DIE RÜCKKEHR DER
TANZENDEN RIESENTORTEN !!
 
- Eine cineastische Odyssee durch die queere Berlinale,
auch erschienen in GIGI - Zeitschrift für sexuelle Emanzipation, Ausgabe März/April 2010 -


 

 
   
 

Zur 60. Berlinale gab es kleine, Nostalgiegefühle weckende Vorfilme, die aus alten Wochenschauen und Fernsehberichten montiert waren: Ein sonderbares Schmetterlingsballett auf der Pfaueninsel für die japanische Schauspielerin Izumi Yukimura, aber auch ein Besuch der jungen Romy Schneider mit ihrer Mutter Magda im Zoo (mit süßen kleinen Tierbabys - und natürlich dem Storch !), das ganze „lustig“ synchronisiert durch den Nachrichtensprecher. Sehr peinlich auch der alternde, leicht betrunkene Erroll Flynn, dessen Gattin ihm den Schlips zurechtzupfen darf, während er mit der Reporterin flirtet.

Ansonsten sah man viel Mittelmäßiges auf der Berlinale, wirklich herausragendes war selten (vielleicht lag es auch an meiner Auswahl). Nun einiges zu den Filmen aus den Berlinale-Sektionen Wettbewerb, Panorama, Forum und Generation, die ich sah:
 

 

 

Sektion WETTBEWERB:

Heteros dürfen offen ficken, Lesben nur unter der Bettdecke.

Mit hohen Erwartungen sah ich mir THE KIDS ARE ALRIGHT von Lisa Cholodenko an. Von dieser Regisseurin stammt immerhin das grandiose lesbische Heroindrama HIGH ART aus dem Jahre 1997, das damals mit seinen realistischen Figuren eine angenehme Abwechslung zum niedlichen Coming Out-Film à la BEAUTIFUL THING war. Doch mit THE KIDS ARE ALRIGHT erlebte ichstatt dessen eine pseudolesbische Beziehungsklamotte, die tatsächlich nur für den Hetero-Mainstream interessant sein dürfte. Die zwei Kinder eines lesbischen Pärchens wollen endlich ihren biologischen Vater kennen lernen, dieser verliebt sich in die eine der beiden Frauen. Pseudo- deshalb, weil die Rollen der beiden lesbischen Mütter von Hollywoodschauspielerinnen gespielt werden, deren einzige Sexszene noch dazu nur unter der Bettdecke stattfindet, bei der Sexszene zwischen Julianne Moore und dem Spermaspender hingegen lässt die Regisseurin es krachen. Der Film erhielt den TEDDY AWARD als bester Spielfilm, was Lesben sicherlich nicht ganz werden nachvollziehen können.

HOWL

Neben Jack Kerouac und William S. Burroughs galt Allen Ginsberg als einer der bedeutendsten Dichter der Beat Poetry in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Rob Epsteins Spielfilm über Ginsberg behandelt vor allem dessen legendäres Gedicht „HOWL“, das 1957 zum Anlass einer Klage gegen den Verleger wurde. In der Gerichtsverhandlung treten Sachverständige an, um über Wert oder Unwert des „obszönen Machwerks“ zu debattieren. Diese etwas zu ausführlich dargestellte Verhandlung gilt als die Geburtsstunde der Gegenkultur. Aus den Protokollen und aus Briefen wird die Spielhandlung montiert. Parallel dazu wird das Endlosgedicht in eindrucksvollen Tricksequenzen visualisiert, die angelehnt sind an die Bilderwelten Williams Blakes, der wiederum Ginsberg stark inspiriert hatte. Visionen von Feen, sexualisierte Schöpfungsgestalten, düstere Tempel der Produktionsgesellschaft illustrieren Ginsbergs Rausch des Dichtens. Als kleines emanzipatives Statement wird auch die homosexuelle Sinnlichkeit des Dichters herausgearbeitet, vor allem Ginsbergs Beziehung zu Neal Cassady. Unverblümt und direkt wird von den Freuden des Arschficks gesprochen. Ginsberg hatte sich durch den Vorgang des Schreibens auf die Suche nach seiner eigenen Wahrheit begeben, die er manchmal kaum berührte, wie er selber zugab, doch in „HOWL“ vereinigte er sich glühend mit ihr.



