulen Ehe" zu erringen.
Ansonsten scheint es aber fast so, als
gäben wir uns mit dem Erreichten
zufrieden.
Die Schwulenbewegung weiß
aber nicht mehr, wohin sie sich grundsätzlich
und generell bewegen soll, aber sie
will auch nicht damit aufhören, sich
weiter zu bewegen. Zufriedenheit? Ankunft am
Ende des langen Weges? Nein! Die klassische
Schwulenbewegung will dies nicht so sehen
und sucht nach Gründen für ihre
Weiterexistenz, aber in ihren Reihen
herrscht Uneinigkeit darüber, in welche
Richtung es weitergehen soll: zur Auswahl
steht entweder die Option 'substanzlose
Verherrlichung des integrativen Way of Gay
and Lesbian Life' oder aber die Option
'the new gay wave of sexual incorrectness"
(sprich barebacking)?
Die Frage ist nur: Warum nur diese
Orientierungslosigkeit? Worin bestehen die
Herausforderungen, die die Bewegungen
bekämpfen wollen? Brauchen wir
vielleicht völlig andere Wege als den,
den die Schwulenbewegung bisher gegangen
ist, um die eigentliche Herausforderung
überhaupt erst zu erkennen?
Erinnern wir uns doch einmal
daran, wie alles anfing, damals vor 20000
Jahren ...
... Vor 20000 Jahren führten
unsere Vorfahren ein paradiesisches Leben.
Um genügend Beeren, Früchte oder
Pilze zu sammeln und um ein paar Kaninchen
oder Känguruhs zu erjagen, brauchten
wir bloß zwei bis drei Stunden pro
Tag; ansonsten konnten wir dösen,
träumen, baden, tanzen, schmusen (egal
mit wem) und Geschichten erzählen. Wir
zogen in Horden von etwa 25 Leuten in der
Gegend herum, ohne viel Gepäck und ohne
Eigentum, ohne Familienbindungen und Chefs,
ohne Angst und Religion.
Das hätte prima so
weitergehen können, aber es gab einen
Ausrutscher. Jemand entdeckte die
Landwirtschaft, und wir gaben das
Wanderleben auf. Statt mit der Natur lebten
wir von ihr. Die Produktivität wurde
entdeckt, der Zusammenhang zwischen Arbeit
und Umfang der Ernte. Wir verloren das
vielfältige Mit- und Durcheinander, es
wurde die Unterdrückungspyramide
aufgebaut, von oben nach unten
Könige-Männer-Frauen-Kinder-Tiere-Pflanzen.
Der Fortschritt begann, die ewige Flucht
nach vorn, begann, von den alten
Zivilisationen bis zur
Industriegesellschaft.
Die Staatsgewalt, Kontrolle des
Zentrums über die Gesellschaft, war und
ist Selbstzweck. Die ganze Gesellschaft, der
ganze Planet, wurden zu einer großen
Arbeits-Maschine. Einer Kriegsmaschine, die
den Kleinkrieg namens "Alltag" und den
Großkrieg namens "Krieg" führt.
Seit dieser Zeit wird unser Leben von
Illusionen bestimmt, von Utopien. Wir sollen
mehr und noch mehr arbeiten, damit es uns
irgendwann mal wieder besser geht - ein
großer Umweg.
Aus dieser Entwicklung entstand
die Umleitung unserer Aggressionen: Diese
planetare Arbeitsmaschine machte uns
glauben, der Grund dafür, daß es
uns schlecht geht, sind diverse (eigentlich
alle) Minderheiten. Die Menschen sind
für alle nationalistischen,
rassistischen oder pseudoreligiösen
Bewegungen, Pogrome und Kriege zu haben.
Hier liegt der eigentliche, tief
verborgene Grund dafür, warum
irgendwann einmal der Haß auf Schwule,
auf Juden, auf Zigeuner, auf Ausländer
entstand. Hier liegt auch der Grund
dafür, warum Minderheiten untereinander
sich ebenfalls gegenseitig bekriegen, oder
aber zumindest sich nicht miteinander
befassen.
Die Gesellschaft funktioniert so
seit 10000 Jahren, deshalb kann einem der
Gedanke kommen, das Problem besteht deshalb,
weil jeder Mensch so denkt und seine
Einstellung ändern muß. In
gewisser Hinsicht stimmt das auch, aber das
Mißverständnis liegt darin,
daß jeder Mensch mittlerweile perfekt
auf dieses und von diesem System
konditioniert ist, lange noch, bevor er
überhaupt eine Chance hat, es zu
merken.
