THE NAKED CIVIL SERVANT ~
AN ENGLISHMAN IN NEW YORK



 
 
 
 

Anmoderation:
Das war der Song „AN ENGLISHMAN IN NEW YORK“. Der Popmusiker Sting widmete dieses Lied dem britischen Homosexuellen Quentin Crisp 1987. Um Quentin Crisp dreht sich auch viel auf dem diesjährigen PANORAMA.



 

„Von Anfang an war ich von gewissen eindeutigen äußerlichen Merkmalen der Homosexualität so deutlich gezeichnet, dass ich schon früh außerstande war, meine Lage zu ignorieren. Ich war schon früh nicht nur ein bekennender, sondern auch ein offensichtlicher Homosexueller. Ich offenbarte mich also nicht nur gegenüber Leuten, die mich kannten, sondern auch Fremden gegenüber. Das war nicht schwierig. Ich schminkte mich zu einer Zeit, als sogar für Frauen Lidschatten als sündig galten.“ Zitat Quentin Crisp, aus seiner Autobiographie „The Naked Civil Servant“

 

Als der 2. Weltkrieg begann, war in London als ein offensichtlich kriegsbedingter Nebeneffekt ein Aufblühen der homosexuellen Subkultur zu verzeichnen. Die soziale Kontrolle und polizeiliche Überwachung lockerte sich merklich. Wie Quentin Crisp schrieb, glich London im Krieg einem „asphaltierten Doppelbett“. Quentin Crisp, Jahrgang 1908, stürzte sich als effeminierter homosexueller Jüngling mit hennagefärbtem Haar und getuschten Wimpern zu einer Zeit in die Londoner Schwulenszene, als Verfolgung durch die Polizei und Ächtung durch die Öffentlichkeit an der Tagesordnung waren. Manieriertheit und sprühender Witz kennzeichnen seine Autobiographie „The Naked Civil Servant“ von 1968, doch erlangte er erst Weltruhm, als das Werk 1975 mit John Hurt in der Titelrolle verfilmt wurde. John Hurt gelang die beeindruckende und ergreifende  Darstellung des exzentrischen Quentin Crisp und seines Leben in der Anonymität – "The Naked Civil Servant" war der erste vom Britischen Fernsehen produzierte Film, der sich mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzte - Der Film wurde ein internationaler Kinoerfolg und war auch ein Meilenstein in John Hurts Laufbahn als Darsteller außergewöhnlicher Charaktere. Weitere wichtige Rollen von John Hurt waren die des Caligula in der britischen TV-Serie Ich, Claudius, Kaiser und Gott, die des Astronauten Kane in ALIEN, aus dessen Bauch das Alien-Monster herausspringt, oder die des Elefanten-Menschen John Merrick, erinnernswert auch seine Rolle als John Winston in 1984.



 

Nun – dreißig Jahre später – spielt John Hurt noch einmal die Rolle von Großbritanniens berühmtestem Homosexuellen in dem Film AN ENGLISHMAN IN NEW YORK von Richard Laxton, der von seinen letzten Jahrzehnten in NEW YORK erzählt - den Jahren des Ruhms.

 

Wieder gehen Hurt und Crisp eine beeindruckende Symbiose ein. Quentin Crisps Auftritte mit seiner One-Man-Show „How to Be Happy“ machen ihm zum Star, er wird zum begeisterten Partygänger und schreibt Kolumnen für „The Village Voice“, wo er seinen flamboyanten Stil und scharfzüngigen Witz entfaltet.


Doch mit seiner unbedachten Interviewäußerung, Aids sei nur eine „Mode­welle“, macht er sich auch Feinde in der schwulen Community New Yorks. Ein enges Verhältnis verbindet ihn in der Folgezeit mit dem jungen Künstler Patrick Angus. Als dieser an Aids erkrankt und schließlich stirbt, übrzeugt Crisp den Herausgeber von The Village Voice, dessen Bilder in der „Village Voice“ zu drucken. Noch im hohen Alter von 90 Jahren wird Quentin Crisp von der Performancekünstlerin Penny Arcade einem neuen, jungen, hippen Publikum vorgestellt, das ihn als Stil-Ikone verehrt, bevor er schließlich nach England zurückkehrt, um dort zu sterben.

 

AN ENGLISHMAN IN NEW YORK ist ein schöner kurzer Film von 74 Minuten, der seine Geschichte vielleicht sogar etwas zu schnell erzählt hat. Gelegentlich hätte man durch weniger Rasanz des Erzählens einzelne Stimmungsbilder noch vertiefen können (schließlich handelt es sich hier nicht um modernes Actionkino). Die New Yorker Schwulenszene der Siebziger und Achtziger ist bunt wie ein Comic, und Altmeister John Hurt darf nicht nur tausend Seidenschals tragen, sondern liefert auch wieder eine unübertreffbare schauspielerische Leistung.

 

Der Film AN ENGLISHMAN IN NEW YORK ist heute zum letzten Mal auf dem PANORAMA der Internationalen Filmfestspiele Berlin gelaufen, aber THE NAKED CIVIL SERVANT läuft noch einmal am Sonntag um 15.00 Uhr im Kino Cinestar 7, ebenfalls im PANORAMA der Internationalen Filmfestspiele Berlin.