Sektion PANORAMA:


THE OWLS

Das Haus hat ein Geheimnis, Lesben kriegen die Midlife Crisis und fuchteln mit den Knarren herum, und auch die „bitchy alpha-male lesbian“ ist verschwunden! Mit der fortschreitenden Anpassung an ein bürgerliches Spießerdasein setzt sich Cheryl Dunyes THE OWLS auseinander. Dunye, die mit THE WATERMELON WOMAN zumindest lesbische Filmgeschichte schrieb, hat nach vierzehn Jahren ihren neuen Film gedreht, der nach Woody-Allen-Manier Krimi und Beziehungskomödie kombiniert. Die Geschichte, die interessant anfängt und stellenweise lustig ist (Zitat „Ich habe deinen Schwangerschaftstest gefunden!“), zerfasert leider aus unerfindlichen Gründen. Die Schüsse, die am Schluss fallen, hört man nur noch aus dem verdunkelten Bild. Wen sie treffen, interessiert dann aber auch schon keinen mehr.

OPEN

Das Phänomen der Pandrogynie wird erforscht am Beispiel der Undergroundlegende Genesis P. Orridge, der zusammen mit seinem Gegenpart Lady Jaye im Jahre 2000 anfing, aus der eigenen Person das Kunstprodukt „Breyer P. Orridge“ zu erschaffen. Ziel von P-Orridge und Breyer war es, gemeinsam einen androgynen Hermaphroditen zu schaffen. P-Orridge ließ sich als „S/He” zur Mann/Frau transplantieren und ließ diverse chirurgische Eingriffe an sich vornehmen: Brustimplantate, Fettabsaugungen, Hautstraffungen. Auch seine Zähne wichen einem komplett aus Gold gefertigten künstlichen Gebiss. Die beiden sahen mehr und mehr aus wie ein uns dieselbe Person (leider starb Lady Jaye 2007 an einem Herzinfarkt). Ihre Geschichte liefert die Basis für die Spielfilmhandlung von OPEN, aber auch andere Charaktere treten auf, Pioniere einer neuen menschlichen Erfahrung – authentische Hermaphroditen und Transsexuelle präsentieren auf der Leinwand die neu entstehenden Möglichkeiten der Menschheit.

Unsere Kultur wird bunter und vielfältiger dank Hormonbehandlung und Chirurgie – dies zeigen nicht nur die leuchtenden Farben des Himmels, der Bäume, der menschlichen Körper und der Zimmerwände. Ein Road Movie auf der Transgender Avenue. Regisseur Jake Yuznas bezaubernde transsexuelle Romanze erhielt den TEDDY JURYAWARD.

AMPHETAMINE:

Ein teilweise steriles Drama aus Hong Kong, Taumel, Strudel, Delirium aus Liebe, Drogen und Schicksal. Unpraktischerweise heißt die Hauptfigur Kafka, was in unseren hiesigen Ohren schon sehr merkwürdig klingt. Der Kampfsportkünstler Byron Pang, der Kafka spielt, ist in seiner virtuosen Körperlichkeit schon fast ein monströser Anblick, der noch verstärkt wird durch sein Engelskostüm und die silbern bemalte Haut. Ein furchtbarer Schatten aus der Vergangenheit (mit ausgedehnter Vergewaltigungsszene als Flashback) kehrt wieder und zerstört die aufkeimende Liebe zwischen Kafka und Daniel. Die Sucht nach Liebe erweist sich als tödlicher als die Sucht nach Drogen. Schöne Kamera.

VESELCHAKI (Jolly Fellows)

Ein grässlicher Priscilla-Verschnitt aus Russland mit furchtbaren Showeinlagen und einfallslosem Ende: Es siegt die Homophobie – alle fünf Drag Queens werden umgebracht. In Russland kommen Tunten übrigens nicht in den Himmel, sondern sie gehen über eine langweilige Wiese, und dies in der Weichzeichner-Optik eines David Hamilton. Ein Journalist meinte nach der Pressevorführung, dass der Film überhaupt keine Kamera habe. Augenschmerzen bekommt man davon auf jeden Fall.