Eine Lösung des Problems
könnte also auch, sehr vereinfacht
ausgedrückt, darin bestehen, nicht mehr
zu sagen: "Bitte seid nicht mehr intolerant
und aggressiv gegen uns Minderheit!",
sondern zu sagen: "Deshalb seid ihr
intolerant und aggressiv!, und wenn ihr das
Spiel nicht mehr mitspielt, kann es auch
euch, der Mehrheit, helfen, euer
eigentliches Problem zu lösen!"
Bei der Bewältigung der
Unterdrückungs-Maschine kann gerade die
Schwulenbewegung zum Beispiel eine
Vorreiterrolle spielen, ebenso wie andere
Minderheiten-Bewegungen. Warum soll das so
sein? Was bevorteilt gerade die Schwulen in
diesem Kampf?
Um das zu beantworten, muß
ich noch einmal etwas weiter ausholen: Diese
Unterdrückungs-Maschine arbeitet
global, es geht um Geld, um Brennstoffe und
Rohmaterial. Noch hält sich die
Illusion über die Bedeutung von
Nationen oder Blöcken, 1., 2. und 3.
Welt, Nord und Süd... Diese Maschine
ist dreigeteilt, und zwar auf mehreren
Ebenen, die ich vereinfacht darstelle:
A) Das Hirn der Maschine (Planung,
Kontrolle, Wissenschaft, Kunst)
B) Produktion (materielle
Ausführung von Plänen)
C) Reproduktion (sorgt für
Nachschub und Konditionierung von A-,
B-, und
C-Arbeitern)
Die zweite Ebene dieser
Dreiteilung sind die großen
Weltgebiete:
A)
USA, Europa, Japan
B)
Sich industrialisierende, sozialistische
Länder
und
C)
Unterentwickelte Länder (Dritte Welt)
Auf der dritten Ebene der
Unterteilung finden wir die Arbeitertypen:
A)
der wissenschaftlich-technische
Arbeiter, hochqualifiziert, im Durchschnitt
männlich und weiß, gut bezahlt
und sozial abgesichert
B)
der Industrie-Arbeiter und
Angestellte, weiblich oder männlich,
unterschiedlich qualifiziert, mittel bis
schlecht bezahlt, ethnisch und rassisch
gemischt
C)
Gelegenheitsarbeiter,
Saisonarbeiter, zwischen Haushalt,
Arbeitslosigkeit und Kriminalität hin-
und herpendelnde "Halb-Arbeiter-Innen", im
Durchschnitt meist farbig und weiblich, ohne
Einkommen, oft am Verhungern, in Ghettos und
Slums.
Diese drei Typen und Funktionen
werden überall gegeneinander
ausgespielt, darauf beruht die Kontrolle der
Maschine über sie. Die Arbeiter des
A-Typs haben einen hohen Lebensstandard, sie
haben alle Freiheiten, aber nur, solange sie
mitspielen. Wenn sie sich jedoch
darüber klar werden, könnten sie
ihre Freiheit auch dazu nutzen, einen Ausweg
zu suchen, aber eine erfolgreiche Strategie
ist nur in Kombination mit den anderen zwei
Arbeitertypen möglich.
Den B-Arbeitern werden die
Arbeitsplätze und eine staatliche
Existenz-Garantie gesichert. Sie spielen das
Spiel mit, weil ihnen die Maschine Angst
macht, C-Arbeiter könnten ihnen ihre
Arbeitsplätze wegnehmen. Ihre Waffe im
Kampf gegen die Maschine kann genau aus dem
Vorteil entstehen, den die Maschine ihnen
bietet, nämlich daß sie nicht
viel zu arbeiten brauchen.
Die C-Arbeiter haben keine andere
Wahl, als gegen jeden zu kämpfen, um
überhaupt zu überleben. Ihr
Vorteil ist, daß sie sich von der
Maschine noch lösen können, um ihr
altes Leben in den traditionellen
Gesellschaftsformen zu leben, obwohl diese
in Auflösung begriffen sind. Wenn sich
nicht alle drei Gruppen zusammentun, hat
keine eine Chance.