MINE VAGANTI

Italienische Familienkomödie: Der eine Bruder kommt dem anderen zuvor mit seinem Coming Out, dieser muss nun stattdessen die Nudelfabrik seines Vaters übernehmen, dabei wollte er doch Schriftsteller werden.Zum Glück gibt es noch die zwei lesbischen Dienstbotinnen und die vier schwulen Freunde aus Rom (mit Baccara-Szene am Strand). Den schönsten Selbstmord der diesjährigen Berlinale begeht die zuckerkranke Mutter der beiden Söhne: Tod durch eine Überdosis Patisseriewaren. Was mir aber besonders gefiel, war die Vermengung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – alles tanzt miteinander, begegnet sich, war immer da und ist nie weg.

L’ARBRE ET LA FORÊT.

Eine französische Familientragödie, die an den Kirschgarten Tschechows erinnert. Nach der Beerdigung seines ältesten Sohnes hat Frédérick ein spätes Bekenntnis für seine Familie. Als Jugendlicher war er wegen seiner Homosexualität in einem Konzentrationslager. Die Familie droht an dem plötzlichen emotionalen Chaos zu zerbrechen, Frieden verspricht nur der Baum vor dem Haus, den Frédérick vor sechzig Jahren pflanzte. Eindrucksvolle Naturszenen von fast Kubrick’schen Längen werden von Richard Wagner begleitet.



Alte Schwule, neue Nazis


BLUTSFREUNDSCHAFT von Peter Kern ist ein äußerst konstruiert wirkendes Drama um Homosexualität und Neonazis in Österreich. Der 16-jährige Axel bewegt sich im Dunstkreis einer Bande von Neonazis, die ihn zu einer Gewalttat zwingen, bei der er aus Versehen einen Sozialarbeiter ersticht. Auf der Flucht vor der Polizei versteckt er sich in der Wäscherei des achtzigjährigen Homosexuellen Gustav (Helmut Berger ist ganz passabel in dieser Rolle). Gustav lässt den Einbrecher bei sich wohnen, und es entsteht eine seltsame Freundschaft zwischen den beiden, doch das Drama nimmt bald seinen Lauf. Die Erinnerungen an eine Schandtat als Hitlerjunge quälen Gustav mehr und mehr. Ein paar kabarettartige Gesangseinlagen im schwulen Nachtklub durchbrechen die Handlung wie ein Brecht/Weill’sches Element, auch die transsexuelle „Christina Thürmer“ ist sehenswert. Insgesamt aber folgen die Szenen zu abgehackt aufeinander, und der Schluss ergibt keinen Sinn. Zumindest war der sympathische Wiener Peter Kern nach der Vorstellung persönlich auf der Bühne, allein das versöhnte mich wieder.

THE FEAST OF STEPHEN

Zum sardonischen Gelächter Vincent Prices drehte sich einst schon Michael Jackson noch mal zum Zuschauer um mit seinen gelb glühenden Augen und seinem werwölfischen Grinsen. Genauso lächelt der Junge in THE FEAST OF STEPHEN, nachdem er von einer Bande böser Jungen gequält und schikaniert wurde – und Vincent Price lacht auch hierzu. Anspielung auf Michael Jacksons sexuelle Perversionen oder sinnliche Freude des Masochismus? Wie dem auch sei, der Kurzfilm THE FEAST OF STEPEHEN, der auch einen TEDDY gewann, gehört zu den anregenderen Beiträgen.



Sektion PANORAMA DOKUMENTE:


I SHOT MY LOVE

Der israelische Filmemacher Tomer Heymann filmt unentwegt. Zum einen seine Mutter (die Bilder der Hüftoperation wären nicht nötig gewesen), zum anderen seinen deutschen Freund. Sollte eine vielleicht kritische Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Israel sein Ziel gewesen sein? Den Titel „I Shot My Love“ kann man auf zwei Arten interpretieren: Heymann filmt seine Liebe nicht nur, er tötet sie auch damit.

MAKING THE BOYS

Der Dokumentarfilm schildert die Entstehung des Films THE BOYS IN THE BAND von Mart Crowley, der in den sechziger Jahren der erste „richtig schwule“ Film war. Das Bonmot „Wen muss man hier flachlegen, um einen Drink zu bekommen?“ gehört inzwischen zum Partytalk-Standard. Viele Beteiligte kommen zu Wort, die so genannten „Talking Heads“. Der Film THE BOYS IN THE BAND war vor Stonewall gedreht, kam aber erst danach in die Kinos und war somit seltsam anachronistisch. Auch merkwürdig: Es begann mit ihm die sexuelle Revolution der Siebziger, doch sämtliche Schauspieler aus dem Film verstarben in den Achtziger und Neunziger Jahren an AIDS. So schließt sich ein Kreislauf, der keiner ist - eine kleine Schnittmenge aus Vergangenheit und Gegenwart.