Hier liegt die Möglichkeit
der Schwulenbewegung, die zumindest noch
partiell abseits von der Maschine steht, in
der sich alle drei Typen begegnen. Wie sich
herausgestellt hat, hilft die Realpolitik,
zum Beispiel die der Grünen,
überhaupt nichts; sie hilft nur dabei,
daá Widerstände erkannt und in
"konstruktive Beiträge" zur
Weiterentwicklung der Maschine umgewandelt
werden.
In diesem Zusammenhang ist noch
einmal die "integrative Linie" der
Schwulenbewegung zu verurteilen. Wenn wir
Akzeptanz und Toleranz in einer Gesellschaft
erreichen wollen, die uns ablehnt, werden
wir irgendwann zu Zombies. Am Ende der
"integrativen Linie" werden Schwule und
Lesben ein Teil der Maschine sein, sie
werden zwar als Schwule oder Lesben nicht
mehr abgelehnt oder diskriminiert, aber sie
sind noch genauso unglücklich über
ihr Leben wie vorher, doch plötzlich
weiß keiner mehr, warum, und gegen was
mag sich ihre Aggression dann richten.
Lieber möchte ich diskriminiert und
abgelehnt werden, als so zu leben wie jeder
"Normalo" um mich herum. Aber diese
Diskriminierung ist dennoch der Punkt, der
die Schwulenbewegung in die falsche Richtung
gelenkt hat, also bleibt da noch viel zu
tun.
Was kann denn eine richtige
Richtung sein? Wir haben alle Träume,
Wünsche und Vorstellungen. Der normale
Hetero (und auch der integrierte Homo) hat
den Nachteil, daß die Maschine alles
in ihm abtötet durch
Übersättigung an Kultur, Moral und
Weltuntergangs-Angst. Aber die Maschine kann
nicht alles in Waren verwandeln: Religion,
Sprache, Natur, mystische und irrationale
Erfahrungen, Sexualität. Die
transgeniale Subkultur zum Beispiel beruht
auf diesem Unvermögen der Maschine.
Nur Teile von ihr haben ein
wirtschaftliches Programm, aber
hauptsächlich beruht sie auf einer neu
belebten Identität. Im Rahmen dieser
Bewegung treffen sich Arbeiter aller drei
ABC-Funktionen (das geschieht auch in
anderen Bewegungen: die schon totgeglaubten
Kirchen werden zu Orten des Widerstands,
oder Umweltschutzgruppen). Es begegnen sich
vereinfacht ausgedrückt,
Intellektuelle, Arbeiter und Hausfrauen.
So könnten sie ihre
Möglichkeiten miteinander kombinieren,
um der Maschine Schaden zuzufügen, und
zwar durch Substruktion, einen Prozeß,
der Zersetzung von innen heraus mit
konstruktiven Elementen kombiniert (, sei es
durch Arbeitszeitdiebstahl, Sabotage,
Krawalle, Besetzungen, Missmanagement,
Schildkrötenstreiks wie in Polen oder
vieles andere), während wir uns
Gedanken machen über das Leben, wie wir
es eigentlich führen wollen, und zwar
nicht als Schwule, sondern als Menschen,
denn unser Problem ist das Problem eines
jeden Menschen auf dieser Erde.
Im Augenblick hat die Maschine die
Gefahren noch nicht erkannt, die ihr durch
Substruktion drohen. Um die obige Frage zu
beantworten, der Rückfall ist eher
daher entstanden, daß Teile der
Maschine noch nach dem alten
Feindschafts-Prinzip arbeiten und noch nicht
so weit sind wie die raffinierteren
Initiatoren der "integrativen Linie".
Auf die Schwulen- und
Lesbenbewegung wartet, wenn wir die Probleme
erkennen wollen, ein wesentlich
längerer Weg als der der "integrativen
Linie", ein Weg voller Entbehrungen. Dieser
Weg beinhaltet irgendwann auch gemeinsame
Substruktion im planetaren Maßstab
durch die drei Weltgebiete. Am Schluß
dieser Bewegung steht eine neue
Gesellschaftsform, in der die Menschen
wieder miteinander leben, in direkten
sozialen Lebenszusammenhängen, so wie
es ihrem innersten Wesen entspricht. Ein
System, das schwierig zu erreichen sein
wird. Aber der unbequeme Weg dorthin ist
dennoch die einzige Möglichkeit, die
Lage noch für jeden auf dieser Welt zu
retten.
Falls Ihr Lust habt, beim
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