ARIAS WITH A TWIST

Eine „Docufantasy“. Filmtechnisch werden neue Maßstäbe gesetzt, zumindest, was Dokumentarfilme betrifft. Joey Arias, ein einstiger Weggefährte Klaus Nomis, ist ein exzellenter Performer (mit einer Stimme mal wie Billie Holiday, mal wie Marianne Faithfull). Basil Twist hingegen ist ein Meister des Puppenspiels. Gemeinsam kombinieren sie ihre Talente und inszenieren sie eine skurrile Fantasywelt aus Drag- und Puppenelementen. Ich erinnere nur an die riesige Torte, aus der zwanzig Tanzbeine ragen. Den Film kann man sich ansehen, aber auf keinen Fall sollte man sich die Liveshow entgehen lassen, die im Sommer auch nach Berlin kommt (Ende der Werbeunterbrechung).



The first transsexual celebrity


BEAUTIFUL DARLING

Eine weitere transsexuelle Pioniergestalt war Candy Darling, eine einsame aber perfekte glamour actress. Unter all den schillernden Figuren der New Yorker Subkultur nahm sie eine Sonderstellung ein. Andy Warhol machte sie berühmt durch seinen Film FLESH, für Tennessee Williams spielte sie in dessen Stück SMALL CARFT WARNINGS, und The Velvet Underground widmeten ihr gleich zwei Lieder. Doch der Ruhm war nur von kurzer Dauer. 1974 verstarb sie an Leukämie. BEAUTIFUL DARLING rekonstruiert ihr Leben anhand zahlreicher Fundstücke, Fotos und Filme aus dem Nachlass des Stars und erzählt die Geschichte eines ausgelassenen Bohèmelebens, das nirgendwo anders als im New York der 60er Jahre möglich gewesen wäre.

POSTCARD TO DADDY erzählt die autobiografische Geschichte eines sexuellen Missbrauchs – die des Autors Michael Stock durch den eigenen Vater im Alter zwischen acht und 16 Jahren. 25 Jahre später konfrontiert er vor laufender Kamera seine Familie und auch den Vater mit dieser Vergangenheit. Damit taucht der Regisseur in die Geschichte seiner linksliberalen Familie ein, in der sexuelle Gewalt unvorstellbar schien. Dennoch kam es zur Grenzüberschreitung, aus der jahrelanger sexueller Missbrauch wurde. Warum dieser nur das jüngste der drei Kinder traf, ist eine der vielen Fragen, auf die der Regisseur bis ins Erwachsenenalter keine Antwort findet. Doch eigene Scham und Schuldgefühle treiben Michael Stock immer wieder an, seine traumatische Vergangenheit zu bewältigen. Daneben gibt Michael Stock Einblicke in sein extremes Leben, das vom Trauma seiner Kindheit überschattet ist. Er spricht über Scham und Schuldgefühle, seine Promiskuität und den Alltag mit HIV. Einen Schlaganfall im Herbst 2007 nimmt er zum Anlass, sich noch einmal seinem Trauma zu nähern. Auf einer Reise nach Thailand entsteht die POSTCARD TO DADDY, eine Videobotschaft an den Vater.

ROCK HUDSON: DARK AND HANDSOME STRANGER

Kaputter Fingernagel, kaputtes Leben: Eine offensichtlich für das Fernsehprogramm produzierte Dokumentation beleuchtet den Filmstar Rock Hudson und seinen tragischen Tod an AIDS. Leider werden eventuelle sensible Momente durch den penetranten Soundtrack niedergebügelt.


Sektion FORUM:

SUNNY LAND:

Es gab Filme auf der so genannten „Queer List“, die ein großes G hatten (für GAY als zentrales Thema), oder ein kleines „g“ (schwuler Nebenaspekt, aber anderes Thema). SUNNY LAND ist ein Dokumentarfilm über das umstrittene Urlaubsparadies Sun City in einem Homeland in Südafrika. Die zentrale Hauptfigur, ein junger schwarzer Südafrikaner, liebt den Filmemacher, doch sind sie kein einziges Mal zusammen im Bild. Raffinierte Doppelmontagen von Bildern, Licht- und Klangformspiele. Es war das allerkleinste „g“.

WORD IS OUT:

Rob Epsteins erster Dokumentarfilm aus dem Jahre 1977. Wir sehen Interviews mit 26 Lesben und Schwulen aus einer anderen Zeit, einer Vergangenheit, nach der man sich fast zurücksehnen könnte. Fast ist es ein naiver und sorgenloser Aufbruch der PionierInnen in die „frohlockenden und rätselhaften Jahre“ (so drückte es Foucault einmal aus). Die Interviews sind teilweise sehr lustig anzusehen, aber auch bewundernswert mutig und ehrlich. Man spürt die Freiheit, auf ganz natürliche Art und Weise ein Coming Out zu haben, ganz ohne Drama und Tragödie die eigene Sexualität zu zelebrieren und zum ersten Mal ein Bild der sich formenden Subkultur zu entwerfen. Aus den einzelnen Geschichten wird ein Mosaik, das „Wir“-Gefühl. Vielleicht wäre als Fortsetzung heutzutage ein Plädoyer gegen Homonormativität fällig.

EINE FLEXIBLE FRAU

Schriebe ich für EMMA, wäre dies der Film, den ich am meisten loben würde, eine veritable Geschichte zum Antifeminismus unserer Zeit. Zum Glück gibt es auch das kleine „l“. Glaubwürdig und authentisch wirkt Greta, 40, eine Architektin und Mutter eines zwölfjährigen Sohns, die ihren Job verliert. Im Callcenter wird sie aber schon bald wieder gekündigt, aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie fängt an zu trinken und driftet durch die Stadt – zwischen Anpassungsdruck und Widerspruchsgeist im so genannten neuen Berlin, von den architektonischen Schandtaten bis hin zu den Ruinen Friedrichshains. Das Schöne an diesem Film ist auch, dass er an so vielen Orten in der Stadt spielt, die man kennt, obwohl sie nicht zu den Zielen der Touristen gehören. Gretas Sprache ist eigenwillig und intelligent, voller Zukunftsvision über sich selbst und die Stadt, doch leider sind die Verhältnisse anders, das Scheitern folgt der Vision auf dem Fuße. Ein postfeministischer Blogger führt das Publikum durch die Stadt. In Gretas Situationen, Begegnungen, Performances erleben wir mehr Trip als Plot, Momentaufnahmen einer zeitgenössischen, brüchigen weiblichen (Arbeits-)Biografie. Die flexible Frau von heute ist die allseitig reduzierte Persönlichkeit.


Sektion GENERATION K-PLUS/14-PLUS:

Heutzutage hingegen wird Schwulsein (oder zumindest Kurzzeittravestie) für Jungen immer natürlicher. Dies zeigt sich auch schon in der Sektion GENERATION – zumindest in dem Kurzfilm FRANSWA SHARL: Der süße, blonde Greg hat viele Talente und weiß dies auch, doch sein Vater hat andere Pläne mit ihm. Beim Familienurlaub auf den Fiji-Inseln kommt es zum Showdown. Als Gregs kreative Bemühungen seinen Vater nicht überzeugen können, setzt Greg alles auf eine Karte und wagt den provokanten Auftritt auf dem Schönheitswettbewerb mit dem roten Bikini seiner Freundin und der Blume im Haar. Der wunderschönen und superlustigen Geschichte, die auch den Gläsernen Bären für den besten Kurzfilm erhielt, liegen wahre Begebenheiten zugrunde.

GENTLEMEN BRONCOS
Pubertierende Science-Fiction-Fans sind total verklemmt, so will es das Klischee. Ihre grausigen, selbst geschriebenen Endlosromane sind bis zur Hyperpulsion mit sexueller Energie aufgeladen, und sie visualisieren sich ihre Helden und Heldinnen als unfassbaren Tuntentrash, den man gerne auch mal als Teufelsbergproduktion sähe. Dazu kommt noch die seltsame Mutter des Jungen Benjamin (wir sind immerhin mitten im ärmsten Amerika) mit ihren absurden Modekreationen. Den Film aus der Reihe 14Plus nicht gesehen zu haben, wäre ein Jammer gewesen.